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Plüschsofaherrlichkeit und Mottenkrimskrams


Stadtteil: Pankow
Bereich: Prenzlauer Berg
Stadtplanaufruf: Berlin, Erich-Weinert-Straße
Datum: 3. August 2007

Mit mehreren anderen Siedlungen der "Berliner Moderne" ist die Carl-Legien-Siedlung am Prenzlauer Berg bei der Initiative UNESCO-Weltkulturerbe angemeldet. Für uns ist das der Anlass, heute vom Ostseeplatz aus, den wir bereits bei einem früheren Rundgang in Augenschein genommen hatten, zur Erich-Weinert-Straße zu flanieren.

Weg von den Mietskasernen, hin zu Wohnsiedlungen mit Licht, Luft und Sonne in den Arbeitervierteln, das war das Ziel der Reformsiedlungen, die nach Ende der Weimarer Republik in Berlin entstanden. Die Wohnstadt Carl Legien am Prenzlauer Berg wurde in diesem Zeitgeist 1928 von Bruno Taut und Franz Hilliger realisiert. Bereits an der Farbigkeit der Fenster, Türen und Fassaden sieht man sofort die Handschrift von Bruno Taut, so wie man sie aus der Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf kennt: Bauhausfarben, an den Fenstern manchmal mehrfach nebeneinander gesetzt, große farbige Fassadenflächen in rot, blau oder grün. "Farbe ist nicht teurer als Dekoration mit Gesimsen und Plastiken, aber Farbe ist Lebensfreude" war Tauts Gegenentwurf zu den üblichen schmutzig-grauen Fassaden. Die einheitliche Farbe fasste die Innenhöfe zu einer gestalterischen Einheit zusammen, die Farbigkeit der Türen und Deckleisten an den Fenstern diente der Orientierung.

Bemerkenswert an dieser Siedlung ist die Umkehrung der gewohnten Bauweise: die Bauten verlaufen nicht am Blockrand parallel zur Straße, sondern greifen als tiefes U, das sich zur Straße öffnet, in die Grundstücke hinein. Flache Ladenriegel, die das U schließen und den Eindruck von Freizügigkeit stören, wurden nur an einem Gebäude davor gesetzt. An den Kopfbauten zur Straße hin verlaufen gerundete Balkone von der Vorderfront zum Innenhof, große Eckfenster verbinden die Fronten. Die Fassaden sind schmucklos, aus dem Hinterhof wird der Innenhof mit kastenartigen Loggien oder Balkons, die über die ganze Breite der jeweiligen Wohnung und über alle Geschosse verlaufen. Die Wohnräume und (Wohn-)Küchen befinden sich in den Wohnungen auf der Seite der Innenhöfe. Die Wohnungen gestatten einen Durchblick durch die Innenräume und wieder hinaus, die Türen sind mit entsprechenden Lichtdurchlässen versehen. Eine Bauweise, durch die eine Wohnung eine Weitläufigkeit und Großzügigkeit bekommt und das Wohnumfeld mit in die Räume hineinholt, die aber auch das Leben der Bewohner öffentlich macht. Diese Freizügigkeit erinnert an Holland, und tatsächlich gab es Kontakte Tauts zu einem Rotterdamer Baumeister, die Carl-Legien-Siedlung wurde daher gelegentlich auch Flamensiedlung genannt.

Ein einladender Lebensraum mit Bäumen und Sträuchern und viel Grün liegt zwischen den Gebäuderiegeln. Das war nicht nur eine ästhetische Komponente, sondern auch ein soziales Anliegen der Planer, weil in der Zeit nach dem 1.Weltkrieg Luft- und Sonnenbäder als wichtige vorbeugende Maßnahmen gegen die großen Volkskrankheiten wie Tuberkulose galten.

Es sind dann doch nicht die Arbeiter, die langfristig in diesen Wohnungen wohnen, sondern überwiegend Mittelstandsbürger. Der erzieherische Effekt des neuen Wohnens wurde von manchem Mieter verkannt, schon Taut beklagte "Plüschsofaherrlichkeit und den ganzen Mottenkrimskrams". Hecken und Zäune in den Vorgärten zeigten, dass man in Deutschland wohnt, trotzdem wurde ein einengendes Reglement durchgesetzt. Die Bewohner sollen auf Gardinen und Wäscheleinen verzichten, die Blütenfarbe der Balkonblumen ist genehmigungspflichtig, um die Farbgestaltung der Loggienrückwände nicht zu stören.

Zwei Diktaturen konnten mit den Bauten nichts anfangen, die Farben wurden überpinselt, die Ideen des neuen Wohnens ignoriert (vielleicht auch, weil sie zu demokratisch waren). Zwar wurde in der DDR die Siedlung zum Schluss unter Denkmalschutz gestellt, aber nicht durchgreifend wieder hergestellt. Erst nach der Wende modernisierte die BauBeCon, Nachfolgerin der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat, die Bauten denkmalsgerecht. Die Architekten stellten fest, dass die Substanz gut war, man war damals "bautechnisch auf der Höhe der Zeit. Die alten Kastendoppelfenster braucht man nur zu überarbeiten. Wir brauchen auch keine Wärmedämmverkleidung an den Häusern. Die Wände sind 38 Zentimeter dick, das reicht allemal aus. Da ist es effektiver, die Heizung zu erneuern und die Dächer und Kellerdecken zu dämmen. Die mit der Zeit auftretenden Mängel sind relativ klein und gut handhabbar. Die Häuser sind ja traditionell 'ein Stein, ein Kalk' gebaut, Schäden lassen sich da konventionell instandsetzen." (Architekt Winfried Brenne)
Zu unserem traditionellen abschließenden Essen kehren wir bei einem Inder an der Prenzlauer Allee ein, der uns bereits nach anderen Rundgängen ein unauffälliges Essen serviert hatte.



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Liebend und geliebt badetest du in meiner Seele
Sommer vorm Balkon