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Die Unergründlichkeit der menschlichen Existenz


Stadtteil: Kreuzberg
Bereich: Mehringplatz bis Platz der Luftbrücke
Stadtplanaufruf: Berlin, Mehringdamm
Datum: 25. April 2016
Bericht Nr: 543

Den Arzt Gottfried Benn umgab ein geheimnisvolles Dunkel, im Doktorkittel hätte er ausgesehen wir ein Schlächter, schreibt eine heutige lokale Chronik. Grobes hätte in seinem Blick gelegen, mit seinen gierigen Augen hätte er in einem Fassbinder-Film eine Rolle als Getriebener oder Frauenmörder spielen können. Aus seiner Wohnung im 5.Stock hätte sich seine Freundin Lili Breda auf die Straße in den Tod gestürzt. Da sind aber dem Schreiberling ein paar Sicherungen durchgebrannt, und selbst vor einem zurechtgebogenen Zitat aus einem Brief Benns schreckt er nicht zurück. Das Haus Mehringdamm Ecke Yorckstraße, in dem Gottfried Benn seine Hautarztpraxis betrieb und in dem er auch wohnte, hatte schon immer nur drei Etagen, da kann man schlecht aus dem 5.Stock springen. Doch den Selbstmord der arbeitslosen Schauspielerin in der Zeit der Weltwirtschaftskrise hat es leider wirklich gegeben, Lili hatte ihn noch telefonisch bei Benn angekündigt. Doch als er mit dem Auto an ihrer Wohnung in der Pariser Straße ankam, war die Feuerwehr bereits dabei, "den gebrochenen Körper aufzuheben".

Halten wir also einen Moment beim Flanieren inne und schauen auf den Lyriker und Essayisten, den Arzt Gottfried Benn, der die Frauen liebte. "Er ist halb Tiger, halb Habicht ... ebenso herb wie derb, ebenso zart wie weich", schrieb Else Lasker-Schüler, die er als 26jähriger kennen lernte, als er seine erste Gedichtsammlung veröffentlicht hatte. Diese radikale Lyrik über die Banalität der menschlichen Existenz - das Aufschlitzen lebloser Körper im Leichenschauhaus und die Schmerzensschreie im Geburtshaus - hatte einen Skandal ausgelöst, aber auch Gottfried Benn auf einen Schlag bekannt gemacht.

Das Liebespaar Lasker-Schüler/Benn hinterließ literarische Spuren. Sie schrieb ("Mein Liebeslied"):
......Wie ein heimlicher Brunnen
......Murmelt mein Blut
......Immer von dir
......immer von mir

Und richtete an "ihren Giselheer", wie sie ihn nannte, expressionistische Zeilen wie:
......Sieh meine Farben
......Schwarz und stern
......(Ich) mag den kühlen Tag nicht
......Der hat ein Glasauge

Er widmete ihr öffentlich eine Gedichtsammlung, die aber schon vom Ende der Beziehung kündete. "Hoffen heißt: vom Leben falsche Vorstellungen haben", hatte er zu anderer Gelegenheit geschrieben. Bei allem Ringen um die Unergründlichkeit der menschlichen Existenz führte Benn ein "Doppelleben" (so nannte er selbst eine Autobiographie). Er wuchs mit Dorfjungs und Adelskindern auf, war Militärarzt in beiden Weltkriegen, öffnete nach beiden Kriegen eine eigene Arztpraxis, engagierte sich für den Nationalsozialismus und bekam bald Berufsverbot, blieb während des Dritten Reiches in Deutschland und ging in die "innere Emigration", wurde im Nachkriegsdeutschland nicht mehr gedruckt und dann wieder entdeckt, bekam das Eiserne Kreuz im Ersten Weltkrieg und das Bundesverdienstkreuz. Er war verheiratet und lebte allein, Ehefrau und Tochter hatten eine Wohnung in der Passauer Straße, damit er bei seiner Leidenschaft für andere Frauen ungestört blieb.

Von 1917 bis 1935 hatte Gottfried Benn seine Wohnung am Mehringdamm Ecke Yorckstraße. Die Medikamente kauften seine Patienten in der "Belle-Alliance-Apotheke", die heute noch im Erdgeschoss vorhanden ist. Ihr Name verweist darauf, dass der Mehringdamm früher "Belle-Alliance-Straße" hieß. Der Straßenname verwies auf die letzte Schlacht der Befreiungskriege, mit denen Napoleon endgültig aus Preußen vertrieben worden war.


