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Ein prominenter Hügel


Stadtteil: Steglitz
Bereich: Fichtenberg
Stadtplanaufruf: Berlin, Schmidt-Ott-Straße
Datum: 13. Juni 2016
Bericht Nr: 548

Die Franzosen waren besiegt, das Kaiserreich in Versailles war proklamiert, da begann 1871 in Berlin die Gründerzeit. Die Industrie entwickelte sich rasant, neue Siedlungen entstanden, Terraingesellschaften parzellierten und vermarkteten erworbene Flächen. Gründerzeitbauten im Stil des Klassizismus oder in der Anmutung früherer Epochen wie Renaissance, Barock oder Rokoko entstanden, aber auch die Mietskasernen mit elend beengten Wohnverhältnissen der Fabrikarbeiter.

Der Fichtenberg wird bebaut
Unterhalb des Fichtenbergs in Steglitz war bereits 1848 von der Albrechtstraße bis zur Birkbuschstraße die "Colonie Steglitz" entstanden. Der Staat in Gestalt des "Domänenfiskus", dem das ehemalige Gut gehörte, hatte das Gelände parzelliert. Im Gründerboom von 1871 wurde dann auch der Fichtenberg oberhalb des ehemaligen Guthauses (Wrangelschlösschen) in 89 Parzellen aufgeteilt. Hier war keine Terraingesellschaft tätig, sondern ein königlicher Katasterbeamter zeichnete die Straßen und Grundstücksgrenzen ein. Auf dem Fichtenberg hatte ein früherer Gutsherr eine künstliche Ruine im gotischen Stil erbauen lassen, doch mit der Ruinenromantik war es jetzt vorbei.

Hier siedelten sich hier die Prominenten und die Reichen an, Repräsentanten von Geist, Wissenschaft und Wirtschaft. Es entstand die "Gelehrtenrepublik", auch "Aristokratenhügel“ genannt. In Treibhäusern wurden Orangen, Bananen und Palmen gezogen. Kutscherhäuser, Pferdeställe und Remisen für die Kutschen fanden Platz auf den ausladenden Grundstücken. Mit der Motorisierung folgten Garagen mit eigenen Benzinzapfsäulen. In den parkähnlichen Gärten gab es Teiche, Grotten, Pavillons und Skulpturen. Hier oben lebten die Bewohner abgehoben vom Dorf und von der Kolonie Steglitz.


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Beispielsweise der Schauspieler Paul Henckels. Er gründete das Schlosspark-Theater. In seiner Rolle als etwas trotteliger Lehrer in dem Film "Feuerzangenbowle" mit dem Schüler Heinz Rühmann ("Pfeiffer mir drei f") bleibt er unvergesslich mit seiner Erklärung der Dampfmaschine: „Wat is´ne Dampfmaschin? Da stelle mer uns mal janz dumm“. Die Stadt wollte ihn posthum ehren und hat zwei unbebaute Randstücke am Carl-Heinrich-Becker-Weg nach ihm benannt. Vor vier Jahren waren das noch gepflegte grüne Rasenflächen, heute steht das Unkraut kniehoch. Peinliche Ehrung!

Der "Dampfmühlenkönig“ Friedrich Wilhelm Schütt baute seine Villa in der Schmitt-Ott-Straße. Die Gründerzeit war für Berlin ein Zeitalter des Aufbruchs wie in New York mit seinem "Vom Tellerwäscher zum Millionär". Wer Unternehmergeist und den unbedingten Glauben an seinen Erfolg mitbrachte und dann noch etwas Glück hatte, konnte zum "Eisenbahnkönig" aufsteigen wie Bethel Henry Strousberg, die industrielle Entwicklung prägen wie Werner von Siemens oder eine Fülle nachhaltiger, noch heute gefragter Produkte entwickeln wie Julius Pintsch.

