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Vom Pferd zum Fahrrad


Stadtteil: Weißensee
Bereich: Gründerviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Lehderstraße
Datum: 4.April 2016
Bericht Nr: 540

Entlang der Lehderstraße in Weißensee erstrecken sich auf 34 Grundstücken einheitliche Fabrikbauten, die ungewöhnlich und wahrscheinlich in Berlin einmalig sind. "Eine Reform im Fabrikbau" warben die Industrie-Werke Weißensee, "größte Anlage Deutschlands in ihrer Art, 100.000 Quadrat-Meter Parterre-Fabrikraum". Um 1900 hatte ein Fabrikant Gewerbehöfe zur Vermietung errichtet und sie nach und nach zu einem Industriepark, einem ganzen Gewerbegebiet ausgebaut. Mit Walmdächern haben die eingeschossigen Backsteinbauten ihren ganz eigenen Charakter. Die einstöckigen Fabrikhallen und mehrgeschossige Kopfbauten - die auch Wohnungen enthielten - sind jeweils auf einer Fläche von 4.000 qm U-förmig um Innenhöfe gruppiert. Den Mietern wurde eine komplette Infrastruktur angeboten, der Eigentümer lieferte sogar den Strom aus seinem eigenen Elektrizitätswerk. Eine Vielzahl von Mietern in einem Fabrikkomplex, heute ist das als Nachnutzung früherer Industriebauten selbstverständlich, vor 120 Jahren wurde das in Weißensee als originärer Bautypus installiert.

Alles begann damit, dass der Goldleistenfabrikant Carl Ruthenberg vor den Toren der Stadt in Weißensee zwei Fabrikgebäude errichten ließ, nachdem er aus der Stralauer Vorstadt verdrängt worden war. Gold auf Holzleisten aufzutragen, war ein aufwendiges Verfahren, das im Techniklexikon von 1906 so beschrieben wird: Auf die in heißen Leim getränkte Leiste wird "ein dünnschlüpfriges Gemisch aus Leim und Schlemmkreide" wiederholt als Grundierung aufgestrichen. Die Leiste wird getrocknet, poliert, mit Alkohol befeuchtet. Auf einem Lederkissen wird "ein Blatt geschlagenen Goldes durch Blasen ausgebreitet", zerschnitten, auf die Leiste aufgetragen und aufgerieben. 180 Mitarbeiter waren mit der Herstellung von Gold- und anderen Schmuckleisten beschäftigt, zwei Dampfmaschinen der Görlitzer Maschinenbauanstalt wurden in der Produktion eingesetzt .

Später begann Ruthenberg den Ausbau des Gewerbeparks unter der Firmierung "Industrie-Werke Weißensee". Aber woher hatte der Goldleistenfabrikant die Grundstücke? Er unterhielt nicht nur seine Fabrik, sondern hatte auch ein Elektrizitätswerk errichtet, das Weißensee mit Strom versorgte, 1906 ging es in Betrieb. Die Stadt Berlin bezahlte Stromlieferungen, die sie von Ruthenberg bekam, nicht bar, sondern indem sie ihm Grundstücke in Weißensee überließ.


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So konnte er seinen Gewerbepark aufbauen, in den sich überwiegend kleinere Betriebe der Metall- und Maschinenindustrie einmieteten. Als 1908 Weißensee an die Industriebahn Tegel-Friedrichsfelde angeschlossen wurde, boomten hier die Industrieansiedlungen.

Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben Teile des Gebäudekomplexes. Zu DDR-Zeiten blieben die Höfe unangetastet, verfielen aber wegen unterlassener Reparaturen wie andere Altbauten auch. Nach der Wende übernahm ein zwischen den Kontinenten pendelnder Investor - wie Nicolaus Berggruen, nur in sehr viel kleineren Rahmen und ohne eigenen Jet - den Gewerbepark. Der Australier Wayne Camamile, der Urenkel von Carl Ruthenberg, betreibt die Höfe und will sie "durch selbst sanierende Geschäftsleute behutsam wieder zu neuem Leben erwecken". Aus anderen Unternehmen in Berlin wie Fitnessstudios, Tauchsportunternehmen, Eventunternehmen zog er sich zurück. Der Porsche Club Of Victoria (Australien) ehrte ihn 1992 als „Rookie Of The Year“, das ist der Titel für den besten Sportler, der seine erste Profi-Saison bestreitet.

