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Ein Mohr wird weggezaubert


Stadtteil: Tempelhof, Neukölln
Bereich: Industrieviertel am Teltowkanal
Stadtplanaufruf: Berlin, Oberlandstraße
Datum: 2. März 2015
Bericht Nr: 498

Captain Jack O. Bennett war nicht begeistert, Kohlen in sein Flugzeug zu laden und damit nach Berlin zu fliegen. Als Lucius D. Clay - der amerikanische Stadtkommandant in Berlin - ihn als Testflieger für die Luftbrücke während der Berlin-Blockade 1948 gewonnen hatte, einigte man sich statt dessen auf Kartoffeln als erste Ladung (1). Aber natürlich wurden zur Versorgung der Berliner Bevölkerung auch Brennstoffe gebraucht, und die hat man dann tatsächlich per Flugzeug nach Berlin gebracht, die Hälfte davon landete in Tempelhof. LKWs holten die Kohlesäcke vom Flugzeug ab und lieferten sie zur Kohlerampe am Flughafen, wo sie in Eisenbahnwaggons umgeladen wurden. Dampfloks schleppten die Waggons zur vier Kilometer entfernten Vaubeka-Verladebrücke an der Teilestraße. Dort wurden sie auf Binnenschiffe umgeladen und über den Teltowkanal an das Kraftwerk Steglitz und die Gaswerke Mariendorf und Neukölln verteilt.

Unter dem Flughafen gab es einen Eisenbahntunnel, der die gesamte Haupthalle unterquerte. Diese Trasse hatte einen unterirdischen Gleisanschluss an die Ringbahn, die von der Ost-Berliner Reichsbahn betrieben wurde. Für die Kohletransporte hatte man dieses Gleis an die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn angebunden, die zur Teilestraße fuhr. Dort steht der Portalkran, der 1935 für die Vereinigten Berliner Kohlenhändler (Vaubeka) erbaut wurde und noch heute als (ungenutztes) Industriedenkmal erhalten ist. Täglich konnten 500 t Kohle entladen werden. 122 Meter lang ist die auf den Stützen aufliegende Verladebrücke und 22 Meter hoch (so hoch wie ein vierstöckiges Wohnhaus). 233 Meter waren sind die Schienen, auf denen der Kran sich parallel zum Teltowkanal bewegen konnte. Die mächtige, aber gleichzeitig grazile Konstruktion folgt den Kraftlinien, die das Gewicht mehrfach abgeschrägt auf die vier unten punktförmig endenden Rahmen ableiten, eine kluge filigrane Ingenieurkonstruktion.

Unser heutiger Rundgang ist dem Industrieviertel gewidmet, das sich nach Eröffnung des Teltowkanals 1906 an der Teilestraße und Oberlandstraße entwickelt hat. Hier sind heute noch Gewerbe und Industrie ansässig, auch wenn die Abwanderung während der Teilung der Stadt und der Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft ihre Spuren hinterlassen haben. Ein Stück verschwundener Industriegeschichte kann man an der Sarotti-Fabrik in der Teilestraße nachvollziehen.

In der Mohrenstraße in Mitte konnte man ab 1868 beim Konditor Hoffmann "Confiserie" kaufen: Pralinen, Trüffel und Konfekt, köstliche Kleinkunst, Gaumenkitzel, handwerklich in Form gebracht und verziert. Mit dem Zukauf eines Confiseur-Waren-Händlers kam 1881 der Name Sarotti in das gemeinsame Unternehmen, die Firmenmarke war geboren und später auch die Idee für ein Firmenlogo, den Mohren. Der Weg von der handwerklichen Arbeit zur industriellen Produktion war kurz. Bereits 1883 wurden die Sarotti-Höfe am Mehringdamm als neue Produktionsstätte geschaffen. 1911 war erneut die Kapazitätsgrenze erreicht, in Tempelhof in der Teilestraße zog man in einen modernen Stahlskelettbau. Hier wiederholte sich eine Erfahrung, die man schon beim Großbrand in Chicago 1871 gemacht hatte: Stahlskelettbauten, deren Stahl dort auch noch ummantelt war, widerstanden dem Feuer, das gab einen Impuls für die Weiterentwicklung der Bautechnik (2). In der Sarotti-Fabrik blieb 1922 bei einem Großbrand das Stahlbetonskelett nahezu unbeschädigt, so dass statt eines kompletten Neubaus nur ein Wiederaufbau stattfinden musste, bei dem gleichzeitig das Werk erweitert wurde.