Der Bäckersohn Friedrich Wilhelm Schütt handelte zunächst mit Mühlenprodukten, bevor er mit seiner Schüttmühle einer der großen Berliner Mühlenunternehmer wurde. Die F. W. Schütt Dampfmühle A. G. an der Stromstraße betrieb die größte Kornmühle Berlins, ging später an Kampffmeyer und wurde erst in den 1980er Jahren stillgelegt und abgerissen.

Max Krause verpackte feines Briefpapier und Briefumschläge zu kleinen Portionen. Von der eingängigen Werbung "Schreibste mir, schreibste ihr, schreibste auf MK-Papier" unterstützt, hatte er den Zeitgeist getroffen und wurde Millionär. Auch er leistete sich eine Villa auf dem Fichtenberg.

Die Bildhauerin Renée Sintenis wurde vor allem mit Tierplastiken bekannt, sie wohnte auf dem Fichtenberg in der Arno-Holz-Straße 10. Sie verkörperte in den 1920er Jahren den modernen, emanzipierten Frauentypus der Garconne-Mode (kurzen Haare „Bubikopf“, schlichte, männliche Kleidung, eher knabenhaft als feminin). Der Goldene Bär, der jährlich auf der Berlinale verliehen wird, beruht auf ihrer Gestaltung. Als großer Bronzeguss steht er als Wegweiser von und nach Berlin in vielen Orten. Und auch am Fuße des Fichtenbergs, auf dem Mittelstreifen der Schloßstraße Höhe Braillestraße, steht ein Wegweiser mit dem Sintenis-Bären, diesmal in Stein graviert.

Gegenüber in der Arno-Holz-Straße 11 lebte "Kunst-Schmidt", wie der preußische Kultusminister Friedrich Schmitt-Ott liebevoll genannt wurde. Doch sein Engagement ging weit über die Förderung der Kunst hinaus, er stand 1911 Pate bei der Gründung der „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft“, aus der die Max-Plack-Gesellschaft hervorgegangen ist. Am Standort Thielallee gegründet, arbeiteten hier mehrere Nobelpreisträger. Aber auch das Giftgas für den Ersten Weltkrieg wurde hier von Fritz Haber entwickelt. Schmitt-Ott begründete mit anderen 1920 die Deutschen Forschungsgemeinschaft (damals noch „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“), die der Forschung nach dem Ersten Weltkrieg wieder auf die Beine helfen sollte.


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Die Bebauung auf den großen Grundstücken ist inzwischen stark verdichtet worden mit Reihenhäusern und Eigentumswohnungen. Man findet Wegweiser zu Hausnummern wie "42 a-f" und weiß Bescheid. Auch als Drehort ist die Fichtenberg-Siedlung entdeckt worden. Die Folgen 5 bis 14 der Soap "Ich heirate eine Familie" wurden im Haus Am Fichtenberg 12 gedreht. Und der Steuerzahlerbund hat eine Villa am Fichtenberg. Es handelt sich um den Landesverband Berlin, der Dachverband (Bundesverband) sitzt weiter in der Französischen Straße. Erstaunt und voller Freude sehen wir auf der Anzeigetafel in der Lepsiusstraße, dass die Verschuldung Berlins in jeder Sekunde um 2,46 Euro sinkt. Es wird aber noch eine Weile brauchen, bis unsere 59 Mrd. Euro Gesamtschulden getilgt sind.

Aus dem Wasserturm wird ein Wetterturm
Der 68 Meter hohe Fichtenberg wurde noch 38 Meter höher, als der Regierungsbaumeister Otto Techow 1886 einen Wasserturm für die Siedlung Fichtenberg errichtete. Die Mauern sind 3,80 Meter stark und konnten deshalb die schwere Last des Wasserbehälters in 13 Meter Höhe tragen. Als in einem strengen Winter das Wasser auslief und die Schmitt-Ott-Straße in eine Eisbahn verwandelte, war nicht der Wasserbehälter schuld, sondern eine defekte Rohrverbindung. 1983 sind die Meteorologen der FU Berlin aus Dahlem in den funktionslos gewordenen Wasserturm eingezogen. Sieben Geschosse ersetzen für sie den Wassertank.

