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Wie wirklich ist die Wirklichkeit


Stadtteil: Treptow
Bereich: Altglienicke
Stadtplanaufruf: Berlin, Schirnerstraße
Datum: 19. Juli 2010

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ fragt der Psychologe Watzlawick in seinem gleichnamigen Buch. Seine Beispiele aus der Tätigkeit von Geheimdiensten zeigen, wie Desinformation die Realität verzerren, ja sogar umkehren kann. "Was ich denke, dass er denkt, dass ich denke ..." führt dazu, dass die Wirklichkeit zum Schluss nicht mehr "wirklich" ist. Wieso mir das einfällt? Eine Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges in Altglienicke im Bezirk Treptow lief nach diesem Schema ab.

Nahe der Grenze zu West-Berlin in Rudow verlief auf der Ostseite in Altglienicke im Erdreich ein Telefonkabel, über das die sowjetische Kommunikation zwischen Moskau und den Kommandostellen in Wünsdorf, Potsdam und Schönefeld geführt wurde. Die Amerikaner bauten 1955 eine vorgebliche Radarstation kurz vor der Grenze und einen Tunnel unter der Grenze hindurch bis zum Kabel. Mit Stahl und Beton ausgekleidet und mit Klimaanlage und Entwässerung betrieben, ließ es sich hier gut anzapfen und abhören. Was die Amis nicht wussten: Ein Doppelspion, ein Engländer, der in Berlin für den britischen Geheimdienst ihrer Majestät arbeitete, hatte 1954 bereits vor der Fertigstellung des Tunnels das Geheimnis an die Sowjets verraten. Die taten, als wüssten sie nichts und schickten nur unwichtige und gefakte Nachrichten durch das Kabel. Und buddelten ihrerseits 1956 nach elf Monaten einen Zugang zu dem Spionagetunnel und "entdeckten" ihn ganz spontan. Über ein Mikrofon im Tunnel konnten die vertriebenen Abhörer immerhin noch "heftigen Äußerungen von Erstaunen und Bewunderung" der heranrückenden Agentenjäger vernehmen. Ein hingekritzeltes provisorisches Grenzschild sollen die Amis bei ihrem Rückzug im Tunnel auch noch hinterlassen haben. Die Sowjets riefen empört: "Den Frieden zu untergraben wird ihnen niemals gelingen", "Spalter an den Pranger gestellt", "Die Welt zeigt mit Fingern auf sie". Diplomaten wurden in den Tunnel geführt, zu dem "Museum der USA-Gemeinheit".

Als sei der Doppelbödigkeit der historischen Fakten noch nicht genug, würzte der Autor Ian McEwan in seinem Roman "Unschuldige" die Handlung mit Sex und erfand eine quälende Liebesbeziehung. Ebenfalls abweichend von der Realität fügte er mit einem "Crescendo seiner Erzählkunst, das einen frösteln lässt" (Verlagsinfo) auch noch eine zerstückelte Leiche im Abhörtunnel hinzu. Ich kann mich erinnern, wie beim Lesen des Romans und der über Seiten ausgedehnten Schilderung des Zerstückelns mit Hilfe von Linoleummesser, Säge und Axt und dem Verpacken der Teile in Tücher und Koffer "aus heiterem Himmel das Grauen" über mich kam, so wie der Verlag es auch vorausgesagt hatte. In der Tunnel-Wirklichkeit ging es ohne zerstückelte Leiche, aber mit viel Scheinheiligkeit zu. Später wurde der Tunnel gänzlich vom Erdreich überdeckt, bis er beim Bau der Stadtautobahn zum Flughafen Schönefeld wieder entdeckt wurde. Das Alliierten-Museum hat sich die Reste gesichert, 2006 gab es eine Sonderausstellung zum Spionagetunnel (--> 1). Heiterer Abschluss nach dem Ende des Kalten Krieges: Gemeinsam schreiben zwei ehemalige Geheimagenten, ein russischer und ein amerikanischer, ein Buch über den Tunnel und andere Ereignisse ihrer gemeinsamen feindlichen Berufe: "Die unsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin".

