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Krauses Haar und schwarze Haut


Stadtteil: Wedding
Bereich: Afrikanisches Viertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Nachtigalplatz
Datum: 3. August 2009

Krauses Haar und schwarze Haut konzentrieren sich im Afrikanischen Viertel in Wedding wie in kaum einem anderen Kiez in Berlin. 15% der 22.000 Afrikaner aus 54 Nationen wohnen hier, es gibt einen vom Bezirksamt unterstützten Afrikanisch-Deutschen Klub, der dazu anregen will, "froh und zufrieden das friedliche Miteinander zu genießen", und unter der Schirmherrschaft des Bezirksbürgermeisters erscheint ein Magazin „Afrikanisches Viertel“. Die Tageszeitung taz titelt: "Der Wedding wird schwarz".

Seit 300 Jahren leben Afrikaner in Berlin. Bei einem ersten Kolonialabenteuer hat Brandenburg sich ab 1681 am internationalen Sklavenhandel beteiligt. Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. verkaufte schließlich alle preußischen Übersee-Besitzungen an die Niederländisch-Westindische Kompanie und bekam dafür neben Bargeld „12 Negerknaben", davon sechs mit goldenen Ketten geschmückt. Seitdem gab es schwarze Heeresmusiker in der preußischen Armee, die Mohrenstraße in Mitte ist nach ihnen benannt.

Später wurden "Schauneger“ ausgestellt, über hundert Afrikaner, die in der Deutsche Colonial-Ausstellung als Teil der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 im Treptower Park in einem "Negerdorf" in exotische Kostüme gekleidet sieben Monate lang von morgens bis abends von den faszinierten Ausstellungsbesuchern angestarrt wurden. Nach Feierabend lebten sie unter unzumutbaren Bedingungen in engen Baracken.

Auch das Afrikanische Viertel verdankt seine Benennung der Kolonialzeit und nicht der heutigen afrikanischen Bevölkerung. Carl Hagenbeck wollte hier vor dem Ersten Weltkrieg einen Tierpark wie in Hamburg mit Tieren aus den damaligen deutschen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent präsentieren, doch dazu kam es wegen des Krieges nicht mehr. Die Nazis haben ein übriges getan und eine Allee nach dem üblen Rassisten Carl Peters benannt, der als Reichskommissar in Deutsch-Ostafrika tätig war. Als er entdeckte, dass sein afrikanisches Hausmädchen, die zugleich seine Geliebte war, ein Verhältnis mit seinem Diener hatte, ließ er beide öffentlich aufhängen und ihre Heimatdörfer zerstören. Zwar entließ ihn das kaiserliche Disziplinargericht wegen Amtsmissbrauchs unehrenhaft aus dem Reichsdienst und erkannte ihm Ehrentitel und Pension ab, doch Kaiser Wilhelm II. war so gütig, ihm aus seinem persönlichen Fonds eine Pension auszusetzen. Die Nazis erkannten in Peters einen der ihren und ehrten in mit der Straßenbenennung "Petersallee".

Auf den Protest der Bevölkerung in den 1980er Jahren hin entschied sich das Bezirksamt zu einer billigen Lösung, finanziell wie moralisch. Man ersetze den Namensgeber Carl Peters durch den Widerstandskämpfer und CDU-Politiker Hans Carl Peters, der mit dem Kolonialbeamten nicht verwandt war. Dadurch musste man nur die kleinen Erläuterungszusätze auf den Straßenschildern austauschen, mancher bemerkte die Änderung gar nicht. Die Benennung des Nachtigalplatzes wurde dagegen nicht geändert. Gustav Nachtigal war Forschungsreisender, aber auch Wegbereiter des deutschen Kolonialismus in Afrika. Als deutscher Kommissar in Oberguinea zwang er Häuptlingen dieses Territoriums "Schutzverträge" auf.

Auch die Bebauung des Afrikanischen Viertels weist einen (südlichen) Bereich aus der Nazizeit um den Nachtigalplatz auf. Im Norden liegt die Friedrich-Ebert-Siedlung. Reformwohnungsbau aus der Weimarer Republik. Dazwischen findet sich an der Afrikanischen Straße das einzige Berliner Projekt im Sozialen Wohnungsbau von Mies van der Rohe. Charakteristisch sind die abgerundeten Balkone, die die sachlichen, nüchternen Bauten entlang der Straßen mit den Eckbauten verbinden. Die Gebäude erhielten Bäder und große Wohnküchen, über die die teilweise vorhandenen Loggien und Balkons betreten werden können.

Die Friedrich-Ebert-Siedlung ist ein frühes Beispiel von Zeilenbauten, die sich nicht nach dem Blockrand der Straßen ausrichten, sondern parallel zueinander in Ost-West-Richtung stehen, um eine gleichmäßige Belichtung der Wohnungen zu erreichen. Quer dazu stehen teilweise Kopfbauten, die sich auch in der Traufhöhe von den Zeilenbauten absetzen.

Ursprünglich war hier eine Gartenstadt geplant, nachdem schon die Mietshausvorhaben der ersten Terraingesellschaft 1913 misslungen waren. Erst der Spar- und Bauverein Eintracht kam mit einer Gesamtplanung der Architekten Mebes und Emmerich zum Zuge, die auch einen Teil der Bauten errichteten, nachdem sie am Rand der Rehberge bereits eine Kleinhaussiedlung gebaut hatten. Die Bauten an der Swakopmunder Straße hat Bruno Taut mit der für ihn typischen Farbgebung entworfen, die heute unter grauem Einheitsputz verschwunden ist.

Die "braune Siedlung", 1936 um den Nachtigalplatz herum errichtet, versteckt die nördlichen Reformsiedlungen der zwanziger Jahre hinter Torbauten, die zum Teil sogar die Straße überbauen. Die Häuser am Platz haben wieder die "deutschen" Satteldächer und nicht die von den Nazis abgelehnten Flachdächer. Der Platz selbst ist mit 120 mal 160 Metern riesig. Er wirkt nicht als geschlossener Platz, weil er fast diagonal von der Afrikanischen Straße durchquert wird und weil einheitliches Grün fehlt.

Hier sitzen wir zum Abschluss vor einem Lokal und essen Pola Pola. Dabei wird uns theaterreif eine Prügelei von zwei türkischen jungen Männern um eine Frau geboten, ein Mercedes und ein Gummiknüppel sind im Einsatz, vom Restaurant gehen ein Blumenkübel und ein Stuhl zu Bruch. Nachdem die Streithähne einigermaßen befriedet sind, bieten sie dem Gastwirt Schadensersatz an, doch er erkauft sich mit seiner Ablehnung die Möglichkeit, endlos auf die bescheuerten Türken wettern zu können. Wie es wohl wäre, wenn ihm die Frau abhanden käme?

Auf dem Weg zum U-Bahnhof Afrikanische Straße faszinieren uns die beiden Baublöcke, die den ehemaligen Straßenbahnbetriebshof (jetzt Busbetriebshof) in der Müllerstraße umrahmen. Rotbraun verputzte Wohnblöcke mit ornamentaler Keramik, das Erdgeschoss mit Eisenschmelzklinker hervorgehoben. Turmartige Kopfbauten mit kräftigen Schlusssteinen überfangen, gegenläufige Mauerfaltungen, parabelförmige Toreingänge. Das ist plastisches Gestalten mit den Mitteln der Architektur, monumental, detailreich, ein Meisterwerk des Expressionismus, 1926 erbaut.

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