An die Meteorologen im "Wetterturm" muss man sich auch wenden, wenn man einem Hoch oder Tief den eigenen Vornamen geben möchte. Das Geld, das man für die "Patenschaft für meteorologische Druckgebilde" bezahlt, kommt unmittelbar der Wetterbeobachtung zugute. Techows Wohnhaus, die "Villa Anna", stand schon drei Jahre auf der Höhe, als er den Wasserturm nebenan errichtete. Der Name Techow wird auch im Zusammenhang mit dem "Bruderbund am Fichtenberg" genannt, der ersten Vorort-Freimaurerloge, die er mit gegründet hat.


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Die Dorfkirche
Am Fuß des Fichtenbergs lag seit mindestens 1375 das Straßendorf Steglitz mit der alten Dorfkirche. Und hier befand sich das Gutshaus (Wrangelschlösschen). Die Dorfkirche zwischen Schloßstraße und Rothenburgstraße wurde in der Gründerzeit abgerissen, als daneben die größere evangelische Matthäuskirche als Nachfolgebau fertig gestellt war. Es wird berichtet, dass beim sonntäglichen Kirchgang die Steglitzer Kolonisten und die Bauern aus dem Dorf um die Plätze in der zu klein gewordenen Dorfkirche rangelten. Die 1917 gepflanzte Reformationseiche vor der Kirche erinnert an den Jahrestag der Reformation, im nächsten Jahr liegt der 500. Jahrestag vor uns. Reste des aufgelassenen Dorffriedhofs sind noch vorhanden. Auch der Steglitzer Seidenfabrikant Johann Adolf Heese ist hier beerdigt. Ein Denkmal für die in der Nazizeit Verfolgten und ein Mahnmal zur Erinnerung an das "Leid an der Mauer" stehen an der viel befahrenen Schloßstraße am Eingang zum Kirchengelände.

Ein Zentrum für Blinde
Straßennamen wie Braillestraße, Zeunepromenade, Wulffstraße oder Rothenburgstraße verweisen darauf, dass hier in der Gründerzeit ein Blindenzentrum entstanden ist, das noch heute als „Förderzentrum Sehen“ die zentrale Anlaufstelle für alle Blinden und Sehbehinderten ist. Die erste Blindenschule Deutschlands wurde 1877 an der Zeunepromenade eröffnet. Benannt ist sie nach ihrem Gründer Johann August Zeune. Später entstand das Blinden-Museum Berlin, das von dem Direktor Karl Wulff geleitet wurde. Das auf dem Gelände eingerichtete Blindenhilfswerk ermöglicht blinden Menschen eine produktive handwerkliche Tätigkeit. In einer Spezialturnhalle für Blinde werden die Schritte durch einen Resonanzboden verstärkt, das hilft, sich zu orientieren. In den Internatsräumen, die während der Kaiserzeit geschaffen wurden, hing natürlich auch das übliche Kaiserportrait, obwohl die Blinden es weder sehen noch ertasten konnten.

Der falsche Freiherr und die Rettung vor der Cholera
Fehler halten sich oft hartnäckiger als die Wahrheit. Wer viel recherchiert, trifft (zu) oft auf widersprüchliche Aussagen und muss sich dann entscheiden, welcher Quelle er vertrauen will. Mit dem falschen Freiherrn war es jedoch anders. Alle Dokumente - auch amtliche Unterlagen - verbreiteten dieselbe unzutreffende Information, und erst ein hartnäckiger Forscher fand die Wahrheit heraus.

"Als im Herbst 1831 in Berlin die Cholera ausbrach, flüchtete sich Friedrich Ernst Freiherr von Rothenburg (1766-1833) in die Blindenanstalt auf den Georgenfriedhof. Als Dank für seine Errettung vermachte Rothenburg sein Vermögen der Anstalt. Durch diese Hinterlassenschaft war sie in der Lage, ein eigenes und größeres Domizil zu schaffen". So berichtete es früher der "Wegweiser zu Berlins Straßennamen", denn nach dem falschen Freiherrn ist die Straße vor der Blindenschule benannt. Auch das Bezirksamt würdigte Rothenburg ähnlich, und Jubiläumsschriften der Staatlichen Blindenanstalt enthielten schon 1927 und 1952 entsprechende Würdigungen. Nur gab es diesen Freiherrn nicht, wenn man in Adelsbüchern (Taschenbücher der Freiherrlichen Häuser) suchte.

