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Begeisterung für das Radrennen


Stadtteil: Steglitz
Bereich: Bismarckviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Menckenstraße
Datum: 11. April 2016
Bericht Nr.: 541

Was die New Yorker 1896 im Madison Garden begannen, die "Sixdays", das wurde 13 Jahre später auch in Berlin zum Renner (und das ist wortwörtlich zu verstehen): Das erste Berliner Sechstagerennen fand 1909 in den Ausstellungshallen am Zoo statt, dort wo heute das Kino Zoo Palast steht. Und dass die Berliner rennsportbegeistert sind, versteht sich von selbst, denkt man an "Krücke", der den „Sportpalastwalzer“ mitpfiff und damit die Hymne der Sechstagerennen schuf. Das Publikum drängte sich beim Sechstagerennen, bekannte (Sport-)Prominente wie Max Schmeling oder Bubi Scholz zeigten sich hier in der Öffentlichkeit und gaben auch schon mal den Startschuss ab.

Es war der boomende Turn- und Sportgedanke, der dazu führte, dass Berlin sich bereits seit den 1880er Jahren zur deutschen Stadt mit den meisten Radrennbahnen entwickelte. Mit Stadien bis beispielsweise in Halensee an der Heilbronner Straße und nahe Adenauerplatz, in Zehlendorf nahe der Krummen Lanke, am Treptower Park, in Spandau-Hakenfelde, in der Hasenheide, im Stadion am Wannsee, im alten Olympiastadion, im Sportpalast, alle im Zeitraum bis zu den 1920er Jahren entstanden. Über das Stadion am Kleistpark hatte ich bereits in meinem Bericht Berlin in der Abendsonne geschrieben. Dieses Stadion war nach einem schweren tödlichen Unfall nach Plötzensee verlegt worden. Bei Steherrennen fahren die Radrennfahrer im Windschatten eines auf Tuchfühlung vorausfahrenden Motorrades. Als das Material der Reifen noch nicht so weit entwickelt war, kam es öfter zu schweren Stürzen. Am Kleistpark (alter Botanischer Garten) platzte 1909 bei einem Überholmanöver das Hinterrad eines Motorrads. Der nachfolgende Steuermann wollte ausweichen, sein Motorrad flog in die Zuschauer, dort explodierte der Tank. Opfer - mehrere Tote und viele Verletzte - gab es nur bei den Zuschauern.

Zwei andere Radrennstadien kommen heute in unser Blickfeld. Südlich des Bahnhofs Bundesplatz, an der Cosimastraße, errichtete der Friedenauer Radfahrer-Verein 1897 eine Radrennbahn. Hier wurde jährlich das Rennen um das "Goldene Rad von Friedenau" gefahren. Auch einen Stummfilm hat man hier 1904 gedreht ("Auf der Radrennbahn in Friedenau"). In demselben Jahr kam das Ende der Sportstätte an diesem Platz, Georg Haberland kaufte das Gelände und errichtete hier mit seiner Terraingesellschaft das Wagnerviertel. Das Sportstadion zog zwei Kilometer weiter südlich jenseits der Bahn ins spätere Bismarckviertel und eröffnete 1905 eine 500 Meter lange Bahn. Hier fanden mehrere Radrennbahn-Weltmeisterschaften statt, Radrennen waren bereits seit der Wiederaufnahme der Olympischen Spiele 1896 eine olympische Disziplin. Die Landgemeinde Steglitz freute sich über die Einnahmen aus der Lustbarkeitssteuer, aber es half nichts, nach nur fünf Jahren musste die Rennbahn dem Bau des Bismarckviertels weichen, auch hier war die Freude über die Rennbahn nur kurz. Heute hat Berlin nur noch eine Radrennbahn, das Velodrom an der Landsberger Allee.

