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Im Vorgarten reitet der Kaiser


Stadtteil: Steglitz
Bereich: Lichterfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Hans-Sachs-Straße
Datum: 5. Oktober 2015
Bericht Nr: 524

In Lichterfelde-West steht abseits von Bahnhof und Einkaufszentrum in einem parkähnlichen Straßenkarree ein neugotischer Backsteinkomplex, den man für ein Kloster halten könnte. Es ist das Rother-Stift, gegründet als Versorgungsanstalt für hilfsbedürftige, unverheiratete Töchter verstorbener Staatsdiener. Es verdankte seine Existenz dem Königlichen Leihamt, bei dem man Wertgegenstände als Pfand hinterlegen konnte, um sie vorübergehend zu Geld zu machen. Konnte man sie bei Fristablauf nicht auslösen, wurden sie versteigert. Diese Institution sollte dem Wucher privater Pfandleiher entgegenwirken, verdiente aber selbst auch gutes Geld mit dem Pfandgeschäft.

Aus den Überschüssen des Königlichen Leihamts ist der Bau des Rother-Stifts 1898 finanziert worden. Initiator und Namensgeber war Christian Rother, der Chef der Preußischen Seehandlung, die das Leihamt führte. Der Name "Seehandlung" ist ein irreführendes historisches Relikt, denn tatsächlich war es eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft, die sich zur Preußischen Staatsbank entwickelte. Als der junge König Friedrich II. sich nach zwei Jahrzehnten Schlesischer Kriege wieder seinem Land zuwandte, fand er Preußens Wirtschaft in einem erbärmlichen Zustand vor. Er gründete die Preußische Seehandlung, um mit eigener Flotte den Handel mit den Kolonialmächten Frankreich, Spanien und Portugal voranzubringen. Neben dem Überseehandel erwarb das Staatsunternehmen Industriebeteiligungen und finanzierte Straßenbau und Eisenbahnen. Der Bankbetrieb wurde schließlich zum Kerngeschäft, so dass 1914 die Umbenennung in Preußische Staatsbank (Seehandlung) erfolgte. Heute ist die Seehandlung eine gemeinnützige Stiftung, die kulturelle und wissenschaftliche Projekte fördert.

Das Rother-Stift mit seinen Stiftsdamen, die jede eine eigene Wohnung hatten und unentgeltlich untergebracht, verpflegt und ärztlich betreut wurden sowie "Jahrgelder" (Renten) erhielten, gibt es nicht mehr, der Bau blieb aber weitgehend unverändert erhalten. Heute vermietet der Beamten-Wohnungsverein die 46 Zweizimmerwohnungen, deren Grundrisse ebenfalls kaum verändert wurden.



Die Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahngesellschaft hat 1874 an der damaligen Bahnstraße - heute Köhlerstraße - ein Ensemble von vier Wohnhäusern für die Bahnbeamten auf einem Grundstück gebaut, das ihnen Johann Anton Wilhelm von Carstenn zur Verfügung stellte. Carstenn hatte die Rittergüter Lichterfelde und Giesensdorf gekauft und 1877 zu Groß-Lichterfelde zusammengelegt. Nach dem Kauf begann die Entwicklung zu einer Villenkolonie. Damals in der Zeit vor der Motorisierung war es üblich, dass ein Terrainentwickler für den Bahnanschluss sorgte, um seine Siedlung vermarkten zu können. So hatte Carstenn nicht nur dieses Grundstück bereitgestellt, sondern auch den Bahnhof Lichterfelde-West erbauen lassen. Später entstand hier auch ein Güterbahnhof, an dessen Ladestraße sich Händler für Baustoffe und Brennmaterialien ansiedelten.

Der Bahnhofsvorplatz erhielt ein geradezu großstädtisches Flair mit dem West-Bazar, einem modernen Kaufhaus mit mehreren Geschäften unter einem Dach und dem Ermisch-Haus mit seiner ungewöhnlich bemalten Fassade. Toskanischen Villen im Belvedere-Stil ("schöne Aussicht") nachempfunden sind zwei Gebäude mit Aussichtstürmen: das Bahnhofs-Empfangsgebäude und eine Villa in der angrenzenden Curtiusstraße.