Es gab nur einen einfachen „von“, keinen Freiherrn. Friedrich Ernst von Rothenburg war zunächst Rittmeister und dann Geldverleiher, wodurch er zu einigem Reichtum kam. Er hatte keine Erben und vermachte deshalb sein Vermögen der Blindenanstalt, die von seinem Freund Zeune geleitet wurde. Dass Rothenburg in der Blindenanstalt vor der Cholera gerettet wurde, ist reine Legende, aber sie geht ans Herz und wurde vielleicht deshalb ungeprüft weitergegeben. Rothenburg wohnte auch nicht in der Blindenanstalt, sondern in seinem eigenen Haus in der Neustädtischen Kirchstraße. Dem Nachtwächter dort, der eine Unregelmäßigkeit am Haus zu melden hatte, unterlief der Fehler, Rothenburg als Baron zu bezeichnen. Ein schlichter Irrtum, der zu der immer wieder übernommenen Titulierung als "Freiherr" führte. Heute ist der Berliner Straßenführer schlauer: Von Rothenburg war kein Freiherr, aber ein mildtätiger Mensch. Und es gab keine wundersame Rettung vor der Cholera.

Die Schule bröckelt
Der Ruth-Andreas-Friedrich-Park führt von der Höhe des Fichtenbergs ins Tal zur Lepsiusstraße, die hier ihren Namen unvermittelt in "Am Fichtenberg" ändert. Das könnte damit zusammenhängen, dass man sich hier von Steglitz her der früher selbstständigen Gemeinde Lichterfelde nähert, die mit dem Botanischen Garten hier angrenzt. Auch das Steglitzer Wappen, das früher in den Bürgersteig eingelassen war, deutet in diese Richtung. Leider ist diese Mosaikpflasterung zerstört, nur die Denkmaldatenbank weiß noch nichts davon.

Das Waisenhaus der französisch reformierten Gemeinde mit dem Pelikan im Wappen wurde von der Kaiser-Wilhelm-Jubiläumsstiftung an der Lepsiusstraße gegenüber dem Park errichtet. Rückwärtig angrenzend steht das "Kaiserin Auguste Viktoria-Lyzeum", die erste öffentliche Mädchenschule in Steglitz, heute ist es das Fichtenberg-Gymnasium. Hans-Heinrich Müller, der als kreativer Baumeister vieler Umspannwerke für die Elektrizitätsversorgung bekannt geworden ist, hat vor dem Zusammenschluss der Gemeinden zu Groß-Berlin in Steglitz als Gemeindebaumeister gearbeitet. Die Schule in der Rothenburgstraße und das Verwaltungsgebäude nebenan für die Veranlagungskommission sind frühe Werke Müllers von 1911.

Das Schulgebäude ist eingerüstet, doch wenn man näher hinschaut, stellt man fest, dass hier keine Bauarbeiten stattfinden, sondern nur der Eingang ins Gebäude abgesichert wird. Der Putz ist bereits großflächig von der Fassade gefallen, doch seit zwei Jahren wurde noch nichts getan, um die Schäden zu beseitigen. "Gutes Regieren" hatte unser Regierender Bürgermeister Müller beim Amtsantritt versprochen, doch bisher kommt die Sanierung maroder Schulen offensichtlich nicht voran.

Bei einem Italiener in der Wrangelstraße lassen wir uns zum Essen der Flaneure nieder. Ob der Koch von den Fußballern der Europa-Meisterschaft im Fernsehen abgelenkt ist? Jedenfalls können wir die Qualität unserer Gerichte allenfalls als "genießbar" bezeichnen.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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