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Kreisrund im Untergrund


Stadtteil: Prenzlauer Berg
Bereich: Greifswalder Straße, Velodrom
Stadtplanaufruf: Berlin, Anton-Saefkow-Straße
Datum: 3. Dezember 2013
Bericht Nr: 444

Als 1933 die Nazis die Macht in Deutschland übernahmen, begann eine Zeit geistiger Verdüsterung. Der "undeutsche Geist" sollte vertrieben und "entartete Kunst" verbannt werden. Viele Künstler emigrierten, beispielsweise die Architekten Bruno Taut, Martin Wagner, Erich Mendelsohn, Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius. Andere, die sich nicht vereinnahmen lassen wollten, blieben im Land, duckten sich und zogen sich in die "innere Emigration zurück". Er sei - dichtete Erich Kästner - wie ein Baum, der in Deutschland gewachsen sei und wenn's sein muss in Deutschland verdorrt. In der Architektur herrschte die "deutsche Baugesinnung" (1), moderne Architektur und Neues Bauen waren verfemt. Wer hier blieb, wie Hans Scharoun, konnte so gut wie nichts bauen. Oder er beschäftigte sich mit dem weitgehend ideologiefreien Industriebau wie Egon Eiermann. Eiermann baute unter anderem die Total-Werke im thüringischen Apolda (Feuerlöscher, Flammenwerfer, Granaten) und die Märkischen Metallbauwerke in Oranienburg und wurde wegen kriegswichtiger Produktion vom Kriegsdienst freigestellt.

Hinweise auf einen Architekten, der Wohnbauten in Berlin errichtete, ohne die herrschende Ideologie zu verinnerlichen, der nach Kriegsende wichtige Wiederaufbauten plante, sich an vielen Wettbewerben beteiligte und trotzdem in Architektur-Datenbanken und Publikationen regelrecht übersehen wird, haben wir bei unserem heutigen Spaziergang an der Greifswalder Straße entdeckt. Gegenüber dem Thälmann-Denkmal mit der eigenwillig geballten Faust steht eine Wohnanlage, die einen ganzen Häuserblock umfasst. Schlichte weiße Lochfassaden mit betonten Fensterumrandungen, in der Flächenwirkung durch die Fensterachsen der Treppenhäuser unterbrochen, mit Segmentbögen über den Türen und angedeuteten Arkaden und Pfeilern an den Gebäudeecken, der Innenbereich komplett als kleiner Park angelegt. Der Architekt Werner Harting, eine halbe Generation jünger als die berühmten Reformwohnungsarchitekten wie Salvisberg oder Gropius, hat hier 1939 an der Anton-Saefkow-Straße für die GSW eine dezente Wohnungsanlage nach modernen Prinzipien errichtet. Zur gleichen Zeit baute er am Kreuzpfuhl in Weißensee und am Nachtigalplatz in Wedding weitere Wohnanlagen für die GSW.

An der Bismarckstraße in Wannsee errichtete Harting zeitgleich ein Doppelwohnhaus - die eine Hälfte als eigene Wohnung - das sich dem Diktat des Heimatstils mit Spitzdach entzog. Ein Walmdach schwebt auf den Bau, der sich aus mehreren geometrischen Körpern zusammenfügt und sich damit einer Einordnung widersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Harting sich vor allem der Wiedererrichtung kriegszerstörter Bauten verschrieben. Der Wiederaufbau des Zeughauses (heute Deutsches Historisches Museum) und des Nationaltheaters in Weimar erfolgte nach seinen Planungen. In Mannheim war er ein Wiederaufbaubeauftragter der Stadt. Er beteiligte sich an Wettbewerben für die Opern in Hannover, Hamburg und Opernneubauten in Madrid und Mexiko-City. Harting plante Theater, Kirchen, Schulen (realisiert: Evangelische Schule Frohnau). Als Reaktion auf das in Auschwitz-Birkenau errichtete flächige Denkmal entwarf er 1960 eine Sühnekirche für Auschwitz, einen auf Stützen gebauten Raum mit Öffnungen, aber ohne Türen. Der Raum hat keine Inschriften, keine Bilder, keine Stühle oder Bänke. "Später sollen andere entscheiden, ob man Kunst mit dem Grauen verbinden kann". Das Architekturmuseum der TU Berlin zeigt Hartings planerischen Nachlass, der auch im Internet angesehen werden kann, wenigstens hier bleibt sein Wirken im Gedächtnis.

