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Weißenseer Bemühen


Stadtteil: Weißensee
Bereich: Kreuzpfuhl, Gründerviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Antonplatz
Datum: 14. Juni 2010

Steigt man am Antonplatz aus der Straßenbahn, dann ist man mitten drin in der Weißenseer Ortsgeschichte. Der Blick fällt auf die eigenwillig vorgewölbte Fassade des Kinos Toni, das mit dem Tonino einen heutzutage üblichen kleinen Ableger im eigenen Haus bekommen hat. Hier in der Umgegend des Platzes gab es in den 1920er Jahren acht Kinos mit Namen wie Anton, Antonia, Erstes Weißenseer Lichtspielhaus, Harmonie, Universum, vierhundert "Kintöppe" sollen es in ganz Berlin gewesen sein. Bis 1927 wurden Stummfilme mit Klavierbegleitung, in großen Filmpalästen auch mit Orchesterbegleitung gespielt. Die großen Kinos waren ausgestattet wie noble Theater und Opernhäuser und boten Platz für mehr als 1.000 Besucher. Hier am Antonplatz waren es Kinos mit 300 bis 600 Plätzen, das "Harmonie" z.B. hatte Logen und einen Orchestergraben. Das Toni wurde als Decla- Lichtspiele eröffnet, nach der Umrüstung auf Tonfilm wurde es 1929 zum Ufa-Theater, seit dem Ende des 2.Weltkriegs heißt es Toni. Der Regisseur Michael Verhoeven ging das Wagnis ein und kaufte das zwischendurch volkseigene Kino 1991 von der Treuhand und bespielt es nach ausgiebiger Restaurierung. Auch nach einem Brand 2007 wurde es wieder hergestellt.

Die Berliner Filmfestspiele haben dieses Bemühen 2010 belohnt. Sie brachten den Fliegenden Roten Teppich und die Filmteams in das Toni (und andere Programmkinos der Berliner Kieze). Anlass für diese Aktion „Berlinale goes Kiez“ war das 60.Jubiläum der Festspiele.

Aber Weißensee hatte nicht nur Kinos, hier war „Klein Hollywood“. In der Zeit zwischen 1913 und 1929 wurden in Weißenseer Filmstudios zahlreiche Filme produziert, der bekannteste ist sicherlich "Das Cabinet des Dr. Caligari". Zahlreiche Produktionsfirmen verlegten ihren Sitz nach Weißensee. Frühe Vorgänger des "Tatorts" entstanden hier, eine Serie um den Detektiv Stuart Webbs, mit dem der Schauspieler Ernst Reicher und der Regisseur Joe May das deutsche Genre des Detektivfilms etablierten. Bei May wiederum begann Fritz Lang seine Filmkarriere als Drehbuchautor, durch ihn lernte Lang seine spätere Frau Thea von Harbou kennen. Es wird kolportiert, dass die Affäre Langs mit Thea von Harbou seine erste Frau das Leben kostete, sie starb unter ungeklärten Umständen durch eine Kugel aus seinem Revolver

Vom Antonplatz werden wir durch den hohen quadratischen Turm der Bethanienkirche zum Mirbachplatz gelockt und sind damit einem weiteren Thema der Weißenseer Ortsgeschichte auf der Spur.

1872 hatte der Hamburger Großkaufmann und Volksvertreter im Preußischen Abgeordnetenhaus Gustav Adolf Schön mit dem Rittergut Weißensee große Flächen erworben, deren anschließende Veräußerung einen umfangreichen Wohnungsbau in Gang setzte. Schöns Bemühen und Können war es, mit seinem Geld sehr viel mehr Geld zu erwirtschaften, und so wird er heute sogar auf der Homepage des Bezirks Pankow als Spekulant bezeichnet. Trotzdem gibt es im Gründerviertel, dessen Straßen und Plätze nach Personen benannt wurden, die sich um den Ausbau Weißensees verdient gemacht haben, auch weiterhin eine Schönstraße und eine Gustav-Adolf-Straße.

Die Bevölkerungszahl war dadurch stark gestiegen, und wer wäre besser geeignet als die "Kirchen-Juste", einen neuen Kirchenbau zu fördern? Ihr Bemühen hatte Erfolg, 1902 wurde die Bethanienkirche eingeweiht und das Glockengeläut erhielt den Namen „Auguste Victoria“. Nach Zerstörung im 2.Weltkrieg blieb nur der Turm stehen, die Gottesdienste finden im Gemeindehaus statt. Dieses Gebäude mit dem Pelikan-Motiv wurde im Heimatstil errichtet, der romantisierende Anklänge an bäuerliche Architektur als Inbegriff des gesunden und natürlichen Landlebens mit dem Attribut noblen Prestiges verbindet.

Die 1872 eröffnete Berliner Ringbahn erhielt 1875 einen Bahnhof Weißensee (heute S-Bahnhof Greifswalder Straße), seit 1873 fuhr der Pferdeomnibus vom Alexanderplatz nach Weißensee. Damit waren die Verkehrsverbindungen geschaffen, ohne die eine suburbane Ansiedlung nicht entwickelt werden konnte. Ab 1905 entstand zwischen Gustav-Adolf-Straße und dem Weißen See im Zusammenwirken vom Bürgermeister Carl Woelck und dem Architekten Carl James Bühring eine "besseren Wohngegend", denn Bühring konnte und sollte "den Ort so auszugestalten, dass künstlerisch ausgeprägte Städtebilder entstehen". Weißensee mit seinen Seen und Teichen sollte nicht länger den "unteren Schichten" vorbehalten sein. Ein kommunaler Grunderwerbsfonds kaufte 40 Objekte und entwickelte eine kommunale Bautätigkeit, die vor allem dem Bemühen Weißensees um die Gewährung des Stadtrechts diente. Bereits 1899 hatte Weißensee erfolglos beantragt, der Landgemeinde den Status einer Stadt zu verleihen. Ab 1912 stagnierte die städtebauliche Entwicklung Weißensees, der Traum von der Stadt war ausgeträumt, erst 1920 wurde Weißensee Teil der Stadt Groß-Berlin, aber eben niemals eigenständige Stadt.

