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Ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Weiße Stadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Romanshorner Weg
Datum: 20. Februar 2012

Es gibt einen Wettlauf, wer die knapp 900 Länder der Erde als erster bereist hat. Und es gibt Menschen, die alle gut 900 UNESCO-Welterbestätten besuchen wollen. Wir wollen uns dieser Jagd nach Rekorden nicht anschließen, statt dessen lieber genau hinsehen. Von den Berliner Welterbestätten (Jagdschloss Glienicke, Museumsinsel und sechs Siedlungen der Moderne) haben wir uns heute die "Weiße Stadt" für einen Stadtspaziergang ausgesucht.

In die UNESCO -Liste werden "Meisterwerke der menschlichen Schöpferkraft" eingetragen wie der Tempel von Abu Simbel am Nil, dessen geplante Flutung durch den Assuan-Staudamm 1960 das ganze Welterbeprojekt überhaupt erst ins Leben gerufen hat. Der Tempel wurde an höher gelegener Stelle wieder aufgebaut, nur die Fassade entspricht dem Original. Die Frage, ob es jetzt eine Attrappe oder ein Denkmal ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten, jedenfalls wurde ein Jahrtausende alter Zeuge der ägyptischen Pharaonenkultur nicht unwiederbringlich vernichtet.

Die "Weiße Stadt" in Reinickendorf gehört zu den Siedlungen der Moderne. "Moderne", das ist - wenn man die Gesamtheit aller Lebensbereiche betrachtet - Wissenschaftsgläubigkeit, Individualisierung, Psychologisierung, Auflehnung gegen das Etablierte, Freizeit, Unterhaltung, Tempo, Technik, Industrialisierung, Verstädterung, Spezialisierung, ständige Veränderung. In der Architektur unserer Stadt ist "Moderne" die Abkehr vom Berliner Mietshaus, die Überwindung überbelegten Hinterhäuser, die kaum mit Sanitäranlagen ausgestattet waren und nur miserable Lebensbedingungen boten. Das "steinerne Berlin" hatte gutbürgerliche Wohnungen wie in Charlottenburg, andererseits Arbeiterviertel wie in Wedding. Dort differenzierte sich die Kluft in jedem Haus weiter von den besseren Wohnungen hinter der architektonisch geschmückten Fassade des Vorderhauses zu den beengten, fast lichtlosen Wohnungen in mehreren Hinterhöfen. Die "Maskerade" der stuckverzierten Fassaden wurde erst durch einen Blick auf das Elend des Hinterhofs demaskiert. Die explodierende Nachfrage nach Wohnraum seit der Reichsgründung 1871 ließ die Grundstückspreise explodieren, Bodenspekulation blühte, denn die öffentliche Hand hielt sich aus dem Wohnungsbau heraus.

Mit dem Ende des Kaiserreichs, dem verlorenen Ersten Weltkrieg, endete auch die Ära der Mietskasernen. Gottlob konnte später nach dem Zweiten Weltkrieg der vielfach geforderte flächendeckende Abriss der alten Substanz nicht finanziert werden, der senatsgeförderte Kahlschlag hat trotzdem viele Wunden in die Stadt geschlagen, "Entstuckungsaktionen" nahmen den alten Häusern ihr charakteristisches Gesicht. Erst in den 1980er Jahren wurden die Altbauten wieder entdeckt und nach Umbau und Modernisierung zu begehrten Objekten. Sogar eine Bauausstellung widmete sich dann der Altbausanierung (IBA 1984/87, Bereich Altbau).

Die Weimarer Verfassung sicherte in Art. 155 "jedem Deutschen eine gesunde Wohnung" zu, der Wohnungsbau durch gemeinnützige Baugesellschaften und -genossenschaften trat in den Vordergrund. Die "Weiße Stadt" wurde von der Gemeinnützigen Heimstättengesellschaft Primus errichtet, einer Gründung der Gemeinde Hermsdorf (heute ein Ortsteil von Reinickendorf). Zur Überwindung der schlechten Wohnbedingungen und der Wohnungsnot war soziales, sparsames, zweckmäßiges, rationelles Bauen in Großsiedlungen verlangt, die auch wegen der niedrigeren Bodenpreise am Rand der Stadt entstanden. Eine aufgelockerte - sich ins Umland ausbreitende - Großstadt war die Vision einer neuen "Stadtlandschaft".