Begonnen hatte die verkehrsmäßige Erschließung aber am Bahnhof Lichterfelde-Ost an der Anhalter Bahn. Der erste Zug hielt dort im September 1868. Da die Siedlung noch mehr einem Acker glich, ließ Carstenn hunderte von Lorbeerbäumen entlang der Straße aufstellen, auf der die Ehrengäste mit Pferd und Wagen zum "Pavillon-Restaurant" am heutigen Hindenburgdamm gebracht wurden. 1871 schenkte Carstenn dem preußischen Staat das Baugelände für die Hauptkadettenanstalt an der Finckensteinallee und übernahm zusätzliche Verpflichtungen wie den Bau von Wasserwerk und Gasanstalt, die Straßenpflasterung, der Transport des Baumaterials zur Kadettenanstalt, die Finanzierung von Offiziers-Dienstwohnungen. Mit dieser Marketingmaßnahme, mit der er neue Bewohner in die Siedlung locken wollte, hatte er sich übernommen, sie führte ihn letztlich in den Ruin.

Die erste elektrische Straßenbahn fuhr 1881 vom Bahnhof Lichterfelde-Ost zur Kadettenanstalt. Anfangs wurde der Strom über die Schienen zugeführt, wodurch Menschen oder Droschkenpferde beim Überschreiten der Gleise mehr oder weniger heftige Stromschläge bekommen konnten. Neun Jahre später wurde auch vom Bahnhof Lichterfelde-West über die Baseler Straße und den Kadettenweg eine Straßenbahnlinie zur Kadettenanstalt in Betrieb genommen.

Im Nachkriegs-Berlin lag Lichterfelde im amerikanischen Sektor. Die Amerikaner hatten hier drei Kasernen - Andrews Barracks (Kadettenanstalt), Roosevelt Barracks (Gardeschützen), McNair Barracks (Goerzallee) - und eine "Ortskampfanlage", die Parks Range in der Osdorfer Straße. Außerdem das US Army Hospital in der Fabeckstraße und den Militärbahnhof RTO (Rail Transportation Office) Lichterfelde-West. Der Militärbahnhof wurde auf dem ehemaligen Güterbahnhof eingerichtet, von hier fuhren die Militärzüge durch die DDR nach Helmstedt, Frankfurt/Main und Bremerhaven. Der Bahnhof diente sowohl dem Personen- als auch dem Güterverkehr. Täglich verkehrten vier "Duty Trains" im Personentransitverkehr, in der Hans-Sachs-Straße konnten Anwohner manchmal die bahnhofsüblichen herzzerreißenden Abschiede von Liebespaaren miterleben. Aber auch Panzer rollten durch Lichterfelde, um auf dem Bahnhof verladen zu werden. Berliner Jungs konnten am Bahnhof aus Automaten amerikanischen Ice-Cream ziehen, wenn sie über die nötigen "Coins" verfügten. In der Notzeit nach dem Krieg profitierten Anrainer davon, dass sie den Koks aufsammeln konnten, der von den großen Lastwagen der Amerikaner heruntergefallen war.

Nach der Wiedervereinigung wurde der Militärbahnhof abgerissen. Eine riesige Baugrube hat sich hier geöffnet, zwischen Hans-Sachs-Straße und Curtiusstraße wird heftig gebaut. Der französische Militärbahnhof blieb dagegen erhalten. Vom "Gare Française Berlin-Tegel" fuhren Personenzüge einmal wöchentlich nach Straßburg. Die Züge des britischen Militärs fuhren vom Bahnhof Charlottenburg nach Hannover.

Am Gardeschützenweg wurden 1884 Kasernen für das Gardeschützenbataillon erbaut. Das Bataillon entwickelte sich zu einer Kerntruppe der preußischen Armee. Wenn der Kaiser seine Gardeeinheit besuchte, "fiel auch ein Schimmer des kaiserlichen Glanzes auf die Gemeinde Groß-Lichterfelde". 1929 zog hier die Heeresfeuerwerkerschule ein, ihre Absolventen waren für die Munitionsversorgung der Truppe zuständig. Heute gehört auch die Munitionsräumung zu den Aufgaben der Feuerwerker. Aktuell teilen sich Polizei und Bundesnachrichtendienst das ehemalige Kasernengelände. Die Schlapphüte ("Behörde für öffentliche Sicherheit") betreiben hier ein "Amt für Schadensabwicklung", bei dem es sich um eine getarnte Außenstelle des deutschen Auslandsgeheimdienstes handeln soll.

