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Ein Park mit Geschichte


Stadtteil: Treptow
Bereich: Treptower Park
Stadtplanaufruf: Berlin, Alt-Treptow
Datum: 19. August 2013
Bericht Nr: 431

Für die Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 wurde der Eiffelturm errichtet, ein temporäres Bauwerk, das anschließend wieder abgebaut werden sollte, aber heute noch steht. Mehr als 50 Millionen Menschen kamen nach Paris, um die "exposition mondiale", diese Inszenierung des weltweiten Fortschritts, der Modernität und der Zivilisation zu sehen. Es war so etwas wie die Olympischen Spiele der Technik, Kunst und Industrie. Exponate aus fast der ganzen Welt waren an einem Ort zu sehen, für ein halbes Jahr wurde er zum Nabel der Welt. Die Länder präsentierten Kunst und Kultur, die beteiligten Unternehmen zeigten eine Enzyklopädie der Warenwelt. Der deutsche Pavillon gliederte sich in Abteilungen über das Deutsche Haus, die Deutsche Kunst, Mechanik, Optik, Musikinstrumente, Maschinenwesen und Elektrotechnik. Auf Weltausstellungen wurde auch das Exotische der nicht-zivilisierten Welt wurde gezeigt, allerdings aus der Sicht der Veranstalter, sie inszenierten die "Wilden" aus fremden Ländern in "ihrer typischen Umgebung".

Seit London 1851 sechs Millionen Besucher in seinen Crystal-Palast locken konnte (1), hatten zehn weitere Expos stattgefunden, mehrfach in England und Frankreich, den USA, Australien, Belgien, Österreich, aber nie in Deutschland. Angesichts der Möglichkeit, das Image des eigenen Landes zu stärken und stolz die eigenen Erfolge im Spiegelbild aller Länder zu präsentieren, verwundert es, dass Kaiser Wilhelm II. 1896 eine deutsche Weltausstellung verhindert hat. "Ich will die Ausstellung nicht, weil sie meinem Vaterland und Stadt Unheil bringt" verkündete er und setzte in Berliner Mundart nach: "Ausstellung is nich". Ein Herrscher, dem übersteigerter Geltungsdrang nachgesagt wird, der Deutschland mit dem Aufbau einer Flotte zum gleichberechtigten Player im Kreis der Großmächte machen wollte, verzichtet auf eine internationale Demonstration der nationalen Innovationskraft im eigenen Land? In einem Brief an den Reichskanzler wurde er deutlich: Paris sei das größte Hurenhaus der Welt, das auch außerhalb der Ausstellung Anziehungskraft ausübe, Berlin aber habe aber nur ein paar Museen, Schlösser und die Soldaten, das würde die Fremden nicht festhalten in der Stadt. Von seiner Reichshauptstadt hatte der Kaiser kein gutes Bild, offensichtlich fürchtete er, sich mit ihr international zu blamieren.

Dabei hatte die Industrielle Revolution in Deutschland dem Maschinenbau und der Elektrizität ("Elektropolis") zu Weltgeltung verholfen. Der Stahlkonzern Krupp hatte 1893 für weltweites Aufsehen gesorgt, als er zur Weltausstellung in Chikago die bislang größte Kanone der Geschichte werbewirksam durch mehrere Bundesstatten der USA transportieren ließ. Bei der Pariser Weltausstellung 1900 gab es dann einen "Triumph der deutschen Elektrizität", die Kraft und (Fast-)Geräuschlosigkeit der ausgestellten Dynamos und Dampfmaschinen faszinierte die Besucher, Henry van de Velde bewunderte sie "inbrünstig als vollkommene Verkörperung moderner Schönheit". Das hätte eine internationale Präsentation auf deutschem Boden sein können, aber die hatte Wilhelm abgelehnt, sogar eine nationale Ausstellung für das Deutschen Reich wurde verworfen, nur eine lokale Berliner Gewerbeausstellung blieb dann schließlich übrig, die 1896 eröffnet wurde.

Berlin hatte am Lehrter Bahnhof (heute Hauptbahnhof) einen "Universum Landesausstellungspark" (2), der aber für die Gewerbeausstellung 1896 nicht ausreichte, deshalb wurde der Treptower Park vorübergehend als Ausstellungsgelände eingerichtet. Und damit sind wir beim Ziel unseres heutigen Spaziergangs, der am S-Bahnhof Treptower Park beginnt. Treptow war von dem ausgedehnten Waldgebiet der Cöllnischen Heide bedeckt, bis in den 1820er Jahren die Abholzung begann. Gegenüber der Halbinsel Stralau, die mit dem Volksfest "Stralauer Fischzug" berühmt und berüchtigt wurde (3), siedelten sich Buden, Kaffeegärten und Gasthäuser an. Das Gasthaus Zenner geht auf diese Tradition zurück, Carl Ferdinand Langhans hat es 1822 als "Gasthaus an der Spree" errichtet. In den 1870er Jahren entstand der Treptower Park als englischer Landschaftsgarten nach dem Plan des Stadtgartendirektors Gustav Meyer (4). Ein vier Hektar großer Karpfenteich wurde gegraben und ein Hippodrom angelegt, eine Gartenanlage in Form einer Pferderennbahn.

