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Friedhof der Stenografen


Stadtteil: Mitte, Wedding
Bereich: Park am Nordbahnhof
Stadtplanaufruf: Berlin, Liesenstraße
Datum: 11. März 2016
Bericht Nr.: 538

Eine stille Stunde in Berlins Mitte, am Vormittag eines normalen Arbeitstages. Nur der Sound der Großstadt klingt herüber: Irgendwo fahren einzelne Autos, und dann ab und an das markante Fahrgeräusch der S-Bahn, dieses "huiiiiiiiii_döiiiIIIIEEEEEHHHHH" (Lautschrift eines S-Bahn-Freaks). Durch den Park am Nordbahnhof kann man vom ehemaligen Stettiner Bahnhof (jetzt Nordbahnhof) bis zur Liesenbrücke oberhalb der Acker- und Gartenstraße laufen. Als zur Zeit der industriellen Revolution die wohnungslosen Arbeiter als Industrieproletariat ihre Notquartiere unter der Brücke aufschlugen, bekam sie den Beinamen Schwindsuchtbrücke.

Zur Liesenbrücke gehören zwei Brückenbauwerke: Kurz vor 1900 wurde ein Damm aufgeschüttet und eine Konstruktion aus Eisenfachwerk für die Fernbahnstrecke errichtet. Es ist eine ingenieurtechnische Meisterleistung: Mit einem Netz von Metallstreben - die aufeinander gestützt und miteinander verbunden sind - wurde die Last der durchpreschenden preußischen Eisenbahnen abgefangen. Hier fuhren die Züge vom Stettiner Bahnhof zur Ostsee. Für die Vorortbahn vom Stettiner Vorortbahnhof Richtung Gesundbrunnen ist später in den 1930er Jahren auf einem eigenen Brückenbauwerk ein Gleispaar gelegt worden, über das die S-Bahn fährt. Heute rostet die eiserne Brückenkonstruktion vor sich hin, aber die Initiative "Grünzüge für Berlin" arbeitet daran, den Park am Nordbahnhof über die Liesenbrücke mit dem Volkspark Humboldthain zu verbinden und zu einem durchgehenden Erholungsgebiet zu machen.

Auf der Bahnböschung an der Liesenstraße hat sich ein letztes Stück Mauer erhalten. In einem von Mauerspechten geschlagenen Spalt steckt eine Radkappe mit dem Mercedes-Stern, eine subtile Systemkritik? Die auf Ost-Berliner Seite gelegenen drei Friedhöfe entlang der Liesenstraße haben durch den Mauerbau erheblich gelitten. Gnadenlos wurde von der DDR altes Kulturgut abgeräumt, um Schussfeld für die Grenzanlagen zu schaffen. Wo vorher historische Grabanlagen standen, erstreckte sich jetzt die Leere des Grenzstreifens. Manche Grabsteine dienten dazu, den Postenweg für die Vopos zu pflastern. Eine zweite Welle folgte durch Vandalismus nach der Grenzöffnung, als für kurze Zeit quasi rechtlose Zustände beim Übergang auf das neue System herrschten. Es wurde geplündert, was immer sich zu Geld machen ließ. Eine soziale Kontrolle durch Anwohner gab es nicht, weil die Liesenstraße hier keine Wohnbebauung hat.

Die Gemeinde des Berliner Doms legte 1830 den Domfriedhof an der Liesenstraße an, nachdem sie ihren Kirchhof in der Königstadt in der Nähe des Alexanderplatzes räumen musste. Fünf Jahre später folgte die Französisch-Reformierte Gemeinde, deren Friedhof an der Chausseestraße voll belegt war. Ein Obelisk - in französischer Sprache beschriftet - erinnert an die Gemeindemitglieder, die seit 1864 in Kriegen gefallen sind.


