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Säuglingspalast mit Kuhstall


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Sophie-Charlotten-Straße
Stadtplanaufruf: Berlin, Heubnerweg
Datum: 4. November 2013
Bericht Nr: 440

"Am 11. April 1921 vollendete sich im Schloß Doorn ein Menschenleben, das alle Höhen und alle Tiefen, alle Lust und alles Leid dieser Welt durchmessen hat, Deutschlands dritte Kaiserin Auguste Viktoria ist dort zur ewigen Ruhe eingegangen. Wir Berliner gedenken der Tage, da sie die Unsre wurde, da sie am 27. Februar 1881 an der Seite des Prinzen Wilhelm von Preußen von Bellevue in Berlin einzog. Wie schlugen da der jungen deutschen Fürstentochter die Herzen entgegen, wie jubelte man, als der erste Sohn geboren wurde: Hurra! Auguste Viktoria wurde Deutschlands Kaiserin. Aller Glanz äußerer Herrlichkeit senkte sich auf sie herab, aber stets blieb sie in ihrer schlichten Würde die gütige, mütterliche, fromme deutsche Frau, die nicht glänzen wollte, sondern helfen, die nicht herrschen wollte, sondern dienen. Ihr warmes Herz gehörte den Notleidenden, den Kleinsten, den Ärmsten. Das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus für Säuglingspflege wurde ihr Werk, der Not der Heimatarbeiterinnen suchte sie zu steuern, und als Berlin zur Riesenstadt anwuchs, da sorgte sie nicht nur für Kirchen, sondern durch die Frauenvereine auch für Schwestern, die in Krankheitsfällen pflegten und an der Mütter Stelle für Haus und Kinder sorgten. So wirkte sie ohne jede Frömmelei, Gott dienend durch ihre Tat."

Mit soviel kaisertreuem Pathos wurde 1921 Auguste Victorias Tod beweint, kaum zu glauben, dass die letzte deutsche Monarchie drei Jahre vorher nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs untergegangen war. Nimmt man das Pathos weg, dann bleiben die Aktivitäten von Auguste Victoria für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen (gern als "Bekämpfung" von Missständen tituliert). Aus dem "Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein zur Bekämpfung des religiös-sittlichen Notstands" ging der "Evangelische Kirchenbau-Verein" hervor. Den Einsatz Auguste Victorias für den Bau evangelischer Kirchen in den vielen neuen Siedlungen der Stadt würdigten die Berliner mit dem schnodderigen Ehrentitel "Kirchenjuste" (1). Zu ihren sozialen Projekten gehörten der "Deutscher Frauenverein zur Pflege und Hilfe für Verwundete im Kriege", kurz "Vaterländischer Frauenverein" genannt, die Deutsche Rot-Kreuz-Gesellschaft und das "Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im deutschen Reiche".

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts starben in Deutschland fast eine halbe Million Säuglinge in den ersten Lebenswochen, die Säuglingssterblichkeit lag bei über 20 Prozent. Mediziner entwarfen auf Initiative der Kaiserin die Institution des Kaiserin-Auguste-Victoria-Hauses (KAVH), das dann die Geburtsstätte der Kinderheilkunde und der Sozialpädiatrie werden sollte. Der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann und der Architekt Alfred Messel mit seinem Mitarbeiter Edmund May errichteten die Gebäude am Heubnerweg angrenzend an den Schlosspark. In diesem "Säuglingspalast mit Kuhstall" ging es vordergründig darum, die Säuglingsernährung zu erforschen, hierzu gehörte auch die Gewinnung der Kuhmilch in einem eigenen Stall und ihre Aufbewahrung und Verarbeitung. In den Gebäuden gab es Laboratorien und ein Krankenhaus mit Entbindungsabteilung, Neugeborenenstation, Krankenstation für Kinder, Mütterheim. Auch die Aufklärung der Eltern, Schwestern, Fürsorger und Behörden mit Schulungsmaterial und Kursen leistete das KAVH, dessen Abkürzung von Eingeweihten mit liebevollem Unterton als "Kaff" ausgesprochen wird.

Ich fühle mich dem KAVH besonders verbunden, schließlich bin ich dort geboren, es ist sozusagen das Haus, das ich am längsten in Berlin kenne. Allerdings wurde inzwischen der Standort Heubnerweg aufgegeben, das KAVH ist seit 1995 Teil des Rudolph-Virchow-Klinikums. In einigen ehemaligen Krankenhausbauten sind heute ein Max-Planck-Institut und eine Europäische Wirtschaftshochschule untergebracht.

In unmittelbarer Umgebung - zwischen Schlosspark und Güterbahnhof Charlottenburg - siedelten sich nach 1900 das Wilhelm-Stift "zu Gunsten hilfsbedürftiger Witwen und Jungfrauen der gebildeten Stände", ein Siechenhaus und eine Frauenklinik an. Aus dem Siechenhaus (Städtisches Bürgerhaus-Hospital) wurde später das Max-Bürger-Krankenhaus. Die Frauenklinik in der Pulsstraße und das Max-Bürger-Krankenhaus entlang der Sophie-Charlotten-Straße wurden vor Jahren mit anderen Krankenhäusern zusammen gelegt und als Standorte aufgegeben. Zur Zeit ist dort eine riesige Buddelgrube, das gesamte Gelände ist so groß wie der Weinbergspark in Mitte, mehr als 600 Wohnungen sollen hier in Neubauten und den denkmalgeschützten ehemaligen Krankenhausbauten entstehen.

