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Planschen an der Friedrichstraße


Stadtteil: Mitte
Bereich: Friedrichstadt, Dorotheenstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Friedrichstraße
Datum: 19. November 2012

Nach einer nächtlichen Autopanne findet ein junges Pärchen Aufnahme in einem Schloss, in dem gerade eine schräge Party läuft. Der Hausherr trägt Mieder, Strapse und hochhackige Schuhe, und wie Frankenstein hat er sich einen künstlichen Menschen - einen Knaben - geschaffen. Nach Liebesirrungen des Pärchens tötet der bucklige Butler den Hausherrn, auch der künstliche Knabe stirbt. Schließlich fliegt das ganze Schloss davon, nur unser Pärchen bleibt zurück. Die Story ist als Musical aufgemacht, das auch verfilmt wurde. Der unvorbereitete Kinobesucher sei gewarnt, ein enthusiastisches Kinopublikum kommentiert die Handlung mit insgeheim verabredeten Floskeln, schießt mit Wasserpistolen, breitet gegen den Regen Zeitungen über dem Kopf aus, wirft mit Konfetti, Reis, Mehl und Klopapierrollen.

In der Friedrichstraße hatte der Admiralspalast nach der Wende 2006 wieder eröffnet. Hier wurde dieses Musical "The Rocky Horror Show" vor vier Jahren wieder aufgeführt. Die spektakuläre Neufassung war eine Weltpremiere, Martin Semmelrogge führte als Erzähler durch das Stück, und natürlich brachten die Zuschauer die notwendigen Utensilien wie Wasserpistolen, Reis und Klopapierrollen mit. Mit diesem coolen Stück knüpfte das Theater an die Zwanziger Jahre an, die in den Theatern, Cabarets, Varietees, Cafés, Lokalen hier an der Friedrichstraße "Bewegungen und Erregungen" erzeugten, und mehr als zwei Geschlechter gab es schon damals.

Der Admiralspalast war nicht nur ein Theater, in seinem Untergrund befand sich auch eine Solequelle, für die 1873 das „Admiralsgartenbad“ gebaut wurde. Dort planschten die Reichen und Schönen, Damen und Herren in getrennten Schwimmhallen. Die Damen in einem sechs Meter langen, ovale Becken, darüber wölbte sich eine sieben Meter hohe Kuppel. 1910 wurde das Gebäude durch einen Vergnügungspalast ersetzt, der auch eine Eislaufbahn, eine Kegelbahn und ein Lichtspieltheater erhielt. Im Laufe der Zeit wurde aus der Eisbahn ein Varietétheater und dann ein Revuetheater. Das Bad bestand weiter, es war Tag und Nacht geöffnet. Angeblich konnte es vorkommen, dass hier Reisende in die Wannen stiegen, wenn sie kein Hotel mehr fanden. Phantasie oder Realität? Zu den Zwanziger Jahren könnte es passen, und die Hotelqualität war manchmal nicht überzeugend Der Baedecker warnte 1880 Berlin-Reisende beim größten Berliner Hotel Kaiserhof, "Zimmer comfortable, z.Th. freilich mit eisernen Bettgestellen; man vermeide die schlecht ventilirten Zimmer nach dem Hof". Wenn man eins bekam, musste man es nehmen, sonst - ab in die Wanne?

Südlich angrenzend an den Bahnhof Friedrichstraße, dort, wo heute Jokers, Butlers und Strauss das Publikum in ihre Läden ziehen, Bettler und Obdachlose am Straßenrand campieren und ein Bratwurst-Verkäufer mit seinem Bauchbindenbräter steht, erhob sich früher das "Central-Hotel", zu ihm gehörte das Varieté "Wintergarten". Die "interessanteste Erfindung der Neuzeit" wurde 1895 im "Wintergarten" gezeigt: von einem "Bioskop" projizierte Bilder waren die erste öffentliche Filmvorführung. Gegenüber an der Friedrichstraße eröffnete Oskar Messter ("Begründer der deutschen Kino- und Filmindustrie") ein Filmatelier. Er entwickelte Projektoren, produzierte Filme, seine Unternehmen gingen später in der UFA auf. Im Ersten Weltkrieg wechselte er von der Information zur Desinformation, er zensierte Fotos und Filme im staatlichen Auftrag und produzierte Wochenschauen.