Unsere Wirklichkeit - garantiert ohne doppelten Boden - ist der Stadtspaziergang, der am S- Bahnhof Grünau beginnt und bis zum alten Ortszentrum an der Semmelweisstraße führt. Die Spitze des Wasserturms an der Schirnerstraße ist verpackt, als hätte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hier eine neue Aids-Kampagne gestartet. Tatsächlich läuft hier aber eine Auseinandersetzung zwischen dem Eigentümer, der Wohnungen einbauen will und dem Bauamt des Bezirks, das den Turm wegen "Baufälligkeit" gesperrt hat. Wirklich baufällige Denkmale finden wir gleich um die Ecke im Preußenviertel an der Germanenstraße und Preußenstraße. Hier waren 1911 zunächst Doppelhäuser entstanden mit schmuckvollen hölzernen Türdächern, die oberhalb in Balkons übergehen, geschützt mit einem vorgezogenen Dachüberstand. Hermann Muthesius, der Architekt der prachtvollen Zehlendorfer Landhäuser nach englischem Vorbild, ergänzte die Preußensiedlung 1914 um einen zweiten Bauabschnitt. Es entstand eine Arbeiterkolonie, in der baulich die Idee einer Gartenstadt so stark eingedampft wurde, dass winzige Wohnungen in Reihenhäusern in beengender Abgeschlossenheit errichtet wurden, hieran ändern auch die Rundbogendurchgänge zu den engen Grundstücken nichts. Wenn man das sieht, drängt sich die Frage auf, ob der Architekt selbst in diesen Bauten hätte leben mögen.

Die Häuser beider Bauabschnitte sind herunter gekommen, Baumüll lagert in den kleinen Gärten, Fenster sind eingeschlagen, Dachrinnen hängen ohne Verbindung herunter. Ein Investor bemüht sich, beispielsweise 3-Zimmer-Wohnungen mit 58 qm im Muthesius-Bau und 5-Zimmer-Wohnungen in den Doppelhäusern mit 130 qm zu vermarkten.

In der letzten Woche hatten wir beim Flanieren in Kaulsdorf den Übergang vom Berliner Urstromtal zum Höhenzug des Barnim vor Augen ("Berliner Balkon") (--> 2). In dieser Woche ist es - ohne dass wir es geplant hätten - der Abhang vom Teltower Höhenzug herunter zum Urstromtal, der in Altglienicke aber bebaut ist und deshalb zwischen Germanenstraße und Grünauer Straße nur erahnt werden kann. Das Gefälle der Normannenstraße, die Grundschule "am Berg" und der "Alte Windmühlenberg" geben aber deutliche Hinweise. Von den Murellenbergen in Ruhleben nahe dem Olympiastadion über den Kreuzberg bis zu den Müggelbergen erstrecken sich die südlichen Begrenzungen des Urstromtals. Die „Oberland“straße in Tempelhof verweist schon im Namen auf das Hochplateau und bei den traditionellen Seifenkistenrennen auf dem Mehringdamm wird das Gefälle zum Urstromtal sportlich genutzt.

An der Dorfgaststätte nahe der Kirche halten uns Fischstäbchen und Würzfleisch auf der Speisekarte davon ab, hier unsere müden Beine hier auszustrecken. Auch wenn "ich liebe Dich" für den Italiener an der Köpenicker Straße stark übertrieben ist, im „Ti Amo“ liebt man die Gäste und tauscht einen lauwarmen Weißwein sofort gegen einen gekühlten aus.

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(1) Aktualisierung im Dezember 2011: Bisher war nur der Berliner Teil des Tunnels geborgen worden. Jetzt wurde auch das östliche Teilstück der Tunnelröhre im Wald von Pasewalk gefunden und ins Alliiertenmuseum gebracht
(2) Der Spaziergang an der Barnimkante des Urstromtals findet sich hier:
An der Kante


Die schöne Weyde an der Spree
erlesener Geschmack, bezaubernde Liebenswürdigkeit