Das Grab von Carstenn befindet sich auf der Lichterfelder Dorfaue, gegenüber dem "Carstenn-Schlösschen", jenem Gutshaus, das er als Teil des Guts Lichterfelde erwarb. Die alte Dorfkirche aus Feldsteinen und die 1900 eingeweihte Paulusskirche umrahmen Carstenns Grab. Außerdem steht auf der Dorfaue ein Backsteinturm mit den Initialen "B.V.E.W.", der von den "Berliner Vororts-Elektricitäts-Werke" architektonisch abgestimmt auf die Kirche in gotischer Formensprache errichtet wurde, um einen Stromverteiler unterzubringen.

Die beiden Lilienthals - der Flugpionier Otto und der Architekt Gustav - haben in Lichterfelde ihre Spuren hinterlassen. Ein Denkmal an der Schütte-Lanz-Straße erinnert an den Flugpionier, der hier den "Fliegeberg" aufschütten ließ, um mit seinen Flugapparaten den Vogelflug für die Menschheit nutzbar zu machen. Am Teltowkanal Höhe Bäkestraße verweist die Bronzefigur des Ikarus auf das gemeinsame Schicksal Lilienthals mit der griechischen Sagengestalt, beide bezahlten Flugversuche mit ihrem Leben.

Von Gustav Lilienthal stehen in der Marthastraße und an anderer Stelle mehrere Einfamilienhäuser in der Form von Burgen im Tudorstil. 32 Häuser mit Zugbrücken, Zinnen und Türmchen hat Lilienthal gebaut, 22 Häuser davon stehen noch, sind aber zum Teil ihrer phantasievollen Dekoration entkleidet und glattgeputzt. Dabei sind die Türmchen nicht nur dekorativ, sondern als Schornsteine ausgebildet, und die Zugbrücke führt über den Graben, der das Souterrain belichtet.

In der Steinäckerstraße reitet ein behelmter Mann durch den Vorgarten. Ist das Kaiser Wilhelm? Passen würde es ja, denn in der Kaiserzeit sind alle Häuser (bis auf eines) in dieser Straße erbaut worden. Die Deutsche Volksbaugesellschaft machte 1893 den Anfang mit zwei Gebäuden, in der Folgezeit errichtete die Berliner Baugenossenschaft den wesentlichen Teil der übrigen Villen. Diese Gebäude sind keine seriellen Bautypen sondern völlig individuelle Entwürfe, so wie wir es von dieser Baugesellschaft auch in Köpenick (Uhlenhorst) gesehen haben. Das Teltower Kreisblatt berichtete am 7.November 1893, dass zahlreiche Mitglieder der Berliner Baugenossenschaft die "in Ausführung begriffenen Bauten an der Steinäckerstraße" besichtigt hätten, und was sie gesehen haben, dürfte ihnen gefallen haben.

Bei "Frau Lüske" am Karlplatz gönnen wir uns einen Kaffee, bevor wir das Flanieren beenden. Amtlich heißt er Karlplatz ohne 's', das Straßenschild zeigt Karlsplatz mit 's': Das Schild steht auf der dreieckigen Aussparung von Baseler-, Ringstraße und Kadettenweg zugunsten eines Spielplatzes. Der Bruder von Kaiser Wilhelm I., - Prinz Karl von Preußen - war der Namensgeber, aber das weiß nicht einmal der sonst sehr kompetente Straßenführer Kaupert, der dann auch noch auf der Straßenkarte den gleichnamigen Platz in Mitte nahe der Charité anzeigt.



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Mehr Informationen und Bilder zu Lichterfelde:
a) Giesensdorf, das Siedlungsprojekt Groß-Lichterfelde und J.A.W. von Carstenn:
Zwei untergegangene Dörfer
b) Der Flugpionier Otto Lilienthal, Lichterfelde-Ost und die Straßenbahn:
Starwars-Einkaufscenter
c) Die Burgen des Architekten Gustav Lilienthal: Burgen
d) Die Lichterfelder Dorfaue und das Carstenn-Schlösschen:
Per Expressbus zu sechs Dörfern

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Zwei untergegangene Dörfer
Begeisterung für das Radrennen