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Vorgärten schaffen Freiraum


Stadtteil: Pankow
Bereich: „Vorgartenviertel“ (Krankenhausviertel)
Stadtplanaufruf: Berlin, Galenusstraße
Datum: 8. Februar 2016
Bericht Nr: 536

Vogelherd
In Eichkamp heißt eine Straße „Am Vogelherd“, in Dahlem gibt es die Straße „Vogelsang“. Das hört sich nach Singvögeln an, die in den Bäumen oder in Volieren zwitschern, pfeifen oder singen. Beim Vogelsang stimmt das, beim Vogelherd sagt die Historie leider etwas unbarmherzig anderes. Er diente dazu, Vögel zu fangen, um sie zu verzehren, zu zähmen oder abzurichten. Sämereien wurden ausgestreut, Lockvögel und „Rührvogel“ angebunden, Netze gespannt, Schlingen und Ruten angebracht, Fallen aufgestellt, Hütten mit Schlagwänden aufgebaut. Vogelsteller beobachteten den Himmel, um die Fangeinrichtungen auszulösen. Tränkherde legte man dort an, wo Vögel sich badeten oder tranken. Die Oekonomische Encyklopädie Krünitz von 1840 braucht 150 Zeilen, um alle Einzelheiten möglicher Vogelfanganlagen zu beschreiben. In unserer Zeit ist es verboten, Wildvögel zu fangen oder in Käfigen zu halten.

An der Galenusstraße in Pankow haben Archäologen 2008 die Reste eines kurfürstlichen Vogelherds ausgegraben. Johann Cicero, seit 1486 Kurfürst von Brandenburg, hatte "große Lust am Weidwerk". Er ließ an der Panke eine 20 mal 40 m große Insel schaffen, die von einem flachen Graben umgeben war. In der Mitte der Insel stand ein Vogelfänger-Häuschen, in einer Hecke am Rand waren Lockvögel festgebunden. Wenn Zugvögel rasteten, auch angelockt durch das ausgestreute Vogelfutter, löste der Vogelfänger Netze aus. Ein "Residenzhandbuch" beschreibt noch zur Zeit des ersten preußischen Königs (1701) diese Anlage: "Auf Panke-Insel 'Vogelherd' zum Fang lebender Vögel seit Kurfürst Johann Cicero. Holzwerkhaus mit Erkern von Panke und Graben umgeben, Fasanerie und Orangerie; Nachtigallen." Auch eine Münzprägestätte muss sich hier im Umkreis befunden haben, hier wurde das "Pankower Gröschlein" geprägt im Wert eines halben Groschens.

Als 1906 das Pankower Krankenhaus gebaut wurde, hat man den Graben zugeschüttet. Nach der Wende wurde auf dem Gelände für das Neubauvorhaben "Galenuspark" das DDR-Bettenhaus abgerissen. Dabei kamen die im Boden erhaltenen Reste des Vogelherds ans Licht. Die Archäologen buddelten, dokumentierten und zeigten die Ergebnisse am Denkmaltag 2008, dann wurde alles abgeräumt und die Tiefgarage für den Neubau hier geschüttet. Die Stadtentwicklungsverwaltung führt in ihrer Denkmaldatenbank auch heute noch die "Vogelfanganlage mit umgebendem Wassergraben" auf, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um einen Denkmalverlust handelt, der nicht mehr aufgefunden werden kann.

Das typische Berliner Problem mit unsicherem Baugrund war übrigens auch hier aufgetreten. So wie beispielsweise beim nassen Dreieck- den Wohnbauten, die in Charlottenburg auf einem zugeschütteten Karpfenteich errichtet wurden - hatte eine Wand "nachgegeben", die auf dem zugeschütteten Graben stand. Die Absenkung ist noch heute an der westlichen Umfassungsmauer des Pankower Krankenhauses zu sehen.

Städtisches Krankenhaus Pankow
Das Städtische Krankenhaus Pankow hat der Architekt Wilhelm Johow 1906 erbaut. Johow, der auch das Pankower Rathaus entworfen hat, kam dann aus dem Ersten Weltkrieg als Soldat nervlich so schwer geschädigt zurück, dass er nicht mehr in seinem Beruf arbeiten konnte.

Das Pankower Krankenhaus liegt direkt vor der Panke und ist von Gartenanlagen umgeben. Geschwungene Kupferhauben auf Türmen und turmartigen Erkern finden sich hier und an der später errichteten gegenüberliegenden Wohnsiedlung des Regierungsbaumeisters Carl Fenten wieder. 2001 wurde Abschied genommen von dem Kiezkrankenhaus, die Patienten hat die Caritas in das Krankenhaus „Maria Heimsuchung“ verlegt (nahe liegende ironische Bemerkungen sollte man bei Eigennamen unterlassen). Danach zog die Evangelische Schule in das ehemalige Krankenhaus ein, in einem Seitengebäude sind Eigentumswohnungen entstanden.


