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Die steuerfreie Stadt


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Frohnau
Stadtplanaufruf: Berlin, Ludolfinger Platz
Datum: 24. Mai 2010

Fährt man auf der Oranienburger Chaussee (B 96) nach Norden aus Berlin heraus, dann folgt dem ersten Ortsausgangsschild (Sie verlassen Berlin) nach sieben Querstraßen ein Ortseingangsschild (Sie betreten Berlin) und nach weiteren vier Kilometern erneut ein Ortsausgangsschild (Sie verlassen Berlin, diesmal endgültig). Dies ist kein "Schild"bürgerstreich, sondern ein historischer Grenzverlauf zwischen Berlin und dem Umland - wegen seiner Form "Entenschnabel" genannt - der bis zur Wende zum absurdesten Mauerverlauf führte: Eine einzige kurze Straße (Am Sandkrug) piekte von Brandenburg über die Oranienburger Chaussee in den Ortsteil Frohnau hinein, sie und ihre Häuser auf beiden Straßenseiten wurden mit einer Mauer umgeben, für nur drei Meter Platz war. Ein Gebietsaustausch scheiterte, und so ist bis heute der Ortsschilderwald zu bestaunen.

"Dicht bei Berlin ihr Plätzchen hat
Frohnau, die neue Gartenstadt.
Sie liegt so schmuck im grünen Park
und wer da wohnt, spart manche Mark."

Eine "steuerfreie Stadt" versprach der Ort Frohnau 1910 den neuen Siedlern, keine Kommunalsteuer, keine Umsatzsteuer. Das änderte sich zehn Jahre später mit der Eingemeindung nach Groß-Berlin, und deshalb waren auch die inzwischen hier ansässig gewordenen vermögenden Bürger geschlossen gegen die Großgemeinde, aber es half ihnen nichts. Ob Steuersparen sich immer wie geplant verwirklichen lässt, ist auch 90 Jahre später seit dem Eintritt der FDP in die Bundesregierung wieder ein aktuelles Thema.

Mit viel Aufwand hatte die Terraingesellschaft "Berliner Terrain-Centrale" das vom Grafen Henckel Fürst von Donnersmarck erworbene Waldgelände entwickelt. Innerhalb eines Jahres wurden 40 Kilometer Straßen in den Wald geschlagen und 10.000 Straßenbäume angepflanzt. An der Nordbahn finanzierte die Terraingesellschaft den Bau und den Betrieb des Bahnhofs. Das aufwendige, vom Jugendstil geprägte Bahnhofsgebäude bildet eine architektonische Einheit mit dem 35 Meter hohen Aussichts- und Wasserturm ("Kasinoturm"). Vor dem Bahnhof verbindet eine Straßenbrücke die beiden Plätze links und rechts der Bahn (Zeltinger und Ludolfinger Platz), von denen die geschwungenen Erschließungsstraßen abgehen. Von Anfang an gab es eine freiwillige Feuerwehr, und sogar einen Friedhof hatte der Gartenarchitekt Ludwig Lesser angelegt. Damit dieser Waldfriedhof selbst als einheitlicher Park entsteht, hatte man polierte und Marmorgrabsteine verboten und sogar die Bepflanzung der Gräber zu regeln versucht. Auch einen Poloplatz hat Frohnau, den einzigen Berlins.

Auf einem Vogelperspektiven-Bild aus den Gründertagen sah man den fertig als Schmuckplatz angelegten Ludolfinger Platz und die voll erschlossenen Straßen Sigismundkorso (mit Mittelpromenade) und Karmeliterweg, aber statt der Grundstücke gab es nur Wald. Es war keine Gartenstadt im Sinne einer einheitlichen Bebauung, die hier entstand, sondern eine Waldstadt mit Einzelvillen. Im Ludwig-Lesser-Park ist ein kleines Waldgebiet erhalten geblieben. Am südlichen Ende des Parks wurde 1922 ein Kriegerdenkmal eingeweiht, auf dem der Satz von Theodor Körner prangt: „Zum Opfertode für die Freiheit und für die Ehre seiner Nation ist keiner zu gut, wohl aber sind viele zu schlecht dazu“. Sind wir keine guten Bürger, wenn wir nicht fürs Vaterland sterben wollen? Eine nicht so gut lesbare Zusatztafel weist darauf hin, dass der Körnersche Satz nach den Erfahrungen zweier Weltkriege zum "Nachdenken" anregen sollte, offensichtlich eine halbherzige Kompromissformel. Ein aktuelles Thema angesichts des Afghanistan-Krieges und der vom Bundespräsidenten angestoßenen Überlegung, die Bundeswehr auch zur Durchsetzung unserer wirtschaftlichen Interessen loszuschicken.

