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Hinauf auf den Böhmerberg


Stadtteil: Schöneberg
Bereich: Hauptstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Belziger Straße
Datum: 19. Januar 2015
Bericht Nr: 493

Von der Mitte Berlins gehen Fernstraßen strahlenförmig in alle Richtungen. Diese Radialstraßen folgen historischen Routen, deshalb verlaufen sie nicht gradlinig vom Zentrum nach außen. Sie sind städtische Lebensadern, durchqueren das Zentrum, die Innenstadt, die umliegenden Bezirke, die suburbanen Vorstadtbereiche und führen dann aus der Stadt heraus. Die Großstadt hat sich entlang dieser Straßen entwickelt, wurde von ihr geprägt. Verknüpft werden sie durch Ringstraßen, die die Querverbindungen herstellen (1).

Die Bundesstraße 1, die von Aachen bis zur polnischen Grenze bei Küstrin reicht, führt in Berlin als Radialstraße vom Potsdamer Platz bis zur Glienicker Brücke und durchquert dabei Mitte, Tiergarten, Schöneberg und Zehlendorf. Es war Preußens erste gepflasterte Chaussee (1a), lange bevor sie autogerecht ausgebaut wurde. Carl Langhans, der Schöpfer des Brandenburger Tores, hatte die Chaussee 1791 angelegt. Auf der Höhe Lützowstraße - der Ringstraße nach Charlottenburg - wurde an einer Mautstation (Chausseehaus) die Straßenbenutzungsgebühr kassiert. Andere wichtige Verbindungsstraßen waren zu dieser Zeit nur unbefestigte Feldwege oder Triftwege, über die Vieh zur Weide getrieben wurde.

Wir sind heute auf dem Schöneberger Teil dieser Radialstraße unterwegs, der Hauptstraße, von der Ecke Grunewaldstraße kommend den Berg hinauf und dann bis zum Innsbrucker Platz. Der "Berg" bis zum Kaiser-Wilhelm-Platz ist tatsächlich kein Berg, sondern ein Hang des Urstromtals (2). Die Spree hat sich eingegraben zwischen den Hochebenen des Teltow im Norden und dem Barnim im Süden, deshalb muss man hier von Mitte kommend den Hang des Teltow erklimmen. Das ist genau wie am Mehringdamm, der parallel hierzu verläuft. Dort wird das Gefälle für Seifenkistenrennen genutzt, unerschrockene Bastler in ihre selbstgebauten Kisten fahren rd. 350 Meter bergab um die Wette.

Wo liegt eigentlich der Berg von Schöne"berg"? Dieser Hang des Teltow ist jedenfalls nicht der Schöneberg, ja, es gibt und gab hier überhaupt keinen namensgebenden Berg. Die ersten Siedler, die um 1230 im Zuge der Ostkolonisation von den Kurfürsten gerufen wurden, um das ehemals slawische Land zu besiedeln, brachten den Namen "Sconenberch" aus ihrer alten Heimat mit, daraus entwickelte sich der Ortsname Schöneberg. Auch der Mühlenberg, der im Zuge des U-Bahnbaus abgetragen wurde, hat keinen Bezug zum Ortsnamen. Auf einer kaum noch sichtbaren Anhöhe steht dort heute ein Wohnhochhaus, die Straße heißt immer noch "Am Mühlenberg" (3).

Niemand wünscht sich Kriege, Naturkatastrophen, Brände. Aber wenn es dazu kommt, können für die Stadtentwicklung positive Ansätze daraus gezogen werden. Die Frage ist also nicht, ob die Stadt Zerstörung braucht, sondern was sie mit der Zerstörung anfängt. In Chicago vernichtete ein Feuer 1871 große Teile der Stadt, auf sechs Kilometer Länge und einen Kilometer Breite brannte alles nieder - fast alles. Die vorherrschenden alten Holzhäuser wurden vernichtet, aber mehrere Stahlskelettbauten, deren Stahl ummantelt war, widerstanden dem Feuer. Das war der Impuls, wie man feuersicher bauen konnte. Zusammen mit der Erfindung des Fahrstuhls wurden so Hochhäuser und Wolkenkratzer möglich, ein Beispiel für architektonischen Fortschritt durch eine Katastrophe.

