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Auf nach Paris


Stadtbezirk: Tiergarten
Bereich: Karlsbadviertel, Kielganviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Am Karlsbad
Datum: 29. November 2010

Auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße unterhalb der Brücke über den Landwehrkanal steht ein Denkmal für den "Eisernen Gustav". Seine Droschke hatte er 1928, gezogen von seinem Pferd Grasmus, in zwei Monaten von Berlin nach Paris gelenkt, um gegen die steigende Zahl von Autos zu protestieren, die sein Gewerbe bedrohte. Und nun steht er hier inmitten des alles beherrschenden Autoverkehrs und macht sichtbar, dass tatsächlich das Pferd vom Auto verdrängt wurde. Man könnte die Aufstellung des Denkmals an dieser Stelle als Inszenierung mit Hintersinn bezeichnen. Gustav Hartmann war damals 69 Jahre alt, vielleicht ist das alles nur Legende und er wollte einfach nur einmal im Leben nach Paris oder er wollte sich für die deutsch- französische Völkerfreundschaft einsetzen, wie er selbst gesagt haben soll und damit an der eigenen Legendenbildung tatkräftig mitwirkte.

Die Potsdamer Straße wurde kurz vor 1800 als erste preußische Chaussee angelegt, um 1850 folgte der Ausbau des Wasserlaufs "Schafgraben" zum Landwehrkanal. Das Weideland, das sich südlich Richtung Schöneberg erstreckte, wurde mit kleinen Villen und Landhäusern bebaut, die "Schöneberger Vorstadt" entstand. Die Kurfürstenstraße hieß vorher "Mühlenweg", hier standen mehrere Mühlen. Die Lützowstraße führte nach Charlottenburg, das zuerst "Lietzow" hieß. Östlich der Potsdamer siedelte sich eine Kattunfabrik (Cotton) mit Färberei an, später folgte ein Badehaus, das der Straße den Namen Karls"bad" gab. Das Karlsbadviertel wurde ein Künstlerviertel, der Maler Carl Begas, der Schriftsteller Heinrich Seidel, der Architekt Martin Gropius lebten hier. Um 1900 gaben Versicherungen, Verbände und Handelsgesellschaften den Ton an, das Haus der Feuersozietät, ein Gewerkschaftshaus und das "Afrikahaus" der Deutschen Kolonialgesellschaft stehen hier. Schnittig und strömlinienförmig betont die ehemalige Firmenzentrale von Loeser & Wolff ("Loeserburg") an der Ecke Potsdamer Straße die bevorzugte Lage am Wasser.

Einen eigenen Hochbahnhof erhielt die Potsdamer Straße 1902. An der Potsdamer und Lützowstraße entstanden Geschäfts- und Bürohäuser. Firmen wie Maggi errichteten repräsentative Bauten ("Geschäfts- und Industriepalast"), die die Würde und das Ansehen des Unternehmens vermittelten. Der Verlag de Gruyter sitzt in einem Eckgebäude der Genthiner und Lützowstraße, das aus schlesischem Granit und gelblichem Sandstein für die Rütgerswerke erbaut worden war. Ein großes, repräsentatives Amtsgebäude der wilhelminischen Zeit ist das Postamt W 35 in der Körnerstraße. Zwei typische gelb-rote Klinkerbauten des Stadtbaurats Hermann Blankenstein stehen in der Pohlstraße und in der Genthiner Straße.

An der Potsdamer Straße steht das älteste erhaltene Haus von 1855 mit dem Namen "Gustav Norbert" im Giebel. In einem weiteren Bau an der Potsdamer Straße, einem Neorenaissancebau (um 1900) mit lebensgroßen Nischenfiguren gab es 12-Zimmer- Wohnungen. In der Wohnungsnot zwischen den Weltkriegen wurden solche großen Wohnungen im mehrere kleine aufgeteilt. In der Lützowstraße 6 steht ein Wohnhaus im Stil florentinischer Palazzi, das zur Bauzeit (1878) 7-Zimmer-Wohnungen enthielt. In der Bissingzeile ist ein Teil einer Privatstraßenbebauung von 1895 erhalten geblieben.

Die Entwicklung dieses Stadtquartiers wird man bei einem flüchtigen Blick im Vorbeieilen nicht mitbekommen, deshalb haben wir uns für das Flanieren und Erforschen in der Berliner Denkmaldatenbank informiert, in der eine Vielzahl von Bauten aus unterschiedlichen Epochen beschrieben sind. Der weitere Weg führt uns zum "Kielganviertel", benannt nach dem Gärtner, der ab 1867 seine Spargel- und Gemüseflächen an der Kürfürstenstraße in Bauland umgewandelt hat. Die Villen, die hier heute noch stehen, wurden nach Vorgaben seines "Bebauungsplans" errichtet.

Die Villa des Architekten Carl Swatlo wurde im Dritten Reich entsprechend der damals verordneten "Baugesinnung" (--> 1) durch eine wuchtige Fassade verändert. In der Derfflinger Straße umklammert das Französische Gymnasium mit seinem Neubau die Villa Maltzahn, einen Bau aus der ersten Phase des Kielganviertels, dessen Abriss aufgrund von Protesten verhindert werden konnte.

Hier endet unser Rundgang, die U-Bahn, die wir am Mendelsohn-Bartholdy-Park verlassen hatten, nimmt uns am Nollendorfplatz wieder auf.

Zu den Häusern auf diesem Rundgang gehört das "Dänische Bettenlager", das in seiner Scheußlichkeit und Ignoranz gegenüber dem Stadtbild einen negativen Höhepunkt bildet und deshalb eine eigene Abbildung bekommt. Dagegen sind ja die Lidl-Faltschachteln fast noch als Architektur zu bezeichnen.

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(1) Im November 1936 wurde eine entsprechende "Baugesinnungs"-Verordnung erlassen, die 1938 weiter erläutert wurde. Es ging um die "geistige Haltung" zur "Ausschaltung fremder seelischer Inhalte" und um die "Besinnung auf die völkische Eigenart", um die "kulturell wertvollen Niederschläge der Tätigkeit unseres Volkes" in der Architektur zu zeigen

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Ein Spaziergang zwischen Kurfürstenstraße und Lützowstraße im Lützowviertel:
Ein Amerikaner in Berlin


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