Dieser Teil von Weißensee wird das Gründerviertel genannt, die Straßennamen erinnern an die Personen, die sich beim Ausbau des Stadtteils verdient gemacht haben (oder davon profitiert haben). So ist die Lehderstraße nach einer Pflastersteinhandlung benannt, die die meisten Straßen in Neu-Weißensee befestigte. Die Ehrung bekam der Inhaber Lehder 1891 dafür, dass er aus seinen Gewinnen einen Hilfsfonds für bedürftige Kinder eingerichtet hatte. Hermann Roelcke, der einen Teil des Ritterguts kaufte und parzellierte, wird gleich zweimal geehrt: mit der Roelckestraße und mit der Charlottenburger Straße, die an seine gewinnbringende Tätigkeit als Kunstgärtner einer Charlottenburger Gärtnerei erinnert. Auch Gustav Adolf Schön, der erfolgreicher war als Roelcke bei der Parzellierung und Vermarktung von Weißensee, wird doppelt geehrt, mit der Schönstraße und der Gustav-Adolf-Straße. Diese mehrfachen Ehrungen mit Straßennamen in demselben Quartier erfolgten bereits zu Lebzeiten und dürften für Bürgerliche ziemlich einmalig sein in Berlin. Allerdings sind die Namen meist festgelegt worden, als die Straßen noch nicht öffentliches Straßenland waren, erst ab 1874 wurden sie der Öffentlichkeit gewidmet. Die Gründer hatten sich hier also selbst ein Denkmal gesetzt.

Die Friesickestraße ehrte einen preußischen Beamten, der nur seine Pflicht tat: Als Grundbuchrichter am Kreisgericht dokumentierte er alle Weißenseer Bodenankäufe und Bodenverkäufe. Die Straßenbenennung nach Martin Behaim fällt aus diesem Gründerzeit-Zusammenhang heraus. Behaim lebte bereits im 15. Jahrhundert, er entwickelte den ersten Globus ("Erdapfel").

Der Caligariplatz entstand erst 2002, er wurde nach dem Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari" benannt, der in einem Filmatelier in der Weißenseer Liebermannstraße entstanden ist. Mit der Benennung des Platzes wird so die Filmtheater- und Filmproduktionsgeschichte von Weißensee wieder aufgenommen, über die ich bereits im Bericht Weißenseer Bemühen geschrieben hatte.


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Der Platz liegt an der "Weißenseer Spitze", einem Drei-Bezirke-Eck, wo Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg aufeinander treffen. Zwei Häuser wurden hier in den 1960er Jahren abgerissen und eine Straße zur Sackgasse gemacht, dadurch entstand Platz für den Platz. Das Kino "Delphi" liegt an der Gustav-Adolf-Straße direkt gegenüber. Das ehemalige Stummfilmkino wurde 1959 geschlossen und jetzt für Performances und andere Veranstaltungen wieder entdeckt.

Am Nordrand des Gründerviertels, dort wo Roelckestraße und Gustav-Adolf-Straße sich (fast) treffen, fanden 1878 auf einer Rennbahn die ersten Trabrennen statt. 1924 verkaufte die Stadt Berlin das Gelände, nachdem Pferderennen auf andere Rennbahnen verlegt worden waren. Zu DDR-Zeiten gab es einen neuen Anfang zunächst als Trabrennbahn und dann als Radrennbahn - vom Pferd zum Fahrrad auf derselben Bahn. Dafür hatte man aus Trümmerschutt die Basis für neue Tribünen aufgeschüttet.

"Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin nicht für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock'n Roll zu spielen; in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.“ Mit diesen Worten leitete Bruce Springsteen im Juli 1988 das größte Solo-Konzert der DDR-Geschichte ein, das ebenfalls auf der Radrennbahn Weißensee stattfand. Nach der Wende gaben die Rolling Stones im August 1990 zwei "Steel-Wheels"-Konzerte in der Rennbahn. Heute ist das alles Geschichte wie die Radrennbahn selbst, sie wurde abgerissen, Sportplätze sind an ihre Stelle getreten (Bilder finen Sie hier).

Weißensee ist nicht nur ein Industriestandort, sondern auch ein kreatives Pflaster. Hier sind die Kunsthochschule Weißensee zu Hause und die Staatliche Ballettschule, ein Kreativitätsschulzentrum (bip) und eine Schauspielschule (art of acting). In der Behaimstraße treffen wir auf die Agentur "Ostkreuz" und die Schule für Fotografie "Ostkreuz", deren Absolventen beispielsweise mit Sozialreportagen Einblicke in fremde Welten erhalten, sich so dem Unterschied zwischen Wahrhaftigkeit und Klischee nähern.

In der Charlottenburger Straße hat sich die AOK in den 1920er Jahren einen expressionistischen Backsteinbau für ihre Verwaltung errichten lassen. Es war die Zeit, als die AOK noch keine auf ihre Mitglieder zentrierte "Gesundheitskasse" war, sondern sich dem allgemeinen Wohl verpflichtet fühlte und die öffentliche Hygiene mit der Einrichtung eines Badehauses förderte. Über dem Durchgang zum Hof ist heute noch zu lesen "Eingang zum Badehaus", heute führt dieser Weg zu einer Sauna.


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An der Ecke zur Goethestraße sind Gebäude der Lackfabrik Warnecke und Böhm erhalten, die nach dem Krieg am Schliersee in Oberbayern neu aufgebaut wurde. Die 1882 von einem Kaufmann und einem Lacksieder gegründete Fabrik wurde mit eigenen Patenten zu einer der größten Lackfabriken Deutschlands. Im Zweiten Weltkrieg produzierte das Unternehmen als "Wehrwirtschaftsbetrieb" Schutzanstriche für Rüstungsgüter, vor allem Speziallacke für die Luftwaffe. Dabei wurden Zwangsarbeiter in der Produktion eingesetzt. Nach Kriegsende demontierte die Sowjetische Besatzungsmacht die Fabrikanlagen, wie bei vielen Industriebetrieben in Weißensee. Später setzte der VEB Lackfabrik Weißensee die Farbherstellung fort. Nach der Wende gingen die Fabrikanlagen durch mehrere Hände, heute ist hier ein Gewerbehof.

Viele Gründerzeitbauten und mehrere Wohnanlagen sehen wir bei unserem heutigen Rundgang in diesem Stadtquartier. An der Ostseestraße stehen Bauten, die in den 1950er Jahren als "Übungsfeld" für die Stalinallee gebaut wurden. Die heutige Farbgebung in grün verwischt diesen Eindruck. An der Charlottenburger Straße Ecke Ettersburger Weg hat die Rudolf Karstadt AG in den 1930er Jahren eine Wohnanlage mit kubischen Baukörpern errichten lassen. Die Klinker in variierenden Farbnuancen geben der Fassade ein lebendiges Aussehen. Auch in der Storkower Straße im Prenzlauer Berg hat Karstadt eine Wohnanlage mit gleichartiger Klinkerfassade bauen lassen. Zuletzt sehen wir an der Talstraße einen Wohnkomplex mit Vorgarten und Gartenhof des Beamten-Wohnungsvereins.

Auf unserem Weg zum Flaniermahl erleben wir - von der Langhansstraße kommend - die Jacobsohnstraße als typische Rückseite, der Straße abgewandt, mit abweisenden Mauern, Schuppen und Holzhütten. Manches davon ist bei Google-Maps schamhaft verpixelt. An der Charlottenburger Straße ändert sich das, hier finden wir ein italienisches Ristorante, das uns gut bedient.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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