In Schöneberg war es die gesellschaftliche, zwischenmenschliche Entwicklung, die durch einen verheerenden Brand vorangebracht wurde. Die Siedler aus Sconenberch waren längst alte Schöneberger geworden, als Friedrich der Große 1750 für Migranten - böhmische Weber - eine Kolonie direkt an das Dorf anschließend errichten ließ (4). Die Zuwanderer siedelten an dem sandigen Hang des Urstromtals, der seitdem Böhmerberg genannt wurde, der offizielle Name war Neu-Schöneberg. Heute erzeugt der Strom vieler Flüchtlinge aus Kriegsgebieten wie Syrien und anderen Ländern in Deutschland Unsicherheit und Ablehnung, das war damals nicht anders. Den Kolonisten wurden Parzellen und Häuser zur Verfügung gestellt und die Lehrer bezahlt. Die Alt-Schöneberger mussten ihnen für eine Textilfabrik einen Flecken Land abtreten, dort entwickelte sich eine erfolgreiche Textilindustrie. Aber die Alteingesessenen blieben misstrauisch und abweisend, verschiedene Sprache, getrennte Kirchenbesuche, unterschiedliche Amtszuständigkeiten vertieften den Graben zu den Zuwanderern.

Als Friedrich der Große während des Siebenjährigen Krieges außerhalb Preußens war, überfielen russische Einheiten zweimal seine Residenzstadt Berlin. Der erste Überfall im Oktober 1757 war eine kurze Geschichte, keine ernsthafte Kriegshandlung. In einem Husarenstreich übernahmen russische Truppen Berlin, erpressten 200.000 Taler Kontribution und zogen sich nach einem Tag wieder zurück, als die preußischen Truppen heranrückten. Zu diesem "Berliner Husarenstreich" gehört folgende Anekdote: Ein Dutzend kostbarer Handschuhe mit Berliner Wappen, das die Russen der verbündeten österreichischen Kaiserin Maria-Theresia zum Geschenk machen wollten, hatten sie zusätzlich als Trophäe erbeutet. Leider hatte die Berliner Manufaktur sie angeführt und nur linke Handschuhe eingepackt.

Der zweite Angriff drei Jahre später durch russische und österreichische Truppen führte erneut zur Besetzung Berlins und zu Plünderungen nicht nur in Berlin, sondern auch in den Vororten. Die Russen fallen in Alt-Schöneberg ein, plündern, zerschlagen, vernichten, misshandeln und stecken nach sieben Tagen vor ihrem Abzug das Dorf in Brand. Nur die Dorfschmiede bleibt stehen, sämtliche Häuser der Alt-Schöneberger werden vernichtet, die Menschen stehen auf der Straße. Dies ist die Stunde der Neu-Schöneberger, sie nehmen die obdachlosen Nachbarn auf. Wegen des Krieges hat Preußen kein Geld, der Wiederaufbau zieht sich hin, aber die Schöneberger wachsen zusammen. Aber erst mehr als einhundert Jahre später wird formal Alt- und Neu-Schöneberg zu einer Gemeinde zusammengeschlossen.

Unsere Wanderung entlang der Hauptstraße bringt uns mehrfach in Kontakt mit früheren Spaziergängen und zu den Häusern und Geschichten, die sich hiermit verbinden. Von der Grunewaldstraße zur Hauptstraße gehen die Meisenbach-Höfe durch, mit denen sich ein Quantensprung beim Drucken von Bildern verbindet. Georg Meisenbach löste Bilder in Rasterpunkte auf, jetzt konnten sie ohne Umweg über manuell angefertigte Gravuren direkt gedruckt werden. Sein Unternehmen wurde zu Europas größter grafischer Kunstanstalt (5).

An der Belziger Straße mit Zugang von der Hauptstraße lag das Maison de Santé (6), eine Heilanstalt für "Gemütskranke", die nach der modernen, naturwissenschaftlichen Psychiatrie ausgerichtet war. Der Krankenhausbetrieb endete mit dem Ersten Weltkrieg, danach wurde die Belziger Straße über das Krankenhausgelände hinweg zur Vorbergstraße verlängert.

Das Postamt Schöneberg in der Hauptstraße und das Postfuhramt West in der Belziger Straße sind miteinander verbunden (6), wurden aber zu unterschiedlichen Zeiten geschaffen. Das um 1900 erbaute Postamt, ein Bau des Historismus mit Merkmalen der Renaissance, steht in starkem Kontrast zum Postfuhramt aus den 1920er Jahren im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Die Kaisereiche an der Rheinstraße erinnert an die Goldene Hochzeit des Kaisers Wilhelm I. mit seiner Auguste (7). Das ist nur drei Kilometer entfernt von dem Gedenkstein an der Hauptstraße, den Schöneberger Veteranen aus demselben Anlass errichtet haben. Von einem Schmuckzaun umgeben, steht der Stein auf der Mittelinsel in Höhe des Friedhofs. Die Mittelinsel war einmal die Dorfaue von Schöneberg, hier stand auch die Schmiede, aber nie die Dorfkirche. Gegenüber der Dorfaue in Alt-Schöneberg sind die Dorfkirche, der Kirchhof, das Stadtbad und der Heinrich-Lassen-Park benachbart. Und eine zweite evangelische Kirche steht hier, die Paul-Gerhardt-Kirche, ein dynamischer Sichtbetonbau mit einem zeltförmigen Dach. "Gottes Doppelhaus" nennt der Tagesspiegel die beiden Kirchen, deren Unterhalt sich die Gemeinde kaum noch leisten kann.