Eines der ersten Radrennen soll in München 1829 mit Laufrädern ohne Pedale ("Draisine") stattgefunden haben. Auf dem Veloziped, einem Hochrad mit Pedalantrieb am Vorderrad, wurde 1867 in Paris das erste Rennen gefahren. Hochräder gingen 1879 in den USA an den Start. Mit der Erfindung des luftgefüllten Reifens (Dunlop) wurde 1888 die Abrollqualität entscheidend verbessert, die großen Durchmesser der Räder wurden entbehrlich. Bei den Rennen erhoben bald "Geldpreisfahrer" Anspruch darauf, an den Einnahmen beteiligt zu werden, der Profisport war geboren. Übrigens waren Frauen schon früh auf dem Fahrrad dabei. 1868 wurde in Bordeaux das erste europäische "Damenrennen" veranstaltet, in Berlin fand 1893 das erste Damenrennen auf Niederrädern auf der Bahn in Halensee statt.

In Weißensee sind zwei Gründer jeweils doppelt mit Straßennamen geehrt worden, wie wir bei unserem Rundgang Vom Pferd zum Fahrrad erstaunt feststellten. Das ist nichts gegen das Bismarckviertel, hier sind es 15 Straßen und 2 Plätze, die an das Leben und Wirken des Reichskanzlers Otto von Bismarck anknüpfen: An den Geburtsort und den Ort der letzten Ruhe, an den Geburtsnamen seiner Mutter, an Orte von Besitzungen, an den Studienort, an den Kurort, an Mitarbeiter, die sein Wirken, seine Reden, Schriften, Akten dokumentierten und veröffentlichten. Personenkult im engeren Sinne war das nicht, denn die Benennungen erfolgten 1910, da war Bismarck schon 12 Jahre tot.


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Erstaunlich ist es vor allem, dass dieser Bismarckkult während der Regentschaft Kaiser Wilhelms II. erfolgte. Wilhelm II. hatte Bismarck zum Rücktritt gezwungen, "sechs Monate will ich den Alten verschnaufen lassen, dann regiere ich selbst“. Aber auch Bismarck hielt nicht viel von dem 29-jährigen neuen Kaiser, er sei ein „Brausekopf, könne nicht schweigen, sei Schmeichlern zugänglich und könne Deutschland in einen Krieg stürzen, ohne es zu ahnen und zu wollen“ - das war visionär. Und so kam es zu der Demission, die eine englische Karikatur "Der Lotse geht von Bord" betitelt hat. Übrigens eine ikonografische Karikatur, die auch gern auf andere Personen (beispielsweise Adenauer, Bundespräsident Wulf) umgemünzt wird. Nach dem Rücktritt wurde Bismarck mehrfach vom Kaiser öffentlich angegriffen, woraufhin der Altkanzler erklärte, "alle Brücken sind abgebrochen“.

Nach dem Tod des Widersachers wollte der Kaiser sich wirksam in Szene setzen, aber das wurde ihm gründlich vermasselt. Er beauftragte den Bildhauer Reinhold Begas, einen Sarkophag zu entwerfen und ordnete ein Staatsbegräbnis im Berliner Dom an. Doch das widersprach Bismarcks letztem Willen, er wollte auf seinem Gut Friedrichsruh beerdigt werden. Nun versuchte der Kaiser wenigstens am offenen Sarg in Friedrichsruh gesehen zu werden, doch als er eintraf, war der Sarg bereits verlötet.

Eine nicht autorisierte Fotografie "Bismarck auf dem Sterbebett" führte zu einem Skandal, in dessen Folge das "Recht am eigenen Bild" gesetzlich verankert wurde. Zwei Fotografen - heute würde man sie Paparazzi nennen - hatten sich widerrechtlich Zugang zum Sterbezimmer verschafft. Für das Foto inszenierten sie den Sterbeort, der Kopf des Toten wurde zur besseren Sichtbarkeit zurecht gerückt, die Uhr auf dem Nachttisch zurück gestellt. Aus dem Foto haben sie das Nachtgeschirr und ein kariertes Taschentuch heraus retuschiert. Beide Fotografen gingen dafür ins Gefängnis, das Foto wurde eingezogen. Tatsächlich gab es mehrere Aufnahmen, 1952 wurde zum ersten Mal ein Bild aus dieser Serie in einer Illustrierten veröffentlich. Man sieht, das Thema Schutz der Intimsphäre entstand nicht erst mit der Digitalfotografie, sondern ist mehr als hundert Jahre alt.

