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Häuser wie Ozeandampfer


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Tegel
Stadtplanaufruf: Berlin, Gorkistraße
Datum: 23. Januar 2012

Wie in einem Amphitheater kann man vom Vorplatz der Humboldtbibliothek Stufe für Stufe zum Tegeler Hafen hinunter gehen. Eine künstliche Insel im ehemaligen Hafenbecken könnte eine grandiose Freilichtbühne sein, zu einem Kulturzentrum verbunden zusammen mit Volkshochschule, Musikschule, Galerie, Kindertagesstätte und eben der Humboldtbibliothek. So plante es Charles Moore für die IBA 1984/87 (Internationale Bauausstellung), aber die Brücken zur Insel sind abgesperrt, Unkraut und die Reste eines angefangenen Gebäudes sieht man anstelle eines Kulturzentrums. Nur die Humboldtbibliothek wurde verwirklicht, ein lang gestrecktes Industriegebäude mit einem Sheddach, nur über die senkrechte Glasfläche im Dach fällt Licht ein, dadurch wird der Innenraum indirekt und blendfrei belichtet.

Das vermeintliche Industriegebäude ist bei näherem Hinsehen ein postmoderner Bau, der mit Stilelementen der Industriearchitektur spielt. Das Portal steht in zwei Teilen in nicht definierten Winkeln frei vor dem Gebäude, die belichtende Glasfläche im Dach verläuft nicht senkrecht, sondern schräg ("kesse Lippe" sagt man in Tegel) und ist auch nicht nach Norden offen, um blendfreies Licht einzulassen, sondern nach Süden. Im Innern des Gebäudes wird architektonisch mit Pfeilern und Torbögen gespielt, Stahl und Beton bleiben sichtbar, Holzpaneele verkleiden das halbrunde Gewölbe („Tonnengewölbe“).

Anders als in der Innenstadt, wo in Kreuzberg oder Tiergarten nur die Baulücken innerhalb eines vorgegebenen Stadtgrundrisses zu schließen waren, hatte die IBA am Tegeler Hafen ein freies Baufeld entlang dem Wasserverlauf zur Verfügung. Hier entstand eine Stadtlandschaft der Postmoderne (--> 1), in der verschiedene Architekten dem Spiel mit allen möglichen Stilmitteln freien Lauf lassen konnten. Für jeden Bauherrn ließen sie sich etwas einfallen, das sein Haus zu einem ganz besonderen Bau machte. Portal, Dach, Fassade, Gesimsband, Säule, Material (Beton, Ziegel, Putz, Keramik, Granit, Glas, Stahl), Sichtachsen, unterschiedlich gestaffelte Stockwerke, Innenhöfe, Ausrichtung zur Promenade am Wasser, jede Möglichkeit für individuelles Bauen wurde genutzt. Vom Einzelbau bis zur "Wohnschlange" - es gibt mehrere Gebäudeformen.

Mit Nordausrichtung der Bauten entlang der Wasserpromenade war zwar ein interessanter Ausblick verbunden, diese Räume erhielten aber keine Sonne. Deshalb wurden Grundrisse "durchgesteckt", auf der Südseite der Wohnung gibt es einen gleichgroßen Wohnraum, die Bewohner können entscheiden, nach welcher Himmelsrichtung sie Wohnzimmer bzw. Schlafzimmer ausrichten wollen.

Eine ganz andere Lösung für dieses Problem fand der Architekt Gustav Peichl (der sich nebenher auch als Karikaturist "Ironimus" einen Namen machte). Aus seinem Wohnbau jenseits der Karolinenstraße schieben sich drei Gebäudeflügel wie Schiffsrümpfe nach Norden vor, die sich gegenseitig nicht verschatten und den Bewohnern am Morgen die Ostsonne oder zum Feierabend die Westsonne in die Wohnung holen. An der Schiffsarchitektur orientierte Peichl sich auch bei seiner größten Bauaufgabe innerhalb der IBA, dem einzigen technischen Bauwerk dieser Bauausstellung, der Phosphateleminationsanlage am Nordgraben.