Charleston oder Tango? Nachmittags um fünf ging man zum Tanztee, der "Nachmittagsvorstellung der Gesellschaft", schöne Frauen im eleganten Ambiente waren hier in den Hotels in der Überzahl. Ein Jazzfieber erfasste Berlin, eine Biographie wie die von Eric Borchard passte ins Bild: in Deutschland geboren, als Musiker in Amerika gearbeitet, brachte er den Jazz mit nach Berlin, leitete zwei nach ihm benannte Jazzbands. Auf youtube findet, wer mag, einige alte Aufnahmen.

Die anderen Damen mit den dick geschminkten Gesichtern marschierten im Schein der Straßenlaternen auf der Friedrichstraße nahe dem Bahnhof auf. An der Oranienburger Straße bekommt man heute eine Ahnung davon, wie es damals an der Friedrichstraße ausgesehen haben mag. "Vom weißen Gift bis zur Liebe jeder Art wird hier alles gehandelt", berichtete damals ein Zeitgenosse. Die preußische Ordre vom 2. Februar 1792, die es verbot, "auf der Straße, vor dem Hause und in den Fenstern durch Gebehrden, Zeichen und Winke die Vorübergehenden anzulocken und einzuladen", war in der Weimarer Zeit längst vergessen. Auch in den Etablissements entlang der Friedrichstraße warteten artig gekleidete Mädchen, die zu einem Schäferstündchen eingeladen werden konnten, beispielsweise "Bonbonniere" in der Nähe der Leipziger, "Cabaret-Café Kronprinz" an der Ecke Kronenstraße, "Heils" an der Ecke Französische, "Nati" an der Jägerstraße, "Bernardsches Haus" zwischen Mohren- und Kronenstraße, das auch Napoleon nächtens besucht haben soll.

Die Friedrichstadt hat einen markanten Stadtgrundriss: Von einem runden Platz im Süden gehen drei Straßen strahlenförmig nach Norden. Der linke Strahl - die Wilhelmstraße - reicht bis zum Leipziger Platz, der rechte Strahl - die Lindenstraße - zum Spittelmarkt. Dazwischen liegt die Friedrichstraße, die längste dieser drei Achsen, die vom Halleschen Tor (Mehringplatz, früher Belle-Alliance-Platz) bis zum Oranienburger Tor (Torstraße) reicht. Mondän war die Friedrichsstraße zwischen Unter den Linden und Dorotheenstraße und ein paar Schritte nördlich und südlich davon. Hier wurden nach Pariser Vorbild Passagen errichtet wie die Kaiserpassage, die an der Friedrichstraße Ecke Behrenstraße begann und dann zu Unter den Linden abknickte. An Stelle des kriegszerstörten Baus errichtete die DDR zur 750-Jahrfeier Berlins ein Grandhotel ("Grandhotel Honecker"), in dem nur gegen Devisen Luxus und Überfluss, Glanz und Komfort geboten wurden, die Arbeiter und Bauern mussten draußen bleiben (heute Hotel Westin Grand).

Dem "Passage-Kaufhaus" von Franz Ahrens dagegen - von der oberen Friedrichstraße abknickend zur Oranienburger Straße - waren mehrere Tode, aber kein Erfolg beschieden. Es liegt (auch heute noch) zu weit nördlich von der Flaniermeile und ging deshalb als Kaufhaus schnell pleite. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude teilweise zerstört. Die alternative Nutzung der Halbruine als "Tacheles" - eine international bekannte Berlin-Ikone - ist gerade durch Herauskauf der Mieter und Zwangsmaßnahmen beendet worden. "How long is now" steht schon lange hellsichtig an der Brandwand des Tacheles, wieder ist eine Gegenwart ("now") des Hauses vergangen.