Für die Finanzierung dieser Großprojekte stand dem Staat ein vom Berliner Stadtbaurat Martin Wagner vorgeschlagenes Einnahmesystem zur Verfügung, die "Hauszinssteuer", die nach dem Zweiten Weltkrieg als "Lastenausgleich" wieder auferstand. Durch die Währungsreform 1948 wurde Geldvermögen auf ein Zehntel seines Wertes herabgestuft, um die kriegsbedingte Inflation zu beseitigen. Sachvermögen, also insbesondere Grundstücke, war davon nicht betroffen, es behielt seinen inneren Wert. Grundstückseigentümer waren so Inflationsgewinner. Deshalb wurden ihre Grundstücke mit einer Zwangshypothek in Höhe von (nur) 50% des Grundstückswerts belegt und das dadurch innerhalb von 30 Jahren eingenommene Geld für Vertreibungsschäden ausgegeben.

Die Hauszinssteuer wurde nach der Hyper-Inflation 1923 erhoben, ihre Begründung und Wirkung ähnelt dem Lastenausgleich, aber das Steueraufkommen wurde ausschließlich zum Wohnungsbau verwendet. Dadurch konnten neue Wohnsiedlungen bezahlt werden, auch Berliner Siedlungen der Moderne profitierten hiervon.

Die 1929 bis 1931 erbaute "Großsiedlung Schillerpromenade", wie die "Weiße Stadt" zu Anfang genannt wurde, umfasst 1286 Wohnungen an der Aroser Allee und den umliegenden Straßen mit Schweizer Namen, wie z.B. Emmentaler Straße, Thurgauer Straße. Errichtet wurde sie unter Leitung des Berliner Stadtbaurats Martin Wagner von den Architekten Otto Rudolf Salvisberg, Wilhelm Büning und Bruno Ahrends.

Bruno Ahrends war Bankierssohn, er wuchs in der Villensiedlung am Wannsee auf. Sein Onkel war der Bankier James Simon, einer der wohltätigsten Berliner Kunstmäzene und zugleich ein freigiebiger Philanthrop, beispielsweise stiftete er die erste Volksbadeanstalt (jetzt Stadtbad Berlin-Mitte).

Wilhelm Büning kam aus einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie. Obwohl seit Generationen die Nachkommen meist in die Textilwirtschaft gingen, durften er und sein Bruder den Beruf frei wählen, ausgenommen Offizier und Geistlicher, weil - wie sein Vater meinte - "diese Berufe der freien Entwicklung des Menschen im Wege stünden".

Otto Rudolf Salvisberg war gebürtiger Schweizer, der seine Ausbildung in Biel/Bienne begann. Später war er Mitarbeiter von Peter Behrens, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. In Berlin wurde er in den "Berliner Dreierrat" berufen, dem die abschließende Begutachtung und Entscheidung über große Bauvorhaben unterstand. Mit Grenander, dessen Werk als U-Bahn-Architekt in letzter Zeit wieder entdeckt worden ist, baute er den U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte, und bei der Planung der Großsiedlung Onkel-Toms-Hütte arbeitete er mit Bruno Taut zusammen. Er war ein begeisterter Baumeister und ein besessener Lehrer, der bei seinen Vorlesungen schon beim Hereinkommen die Skizzenrolle in die Hand nahm. Die Pausenglocke überhörte er. Wenn er endlich aufstand war das Papier schwarz von Strichen seiner Entwürfe. "So etwa könnte es gehen" war die Verabschiedung beim Verlassen des Seminarraums.

Die Wohnhäuser der "Weißen Stadt" haben drei bis fünf Geschosse. Teilweise folgen sie dem Blockrand, teilweise sind sie als Zeilenbauten in den Block hinein gestellt. Den südlichen Eingang zur Siedlung markieren zwei auf Pfeilern gegenüber stehende Gebäude, die bis über den Gehweg reichen. Fahnenmasten an diesen beiden Torhäusern können als symbolischer Hinweis auf die Zusammengehörigkeit und Identität der Bewohner dieser außergewöhnlichen Siedlung verstanden werden. Ein Brückenhaus schwebt über der Aroser Allee und verbindet beide Straßenseiten. Es ist horizontal gegliedert durch Laubengänge (Nordseite) bzw. Balkons (Südseite), eine Uhr zeigt die moderne Zeit. Im Innern der Blocks schuf Ludwig Lesser ineinander fließende Grünräume.

