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Stadtteil: Lichterfelde
Bereich: Lichterfelde-Ost
Stadtplanaufruf: Berlin, Oskar-Lange-Platz
Datum: 16. Juli 2012

"Lio" ist die Abkürzung für "Licht im Osten", Unter diesem Namen engagieren sich Missionare "ganzheitlich evangelistisch und sozial". In Berlin liegt uns eine andere Bedeutung für "Lio" näher - das Stellwerk der Bahn an der Station Lichterfelde-Ost trägt diesen Namen. Und das Einkaufszentrum südlich des Bahnhofs hat die Abkürzung für sich reklamiert, obwohl das Gebäude eher nach Imperial City im Starwars-Universum als nach Bahnarchitektur aussieht. Die "Zehlendorfer Welle" in der Clayallee und das Meininger-Billighotel am Hauptbahnhof stammen von demselben Projektentwickler.

Wohl kaum ein Bahnhof in Berlin hat so oft seinen Namen gewechselt wie diese Station an der Anhalter Bahn. "Lichterfelde" war immer Namensbestandteil, so dass die Orientierung etwas erleichtert wurde. Mal wurde "Groß-" vor Lichterfelde hinzugefügt, mal "Berlin-", mal "-Ost" angehängt. Sogar die merkwürdige Abkürzung "B.H." ergänzte den Stationsnamen für mehr als dreizehn Jahre als Hinweis auf die Bahnstrecke Berlin-Halle, der andere Lichterfelder Bahnhof (West) trug zu dieser Zeit den Zusatz "B.M." für Berlin-Magdeburg. Eine Unterscheidung, die wohl nur Insider verstanden haben dürften. Die Gleise verliefen anfangs ebenerdig, 1915/16 wurden sie auf einen Damm gelegt. Carl (Karl) Cornelius, leitender Baubeamter in der preußischen Eisenbahndirektion, baute das neue Bahnhofsgebäude mit dem klassizistischen Portal zum Ausgang Kranoldplatz und das Stellwerk Lio. Wuhlheide, Yorkstraße, Grunewald, Wittenau, Buch, Blankenburg, Hermsdorf - dies ist nur eine Auswahl von Bahnhofsgebäuden, die Cornelius’ Handschrift tragen (--> 1).

Zwischen Lichterfelde-Ost und Potsdamer Platz begann 1920 das Experiment, den Antrieb auf elektrischen Strom umzustellen. Zwei U-Bahnwagen, die die AEG eigentlich für die Strecke Gesundbrunnen-Neukölln gedacht hatte, wurde zu S-Bahn-Testfahrzeugen umgebaut. Puffer, Laternen, Einstiegshöhe, elektrische Spannung (550 statt 750 V), Zugsteuerung, Drehgestelle, Räder, Stromabnehmer, Türen (selbsttätig schließend), Sitze, Lampen, Belüftung, Fenster und natürlich der Anstrich - noch nicht rot/gelb, sondern grün wie alle Personenzüge - mussten umgerüstet werden, dann fuhren die Wagen acht Jahre lang auf dieser Strecke. Inzwischen hatte 1924 die sukzessive Umstellung einzelner S-Bahnstrecken begonnen, Richard Brademann, der Hausarchitekt der Bahn, baute eine Reihe von Gleichrichterwerken an der S-Bahn (--> 2).

Den ersten Lichterfelder Bahnhof in zähen Verhandlungen erstritten und dann auch bezahlt hatte Johann Carstenn, der Gründer der Villenkolonie Lichterfelde-West (--> 3). Ohne eine Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz konnte keine Terraingesellschaft eine neue Siedlung entwickeln. Die Eisenbahngesellschaft erhielt sogar eine Einnahmen-Garantie von ihm, damit sie "inmitten der Kartoffeläcker" hielt. Bei der Eröffnung 1868 standen Kübel mit Lorbeerbäumen vor dem Bahnhof, um den trostlosen Eindruck etwas abzumildern. Angeblich soll Carstenn das Bahnhofsgebäude so geplant haben, dass es auch als Scheune verwendet werden konnte, wenn das Projekt scheitert. Diese Überlieferung darf man aber mit Skepsis betrachten, denn im Verhältnis zu den insgesamt für die Terrainentwicklung eingesetzten Mitteln waren die Kosten des Bahnhofsgebäudes marginal.