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Deutsche Soldaten mit französischen Wurzeln und französischen Namen hatten in diesen Kriegen unter anderem gegen Franzosen gekämpft, welch ein makabrer Widersinn. Auch mit dem Grab von Theodor Fontane verbindet sich deutsch-französische Geschichte. Er war hugenottischer Herkunft und hatte seine Tätigkeit als Berichterstatter im deutsch-französischen Krieg fast mit dem Leben bezahlen müssen. Der Grabstein ist nur ein Zeichen des Gedenkens, Fontane ruht nicht mehr hier, sein Grab wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Die katholische St.Hedwigsgemeinde räumte 1834 ihren Friedhof an der Chausseestraße und errichtete ihren Domfriedhof an Liesenstraße. Auf dem aufgelassenen Gelände entstanden 1911 die Katholischen Höfe mit einer Akademie für Erwachsenenbildung. Heute gehören zu dem Tagungszentrum auch eine Kirche und ein Hotel. Die Gründung der St.Hedwigskathedrale am Bebelplatz 1747 und des Friedhofs an der Chausseestraße 1777 geht auf eine großzügige Toleranzgeste Friedrichs des Großen gegenüber der katholischen Bevölkerung zurück. So entstand in Berlin der erste katholische Kirchenbau nach der Reformation. Der Rundbau der Kathedrale nimmt bewusst das römische Pantheon zum Vorbild. Mit der runden Trauerkapelle auf dem Friedhof an der Liesenstraße wird dieser Bezug wieder aufgenommen.

Eine skurrile Gemeinsamkeit verbindet zwei Friedhöfe an der Liesenstraße: Hier ruhen unabhängig von einander vier Pioniere der Kurzschrift, auch Stenografie oder "Redezeichenkunst" genannt. Eine Kunst, die im digitalen Zeitalter kaum noch gebraucht wird, heute gibt es Tonaufzeichnung und Spracherkennung. Wer einfach schneller schreiben wollte, das Gesprochene in Echtzeit aufs Papier bringen oder die eigenen Gedanken im Fließen festhalten wollte, kam um Steno nicht herum. Cicero konnte das, denn eine Kurzschrift gab es schon im Altertum. Heute kennt man vor allem die Parlamentsstenografen, die aber durch Tonaufzeichnungen unterstützt werden.

Und nun zu den vier Stenografen-Gräbern in ewiger Nachbarschaft: Mit der standardisierten "Deutschen Einheitskurzschrift" von 1924 verbinden sich die Namen von Max Bäckler und Wilhelm Stolze, die auf dem Domfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben sowie des Gerichtsstenografen Agathon Jaquet, der auf dem Französischen Friedhof beerdigt ist. Auf dem Gottesacker der Franzosen ist auch das Grab von Leopold Arends, der bereits 1850 seine "für jeden faßlich anwendbare Schreibschrift" veröffentlichte, die er nach dem Verleger „Hempelsche Tafeln" nannte.

Von Arends Grabmal ist in der Zeit der Raubzüge nach der Wende die Bronzebüste gestohlen worden, die auf einem mannshohen Postament stand. Auf einem Trödelmarkt fand sich die Büste wieder, jetzt hat sie ihren alten Platz zurück bekommen. "Das Echte ist das Wahre" steht - natürlich in Arendscher Kurzschrift - als mit Gold eingefasste Inschrift auf Arends' Grabmal.

Die Friedhöfe auf Ost-Berliner Seite der Liesenstraße gehen ineinander über. Sie waren nach dem Bau der Grenzanlagen nur noch für Angehörige mit Passierschein erreichbar, der Zugang über eine kleine Hinterpforte befand sich in der Wöhlertstraße. Auch der auf der West-Berliner Seite der Liesenstraße gelegene Neue Dorotheenstädtische Friedhof konnte wegen der Grenzanlagen nicht mehr durch den Haupteingang erreicht werden, hier wurde ein Zugang vom Wedding geöffnet.


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Fast menschenleer ist es bei meinem Rundgang, aber die Toten rufen mir Namen zu, die Assoziationen auslösen. Der königlich preußische Hofkonditor Johann Georg Kranzler schaut von der Bronzeplatte auf seinem Grabstein in die Ewigkeit. In Wien - wo sonst? - hatte der das Konditorn gelernt, in Berlin Unter den Linden eröffnete er das „Café Kranzler“ mit Sonnenterrasse. Während in dem späteren West-Berliner Ableger "Café Kranzler" am Kudamm Ecke Joachimstaler Straße die Wilmersdorfer Witwen ihre Kuchenschlachten schlugen, waren im Stammhaus Unter den Linden Gardeleutnants die typischen Gäste.