Schon zwanzig Jahre später musste der Volkspark vorübergehend die Gewerbeausstellung aufnehmen. Das Hippodrom wurde in einen See verwandelt, auf dem Gondeln fuhren und historische Schiffsschlachten ausgetragen wurden. Man hatte eine kuppelbekrönte Haupthalle und rund 300 Pavillons aufgebaut, in denen 3.780 Aussteller ihre Produkte zeigen konnten. "Ein grenzenloses Vielerlei", schrieb ein Beobachter, "man ist nichts anderes als eine Ameise, die mit 50 000 anderen Ameisen zusammen in einem Bau herumkrabbelt, der aus allen Materialien der alten und neuen Welt zusammengetragen ist". Der Kaiser kam mit seiner Yacht "Alexandria" über die Spree zum Ausstellungsbesuch, insgesamt gab es mehr als 7 Millionen Besucher.

Am Karpfenteich hatte man ein "Negerdorf" aufgebaut, in dem Afrikaner in exotischen Kostümen sich von morgens bis abends von den faszinierten Ausstellungsbesuchern anstarren lassen mussten. Hereros und andere Stammesangehörige aus Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) führten eine "Herero- und Hottentottenkarawane" vor. Sie trugen allerdings Herrenanzüge, weil sie sich standhaft geweigert hatten, sich dem Publikum in "heidnischen Herero-Trachten" zu präsentieren. Im Vergnügungspark der Gewerbeausstellung war "Kairo" aufgebaut, mit einer nachgebauten Cheops-Pyramide, in deren Grabkammern echten Mumien aus den Berliner Museen ausgestellt wurden. In Häuser und Hütten waren vierhundert "Araber", "Nubier", "Sudanesen", "Ägypter", "Palästinenser", "Tunesier" und "Algerier" zu sehen. Mit importierten Palmwedeln verwandelte man Kiefernbäume in Palmen und die Spree in den Nil. Die Begeisterung für das Ägyptische war nicht auf Deutschland beschränkt, auch in Paris, London, Chikago gab es bei ähnlichen Gelegenheiten "Straßen von Kairo" zu sehen.

Dem Zeitgeist entsprechend ohne kritischen Abstand zu der Zurschaustellung von Menschen schrieb der Theaterkritiker Alfred Kerr 1896 über "Kairo": "Hier ist der leibhaftige Orient. Beduinen, Derwische, Kairenser, Türke, Griechen und die dazugehörigen Weiberchen und Mägdlein sind in unbestreitbarem Originalzustande vorhanden. Eine Reihe von Geschäften und Spelunken winkt, der ganze seltsame Zauber morgenländischer Pracht tritt bannend zutage, Kamele durchrennen den Sand im Galopp, Wüstenkrieger auf den kostbaren Sätteln, Esel traben wie verrückt mit Ägypterinnen, Berberinnen und Weißen durch die winkligen Gassen, hier sitzt ein afrikanischer Schuster mit übergeschlagenen Beinen in seiner Luka, dort tanzt ein Derwisch den grausigen Muscheltanz - und alle diese östlichen Männer und Weiber, von der gelben bis zur tiefschwarzen Gesichtsfarbe, sind vom Orient unmittelbar nach Berlin transportiert worden. Sie sind sich ihrer Schaustellung wohl bewusst und posieren wahrscheinlich grenzenlos. Das ganze ist ein starker Mumpitz - aber doch unleugbar ein sehr geistvoller und sehr anregender Mumpitz".

Ebenfalls am Karpfenteich war "Alt-Berlin" nachgebaut worden, dessen Stadtmauer man durch das Spandauer Tor oder Georgentor durchqueren konnte. Musik, Aufzüge und Turniere und die Angestellten in historischen Kostümen sollten den Besucher in das 17.Jahrhundert versetzen. Eine weitere Attraktion der Gewerbeausstellung wurde nicht rechtzeitig fertig: die Archenhold-Sternwarte. Durch ein Wunder der Erde - das längste Linsenfernrohr der Welt ("Himmelskanone") - können Besucher die Wunder des Weltalls bestaunen. Während alle anderen Bauten der Gewerbeausstellung wie geplant danach abgerissen wurden, blieb dem Holzgebäude der Sternwarte dieses Schicksal erspart, weil kein Geld für den Abriss mehr da war. Archenhold wandelte in seiner Not das Ausstellungsobjekt in eine Volkssternwarte um, die heute die älteste und größte Volkssternwarte Deutschlands ist. Der hölzerne Behelfsbau wurde nach 12 Jahren durch einen Massivbau ersetzt, der heute noch seinen Zweck erfüllt.