Neben dem Pilotprojekt der elektrischen S-Bahn schrieb dieser Platz ein weiteres Mal Elektropolis-Geschichte: Die erste elektrische Straßenbahn der Welt fuhr vom Bahnhof Lichterfelde-Ost zur Hauptkadettenanstalt, die Carstenn in der Finckensteinallee errichtet hatte, um leitende Militärs in seine neue Siedlung zu locken. Die als Materialtransportbahn für den Bau verwendete Strecke wurde von Werner von Siemens (Siemens & Halske) elektrifiziert, 1881 fuhr fahrplanmäßig der erste Waggon auf der 10-Minuten-Strecke, das Personal der Kadettenanstalt wurde kostenlos befördert. Noch war die Technik nicht ausgereift, Droschkenpferde liefen zitternd davon, wenn sie auf die stromführenden Gleise gekommen waren. Neun Jahre später verlängerte man das Schienennetz bis zum Bahnhof Lichterfelde-West, beide Carstenn-Bahnhöfe waren jetzt miteinander verbunden.

Das gern von mir zur Rate gezogene Denkmalhandbuch schreibt, die Siedlung Lichterfelde sei "nicht vom Rang anderer Villenvororte wie Wannsee oder Grunewald", setzt aber tröstend hinzu, sie sei "jedoch nicht ohne Qualität". Damit ist wohl mehr Lichterfelde-West gemeint, das oft als Synonym für Lichterfelde gebraucht wird. Lichterfelde-Ost, das sich vom gleichnamigen S-Bahnhof am Kranoldplatz südlich bis zur Stadtgrenze ausdehnt, wird dabei häufig übersehen. Die Bebauung ist hier weniger homogen, zusätzlich zerreißt die Hildburghauser Straße diese Ortslage.

Groß-Lichterfelde hatte eine eigene Brauerei an der Brauerstraße, nur dieser Straßenname und ein gleichnamiger Platz verweisen noch darauf, dass hier einmal die Feldschloßbrauerei - später Löwenbrauerei - stand, die Bebauung an der Ecke Hochstraße erlaubt keinen Rückschluss mehr darauf.

Das Fliegen wurde in Lichterfelde erfunden, hier ist die Erinnerung präsent an den Flugpionier Otto Lilienthal. (Und seinen Bruder Gustav, den Architekten, dessen Burgen - Einfamilienhäuser im Tudorstil - in Lichterfelde-West (--> 4) in einer Villensiedlung einen ungewöhnlichen Anblick bieten). In Lichterfelde-West am Teltowkanal Höhe Bäkestraße und in Lichterfelde-Ost an der Schütte-Lanz-Straße stehen Denkmale, die an die Flugversuche Otto Lilienthals erinnern. Er hatte eine Ziegelei mit einer Tongrube entdeckt, deren Abraum er für seine Flugversuche zu einem 15 Meter hohen "Fliegeberg" (ohne "r") aufschütten ließ. An der Steinstraße in Lichterfelde, die heute den Namen der Luftschiffpioniere Schütte und Lanz trägt, und in Stölln im Westhavelland testete er mehr als 2.000 mal seine Flugapparate - darunter auch Schlagflügelapparate - und erreichte dabei Flugweiten bis zu 250 Metern. Die vom Vogelflug abgeleitete gewölbte Flügelform, die einen optimalen Auftrieb ermöglicht, war Lilienthals entscheidender Beitrag zur Entwicklung der heutigen Luftfahrt.

Am Fliegeberg wurden seine Aktivitäten von den Berlinern beobachtet, die mit Kind und Kegel dorthin pilgerten. Nach seinem tödlichen Absturz wurden ein Park und eine Steintreppe auf dem Berg angelegt, aus der Tongrube wurde ein Karpfenteich. 30 Jahre später erhielt der Berg auf dem Gipfel eine runde Säulenhalle mit Erdkugel als Denkmal. Die gleichzeitig angelegte terrassenförmige Abstufung des Berges ist im Winter eine ideale Rodelbahn, von jeder Terrasse hebt der herabsausende Schlitten in die Luft ab, ehe er wieder den Hang berührt, das sind kleine Flugversuche für Winterfreunde. Der ehemalige Karpfenteich ist heute eine rechteckig eingefasste Wasserfläche. Lilienthal wurde in Lankwitz begraben, auf seinem Grabstein steht sein angeblich letzter Satz: "Opfer müssen gebracht werden" (--> 5).

