Bezirke
  Stadtplan     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Die Zeichen an der Wand


Stadtteil: Schöneberg
Bereich: Bülowstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Bülowstraße
Datum: 22. Juni 2015
Bericht Nr.: 510

Wie lange ist 'ewig'? Und wie kurz ist eine 'kleine Ewigkeit'? Wie vergänglich ist 'temporär'? Wenn Sie die Street-Art in der Bülowstraße sehen wollen, sollten Sie das Nachdenken auf später verschieben und sich jetzt auf den Weg machen, denn die Wandbemalungen dort sind bestimmungsgemäß nur kurze Zeit zu sehen.

Das bemalen, besprühen und bekleben der Flächen und Wände hat einmal subversiv begonnen und ist es zum großen Teil auch heute noch. Die Wände, die bemalt und gestaltet werden, sind meist nur deshalb 'Freiräume', weil sie sich der gesellschaftlichen Kontrolle entziehen, doch der Kampf gegen die Graffiti ist längst verloren. Die Zeichen an der Wand sind ein Seismograph geworden für den Herzschlag der Stadt. Hausfronten, die die Bewohner von der Außenwelt trennen, werden plötzlich kommunikativ nach außen. Inzwischen sind manche dieser Tätowierungen der Stadt Auftragsarbeiten, andere haben die Galerien und Museen erreicht.

Die temporäre Street-Art, zu der ich sie locken möchte, ist in der Bülowstraße zwischen den beiden Hochbahnhöfen zu sehen. Die Hochbahn, die für uns heute als stilprägendes historisches Element aus der Straße nicht mehr wegzudenken ist, war für den Theaterkritiker Alfred Kerr eine Scheußlichkeit. Im September 1900 erboste er sich: "Die Bülowstraße hat sich verändert. Welch verblüffender Anblick: das Eisengestell einer Überbahn, grau gestrichen, steigt in plumper Scheußlichkeit empor zwischen den Häusern, zwischen den Bäumchen. Barbarischer, ekliger, gottverlassener, blöder, bedauernswerter, mickriger, schändlicher, gerupfter, auf den Schwanz getretener sieht nichts in der Welt aus. Überall Fortschritt, Entwicklung, Arbeit, Technik und Verhunzung. Ist Technik und Verhunzung nicht zu trennen?"

Doch zurück zur Street-Art. Der Veranstalter Urban Nation lädt immer wieder neue Künstler nach Berlin ein, deshalb wird manches wieder übermalt werden, was jetzt zu sehen ist in der Bülowstraße und in meinen Bildergalerien am Ende dieser Seite. Werbung und Wandbilder können sich so ähnlich werden, dass man erst an dem Kontext sieht, ob hier Kunst oder Kommerz die Hauswand ziert. Beispiele davon zeige ich ebenfalls in meinen Bildern.

Sucht man nach den Initiatoren für das Street-Art-Projekt, so eröffnen sich interessante Zusammenhänge. Veranstalter der Hauswandbemalungen ist die Künstlerplattform URBAN NATION, die mit ihrem Motto „Connect. Create. Care.“ („Verbinden. Erschaffen. Schützen“) über die Kunst hinaus auf Stadtbildpflege verweist. Getragen wird sie von der Stiftung "Berliner Leben", die wiederum von dem Wohnungsbauunternehmen Gewobag gegründet wurde. Wer ist diese Gewobag, die so klug nicht nur Wohnungen vermietet, sondern auch das lebenswerte Umfeld im Blick hat? Alexander Mitscherlich ("Die Unwirtlichkeit unserer Städte") hat beschrieben, wie der Städtebau die darin lebenden Menschen verkümmern lassen kann. Schön zu sehen, dass dieser Aufschrei Früchte trägt und die Kunst ins Stadtbild bringt. In Hellerdorf sollte sogar ein ganzes Plattenbauquartier Wandgemälde erhalten. Ein Großinvestor wollte ein "Europaviertel" auf die Fassaden malen lassen. Es sollte das größte Wandgemälde der Welt werden, aber dazu kam es nicht mehr, der Investor ging zwischendurch pleite, nur ein kleiner Teil wurde realisiert.

Die Gewobag wurde während der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg als "Heimstätten AG Groß-Berlin" gegründet und realisierte große Wohnungsprojekte wie die Reichsforschungssiedlung, die Flusspferdhofsiedlung oder (nach dem Zweiten Weltkrieg) die Paul-Hertz-Siedlung und die Sanierung am Chamissoplatz. Wer erinnert sich noch an den Bäckermeister Schiesser, der den Gewerkschaften das Wohnungsunternehmen 'Neue Heimat' für eine Mark abkaufte? Nach diesem peinlichen, misslungenen Deal wurde in Berlin aus der Neuen Heimat die 'WIR Wohnungsbaugesellschaft', bis - und hier schließt sich der Kreis - die Gewobag die Wohnungen und Anteile übernahm.

---------------------------
(Textversion vom 21.Juli 2015)

---------------------------
Zu diesem Bericht gibt es einen Forumsbeitrag: Schöneberg, Street-Art Bülowstraße (22.6.2015)

--------------------------------------------------------------
... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
--------------------------------------------------------------

--------------------------------------------------------------
... und hier sind weitere Bilder ...
--------------------------------------------------------------

--------------------------------------------------------------
Unsere Route
--------------------------------------------------------------

zum Vergrößern ANKLICKEN



Ein Mohr wird weggezaubert
Sehnsucht nach der Autobahn