Eine Kulisse, eine leere Seitenwand ohne Gebäude - das ist alles, was von der ersten Hochgarage in Deutschland übrig geblieben ist. Die Innenfläche, auf der das Gebäude in der Menckenstraße stand, wird von einem Supermarkt als Parkplatz genutzt. Auf zwei Etagen konnten in der Garage 175 Kraftwagen abgestellt werden. Jede Parkebene war 80 Meter lang und wurde durch zwei Rampen erschlossen. Zu dem Garagenkomplex gehörten Werkstätten, Waschanlagen und eine Tankstelle. Parkhauswärter und Monteure lebten in kleinen Wohnungen auf dem Gelände, auch die Eigentümerin, die "Steglitzer Garagen-Betriebsgesellschaft", hatte hier ihr Büro.


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Als die Garage ab 1924 erbaut wurde, hatte das Kraftfahrzeug die Kutsche und das Pferdefuhrwerk von der Straße verdrängt. Trotzdem blieb der PKW ein Privileg wohlhabender Bürger, denn nur die Oberschicht konnte sich die hohen Anschaffungs- und Unterhaltungskosten leisten. Das Gebäude hier war kein Parkhaus, sondern ein Aufenthaltsort für die Automobile in verschlossenen Boxen. Für die Monatsmiete hätte man auch eine Zweizimmerwohnung bekommen. Im Gegensatz zu dem fünf Jahre später im Stil der Neuen Sachlichkeit errichteten Kant-Garagen-Palast passte sich die Hochgarage in der Menckenstraße mit ihrer historisierendem Fassade an die umliegende Wohnbebauung an. So werden beispielsweise Elemente der Wohnanlage Lothar-Bucher-Straße aufgenommen, die auf dem Gelände der ehemaligen Rennbahn errichtet worden war.

Das Lokal "Groschenkeller" an der Bismarckstraße versucht, sich an eine Geschichte anzuhängen, die sich im gleichnamigen Lokal in Charlottenburg abgespielt hatte, übrigens direkt neben dem Kant-Garagen-Palast. "Vor der Kaserne vor dem großen Tor ...", schon diese eine Zeile genügt, um die Erinnerung an ein Soldatenlied ins Gedächtnis zu rufen, das im Zweiten Weltkrieg an allen Fronten zu hören war. Es ist die Geschichte des Gardefüsiliers Hans Leip, der sich von seinen beiden Freundinnen - der dunkelhaarigen Lili und der blonden Marleen - 1915 verabschieden musste, um in den ersten Weltkrieg zu ziehen. In seinen Versen verschmelzen die beiden Geliebten zu einer Person - Lilly Marleen ist geboren. Im Groschenkeller an der Kantstraße schreibt der Komponist Norbert Schultze 1937 die Musik hierzu. Gesungen wird das Lied von Liese-Lotte Helene Berta Bunnenberg, einer deutschen Sängerin aus Bremerhaven, die sich Lale Andersen nennt. Auf Schallplatte gepresst, lassen sich davon nur 700 Stück verkaufen. Aber als die Platte 1941 endlos gespielt wird von dem Soldatensender im besetzten Belgrad, wird das Lied so populär, dass es jeden Abend die Sendung "Wir grüßen unsere Hörer" beendet. Selbst die Waffen der Feinde hätten manchmal geschwiegen, wenn das Lied gespielt wurde. Als die Nazis zeitweise den „morbiden und depressiven“ Text wegen seiner „wehrkraftzersetzenden Wirkung“ verbieten wollten, kamen sie gegen das Lied nicht an, die Emotionen der Bevölkerung und der Soldaten waren stärker.

Ein Besuch des Friedhofs Steglitz in der Bergstraße mit dem Wasserturm von Hans-Heinrich Müller bringt uns mit den Grenzen der Liebe und der Trauer in Kontakt. Auf einem Grabstein lesen wir:
___Wenn Liebe könnte Wunder tun
___Und Tränen Tote wecken
___Dann würde Dich gewiß nicht hier
___Die kühle Erde decken.


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Wir gehen heute zum Abschluss unseres Stadtrundgangs nicht in den Groschenkeller, sondern ins "Marianna" an der Feuerbachstraße, wo Speise und Trank uns wohl bekommen.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Im Vorgarten reitet der Kaiser
Ein prominenter Hügel