Die Zeit des eigenständigen Unternehmens Sarotti war 1929 erreicht. Im Jahr der Weltwirtschaftskrise übernahm Nestle die Aktienmehrheit, Sarotti war ein Konzernunternehmen geworden. Nach Kriegszerstörungen und Demontagen produzierte das Unternehmen in West-Berlin weiter, wenn auch in geringerem Umfang. Die Hauptverwaltung wanderte nach Westdeutschland ab. Nach der Wende übernahm Stollwerck die Marke Sarotti und stellte die Berliner Produktion ein. Stollwerck selbst gehörte nach 2000 zuerst zu einem Schweizer und dann zu einem belgischen Schokoladen-Großkonzern. "Sarotti-Mohr wird Belgier" titelte der Tagesspiegel damals. Von der neuen Muttergesellschaft Baronie weiß man eigentlich wenig mehr, als dass sie Schokolade verkauft.

Seitdem die BVG die Stationsansage auf dem U-Bahnhof Mohrenstraße als Gag durch einen Promi aufsagen ließ, wird die Herkunft dieses Straßennamens wieder kontrovers diskutiert ("kolonialrassistisch"). Die Benennung ist dem Volksmund abgeschaut. Eine dunkelhäutige Delegation aus einer deutschen Kolonie in Afrika war 1864 zum Abschluss von "Schutzverträgen" in Berlin. Mehrere Monate lang gingen die Eingeborenen den Weg von ihrem Gasthaus zum Schloss zu Fuß und wurden von der Bevölkerung beäugt, beguckt, beglotzt, Bald hieß der Weg im Volksmund "Mohrenweg" und fand so Eingang in die spätere offizielle Straßenbenennung. Das Geschichtsportal "Luise Berlin" schreibt, dass es so gewesen sei. Das Deutsche Historische Museum hingegen nennt eine Kaserne für schwarzen Heeres-Musiker als Quelle für den Straßennamen. Dreißig schwarze Musiker in den Diensten des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. waren hier untergebracht, es war die Exotik der schwarzen Menschen, die in einer Art Kuriositätenkabinett gehalten wurden.

Welche Version stimmt, müssen wir hier nicht entscheiden. Gemeinsam ist beiden, dass es sich um Relikte aus der Kolonialzeit handelt (3). Wie geschickt man davon wegkommen kann, hat Sarotti mit seinem Firmenlogo - dem Sarotti-Mohren - gezeigt. Auf dem 1922 eingetragenen Warenzeichen sieht man einen dunkelhäutigen Mohren mit Turban und Pumphosen und einem Tablett in der Hand, einen "dienstbaren Neger". Im Jahr 2004 wurde das Logo geschickt in einen Magier verwandelt, der mit Sternen jongliert. Farben, Proportionen, Bewegung der fliegenden Rockschöße blieben erhalten, die Kleidung wurde abstrahiert, die vorwärts zeigenden Hände balancieren jetzt Sterne, die schwarze Körperfarbe verschwand.

Der Sarotti-Fabrik gegenüber erbaute Max Taut 1911 die Dampfwäscherei Reibedanz (3a). Der Bau erstreckt sich bei schmaler Straßenfront in die Tiefe des Grundstücks. Der plastische Sägefries in der Straßenfassade deutet an, dass die Wäscherei einer der frühen expressionistischen Bauten in Deutschland war. Leider ist Tauts Farbkonzept unter weißem Anstrich verschwunden, gelbe Klinkersteine und schwarze Verblendersteine erzeugten eine besondere Wirkung. Nur die senkrechten Unterteilungen ragen noch mit schwarzer Spitze aus der Fassade heraus und geben einen Eindruck von der Gestaltungsidee. Das Gebäude enthielt eine Haushaltswäsche- und eine Industriewäsche-Abteilung mit Mangel-, Plätt- und Trockenraum, Kesselhaus, Maschinenraum, Annahme- und Sortierraum, Waschraum für die Waschmaschinen. Mit eigenen Fuhrwerken wurde die Wäsche an- und abtransportiert. Hierfür gab es einen Pferdestall und eine Remise, die aber nicht mehr erhalten sind.