Gegenüber der Dorfkirche wurde 1937 der "Prälat Schöneberg" für Bälle und Veranstaltungen errichtet. Heute steht hier ein Lidl-Supermarkt, nachdem der Prälat 2007 nach langem Leerstand und Verfall zum größten Teil abgerissen wurde. An ein früheres Jagdschlösschen an diesem Platz erinnert nur noch ein Bodendenkmal, das in der Denkmaldatenbank eingetragen ist. Der dort vermerkte Hof des ehemaligen Gutes dürfte mit dem Lidl-Parkplatz identisch sein.

Die Nähe Schönebergs zu Berlin war für den Ort Fluch und Segen gleichzeitig. Bevor beides in Groß-Berlin aufging, hatten die Schöneberger 1881 bereits große Gebiete an der Potsdamer Straße an Berlin abtreten müssen, nur ein Drittel der Einwohner verblieb dadurch bei Schöneberg. Andererseits entdeckten die Berliner den Ort als Ausflugsziel ("Es war in Schöneberg / im Monat Mai / ...") und bauten zahlreiche Wohnhäuser dort, so dass die Einwohnerzahl schnell wieder anstieg. Zum Leidwesen der Schöneberger hatte das Zunftwesen verhindert, dass ein Schmied sich dauernd dort ansiedeln durfte, es gab hier nur eine "Laufschmiede". Auch ein Bäcker war hier nicht erlaubt, die Berliner Zünfte hatten den Wettbewerb im Umkreis der Stadt verboten.

In den 1820er Jahren änderte sich die agrarische Ausrichtung Schönebergs. Der Militärfiskus erwarb Land zur Anlage einer Pferderennbahn an der Naumannstraße und die Berlin-Potsdamer Eisenbahngesellschaft kaufte Grundstücke parallel zur Hauptstraße zum Bau der Strecke nach Potsdam. Die Aufgabe der Hütungsrechte für die Schäfereien und der Bewirtschaftung der Felder vollzog sich gegen viele Widerstände, führte dann aber zu einem stetigen Geldstrom für Landverkäufe und Ablösungsverhandlungen. Lange bevor die Gründerjahre im 1871 neu geschaffenen Kaiserreich einen Boom auslösten, waren die Schöneberger zu "Millionenbauern" geworden, auch die Parzellierung und Wohnbebauung der Grundstücke trug dazu bei. Straßenbeleuchtung, Wasserversorgung und Kanalisation wurden eingerichtet, die zu Reichtum gekommenen Bauern errichteten sich Villen, von denen entlang der Hauptstraße einige erhalten geblieben sind.

Drei Jahre lang hat die Rocklegende David Bowie zu West-Berliner Zeiten in der Hauptstraße 155 gewohnt, drei Alben entstanden in der Stadt zwischen 1976 und 1979, seine „Berlin-Trilogie“. Die BZ - zu Besuch in "Bowies Berliner Bude" - weiß, dass die Wohnung 240 Quadratmeter groß war, in jedem Zimmer hätten Matratzen gelegen. Im Berufsbekleidungsladen am Mehringdamm hätte er einen "Blaumann" gekauft, er aß gern Steaks mit Bratkartoffeln. Große Frauen hätten es ihm angetan, Männer überhaupt nicht, sagt eine Modeschöpferin, die seine West-Berliner Zeit miterlebt hat. Genug davon, aber soviel „Bowiemania“ musste sein, schließlich ist der Mann gerade 65 geworden.

Nicht in der Hauptstraße, aber um die Ecke in der Belziger Straße finden wir ein Restaurant, das sich als "Das Mittelmeer in Schöneberg" lobt und den Hunger und Durst der Flaneure stillen kann.

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(1) Die Gürtelstraße, eine Ringstraße: Zwei Berliner Senate stürzen über ihre Baupolitik
(1a) Berlins erste gepflasterte Chaussee: Die erste preußische Chaussee
(2) Mehr zum Urstromtal: Urstromtal
(3) Der Berg von Schöneberg: Erziehen mit Geduld und Arbeit
(4) Mehr über böhmische Kolonisten: Böhmische Kolonisten
(5) Meisenbach-Höfe: Fortschritt durch optische Täuschung
(6) Maison de Santé: Unschuldigste Beruhigungsmittel
(7) Kaisereiche: Schießen Sie nicht auf den Kaiser



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Schießen Sie nicht auf den Kaiser
Ein Mohr wird weggezaubert