In der Friedrichstraße konzentrierte sich rund um den Bahnhof das Berliner Theaterleben. Das Deutsche Theater, das Theater am Schiffbauerdamm (Brecht Ensemble), der Admiralspalast zeugen auch heute noch von jener Zeit. Max Reinhardt, der bereits das Deutsche Theater betrieb, hatte sich von Hans Poelzig eine ehemalige Markthalle am Schiffbauerdamm zu einem Volkstheater umbauen lassen. Nachdem der "Eisenbahnkönig" Strousberg die Markthalle errichtet und betrieben hatte, wurde sie von der preußischen Heeresverwaltung genutzt, bevor Ernst Renz, der "König der Manege", sie als Zirkus herrichten ließ. Die Anliegerstraße heißt heute noch "Am Zirkus". Poelzig schuf für Reinhardt einen expressionistischen Innenraum, eine Höhle, die von der Decke hängenden Stalaktiten sorgten für gute Akustik. Doch der Bau stand auf unsicherem Untergrund. Der DDR-Friedrichstadtpalast - der als Nachfolger in den Theaterbau eingezogen war - musste in einen Neubau an der Friedrichstraße umziehen, das ehemalige "Große Schauspielhaus" wurde 1980 abgerissen. Ist er nun "Europas größtem und modernstem Show-Palast" oder nur Berlins größter, der neue Friedrichstadtpalast, von dessen Sitzen man wie im Amphitheater auf die Bühne schaut, die sich auch in ein riesiges Wasserbassin verwandeln kann? Wenn man Silvester in ein Konzert, Theater oder eine Show geht, werden in die Performance traditionell zur Erheiterung des Publikums ein paar Gimmicks außerhalb des normalen Programms eingebaut. Das kannte man 2011 im Friedrichstadtpalast nicht, als Zuschauer bekam man - in die engen Sitze geklemmt - nur das übliche geboten, schade. Vielleicht lag die Knauserigkeit ja daran, dass auf diesem Grundstück früher ein Finanzamt gestanden hat - gibt es den genius loci, der (Un-)Geist des Ortes?

Und was ist geblieben in der Friedrichstraße von der Glitzerwelt der Zwanziger Jahre, ihren Höhepunkten, Sensationen, Weltpremieren, ihrer Architektur? Eine Theatermeile, eine Einkaufsmeile, kein Nachtleben, keine Sensationen. Drei Luxusimmobilien, "Quartiere" genannt, mit Stores, Departments, Büros, einer Klinik, dem deutschen Lafayette-Ableger. Das Quartier 206 ist mein Architektur-Star, bei Einbruch der Dunkelheit beginnt die Fassade zu leuchten. Dessen Zukunft aber ist dunkel, die Zwangsversteigerung ist beantragt.

In Sichtweite des Bahnhofs stehen zwei Hochhäuser. Das Ende der 1970er Jahre von der DDR errichtete Internationale Handelszentrum beherrschte die Skyline der Friedrichstraße so lange, bis auf dem Spreedreieck der umstrittene Neubau des Investors Müller-Spreer entstand. Mit schlechten Verträgen und Kungelei hat Berlin viel Geld bei diesem Bauprojekt verloren, an der Architektur gab es viel Kritik.

Nur wenige historische Bauten der Friedrichstraße haben den Zweiten Weltkrieg überstanden: An der Ecke Leiziger das Kaufhaus Moritz Mädler mit Fassaden-Figuren, die Handwerker und Gewerke darstellen sollen, aber heute etwas einfältig wirken. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite das modern anmutende funktionalistische "Haus Friedrichstadt" aus den 1930er Jahren. An der Ecke Behrenstraße ein Ensemble von drei ganz unterschiedlichen Bauten. Im Wettbewerb der Berliner Brauereien untereinander in den 1880er Jahren ließ die Pschorr-Brauerei von Architekten, Bildhauern und Kunsthandwerkern ein "vornehmes Bierhaus" errichten mit einer Barockfassade, die vielfältige Schmuck- und Architekturdetails zeigt. Direkt neben diesem Eckhaus steht ein schmaler neugotischer Bau aus rotem Sandstein mit Maßwerkfenstern und venezianisch angehauchten Wappen und Ornamenten. Der dritte im Bunde ist der vertikal gegliederte Bau für ein Automatenrestaurant und Büros, der kurz nach 1900 gebaut wurde. An der Ecke Kronenstraße entstand um 1910 ein Bau, der die Hauptbeschäftigung des Architekten mit dem neugotischen Kirchenbau ahnen lässt.

Die Friedrichstraße lag zu DDR-Zeiten am Rande Ost-Berlins, erst spät hatte man sie wieder entdeckt. Als der Bau der Friedrichstadt-Passagen begonnen wurde, war es bereits zu spät, die Wende verhinderte deren Fertigstellung. Hier entstanden dann die Neubauten Quartier 205 bis 207, jene Luxusimmobilien fürs Shoppen und mehr. Die DDR musste sich schon an anderer Stelle sagen lassen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".


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... Es folgen zwei Bildergalerien ...
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Die alte Friedrichstraße


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... und hier sind weitere Bilder ...
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Die Friedrichstraße heute


Friedhof der Stenografen
Farbe erfüllt den Raum