Unter Bührings Planung entstanden rund um den Kreuzpfuhl an der Woelckpromenade eine Wohnanlage und ein kommunales Zentrum mit einem um einen Park gruppierten Gebäudeensemble in märkischer Backstein- Architektur, die einen bewussten Dreiklang von gebranntem Stein, grünen Bäumen und blauem Wasser erzeugte. Zu den Bauten gehörte eine (zerstörte) Stadthalle, ein Ledigenwohnheim, ein Beamtenwohnhaus und ein Abwasserpumpwerk an der Pistoriusstraße. Zwanzig Jahre nach Bühring baute Tiedemann zwischen Woelckpromenade und Schönstraße die Holländischen Häuser von Weißensee. Langgestreckte, aber abwechslungsreich durch Torhäuser mit Stufengiebeln unterbrochene Reihen von Backsteingebäuden mit idyllischen Innenhöfen hinter den Rundbögen der Hausdurchgänge.

In einem blockhaften Klinkerbau der Amalienstraße residiert das Standesamt, so als sei es eine "Festung der Familie". Ein anderes Gebäude an der Amalienstraße hat eine ziemlich einzigartige Nutzungsmischung: eine Schule und ein Rathaus (zu DDR-Zeiten Rat des Stadtbezirks) waren hier untergebracht, ein roter Klinkerbau aus der Epoche der Neuen Sachlichkeit mit beherrschender Uhr an dem Eckturm. Auf der Schulfassade steht - fast nicht mehr lesbar - "Für Einigkeit und Freiheit, weg mit dem Besatzungsstatut". Ein solches Statut gab es während der alliierten Militärregierung der Westzonen 1948, ob sich die Fassadeninschrift wirklich so lange gehalten hat?

Weiter nördlich an der Parkstraße steht das Amtsgericht, an dem augenscheinlich möglichst viele unterschiedliche Architekturdetails untergebracht werden sollten. Beim Treppenturm folgen die Fenster der Treppensteigung, er trägt eine Schweifhaube. Weitere Türme mit spitzer Haube und Laternen (das sind die lichteinlassenden Turmaufsätze), Maßwerkfenster, allegorische Figuren, nicht einmal Zinnen fehlen und ein Hundekopf über der Eingangstreppe als Symbol der Wachsamkeit. Nach dem Willen des Architekten sollte das Gebäude einen „mehr kleinstädtischen Zug“ erhalten, und das ist auch gelungen.

Letzte Etappe unseres Rundgangs ist der Weißensee, die Siedlungsbauten von Möhring, Bühring und Taut östlich der Berliner Allee müssen wir auf einen späteren Spaziergang verschieben. Am Weißensee gab es bis 1919 ein Schloss, das seit 1874 als "Welt-Etablissement" mit Tanzsälen, Rutschbahn, Ballonfahrten, Karussells, Würfelbuden und Bierlokalen die Berliner zur Landpartie lockte. Auf einer Aussichtsterrasse am See stehen Skulpturen von Wassergöttern mit menschlichen Leibern und Fischschwänzen (Tritonen), geschaffen von Hans Schellhorn, der auch an der ornamentalen Gestaltung von Bührings Bauten mitgewirkt hat. Der Park an der Südseite des Sees lässt den Lärm der nahen Durchgangsstraßen vergessen.

Die Fontänen auf dem See zaubern gerade einen Regenbogen hervor. Da interessiert uns die heiß diskutierte Frage wenig, ob die Wasserspiele wie früher in der Mitte des Sees verankert sind. Im Regionalfernsehen hatte gerade ein Anwohner angekündigt, wegen der unerträglichen Positionsveränderung "seiner" Fontäne aus dem Bezirk wegzuziehen, falls man den Platz nicht ändert. Weißensee wird seinen Wegzug überstehen.

Auf unserem Rundgang haben wir eine fast erdrückende Fülle von architektonischen Stilen gesehen, eindrucksvolle Zeilen mit Backsteinbauten, Ornamente, Skulpturen, kleine Villen, Heimatstil, viele Zitate älterer Bauepochen, die im Historismus mit "neo-" benannt werden (Neogotik, Neorenaissance, Neobarock usw.). Zwanzig Jahre nach der Wende ist das Gebiet wieder herausgeputzt und hat Atmosphäre.

Erschöpft und bereichert von den vielen Eindrücken gehen wir wie schon 2005 einmal in das Cafe Mirbach am gleichnamigen Platz. Nach einem gelungenen Essen wird diesmal das Trinkgeld als selbstverständlich akzeptiert, beim ersten Mal hatten wir die Frage bekommen, ob denn das so gemeint sei.

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Hier steht etwas über unseren ersten Besuch: Das Lichterfelde des Ostens

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Unsere Route
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sei Euch die Erde leicht
Geklaute Kirschen