Neben der Sarotti-Fabrik hatte das Baugeschäft Raebel 1909 am Teltowkanal ein Backsteingebäude mit Turm sowie ein Lagergebäude errichtet. Nur die Lagerhalle steht noch, doch sie lässt einen Rückschluss auf die expressionistische Gestaltung des 1990 abgerissenen Fabrikgebäudes zu. Eine Serie von Wandpfeilern unter dem flachen Dreiecksgiebel der Lagerhalle lässt den Eindruck entstehen, man würde vor dem Gebäude entlangfahren, bevor man von der mächtigen Rundbogeneinfahrt eingesogen wird. Nicht einmal die massiven Firmenschilder eines Baumarktes können diese Wirkung zerstören.

Die Oberlandstraße und die Teilestraße wurden wie der Teltowkanal und die Ringbahn um 1900 angelegt, hundert Jahre später kam die Stadtautobahn hinzu. Mitten hindurch zwischen Kanal und Bahn verläuft die A 100, wobei der Emmausfriedhof und Neu-Britz (4) untertunnelt wurden. Am westlichen Ende der Oberlandstraße verschwenkt die Autostraße zum Bahngelände und bringt dadurch einen bemerkenswerten Industriebau in eine Randlage knirsch zur Autobahn und ihren Zu- und Abfahrten. Jean Krämer - ehemals Mitarbeiter von Peter Behrens (5) - errichtete hier 1919 für die Norddeutsche Kühlerfabrik einen langgestreckten, durch zweistöckige Fensterpfeiler seriell gegliederten Stahlskelettbau mit Backsteinverkleidung. Heute steht "Chemische Fabrik Tempelhof" über dem Gebäude, aber das stimmt auch nicht mehr, denn das Unternehmen heißt jetzt "CT Arzneimittel", gehört zu ratiopharm und ist nach Reinickendorf umgezogen. Das Ursprungsunternehmen war die Albert Mendel AG, deren Abkürung "AMAG" findet sich in dem von ihr produzierten Hustensaft Tussamag wieder. Der vordere Teil des Produktnamens wurde von dem lateinischen Wort für Husten - tussis - abgeleitet, so kam es zu Tuss-amag. Merke: „Plagt Husten Dich und Heiserkeit, Tussamag hilft jederzeit“.

Passen Braun-Rasierer und Gillette-Rasierklingen zusammen? Procter & Gamble macht keine Weltanschauung aus der Frage Nass- oder Trockenrasur, verkauft stattdessen beides. Zu dem Mischwarenkonzern gehören beispielsweise auch Pampers, Duracell-Batterien, Meister-Proper-Waschmittel, Blend-a-med-Zahnpasta und Wella-Friseurprodukte. Gillette steht an dem Fabrikgebäude in der Oberlandstraße, das in der Zeit des Nationalsozialismus erbaut wurde, das als funktionaler Klinkerbau aber ohne jede Deutschtümelei auskommt. Nur die Pfeilervorhalle aus Naturstein könnte man als Zugeständnis an den Zeitgeist empfinden. Bauten für die Industrie waren in der Nazizeit eine Nische, in der Architekten wie beispielsweise Egon Eiermann weitgehend ohne ideologische Einschränkungen moderne Bauformen verwirklichen konnten.

Zwischen Ringbahn und Oberlandstraße wurden 1913 zwei seltsame Glashallen errichtet, "die von weitem wie riesige Vogelkäfige aussehen". Es waren die ersten Filmateliers auf dem späteren Ufa-Gelände. Man drehte Filme bei Tageslicht, das von allen Seiten in die Ateliers flutete. In den 1920er ging man zum kontrollierbaren Kunstlicht über, das Glas wurde von außen blau angestrichen. Die nächste Umbauphase kam mit dem Tonfilm, denn der Lärm von Ringbahn und Flughafen hätte die Tonaufnahmen gestört. Durch die fensterlose komplette Umfassung der gläsernen Ateliers entstanden geräuschsichere, hermetisch abgeschlossene Tonstudios.

Die Ufa Aktiengesellschaft wurde im Ersten Weltkrieg unter Beteiligung der Obersten Heeresleitung und der Deutschen Bank gegründet. In den Zwanziger Jahren konnte sie einen Kapitalengpass nur durch Beteiligung von MGM und Paramount überwinden. Ab 1933 gehörte die Ufa der NSdAP, der nazitreue Medienmogul Alfred Hugenberg hatte sie gekauft und weitergegeben. Bei der Reprivatisierung als Universum-Film AG nach dem Zweiten Weltkrieg stand wieder die Deutsche Bank Pate, danach übernahm Bertelsmann die Ufa. Metropolis, Der blaue Engel, Die Feuerzangenbowle sind bekannte Produktionen der Ufa. Münchhausen ritt auf der Kanonenkugel, kaum zu zählen sind die berühmten Schauspieler und Regisseure, die die Ufa verpflichtet hatte. Selbst die DDR-Filmproduktion lehnte sich mit ihrem Namen DEFA an die berühmte historische Filmfirma an.