Und dann gibt es da noch den Oskar-Lange-Platz, der im eigentlichen Sinne kein Platz ist, sondern die Unkrautfläche, an der Straßen aus sechs Richtungen sternförmig zusammentreffen. Eine Zeit lang war Oskar Lange der dienstälteste Beamte in Berlin, als Gemeindevertreter, Schöffe, stellvertretender Amtsvorsteher, Stadtrat hat er sich - bezahlt oder ehrenamtlich - "um das Emporblühen Lichterfeldes verdient gemacht". In seiner Jugend (* 1851) gab es weder Gas noch Wasserleitung, keine Kanalisation, die Eltern konnten sich kein Petroleum, keine Briketts oder Kohlen leisten, geheizt und gekocht wurde nur mit Holz und Torf. Lichterfelder Projekte wie die Wasserversorgung, die Kanalisation, der Parkfriedhof und der Lankwitzer Friedhof (auf dem er beerdigt ist), der Wochenmarkt auf dem Kranoldplatz, die Straßenbeleuchtung mit Gas, der Bau der Petruskirche (Oberhofer Platz), Pauluskirche (Hindenburgdamm) und Johanniskirche (Ringstraße), die Gründung der freiwilligen Feuerwehr fielen in seine Amtszeit. Es wirkt so, als musste man in dieser Phase einer rasanten Entwicklung der Kommune nur zugreifen, um etwas Positives zu bewirken. Gönnen wir ihm seinen Platz und setzen wir uns dafür ein, dass Parkflächen nicht länger der Spontanvegetation überlassen bleiben, sondern gepflegt werden.

Am Ende unseres Spaziergangs waren wir nahe an der Osdorfer Straße, hier hätten wir noch einen Schlenker zur Thermometersiedlung anschließen können, doch unsere Kapazität war erschöpft und der Magen leer. So fuhren wir nach Lankwitz, wo wir in der Leonorenstraße bei einem Italiener nur den Rand der Pizza auf dem Teller ließen, weil der versprochene Belag mehr Richtung Mitte zu finden war.

Bei der Heimfahrt vom S-Bahnhof Lankwitz eine verblüffende Entdeckung: Dieser S-Bahnhof hat nur ein Gleis, auf dem die Züge in beiden Richtungen - nach Norden und Süden - abfahren. Wie kann das sein in einer Großstadt? Die anderen Bahnhöfe auf der Strecke von Südende nach Teltow haben doch Gleise an beiden Seiten des Bahnsteigs? Tatsächlich wird diese Strecke nur einspurig befahren, zwei Gleise an den Bahnsteigen sind aber notwendig, weil sich nur hier die Züge kreuzen können (oder in angelegten Ausweichen). Beim Bahnhof Lankwitz hat man die Kreuzungsmöglichkeit aus Kostengründen eingespart und damit die Strecke weniger leistungsfähig gemacht. Im Normalfall fahren die Züge auf dieser Strecke im 10-Minuten-Takt. Gesteuert wird der eingleisige Verkehr im Blocksystem, in einen bestimmten Streckenabschnitt darf immer nur ein Zug einfahren. Wie bei einer Bootsschleuse kann immer nur von einer Seite eingefahren werden. Bei unserer Fahrt klappte das reibungslos, nur mit den Taktzeiten hat die S-Bahn so ihre Probleme.

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(1) Bahnbauten von Carl Cornelius, Bilder finden Sie in folgenden Berichten:
> S-Bahnhof Karlshorst: Moskauer Museumsdirektor leitet Berliner Museum
> S-Bahnhof Pankow: überirdisch bewegt
> S-Bahnhof Berlin-Buch:
betrüblich geringes Wissen über Berlin-Buch
> S-Bahnhof Waidmannslust: Bismarckdenkmal ohne Bismarck
> Wasserturm am Bahnhof Ostkreuz: Ostkreuz
(2) Richard Brademann, S-Bahn-Architekt: Brademann, Richard
(3) Johann Anton Wilhelm von Carstenn: Über Lichterfelde-West soll ein späterer Rundgang informieren, dann zu finden unter Carstenn, JW von
(4) Gustav Lilienthal: Burgen
(5) Lilienthals Grab in Lankwitz: Opfer müssen gebracht werden

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Zu diesem Bericht gibt es einen Forumsbeitrag:
Lichterfelde, Lilienthalpark (16.7.2012)




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