Der Güterbahnhof Charlottenburg an der Westseite der Sophie-Charlotten-Straße ist nicht mehr in Betrieb. Die neben den Gleisen errichtete Stadtautobahn schwingt sich hier auf der Rudolf-Wissell-Brücke 16 Meter hoch, vergleichbar dem obersten Geschoss eines Miethauses. Sie erzeugt einen gleichbleibenden Geräuschpegel, der auch in den neuen Wohnungen zu hören sein wird. Jenseits der Bahn liegt eine Flanke des Krankenhauses Westend am Fürstenbrunner Weg. Der Luisenfriedhof III und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisfriedhof schließen sich dort nach Norden an, auch dort ist der beständige Autoverkehr auf Stadtautobahn und Fürstenbrunner Weg eine nicht zu überhörende akustische Umweltverschmutzung. Das hält uns nicht davon ab, den beiden Friedhöfen einen Besuch abzustatten. Die Villa Lemm in Gatow hat uns hierzu angeregt, hat sich doch der Schuhcremefabrikant Lemm hier in Sichtweite seines Fabrikgebäudes (Nonnendamm 17) ein Mausoleum errichten lassen (2).

Der Luisenfriedhof III gehört zu dem ehemaligen Dorf Lietzow (Charlottenburg) (3). Die Luisenfriedhöfe zeichnen die Randwanderung der Berliner Friedhöfe nach, die zum Schutz vor Seuchen vor der Stadt angelegt wurden und vor der sich ausdehnenden Stadt immer weiter nach außen gedrängt wurden (4). Der ehemalige Kirchhof Alt-Liezow war bereits 1815 vor die Charlottenburger Stadtgrenze an der Guerickestraße Ecke Cauerstraße verlegt worden (Luisenfriedhof I). Gut 50 Jahre später wurde an der Königin-Elisabeth-Straße als räumliche Erweiterung der Westend-Friedhof (Luisenfriedhof II) angelegt, auf dem vor allem alteingesessene Westender Familien ihre letzte Ruhestätte fanden. Weitere 20 Jahre danach entstand der Friedhof des "Neuen Westens und der neuen Reichen" (Luisenfriedhof III) an der nördlichen Verlängerung der Königin-Elisabeth-Straße, die hier Fürstenbrunner Weg heißt. Die nördliche Spitze des Grundstücks wurde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Bestattungsgelände abgetreten.

Der Luisenfriedhof III ist als Park in geometrischer Form angelegt. Linden, Ahorn, Buchen, Eichen säumen die Alleen, monumentale Erbbegräbnisse stehen als Prachtstraße der Toten entlang der Westseite des Friedhofs und um die Kapelle herum. Das Grab des 1894 gestorbenen Ägyptologen Heinrich Brugsch ist mit einer 6000 Jahre alten Grabplatte von einem Königsgrab in Sakkara verschlossen. Selten sieht man so viele Skulpturen auf einem Begräbnisfeld, selten bringen so viele Namen der Toten die eigenen Gedanken zum Laufen, die Assoziationen zum Klingen. Fabrikbesitzer, Kammersänger, Architekten, Politiker, Physiker, Pfarrer, Kabarettisten, Schriftsteller, Journalisten, bekannte Namen wie Aschinger, Grisebach, Cauer, Jebens, Lohmeyer, Bleibtreu, Dernburg, Günter Neumann und Tatjana Seis ("Die Insulaner").

Erbbegräbnisse, die aufgegeben wurden und zu verfallen drohen, sind von der Friedhofsleitung weitblickend zu Gemeinschaftsgräbern umgestaltet worden. Die Friedhofskultur hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, Angehörige fühlen sich vielfach nicht mehr für die Grabpflege verantwortlich, Gedenken ist nicht mehr an den Friedhof als Ort gebunden. Beisetzungen erfolgen "still" (ohne Trauerfeier), anonym (ohne Kennzeichnung des Grabes) oder in Gemeinschaftsgräbern (Namen der Verstorbenen werden auf einer Platte angebracht). Beim Billig-Bestatter oder Begräbnis-Discount kann man im Internet die gewünschte Bestattungsart aussuchen, die Preise vergleichen und die Beerdigung buchen. Die Erbbegräbnisse als Gemeinschaftsgräber anzubieten, mit Namenstafeln der hier Bestatteten, hilft beiden: der Friedhof kann die Grabdenkmale retten, die Angehörigen haben keine Verpflichtung für die Grabpflege.

Lassen wir das traurige Thema mit einem Griff ins volle Leben ausklingen, einem Grabspruch, den ich auf einem anderen Friedhof gefunden habe:
Hier ruht mein teures Weib / In dieser Grabeshöhle
Wir waren oft ein Leib / Doch niemals eine Seele

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(1) Kirchenjuste: Kirchenbauverein, "Kirchenjuste"
(2) Schuhcremefabrikant Lemm: Rückzug ins Taubenhaus
(3) Lietzow/Charlottenburg: Der Regent an seinem Platz
(4) Randwanderung der Friedhöfe: Wandernde Friedhöfe und Fabriken


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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