In der Oberlandstraße führt die Berliner Union-Film den Studio-Betrieb weiter, die Ufa sitzt in Potsdam-Babelsberg, wo schon seit 1922 Ufa-Filmateliers bestehen. Bei den Filmproduktionen - überwiegend für das Fernsehen - hat sich die Ufa in mehrere Sparten zerlegt (Produktionsbeispiele in Klammern): Ufa Fiction ("Bella Block", "Soko Leipzig"), Ufa Serial Drama („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“), Ufa Show and Factual ("Bauer sucht Frau", "Deutschland sucht den Superstar").

Die Bärensiedlung an der Oberlandstraße und den Oberlandpark - die wir im Jahr 2008 bereits besucht haben (6) - stellen bei unserem Rundgang die Verbindung zwischen dem Industrieviertel und dem Mariendorfer Weg her.

"Erbaut während des großen Krieges 1914-1917", steht auf einem Medaillon von 1917 über dem Portal der ehemaligen Brandenburgische Hebammenlehranstalt und Frauenklinik am Mariendorfer Weg. Mit dem "großen Krieg" war es nicht so weit her, ein Jahr später war er zu Ende mit den schlimmsten Verwerfungen in Europa und dem schmählichen Ende des Kaiserreiches. Dem Gebäude scheint etwas von Untergang und Zerfall anzuhaften, seit zehn Jahren steht es leer, vor sieben Jahren wurde es verkauft, inzwischen ist es nahezu eine Ruine. Wie kann ein Investor unter den Augen der Öffentlichkeit das Herzstück eines Viertels so ungerührt verfallen lassen?

"Breithüftige, kerngesunde, frohe Mütter, die ihre Kinder mit eigener Muttermilch stark machen und zu kräftigen Jünglingen und Jungfrauen ausbilden, die braucht unser Vaterland, das gegen die rings drohenden Feinde noch lange kampfgerüstet sein muss, um sich zu erhalten in dem notwendigen Daseinskampf." Noch bevor der erste Schrei eines Neugeborenen erklang, war in der Einweihungsrede während des Krieges ungeschminkt ausgesprochen, dass man die neue Generation als Kanonenfutter brauchte. Andererseits stand das neue Krankenhaus in der Tradition der Institutionen, die gegen die hohe Säuglingssterblichkeit in Deutschland ankämpften (7).

Auf dem Krankenhausgelände beidseits des Mariendorfer Wegs stehen Entbindungshaus, Direktorenwohnhaus, Verwaltungsgebäude und Begrenzungsmauer unter Denkmalschutz, doch ein Bauzwang ist damit nicht verbunden. Am Haupthaus ist ein Dach teilweise zerstört, gegenüber wuchert Grün von der Fassade in die toten Fenster hinein. Der Investor belässt es bei Ankündigungen und ist stolz auf seinen Neubau in der Landsberger Allee, dessen nach oben abschlaffende Türme er als "Pyramide" bezeichnet (8).

So soll unser Spaziergang nicht enden. Mein Mitflaneur - der für die Restaurantauswahl verantwortlich ist - führt uns ins Akropolis Athen in der Burgemeisterstraße. Griechenland ist zurzeit zwar auch kein Thema, das einen aufbaut, aber mit Souvlaki und Soutzoukaki wird wenigstens für das Wohl-ergehen des Körpers gesorgt, und Ergehen ist ja auch eine Art des Flanierens.

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(1) Mehr über die Luftbrücke: Berlin-Blockade, Luftbrücke
(2) Großbrand in Chicago: Hinauf auf den Böhmerberg
(3) Mehr über die Kolonialzeit: Kolonialzeit
(3a) Mehr über Bruno Taut: Taut, Bruno
(4) Mehr über Neu-Britz: Brüllender Löwe auf dem Dach
(5) Mehr über Peter Behrens: Behrens, Peter
(6) Bärensiedlung und Oberlandgarten: Bären im Oberland
(7) Kampf gegen die Kindersterblichkeit: Säuglingspalast mit Kuhstall
(8) Mehr über die Pyramide in Marzahn: Die Hand zum Schwur erhoben

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Hinauf auf den Böhmerberg
Die Zeichen an der Wand