Doch bleiben wir erstmal bei der Schiffsarchitektur. Gestaltungselemente der Ozeanriesen, wie Bullauge, Reling, Gangway, Schornstein, Kommandobrücke werden gern auf die Architektur übertragen. Die hohe Funktionalität einer Schiffskabine - auf kleinstem Raum alles Lebensnotwendige zu organisieren - hatte Le Corbusier inspiriert, einen Bau mit kleinsten privaten Zellen und einem großem Bereich für gemeinsame Aktivitäten zu entwerfen, große Wohnungen für private Bedürfnisse empfand er als Raumverschwendung. Ein neuer Mensch mit ausgeprägtem Gesellschaftsbedürfnis würde sich hier wohl fühlen, doch Reformideen der Architekten änderten meist nicht die gesellschaftliche Realität. Der erzieherische Effekt neuen Wohnens wurde von manchem Bewohner solcher Bauten verkannt, beispielsweise beklagte Bruno Taut "Plüschsofaherrlichkeit und den ganzen Mottenkrimskrams" in seinen Reformwohnungen (--> 2).

Von der Schiffsarchitektur fasziniert waren auch andere bekannte Architekten. In Hamburg sticht das Chilehaus von Franz Höger in See (--> 3), in Löbau (Sachsen) konnten sich die Bauherren auf dem Deck eines von Hans Scharoun in den Garten gestellten Luxusdampfers sonnen. In Poissy bei Paris baute Le Corbusier die Villa Savoye mit Reling und maritimem Schornstein, die allerdings wegen Bauschäden nur kurz bewohnt war. Erich Mendelsohns Bauten Schaubühne, Mossehaus, Metallarbeiterverbandshaus werden sogar als "Mendelsohns Berliner Flotte" bezeichnet (--> 4). Auch im Zeitalter des Computer-Designs bleiben Schiffe Ideengeber. An der Tokyo Bay Waterfront, wo eine neue Sub-Stadt über dem Wasser entstehen sollte, hat der japanische Architekt Makoto Sei Watanabe das K-Museum errichtet, das an der Schnittstelle von Wasser und Land den Boden nur teilweise berührt. Es zeigt Bewegung, nach Makatos eigener Einschätzung eine Landung oder einen Start und könnte in seiner abstrakten Form ein Schiff sein oder auch ein Luftschiff (Flugzeug) oder Raumschiff.

Zurück zur OWA (Oberflächenwasser-Aufbereitungsanlage), wie die Phosphateleminationsanlage am Nordgraben von den Wasserbetrieben amtlich genannt wird. Gebaut wurde diese Anlage, um ein hausgemachtes Problem West-Berlins zu lösen. Berlins Abwässer wurden seit den 1870er Jahren zur Reinigung auf die Rieselfelder außerhalb der Stadt gepumpt, nach der deutschen Teilung lagen die Rieselfelder in Ost-Berlin und der DDR (--> 5). Die phosphatbelasteten Rückstände der Rieselfelder - größtenteils aus West-Berliner Waschmaschinen stammend - kamen in Tegel über den Nordgraben aus dem Osten nach West-Berlin zurück und führten im Tegeler See zu übersteigertem Algenwuchs. Der Fäulnisprozess der absterbenden Algen verbrauchte den Sauerstoff im See und ließ Fische sterben.

Der Tegeler See ist kein abgeschlossener See, sondern eine seenartige Erweiterung der Havel mit Zuflüssen vom Tegeler Fließ und vom Nordgraben. Um die Panke von starken Regenfällen zu entlasten, wurde in den 1930er Jahren der Nordgraben angelegt. Das hatte auch negative Auswirkungen, der Grundwasserspiegel sank so sehr, dass eine Beobachtungsstelle für das Grundwasser in Blankenfelde austrocknete. Vor dem Zufluss des Nordgrabens zum Tegeler See wurde 1985 die technische Anlage errichtet, die das Wasser von Phosphaten reinigt. In einem vierstufigen Prozess wird das Phosphat vom Wasser getrennt (ausgefällt) und heraus filtriert. Der Architekt Gustav Peichl hatte die Aufgabe, zu diesem technischen Vorgang die passende architektonische Umsetzung zu finden, und er fand sie - in der Schiffsarchitektur. Das lang gestreckte weiße Betriebsgebäude ähnelt einem Schiffsrumpf und bestimmt das äußere Bild der Anlage. Die drei kreisrunden Bassins befinden sich in einem aufgeschütteten Plateau, nur eine begrünte Erhebung kann man von der Umzäunung aus sehen. Weitere technische Anlagen wurden unterirdisch angelegt.