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Wohnsiedlungen
In Duisburg-Wedau klagen Hauseigentümer gegen die Stadt, weil sie in ihren denkmalgeschützten Vorgärten Kies statt Grünflächen haben wollen. Der Denkmalschutz will dort aber wegen der Anlehnung an die Gartenstadt-Idee keine Veränderung zulassen. Es fällt offensichtlich schwer, schmale Vorgärten als Gartendenkmale zu akzeptieren wie Stadtplätze, Gärten, Schlossparks und Pleasuregrounds. Hier geht es auch kaum um die exemplarische oder außergewöhnliche Gestaltung des Vorgartens selbst, sondern um die Raumwirkung im Zusammenhang mit der Architektur. Die städtebauliche Dichte wird aufgelockert, Freiraum entsteht, und dieser Freiraum ist nicht Leere, sondern formt zusammen mit den Bauwerken das Wohnumfeld und die Stadtlandschaft.

So ist es nicht verwunderlich, dass im Pankower Krankenhausviertel blockumschließende Wohnanlagen nicht nur mit ihren Innenhöfen, sondern auch mit ihren Vorgärten als Denkmale eingetragen sind. Vom Pankower Krankenhaus an der Galenusstraße wurde der Name „Krankenhausviertel“ für dieses Stadtquartier abgeleitet. Treffender wäre es wegen der besonderen Freiraumgestaltung, es als „Vorgartenviertel" zu bezeichnen.


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Die Wohnanlagen zwischen Galenusstraße und Achtermannstraße haben außergewöhnlich große Innenhöfe, die den Freiraumcharakter noch verstärken. Zwischen 8.000 und 12.000 qm - mehr als ein Fußballfeld - umfasst ein solcher Innenhof. Die Städtische Baugesellschaft „Pankower Heimstätten GmbH“ hat mit ihrer Freiraumgestaltung in den 1920er Jahren einen eindrucksvollen Beitrag zum sozialreformerischen Wohnungsbau geleistet. Zum Vergleich: Der Innenhof der fortschrittlichen "Weisbachsiedlung" von Alfred Messel (um 1900 entstanden) ist gut 4.000 qm groß. Der Wohnungsbestand der Pankower Heimstätten ging 1937 in der "Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft“ (GSW) auf, als die Nazis zwangsweise mehrere kleine Wohnungsbaugesellschaften zusammenschlossen. Inzwischen gehört die GSW zur "Deutschen Wohnen AG", die einen Teil unseres Wohnungsmarkts beherrscht.

Freibad Pankow
An der Panke Höhe Ossietzkystraße stand seit 1896 das Wirtshaus “Zum Pankgrafen”, zu dem auch eine Badeanstalt gehörte. Um diesen Namen führen zu dürfen, mussten die Gastwirte in den mittelalterlichen Ritterorden "Alte Pankgrafenvereinigung von 1381 zu Berlin bey Wedding an der Panke“ eintreten. Urvater des Ordens war zur Zeit des Raubrittertums der rechtschaffende Ritter "Graf Udo mit der gespaltenen Klaue". Mit "Wohltun, Freundschaft, Vaterland" sollte dem räuberischen Treiben ein Ende gemacht werden. Graf Udo endete bös, er ertrank in der damals noch reißenden Panke, in die er in voller Rüstung stürzte. Pünktlich alle fünfzig Jahre soll er danach wieder herausgestiegen sein, um nach dem rechten zu sehen. Aber aus dem heute kanalisierten Bächlein Panke taucht er wohl nicht mehr auf.

1926 war Schluss mit dem Baden in der Panke, weil sie zu sehr verschmutzt war. Erst in der DDR-Zeit gab es einen Neuanfang. Das 1960 von vielen hundert Freiwilligen erschaufelte Bad war damals (Ost-)Berlins modernstes Freibad. Da es das Ergebnis von Bürgerinitiative und nicht von Planwirtschaft war, nannte man es auch seinerzeit den größten Schwarzbau im sozialistischen Berlin. Da die junge DDR die fehlende politische Anerkennung durch sportliche Siege erkämpfen wollte, bestand die Befürchtung, dass die staatliche Sportlenkung das Becken für ihre Zwecke belegen würde. Es ist allerdings nur ein Gerücht, dass die Freiwilligen das Becken deshalb um einiges kürzer gebaut hätten, damit es nicht der Norm entsprach.

Elf Jahre später wurde das Freibad um eine Schwimmhalle an der Wolfshagener Straße ergänzt, die aber nicht mehr in Betrieb ist. Sie gehört zu den Berliner Geisterplätzen, die nicht nur von Vandalen, sondern auch von Ruinenfreaks heimgesucht werden. Der Bau eines neuen Multifunktionsbades als 365-Tage-Freizeit- und Wellnessbad ist geplant, bis zur Fertigstellung werden aber noch einige Jahre vergehen.

Flaniermahl
In der Florastraße finden wir einen Italiener, bei dem wir uns einfach wohl fühlen. Und so lassen wir uns zu Pasta mit frischen Trüffeln verleiten, wir haben es nicht bereut.

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Stadtrundgänge in angrenzenden Quartieren:
> Heinersdorf: Zwischen den Bahnhöfen
> Kissingenviertel: Wem gehört Berlin?
> Amalienpark: Sonderzug nach Pankow

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Eine Steppe mitten in der Stadt
Vom Pferd zum Fahrrad