Südlich der Storkower Straße zwischen dem Güterbahnhof und der Harting-Siedlung liegt der Anton-Saefkow-Volkspark. Freundlich lächelnd blickt Saefkow auf den Besucher, der die kleine Parkanlage betritt. Mit einer weiteren Skulptur im Park thematisiert Stefan Horota "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" (Wolf, Schaf und Bär). Horota ist mit fast 30 Werken als Bildhauer in den ehemaligen Ost-Bezirken vertreten, seine Themen sind beispielsweise "Storchenpaar", "Till Eulenspiegel", "Vater mit zwei Kindern", "Zwei Ziegen auf der Brücke". Auch "Sieben Schwaben" hat er in Bronze gegossen und 1971 am Plänterwald aufgestellt. Das Schwaben-Gegenstück von Hans-Georg Damm steht seit 1978 auf dem Hohenzollerndamm beim Fehrbelliner Platz (2), beide sind sich in der Haltung sehr ähnlich. Wir sind hier wieder auf eine typische Doppelung in Berlin-West und Ost-Berlin gestoßen, wie Funkturm/Fernsehturm, Zoo/Tierpark, Freie Volksbühne/Volksbühne, die Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen.

Und dann steht im Anton-Saefkow-Volkspark noch ein Knabe mit einem Fisch aus Bronze und blickt hinüber zu Ernst Thälmann aus Bronze, dem zurzeit ein zweites Gesicht geworden ist, aufgemalt auf den Sockel. Während Thälmann zur Seite schaut, geht der Blick seines zweiten Gesichts direkt und unverwandt zurück zu dem Knaben mit dem Fisch.

Es lohnt sich, auf dem Weg zur Landsberger Straße durch die Pasteurstraße zu laufen. Dabei sollte man sich nicht von Zombies oder Untoten vom Weg abbringen lassen, denn in der Aufmachung von Todesanzeigen kleben bei unserem Rundgang verdeckte Werbungen für die französische TV-Serie "The Returned" an den Hauswänden. Unser Interesse wecken vielmehr zwei wesensverwandte Schulbauten von Ludwig Hoffmann, die sich in der Straße gegenüber stehen. Am Arnswalder Platz stehen wir dann dem monumentalen Fruchtbarkeitsbrunnen aus rotem vulkanischem Tuff-Stein (Porphyr) gegenüber, der bei einem früheren Rundgang noch hinter einem Bauzaun verborgen war (3). Die Brunnenanlage ist so schwer, dass man erst einen geeigneten Aufstellungsort suchen musste, der ursprünglich vorgesehene Baltenplatz hätte das enorme Gewicht nicht tragen können.

Auf unserem Rundgang begegnen wir mehreren Siedlungen, die Bruno Taut errichtet hat und die wir bereits früher gestreift haben. An der Naugardener Straße, die von der Greifswalder Straße abgeht (4a) und an der Heinz-Bartsch-Straße, Rudi- Arndt-Straße (4b). Auch die gedankliche Liste der Siedlungen und Wohnblocks, die von Unternehmen für ihre Mitarbeiter errichtet wurden, wird hier um eine Eintragung erweitert: Die Storkower Straße wird von der Ecke Greifswalder Straße an von einer Häuserreihe flankiert, die Karstadt Ende der 1920er Jahre errichten ließ.

Von der Fritz-Riedel-Straße führen viele Stufen auf eine Hochebene, in der eine riesige flache Metallscheibe liegt, umgeben von einer städtischen Grassteppe. Hier wurde Berlins Olympiabewerbung 2000 beerdigt. Das Bärenlogo der Olympiabewerbung war gelungen, ich liebe es. Die zwielichtigen Begleitumstände wie die persönliche Ausforschung der Entscheider im Olympischen Komitee wollen wir lieber vergessen. Eine außergewöhnliche Sportarena für 12.000 Zuschauer ist hier kreisrund in den Untergrund gebohrt worden, das Velodrom. Innen beeindruckt ein freitragendes Stahldach, das "Speichenrad". Berliner Sechstage-Rennen, Rock und Pop, Motörhead, Helene Fischer, Carmen Nebel, eine Mehrzweckhalle ist draus geworden, nachdem der Olympia-Traum zerplatzte.

Noch ein Blick von hier oben auf das Schlachthofgelände jenseits der Landsberger Allee, dann steigen wir in die Ringbahn und machen uns auf den Heimweg, denn gleich wird die Sonne das Licht ausknipsen.

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(1) Mehr über die "Deutsche Baugesinnung": Auf nach Paris
(2) Sieben Schwaben am Fehrbelliner Platz: Preußischer Spielplatz
(3) Ein früherer Spaziergang zum Arnswalder Platz: Zigaretten, Problem und schwarze Knochen
(4) Bruno-Taut Siedlungen:
(a) Naugardener Straße: Engländer von Gas umgeben
(b) Heinz-Bartsch-Straße, Rudi- Arndt-Straße: Zigaretten, Problem und schwarze Knochen



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Altbauten mit kulturellem Wert
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