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Neue Lebensinhalte erzeugen neue Lebensformen


Stadtteil: Wedding
Bereich: Schillerpark
Stadtplanaufruf: Berlin, Barfusstraße
Datum: 28.Juli 2008

Unserem heutigen Ziel, einer weiteren Großsiedlung aus dem Unesco-Weltkulturerbe, wenden wir uns von der Barfusstraße in Wedding aus zu. Der Straßenname wird nicht mit einem ß geschrieben und hat auch nichts mit nackten Füßen zu tun. Er erinnert vielmehr an den Reichsgrafen von Barfus, der die Schweden 30 Jahre nach Ende des dreißigjährigen Krieges erneut aus Preußen vertreiben half, der 1683 bei der Befreiung Wiens von den Türken dabei war und 1701 Gouverneur von Berlin wurde.

Die Siedlung "Am Schillerpark" liegt im Englischen Viertel nahe der Müllerstraße am Schillerpark. Sie wurde 1924 bis 1930 von Bruno Taut erbaut. Nach dem 2.Weltkrieg nahmen sein Bruder Max Taut (1951) und sein Schüler Hans Hoffmann (1953 bis 1957) den teilweisen Wiederaufbau vor und vervollständigten die Siedlung.

"Neue Lebensinhalte erzeugen neue Lebensformen", schreibt Bruno Taut in seinem Buch "Die Auflösung der Städte". An den beengten Verhältnissen der industrialisierten Großstädte kritisiert er vor allem die mangelnden Entfaltungsmöglichkeiten der Individuen. Seine Grundthese lautet: erst eine Stärkung echter Individualität kann ein freies und gleichberechtigtes Sozialleben begründen. Weg vom Mief der Hinterhöfe, hin zu einer hellen und sauberen Lebensform. Wohnungen haben erstmals eine Mindestgröße, Küche und Bad ein Fenster, es gibt Balkone. Taut baut Blockrandbebauung möglichst in Nord-Süd-Richtung, dadurch haben die Wohnungen ausreichend Licht und Luft.

Nach Artikel 155 Weimarer Reichsverfassung wird vom Staat "dem Ziele zu(ge)strebt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung zu sichern", nach Artikel 13 unseres Grundgesetzes ist dagegen die Wohnung nur "unverletzlich.", aber nicht garantiert. Dem großen "Bauelend in den bisherigen Massen-Mietshäusern der großen Städte" (Peter Behrens) wird in der Weimarer Republik ein engagiertes Wohnungsbauprogramm entgegengesetzt, aus dem allein zwischen 1924 und 1930 in Berlin insgesamt 135.000 Wohnungen entstehen, vornehmlich durch Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften.

Am Schillerpark ist das die "Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG", die anfangs noch "Berliner Spar- und Bauverein" hieß. Diese Genossenschaft verwaltet auch die von Taut konzipierte Siedlung Gartenstadt Falkenberg (Tuschkastensiedlung). Zwischen 1924 und 1930 wurden insgesamt 303 Wohnungen in der Siedlung Schillerpark gebaut.,

Um einen großen Wohnhof, der als sozialer Mittelpunkt für die Anwohner gedacht ist, gruppieren sich zwei- bis viergeschossigen Wohnhäuser mit Flachdächern. Es war das erste großstädtisches Wohnprojekt der Weimarer Republik, nachdem Taut in der Tuschkastensiedlung nur Einfamilienhäuser und in der Hufeisensiedlung Einfamilienhäuser und städtischen Geschossbau in großem Maßstab zusammen realisiert hatte, die Einfamilienhäuser jeweils mit eigenem Hausgarten.

Anders als in der Tuschkastensiedlung, der Onkel-Tom-Siedlung und der Carl-Legien-Siedlung hat Bruno Taut hier bei der Fassadengestaltung nicht mit Farben gearbeitet, sondern sich an die "Amsterdamer Schule" angelehnt, die durch extravagante Verwendung von Backstein (verkantet, hervortretende Muster) und einer klassischen vertikalen Fassadengliederung mit Pfeilern, Erkern, Balkons und Loggien geprägt ist. Die Backsteinfassaden werden bei ihm durch helle Putzflächen aufgelockert, eine Mischung aus expressionistischen Detailformen und Neuer Sachlichkeit. Die Siedlung hat keine Geschäfte und keine Lokale, Durchmischung und kleinteiliger Funktionsmix waren verpönt, Wirtschaft, Arbeit und Einkaufen bedeuteten damals Lärm und Gestank, den man vermeiden wollte.

Die Siedlung Schillerpark liegt im Wedding, von den sozialen Herausforderungen des Problembezirks merkt man hier aber nichts. Es geht hier gutbürgerlich zu, nicht multikulturell, Die Hälfte der Bewohner ist älter als 60 Jahre, das Genossenschaftsmodell mit dem "Einkaufen" in eine Wohnung verhindert hohe Fluktuation und einen größeren Ausländeranteil.

Um nicht wieder bei der Frage "Wo gehen wir nach dem Spaziergang essen?", auf eine kulinarische Unterversorgung hinzuweisen und in einen anderen Bezirk auszuweichen, haben wir diesmal sorgfältig recherchiert und sind in der Brüsseler Straße beim Italiener "Valle dei Templi" eingekehrt. Ohne dass wir aus den Flanierberichten jetzt eine Restaurantkritik entwickeln wollen, können wir doch unsere Freude über echte italienische Ansprache und eine gelungene Pizza und eine schmackhafte Involtini (allerdings gewöhnungsbedürftig mit Erbsen angerichtet) berichten.

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Ein weiterer Besuch im Schillerpark: Wind in den Dünen



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