Weiß ist die tonangebende Farbe der Siedlung, die aber auch bunte Fensterprofile, Dachüberstände und Türen aufweist. An die Torhäuser schließt sich nach Norden zuerst der Bauteil Ahrends an. Zur Straße hin ist die Fassade flächig gestaltet. Über den Treppenhausfenstern sind keilförmige Elemente in den Dachüberstand eingeschnitten, sie unterbrechen optisch den geschwungenen Bau in einzelne Hausabschnitte. Zum Innenhof sind diese Bauten plastisch geformt durch Loggien, die aus dem Baukörper hervortreten. Die Wohnungen sind klein, beispielsweise 48 qm für 4 Personen, mit Wohnraum, Kochnische, Schlafzimmer, Loggia und einer kleinen Kammer für 2 Kinder.

Die Bauten Wilhelm Bünings im Mittelteil der Siedlung kann man mit ihren mehrfach profilierten, farbigen Dachüberständen schnell erkennen. Soweit er an vorhandene Bebauung anschließt, hat er turmartige schmale Gebäudeteile zur sichtbaren Abgrenzung errichtet. Seine Wohnungen sind überwiegend 55 qm groß und enthalten Wohnküche, Bad, Schlafzimmer, ein Zimmer für 2 Kinder.

Salvisberg hat das Brückenhaus und den nördlichen Teil der Siedlung errichtet. Die Randbebauung entlang der Aroser Allee und des Romanshorner Wegs umschließt grüne Innenbereiche. Der dreistöckige Gebäuderiegel am Romanshorner Weg enthält in Reihe jeweils auf 10 Meter Breite drei Wohnungen, eine im Erdgeschoss über die volle Breite von 10 Metern und zwei darüber gestapelt zweistöckig auf jeweils der halben Breite von 5 Metern mit eigenen Treppenhäusern. Die Wohnfläche pro Wohnung ohne die Treppenhäuser beträgt 70 qm, zum Erdgeschoss gehört ein Garten, zu den oberen Wohnungen ein Balkon. Die Grünflächen an den übrigen Gebäuden der Siedlung wurden "zum gemeinsamen Genusse aller dortigen Bewohner" vorgesehen.

Licht, Luft und Sonne sollte in die Wohnungen der Moderne kommen, die Zimmer sollten gleichmäßig ausgeleuchtet sein. Die relativ kleinen Wohnungen mussten zweckmäßig und funktional sein, für die Küchen orientierte man sich beispielsweise in dieser Zeit an dem Platzbedarf im Mitropa-Speisewagen. Die vom Wohnbereich abgeschirmte Arbeitsküche wurde mit einer Einbauküche ausgestattet, deren Prototyp war die "Frankfurter Küche". Die proletarische Wohnküche sollte der Vergangenheit angehören, trotzdem musste Büning hier zur rationellen Flächenaufteilung einen Kompromiss machen. Zum Schrecken der Planer verhielten sich die Bewohner sowieso nicht wie gedacht, zwängten ihre viel zu großen Möbel in die Wohnung und den alten Esszimmertisch in die Reformküche.

Zur Siedlung gehörten Gemeinschaftseinrichtungen wie Fernheizwerk, Waschhaus, Kindergarten, Arztpraxis, Café und 24 Läden. Statt der ärmeren Volksschichten, für die die Reformsiedlung gedacht war, mietete sich dann doch wieder die Mittelschicht hier ein, Angestellte, Kleinbourgeoisie (so sagte man damals) und Intelligenz.

Die "Weiße Siedlung" liegt unmittelbar südlich des alten Dorfkerns von Reinickendorf, und so wollen wir sehen, ob wir im alten Büdnerhaus vor dem Kolpingplatz wieder so aufmerksam bedient werden wie beim ersten Besuch. Auch wenn wir heute hier nur einen Kaffee trinken, beenden wir wieder zufrieden unseren Rundgang.

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> früherer Besuch in Alt-Reinickendorf: PLOBS ist auf der Höhe der Zeit
> alte Bewohnermentalität in Wohnungen der Moderne:
Plüschsofaherrlichkeit und Mottenkrimskrams
> mehr über Berliner UNESCO-Welterbestätten: UNESCO-Weltkulturerbe
> mehr über Wilhelm Büning: Büning, Wilhelm


Häuser wie Ozeandampfer
Hoffnungsschimmer für die Städtebauer