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Waterloo ist uns als Synonym für Niederlage bekannt und bezeichnet denselben Ort der Schlacht in Belgien, allerdings aus britischer Sicht. General Wellington verwendete "Waterloo", dem deutschen Feldmarschall Blücher gefiel "Belle Alliance" ("Schöne Verbindung") wegen der Doppeldeutigkeit mehr. Denn in dem Gasthof dieses Namens hatte Napoleon sein letztes Quartier aufgeschlagen. Allerdings hieß der Gasthof schon vor der Schlacht so, der örtliche Volksmund hatte die Heirat der alternden Wirtin mit einem jungen Knecht damit auf die Schippe genommen.

Die Umbenennung von Straße, Platz und Landwehrkanal-Brücke nach dem Gewerkschafter Franz Mehring 1946 kurz nach dem Zweiten Weltkrieg - noch bevor West-Berlin und Ost-Berlin sich teilten - ist wohl als freundliche Geste gegenüber der französischen Besatzungsmacht zu deuten. Die Friedenssäule mit der Victoria in der Platzmitte und die sitzende Friedensstatue am Platzrand blieben unangetastet. 200 Jahre nach der Schlacht fragte sich ein Kolumnist der "auflagenstärksten Berliner Zeitung B.Z." im Jahre 2015, warum "Berlin das Jubiläum von Waterloo vergessen hat". Er meinte die Schlacht von "Belle Alliance", kannte wohl den Namenszusammenhang nicht. Man kann sich fragen, warum Deutschland heute einen Sieg über den französischen "Erbfeind" feiern sollte, wo es schon genug Trennendes in Europa gibt.

Die an den Mehringdamm nach Osten angrenzende Parallelstraße - die Nostitzstraße - verläuft mehr als 200 Meter entfernt. Weiter östlich haben die Parallelstraßen nur 130 Meter Abstand. Dadurch sind am Mehringdamm sehr tiefe Grundstücke entstanden, die mit Fabrikhöfen bebaut wurden wie beispielsweise den Sarotti-Höfen. Und es war sogar noch Platz genug, um einen Schulkomplex in der Innenfläche des Karrees hinter den Höfen zu errichten.

Berlins Stadtbaurat Hermann Blankenstein baute drei Gemeindeschulen mit Zugang von der Gneisenaustraße 7 aus und eine Realschule am Mehringdamm 59. Wie an allen seinen öffentlichen Gebäuden hat Blankenstein auch bei diesen Schulen ein Medaillon mit einem Berliner Bären hoch oben an der Fassade angebracht. Die Eingangstür am Mehringdamm ist heute mit einer Kette verschlossen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. Für ein "hurra, hurra, die Schule schließt" ist es aber zu früh, auch sie wird über die Gneisenaustraße erreicht


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Auch der Eingang zum Mehringhof - dem ehemaligen Fabrikareal der Schriftgießerei Berthold AG - befindet sich in der Gneisenaustraße. Linksalternative hatten 1979 zur Überraschung der Öffentlichkeit das Fabrikgrundstück gekauft und zum alternativen Kulturzentrum ausgestaltet. Für die Polizei war diese Konzentration von linken Gruppen an einem Ort ganz praktisch, mehrfach erstürmte oder durchsuchte sie den Mehringhof wegen vermuteter illegaler Aktionen unterschiedlicher Gruppen. In unserer Zeit, da die Grünen sogar einen Ministerpräsidenten stellen, ist es ruhig geworden um das "Kultur-, Gewerbe- und Freizeitzentrum, das offen ist für Interessierte und Engagierte, für Nachbarn und Zugereiste".

Eine Automobilfabrik am Mehringdamm 33 erstreckte sich über fünf Hinterhöfe. Später produzierten hier Fabriken wie "Nordland Deutsche Schneekettenfabrik GmbH“ und "Maschinenfabrik Gebrüder Bilz", die im Zweiten Weltkrieg Rüstungsprodukte herstellten und dafür Zwangsarbeiter beschäftigten. Durch einen Zufall ist eine Akte des Kreuzberger Gesundheitsamtes aus jener Zeit erhalten geblieben, in der mehrere hundert Betriebe und Lager im Bezirk im Zusammenhang mit Zwangsarbeit verzeichnet sind. Am Mehringdamm ermittelten Forscher zwölf Orte, die zur Zwangsarbeit in Beziehung standen. Beispielsweise Betriebe wie Telefunken, der Fahrzeug- und Maschinenbauer Adler-Werke, die Schriftgießerei Berthold, die „Deutsche Benzinuhren-Gesellschaft mbH“, eine Signalapparatefabrik, eine Chemiefabrik und mehrere Maschinenfabriken. Dabei war der Mehringdamm (damals noch "Belle-Alliance-Straße") kein besonderer Schwerpunkt, in Friedrichshain-Kreuzberg wurden an insgesamt 50 Standorten Gedenktafeln zur Erinnerung an die Zwangsarbeit angebracht. Die meisten dieser Gedenktafeln sind aber im Laufe von 14 Jahren verschwunden.