Auch die Abteiinsel ist wohl noch ein indirektes Überbleibsel der Gewerbeausstellung. Sie wurde künstlich aufgeschüttet und 1897 mit einem "Abtei-Gebäude" im Ruinenstil bebaut. "Treptow in Flammen" gibt es dort nicht mehr, wenn der Bezirk feiert, aber die denkmalgeschützte Abteibrücke - eine freitragende Stahlbetonbrücke - bringt die Besucher auf das Eiland, die seit DDR-Zeiten den Namen "Insel der Jugend" führt.

Das Hippodrom, das zwischendurch ein See war und danach wieder eine Gartenanlage, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Erinnerungsstätte an die Eroberung Berlins durch die sowjetische Armee. Der Kampf um Berlin war das blutige Ende des Hitler-Krieges. Auf sowjetischer Seite verloren viele Soldaten unnötig ihr Leben durch das unmenschliche Vorgehen ihrer Führung. Die Sowjetarmee rückte im Zangengriff an zwei Fronten gegen Berlin vor, von der Oder unter Marschall Schukow und von der Neiße unter Marschall Konew. Stalin hatte den Ehrgeiz, Berlin vor den Westmächten zu erreichen, damit die Rote Armee den Krieg "gewinnt". Er nutzte die Rivalität zwischen den beiden Kommandeuren brutal aus, um Schukow voranzutreiben, als dieser an den Seelower Höhen gegen die weit unterlegene deutsche Verteidigung nicht vorankam. Mit 120 Flakscheinwerfern wollte Schukow den Gegner blenden, doch der grell beleuchtete aufgewirbelte Staub half eher den Deutschen, auf die sowjetischen Soldaten zu schießen. Die russischen Truppen kamen in dem morastigen Boden nicht voran, deshalb beorderte Schukow die Truppen zurück und ließ Panzer auffahren. Soldaten und Panzer, zwei Linien, die sich gegenseitig behinderten. Schukow gewann letztlich die Schlacht an den Seelower Höhen und nahm Berlin als erster ein. Stalins Drohung, Marschall Konews Panzer nach Berlin vorrücken zu lassen, hatte ihre Wirkung getan. Insgesamt fielen im Kampf um Berlin 80.000 sowjetische Soldaten, davon allein 33.000 an den Seelower Höhen. Für Deutschland starben dort 12.000 Soldaten und Volkssturmleute, das "letzte Aufgebot".

Das Sowjetische Ehrenmal in Treptow ist eines der Denkmäler, die Schukow zur Erinnerung an den "ruhmvollen Weg" seiner Truppen errichten ließ (5). Es ist eine eindrucksvolle Inszenierung mit Sichtachsen vom Eingangstor an der Puschkinallee zur "Mutter Erde" und von dort zum Standbild des Sowjetsoldaten auf einem Hügel. Er zertritt das Hakenkreuz, das Schwert hat er gesenkt, ein gerettetes Kind hält er auf einem Arm. 5.000 Soldaten sind hier beerdigt, zwei Fahnensymbole aus Granit flankieren den Eingang zum anonymen Gräberfeld, das in der Senke des ehemaligen Hippodroms angelegt wurde, Sarkophage am Rand dieses Feldes zeigen Kampfszenen.

Ein Zaun schließt das Ehrenmal von dem dahinter liegenden Karpfenteich ab, der von dem Wirbel der Gewerbeausstellung völlig unbeeindruckt ruhig in dem umgebenden Grün liegt. Der Treptower Park war bisher der zweitgrößte Berliner Park nach dem Tiergarten, inzwischen ist das noch unfertige ehemalige Flughafengelände Tempelhof an die erste Stelle gerückt.

An der Spree hinter der Brücke zur Insel der Jugend ankert ein Restaurantschiff. Hier können wir uns für den Heimweg stärken.

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(Textversion vom 21.Juli 2015)

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(1) Crystal-Palast in London und Weltausstellungen: Zweideutiger Willkommensgruß
(2) Universum Landesausstellungspark (ULAP): ULAP-Park
(3) Stralauer Fischzug: Stralauer Fischzug
(4) Der Berliner Stadtgartendirektor Gustav Meyer: Meyer, Gustav
(5) Sowjetische Ehrenmäler in Berlin: Sowjetisches Ehrenmal


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Sowjetisches Ehrenmal


Tauben im Paradies
Heim für Kolonisten und für Ausgebombte