Pferdedressuren waren das Metier von Ernst Renz, dem "König der Manege", er wurde er zum Schöpfer des klassischen Zirkus. Die Markthalle am Schiffbauerdamm hatte er von dem Eisenbahnkönig Strousberg übernommen und hier seinen Zirkus mit zuletzt 5.600 Plätzen eingerichtet. Später baute Hans Poelzig das Haus für Max Reinhardt zum Theater um. Noch heute heißt die Anlieger-Straße "Am Zirkus". Auf dem Neuen Dorotheenstädtischen Friedhof ehrt ein schwarzer Obelisk den Zirkusmann. Die Kunstreiterin, die sich nicht nur in seinen Zirkus, sondern auch in seinen Neffen leidenschaftlich verliebt hatte, musste wegen dieser Liaison den Zirkus Renz verlassen. Sie hat "ihren" Renz dann geheiratet, wurde aber zeitlebens bei keinem Zirkus heimisch, obwohl sie unglaubliche Dressuren wie den Handstand eines Elefanten auf einem Vorderbein beherrschte. Nach ihrem Tod hat das fahrende Volk in fantasievollen Kostümen sie "wie eine Königin zu Grabe getragen", aber natürlich nicht auf demselben Friedhof wie Ernst Renz, sondern auf der gegenüberliegenden Seite der Liesenstraße.

Lorenz Adlon muss man nicht erst vorstellen, sein Nobelhotel am Pariser Platz wurde eine Berliner Institution. Der Sohn eines Mainzer Schuhmachers und gelernte Kunsttischler arbeitete sich mit Ausflugslokalen, Veranstaltungsgastronomie und Restaurants unaufhaltsam in Deutschland und Europa vorwärts, bis er in Berlin mit Restaurants (unter anderem den Terrassen im Zoo), einer Weinhandlung und schließlich dem Hotel Adlon seine Bestimmung gefunden hatte. Nicht nur Kaiser Wilhelm II., auch Zar Nikolaus und der britische König Georg V. waren seine Gäste. Er starb, nachdem er in der Mitteldurchfahrt des Brandenburger Tores von einem Auto angefahren wurde. Sein Erbbegräbnis auf dem Domfriedhof St.Hedwig vermittelt etwas von der Pracht und Herrlichkeit des Mannes, bei dem die Welt zu Gast war. Sein Sohn Louis führte das Hotel durch die Goldenen Zwanziger Jahre, beherbergte Marlene Dietrich, Josephine Baker, Thomas Mann und Charlie Chaplin. Eine Amerikanerin, die als Hotelgast im Adlon residiert hatte, wurde Louis Adlons zweite Frau, für sie ließ er sich nach 15jähriger Ehe scheiden. Hier unter den Grabsteinen liegen die Toten, doch wenn man näher hinschaut, sieht man, mit welcher Leidenschaft sie gelebt haben, Therese Renz und Louis Adlon stehen dafür als Beispiele.

Und dann gibt es noch eine letzte Ruhestätte ganz besonderer Art. Wohin mit dem alten Kuppelkreuz des Berliner Doms, das nach Rostschäden vom Dach genommen und durch ein neues ersetzt werden musste? Ein sakraler Ort wurde gefunden: Der 50 Meter breite ehemalige Grenzstreifen entlang der Liesenstraße, von dem die Gräber abgeräumt worden waren, ist heute ein naturbelassenes Biotop. Trockenrasen und außergewöhnliche Pflanzen haben sich angesiedelt, seltene Schmetterlinge und Heuschrecken leben hier, Bienenvölker sollen aufgestellt werden.


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Und mittendrin steht jetzt das sieben Meter hohe goldene Kuppelkreuz. So fügt sich nach den Wunden, die die Teilung schlug, doch noch alles zu einem harmonischen Ganzen.

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Zu diesem Bericht gibt es zwei Forumsbeiträge: Friedhof der Stenografen (11.3.2016)

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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