Der Mehringdamm mündete früher am Blücherplatz ein, heute geht er westlich davon in die Wilhelmstraße über. Beginnend mit den 1960er Jahren wurde der Mehringplatz nach den Plänen von Hans Scharoun in eine „bewohnbaren Stadtlandschaft“ umgestaltet. Gleichzeitig wurde am Blücherplatz die Amerika-Gedenkbibliothek gebaut, Teile der Friedhöfe vor dem Halleschen Tor hat man für den Straßenbau eingeebnet. Das Grundstück am Tempelhofer Ufer Ecke Mehringdamm wurde diagonal durchschnitten, das seit 1842 dem Rotherstift gehört hatte, einem Damenstift zur Versorgung hilfsbedürftiger, unverheirateter Töchter verstorbener Staatsdiener. Glücklicherweise hatte sich das Stift schon in den 1890er Jahren - also lange vor der Straßenverlegung - entschieden, das Stiftshaus vor dem Halleschen Tor zu verkaufen, und dabei das Hundertfache(!) seines ursprünglichen Werts erzielt. In Lichterfelde ist dann ein neugotischer Backsteinkomplex für die hilfsbedürftigen Damen in einem parkähnlichen Straßenkarree entstanden.

Dem Rotherstift am Mehringdamm benachbart war die Kaserne für das 1. Garde-Dragoner-Regiment, die 1855 auf der grünen Wiese (Upstall) errichtet wurde. Das bis heute stadtbildprägende Mannschaftsgebäude entstand am Blockrand der Belle-Alliance-Straße. Dahinter lagen Reitbahn, Reithalle und Stallungen, deren Gebäude mehrere Innenhöfe umschließen. Als 1919 nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs eine bewaffnete Auseinandersetzung aufflammte - der Spartakusaufstand -, beteiligten sich die Dragoner mit Gewaltexzessen an dessen Niederschlagung. Die militärische Nutzung der Kaserne endete dann schnell in den 1920er Jahren, der Versailler Friedensvertrag hatte die Deutschen zur Abrüstung verpflichtet.

In das Mannschaftsgebäude, das wie eine mittelalterliche Kastellburg in einer Länge von 188 Metern die Straße flankiert, zieht 1923 ein Finanzamt ein, die dahinter liegenden Gebäude werden an Betriebe des Kraftfahrzeuggewerbes vermietet. Eine Autowaschhalle mit Tankstelle entsteht (heute ein Bio-Markt). In der Verlängerung der Kaserne wird 1927 ein Bürogebäude - das "Rheinlandhaus" - gebaut, das allerdings nach knapp 40 Jahren wieder abgerissen wird, weil es der Verschwenkung des Mehringdamms im Wege ist. Und plötzlich sind durch den diagonalen Schwenk nördlich der Obentrautstraße Grundstücke von einer Seite des Mehringdamms auf die andere Seite gerutscht.



Vor der Kaserne kann man in den U-Bahnhof Mehringdamm heruntergehen, der gerade sein Tonnengewölbe zurückerhalten hat, indem man die abgehängte Decke entfernt hat. Der U-Bahnhof war 1924 durch Alfred Grenander mit den Gewölbedecken für die Nord-Süd-Verbindung geschaffen worden. Als Rainer G. Rümmler 1965 die U-Bahnlinie Spandau-Rudow in den Bahnhof einfädelte, hängte er dem Zeitgeist entsprechend die Rundung ab. Wenn der U-Bahnzug mit Kreischen am südlichen Bahnhofsende aus Richtung Gneisenaustraße kommend aus der Tiefe auftaucht, dann merkt auch der Laie, dass hier eine ungewöhnliche Kurve gefahren wird. Die scharfe Krümmung mit der ungewöhnlichen Steigung ist durch ein Signal abgesichert, das auf Geschwindigkeit reagiert, damit der Zug nicht auf dem Bahnsteig landet.

Beim Flanieren auf dem Mehringdamm werden wir durch einen Radfahrer aufgeschreckt, der - auf dem Bürgersteig fahrend - mit Lautsprechern und umgehängten Texttafeln auf sich aufmerksam macht. Es ist Aydin Akin, ein Berliner Türke, der lautstark dafür wirbt, dass hier lebende Ausländer bei Kommunalwahlen und Volksabstimmungen mitwählen dürfen. Akin ist Betriebswirt, er berät in Lohnsteuersachen, daher sein Argument "Wir sind auch Steuerbürger".

Ein italienisches Lokal an belebter Straßenecke suchen wir uns für unser abschließendes Flaniermahl aus. Der touristische Andrang lässt hier die Preise für Vorspeisen auf Hauptspeisenniveau klettern, und so bleibt der Magen bescheiden versorgt.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Revolutionsbedarf und Graffiti
Die Stunde ruft mit eingefrorenen Zeigern