Die Waldsiedlung am Oranienburger Damm auf der Höhe Bundschuhweg enthält individuelle und zugleich normierte Doppelhäuser, ein nur scheinbarer Gegensatz, denn trotz Festlegung der Größe und Ausstattung sind die Häuser unterschiedlich. Der Architekt Franz Vogt ist weitgehend unbekannt geblieben. An einem Haus erinnert eine Skulptur an das Kinderheim, das Annemarie Wolff hier ab 1927 für schwer erziehbare, behinderte und nicht behinderte Kinder nach reformpädagogischen Grundsätzen führte. 1933 war es damit vorbei, die Nazi- Regierung schloss das Heim, das auch von den Anwohnern argwöhnisch beobachtet worden war.

Abgeschieden, in der durch den Bahndamm abgetrennten nordwestlichen Ecke Frohnaus liegt die Invalidensiedlung, die sich von ihrer Ausrichtung her nach Nieder-Neuendorf öffnet. Sie wurde 1938 von der Heeresbauverwaltung angelegt und lässt vom Namen und Verwendungszweck her vermuten, dass sie im indirekten Zusammenhang mit Kriegsvorbereitungen für den 2.Weltkrieg stand. Ein weiterer Bau aus der Zeit des Nationalsozialismus ist die trutzige Johanneskirche am Zeltinger Platz, ein Bau mit breiter Turmfront, der Portikus wird von Holzsäulen getragen, die mich an Totempfähle erinnern.

Abgeschieden, in der östlichen Ecke von Frohnau, stand ein 359 Meter hoher Richtfunkturm, über den bis zur Wende die West-Berliner Telefongespräche abhörsicher nach Westdeutschland gesendet wurden. Nach der Wende erfuhr man, dass man sich den Aufwand hätte sparen können - die Stasi hatte natürlich mitgehört. Der Turm wurde im wiedervereinigten Berlin nicht mehr gebraucht und daher gesprengt.

Unser Spaziergang wird ein Rundgang vom Bahnhof Frohnau aus in beide Teile der Siedlung. Im Rund des Zeltinger Platzes steht eine Kugelläuferin, ein Brunnen, der 30 Strahlen auf die Kugel richtet und die Bronzefigur darauf balancieren lässt. Die ursprüngliche Bronzefigur von Otto Maerker war im Krieg eingeschmolzen worden, sie ist nachgeformt wieder in Aktion.

"Dieses Haus beschirm der Herr der Welt / solange Deutschland steht und hält." Diesen Spruch finden wir an einem Fachwerkhaus, in den Holzbalken der Fassade geschnitzt. Ich habe die Befürchtung, dass ein bestimmtes Deutschland gemeint war und wünsche dem Hausherrn, dass sein Haus auch weiter beschützt bleibt, nachdem dieses Deutschland untergegangen ist.

Das über Frohnau hinaus bekannte buddhistische Zentrum am Edelhofdamm nutzt die Lage auf einem Hügel, um den Gläubigen Buddhas achtfachen Pfad der Tugend zu versinnbildlichen. Die 73 Stufen für die 73 Arten des Wissens werden mit acht Treppenabsätzen gegliedert. Der Berliner Arzt Paul Dahlke, der durch Aufenthalte in Ceylon zum Buddhismus kam, ließ das Haus 1922 bauen, heute wird es von buddhistischen Mönchen aus Sri Lanke geführt. Bereits das Eingangsportal mit den Elefanten und Sonnensymbolen führt in den spirituellen Ort ein.

Die Bepflanzung des Ludolfinger Platzes weist auf das bevorstehende 100- jährige Jubiläum der Gartenstadt hin. Noch aber sind wir unter Frohnauern, als wir dort am Platz bei einem Italiener unseren Spaziergang mit einem Essen abschließen. Die Kleidung der Ober mit weißen Hemden und schwarzen Bügelfaltenhosen und ihr leicht distinguiertes Auftreten ist einen Stich feiner als das Lokal selbst, trotzdem können wir Hunger und Durst stillen. Man führt hier den italienischen Begriff für Hose im Namen des Restaurants, aber Vorsicht, das Wort war zugleich eine Spottbezeichnung für venezianische Kaufleute.


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Unsere Route
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Bismarckdenkmal ohne Bismarck
Häuser wie Ozeandampfer