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Engländer von Gas umgeben


Stadtteil: Prenzlauer Berg
Bereich: Ernst-Thälmann-Park
Stadtplanaufruf: Berlin, Danziger Straße
Datum: 19. Januar 2009

Heinrich Heine meint, jeder Engländer sei mit einem Gas umgeben, einer "tödlichen Stickluft der Langeweile", in England sei "die Atmosphäre ganz davon geschwängert". Historisch sind die Engländer eher für ein anderes Gas bekannt, das aus Steinkohle gewonnen und zur Straßenbeleuchtung eingesetzt wird.

Schon öfter seit Beginn der Industrialisierung war England Jahre oder Jahrzehnte lang führend, bis Deutschland nachkam, so bei der Textilindustrie und dem Lokomotivenbau. Bei der Gasindustrie wiederholte es sich. Berlin ließ sich deshalb von der englischen Imperial Continental Gas Association 1826 die erste "Gas-Erleuchtungs-Anstalt" vor dem Halleschen Tor bauen, dort wo heute Multi-Kulti sich im "Prinzenbad" vergnügt . Nach Ablauf des Vertrages 21 Jahre später hatte man in Berlin genug gelernt und baute seine Gasanstalten selber, so auch in der Danziger Straße.

Mit dem Leuchtgas wurde die Öllampen abgelöst, die aufgrund der "Berliner Brennordnung" von 1862 an jedem dritten Haus angesteckt werden mussten, außer bei Vollmond. Diese Aufgabe übernahmen "Lampenstecker" (Laternenanzünder), denen für jede nicht brennende Lampe der Lohn gekürzt wurde (1).

Auf den Hügeln am Prenzlauer Berg, wo gerade die letzten Windmühlen beseitigt wurden, baute man 1872 an der Danziger Straße die Gasanstalt IV nahe der Ringbahn, die für die Kohleanlieferung und den Koksabtransport gebraucht wurde. Mehrere runde Backsteinbauten entstanden dort, "nackte" Gasometer aus Metall wie in Schöneberg kamen erst später (2).

1933 überlegte man, Berlin durch die Ruhrgas AG mit Ferngas zu versorgen und dafür die Gaswerke zu schließen. Der Zweite Weltkrieg kam dazwischen, das Gaswerk blieb am Netz und produzierte auch zu DDR-Zeiten weiter. Seit 1979 bezog Ost-Berlin russisches Erdgas, so dass das Gaswerk jetzt wirklich stillgelegt war. Die jahrzehntelange Belastung des Quartiers mit Staub, Gasen und Ruß hatte damit ein Ende. (Die willkürlichen Lieferstopps der russischen Gazprom sind ein Problem unserer Tage, damals war DDR-Deutschland ja noch ein "Bruderland").

Bereits mit den Stilllegungsplänen in den dreißiger Jahren war die Idee entstanden, hier einen Park anzulegen. Damit die DDR am 100.Geburtstag des KPD-Vorsitzenden Ernst ("Teddy") Thälmann etwas vorweisen konnte, griff sie auf die Idee eines Parks zurück. Trotz Bürgerprotesten (das Ende der DDR kündigte sich schon vorsichtig an) sprengte man 1984 die stadtbildprägenden Gasometer und schuf den "Ernst-Thälmann-Park" mit einem (über-)mächtigen Ernst-Thälmann-Denkmal im sozialistischen Stil, mit Plattenbauten, einem Schwimmbad, Bäumen, Blumen und einem künstlichen Teich mit Wasserkaskade. Die Verwaltungsgebäude des Gaswerks wurden in den Park einbezogen und werden heute für kulturelle Zwecke (Theater, Kommunikationszentrum, Galerie) genutzt (3).

Mit dem Bild der Backsteinbauten in der Hand suchen wir deshalb vergeblich nach den Industriedenkmalen. Dafür entdeckten wir nördlich der Bahn an der Greifswalder Ecke Naugardener Straße einen Wohnbaukomplex, der mit den Farbabstufungen der Fenster und Türen unverkennbar auf Bruno Taut hinweist. Der langgestreckte Bau hat auf der Naugardener Seite eine in weitem Bogen gerundete Fassade, im ruhigen Innenbereich verläuft eine Allee.

In der Pizzeria in der Greifswalder Straße beobachtet ein hölzerner Bärenkopf mit einem Geweih aus Schnapsgläsern das Abendessen der von der vergeblichen Suche ermatteten Flaneure.

(Bilderupdate vom 22.12.2014)
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(1) Kurfürstliche Anordnung über Laternenanzünder: Unwillige Bürger in der Residenzstadt
(2) Gasversorgung in Berlin: Gasometer und Gaswerke
(3) Mehr über den Ernst-Thälmann-Park: Ernst-Thälmann-Park

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Unsere Route
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zum Vergrößern ANKLICKEN



Prenzlauer Berg
Fleischbeschau an der Landsberger Allee