In Schönerlinde - vor der nördlichen Stadtgrenze Berlins - hat die DDR 1985 ein Klärwerk gebaut, das ein Jahr später mit der Phosphateliminierung begann. Damit kam vorgeklärtes Wasser ("Klarwasser") nach West-Berlin, die Anlage am Nordgraben war überdimensioniert und suchte sich eine weitere Aufgabe. Seitdem wird zusätzlich Havelwasser dorthin gepumpt und gereinigt.

Greenwichpromenade, Hafen und Schloss sind Tegels Schokoladenseite. Östlich der S-Bahn begleiten Straßenblocks mit Wohnhäusern die Gorkistraße. Ein Teil der Wohnanlagen mit geraden Hausnummern südlich der Straße wurde von Erwin Anton Gutkind entworfen, einem Reformarchitekten, der in der Weimarer Zeit der "Sozialisierungskommission über die Neuregelung des Wohnungswesens" angehörte und eine Ausstellung auf dem Messegelände »Sonne, Licht und Luft für Alle« verantwortete. Seine Bauten sind uns auch begegnet in der Siedlung Sonnenhof Lichtenberg und in "Neu-Jerusalem" an der Heerstraße (--> 6).

Aber auch familiäre Siedlungen gibt es in diesem Bereich: Wilhelm Büning, der an der Siedlung Eichkamp, der "Weißen Stadt", dem Studentendorf Eichkamp mitgewirkt hat (--> 7), baute in den 1920er Jahren am Tile-Brügge-Weg zweistöckige Häuser mit markanten Türeinrahmungen und Ornamenten aus Sgraffito, die in den Putz eingraviert sind. Sgraffito sind mir erstmals 1970 in Prag begegnet, wo sie für figürliche Darstellungen, aber auch für augentäuschende vorgebliche Fassadengliederungen verwendet wurden (Trompe-l’œil, „täusche das Auge“). Diese Gravierungen mit "Kratzputz" zu übersetzen, wird ihrer künstlerischen Leistung nicht gerecht. Um 1920 hat ein anderer Architekt die Kleinhaussiedlung Am Steinberg erbaut, die unweit des Nordgrabens noch heute so kleinstädtisch wirkt wie zu ihrer Bauzeit.

Nach dem Ausflug über die Gorkistraße kann der geneigte Flaneur die Straße mit dem Namen „Kehrwieder“ wörtlich nehmen und den Rückweg am Nordgraben entlang antreten. Kehrwieder (Plattdeutsch „Kehrwedder“) ist eine Insel in der Niederelbe bei Hamburg, warum dieser Name einer Straße gegeben wurde, darauf bleibt mein Straßenführer eine Antwort schuldig, sieht man einmal von der Erläuterung „Wunschform für die Wiederkehr eines Menschen“ ab. Ob man darauf auch selbst gekommen wäre?
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(1) mehr zur Postmoderne: Weil der Architekt es schön fand
(2) Bruno Taut: Plüschsofaherrlichkeit und Mottenkrimskrams
(3) Bilder zu Franz Högers Chilehaus in Hamburg: Kirche, Moschee und Kathedrale
(4) mehr über die Mendelsohn-Bauten: Mendelsohn, Erich
(5) mehr über Rieselfelder: Rieselfelder
(6) Bauten des Architekten Erwin Anton Gutkind: Gutkind, Erwin
(7) mehr über Wilhelm Büning: Büning, Wilhelm


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... und hier sind weitere Bilder ...
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Die steuerfreie Stadt
Ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft