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Sonderzug nach Pankow


Stadtteil: Pankow
Bereich: Niederschönhausen
Stadtplanaufruf: Berlin, Majakowskiring
Datum: 10.Juli 2012

Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, nannte die Ost-Berliner Regierung gern die "Herren aus Pankoff". 1966 hat die DEFA Filmproduktion aus Ost-Berlin für einen kurzen Dokumentarfilm im Ruhrgebiet und in München Passanten befragt, was sie sich unter “Pankoff“ vorstellen - die Antworten waren enttäuschend, kaum einer kannte den Ost-Berliner Bezirk. Da war Udo Lindenberg ganz anders drauf, als er mit dem "Sonderzug nach Pankow" fahren wollte, sein Ziel war ein Rockkonzert in Ost-Berlin, das er bei Erich Honecker einforderte.

Lindenberg schickte seinen Song 1983 an den DDR-Staatschef und schrieb dazu: "Sieh das alles nicht so eng und verkniffen, Genosse Honey, und gib dein Okey für meine DDR-Tournee". Sehr amused war Honey vielleicht nicht über den Brief, aber Udo bekam seinen Auftritt im Rahmen eines DDR-Festivals, wenn auch nur mit wenigen Liedern vor ausgesuchtem Publikum. Es folgte der Austausch von Geschenken zwischen beiden. Udo schickte Honey 1987 eine Lederjacke in Anspielung auf seinen Songtext. " Du bist du doch eigentlich auch ein Rocker, ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an". Honecker bedankte sich brieflich mit politischen Floskeln, "aber was die Jacke selbst betrifft, sie paßt". Eine Schalmei als Geschenk für Lindenberg war beigefügt. Als Honecker später Wuppertal besuchte, überreichte ihm Lindenberg eine Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“. Aua, diese Anspielung auf die DDR-Friedensbewegung ("Schwerter zu Pflugscharen") dürfte weh getan haben.

Und wo liegt dieses Pankoff/Pankow? Am Majakowskiring, ganz in der Nähe des Schlosses Niederschönhausen. Die Russen hatten 1945 die kaum kriegsbeschädigte Villensiedlung beschlagnahmt, der großbürgerliche Stil schien sie nicht zu stören. Die Gruppe Ulbricht, die in Moskau auf die Machtübernahme in Deutschland vorbereitet worden war, nahm hier Quartier, Ulbricht zog in das Haus Majakowskiring 28-30 ein. Wilhelm Pieck zog in die Nr.28, Otto Grotewohl in die 48, die "Rote Hilde" (Hilde Benjamin), die die sozialistische Justiz unbarmherzig entwickelte, in die 59. Honecker wohnte erst in Nr.58, dann mit Margot zusammen in Nr.14. Die systemnahen Schriftsteller Johannes R. Becher, Arnold Zweig, Hans Fallada wohnten hier oder in angrenzenden Straßen. Um die Ecke in der "Stillen Straße" zog Erich Mielke ein, der (damals noch stellvertretende) Stasi-Chef. Die Benennung der Straße erfolgte 1950, als Mielke ins Zentralkomitee und zum Stasi-Stellvertreter berufen wurde. Soviel Witz werden die Stadtverantwortlichen aber wohl nicht gehabt haben, dass sie "still" auf die Geheimdiensttätigkeit bezogen haben.

Die Siedlung wurde zunächst von einem Bretterzaun, später von einer Mauer umgeben und von Wachregiment, Stasi und Polizei bewacht. 1953 bekamen die prominenten Bewohner Angst, als die Arbeiter auf die Straße gingen. Die Politbüromitglieder wurden in sowjetische Obhut nach Karlshorst gebracht. Der Ungarn-Aufstand 1956 gab dann den Ausschlag, einen noch besser vor dem Volk gesicherten Wohnbezirk für den inneren Politzirkel der DDR bauen zu lassen. 1960 zogen die Bewohner um in die Waldsiedlung Wandlitz, deren Zweifamilienhäuser - aus westlicher Sicht - eher bescheiden gebaut und eingerichtet waren. Allerdings wurden jährlich 6 Mio. DM aufgewendet, um die DDR-Oberen mit westlichen Konsumgütern zu versorgen, die nach offiziellem Sprachgebrauch als "dekadent" galten.

Der Majakowskiring hieß bis 1950 Kronprinzenstraße und Viktoriastraße. Mit dem überdimensioniert wirkenden neoklassizistischen Bau, der direkt im Blick liegt, wenn man von der Ossietzkystraße hereinkommt, begann hier 1900 die Besiedlung. Von dem Bauherrn, dem Fotografen Richard Kasbaum, ist wenig mehr bekannt als dass er sein Atelier in der Friedrichstraße am Oranienburger Tor hatte. Ein paar von ihm hergestellte Portraitfotos sind erhalten geblieben, die Quellen schweigen aber über seinen Reichtum, der ein so imposantes Gebäude möglich gemacht hat. Hier etablierte die DDR-Regierung ihr Gästehaus, nach der Wende wurde es von den Chinesen übernommen.

Als Ulbricht 1973 starb, zog seine Frau Lotte aus Wandlitz nach Pankow zurück. Das frühere Wohnhaus der Ulbrichts ließ Honecker schleifen, die Erinnerung an seinen abgehalfterten Vorgänger wurde am Majakowskiring beseitigt, Lotte musste in das Haus Nr.12 einziehen. Die Umzäunung und Bewachung des Gebiets wurde eingestellt. Nach der Wende hatte Egon Krenz ein Haus am Majakowskiring im Februar 1990 von der "Versorgungseinrichtung des Ministerrates" der DDR erworben, musste es aber wieder zurückgeben, der Kauf war nicht mit rechten Dingen zugegangen. Zu dieser Zeit brauchte Krenz auch kein eigenes Haus, da er in Hakenfelde seine Haftstrafe absaß.

Staatspräsidenten Wilhelm Pieck hatte es nicht weit zu seinem Amtssitz, Schloss Niederschönhausen liegt nur ein paar Schritte vom Majakowskiring entfernt. Später brachte die DDR hier ihre Staatsgäste unter. Das Renaissanceschloss war im Lauf der Geschichte mehrfach umgebaut worden. Königin Elisabeth Christine - die Frau Friedrichs des Großen - hielt hier und im Berliner Stadtschloss Hof, während dessen Friedrich in Sanssouci in Potsdam residierte. Nur zu offiziellen Anlässen waren die beiden zusammen zu sehen.

Wir brauchten keinen Sonderzug wie Udo Lindenberg, wir sind einfach in die S-Bahn gestiegen und nach Pankow gefahren. Es sei denn, man bezeichnet bei der andauernden Unzuverlässigkeit der S-Bahn einen Zug, der uns pünktlich ans gewünschte Ziel bringt, schon deshalb als "Sonderzug". Die Garbaty-Zigarettenfabrik hat seit unserem letzten Besuch 2009 (--> 1) ein schmuckes Gesicht bekommen. Im Vorgarten des Jüdischen Waisenhauses steht ein Jüngling aus Granit, an der Spitze seiner Männlichkeit fehlt etwas, und das schon seit längerem. Es wirkt, als hätte die aktuelle Beschneidungsdebatte (rituelle Beschneidung als strafbare Körperverletzung?) hier ihren steinernen Ausdruck gefunden. Dabei ist diese Skulptur bereits bei ihrer Entstehung in Israel mehrfach beschädigt worden, bevor sie nach Berlin kam. Nach einem vermutlichen Bildersturm wegen des religiösen Verbots bildlicher Darstellungen ("ikonoklastischer Attacke") fehlten der Penis, ein Finger, ein Fuß und ein Ohrläppchen, um ihn aus den Bruchstücken wieder zussamenzusetzen. Vorher hatte er schon einmal eine Badehose aus Zement bekommen und einen Finger verloren. Eine Tafel weist darauf hin, dass diese Skulptur "Der Steinhändler" bereits in Israel beschädigt wurde, damit sollen Irritationen in Berlin vermieden werden.

Am Forum Pankow lockern Metallskulpturen das Außengelände um den umgenutzten Fabrikbau auf. Wie viele Temperamente der menschlichen Psyche gibt es? An der Breiten Straße vor dem Kavalierhaus von 1763 stehen vier Putten, die als Darstellungen von Temperamenten gedeutet werden. Das Haus selbst mit der barocken Freitreppe hat viele Bewohner gehabt, Achim von Arnim gehört dazu, zuletzt war es der Schokoladenfabrikant Hildebrand.

Gegenüber an der Breiten Straße liegt der Amalienpark. Auf dem 100 Meter breiten und 160 Meter tiefen Parkgrundstück hat eine Terraingesellschaft - die "Landhaus-Baugesellschaft Pankow" von Otto March - kurz vor 1900 eine Gruppe von neun Gebäuden mit 50 Wohnungen errichtet. Seit 1880 hielt die Stettiner Bahn in Pankow(-Schönhausen), die Voraussetzungen für eine Ansiedlung waren damit gegeben, denn ohne einen Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel konnte eine Terraingesellschaft zu dieser Zeit ihre Grundstücke kaum vermarkten. Der grüne Vorort Pankow war ein beliebtes Ziel der großstadtmüden Berliner, bereits 1892 setzte die Bauordnung für die Vororte Grenzen der Bebauung. In Gebieten mit landhausmäßiger Bebauung durften in den höchstens zweistöckigen Gebäuden das Dachgeschoss und das Kellergeschoss weitgehend ausgebaut werden. Die im äußeren Erscheinungsbild zweistöckigen Häuser haben damit tatsächlich vier ausgebaute Etagen. Dieser Bautypus findet sich schon in der Siedlung Lichterfelde West von Carstenn, hier am Amalienpark hat der Senior der Architektenfamilie March (--> 2) diese Bauform mit neobarocken und neoklassizistischen Fassaden aufgewertet. Die Wohnungen mit vier bis sieben Zimmern entsprechen immer noch heutigen Wohnbedürfnissen.

Zehn Jahre später entstand an der Grabbeallee die großstädtische Paul-Francke-Siedlung für den Beamten-Wohnungsverein, dessen technisches Vorstandsmitglied Paul Mebes war. Noch vor seiner Zusammenarbeit mit seinem Schwager Paul Emmerich errichtete er allein diese offene Wohnsiedlung mit einer Privatstraße und Wohnhöfen. Die Fassaden sind - bis auf mehrere Innenhöfe - in rotem Backstein mit Handstrichziegeln ausgeführt. Die rohe Ziegelmasse erhält ihre Form durch einen Holzrahmen. Beim Abstreifen der überstehenden Masse entstehen Narben in Längsrichtung, die jeden Ziegel zu einem Unikat werden lassen. Zur Grabbeallee grenzt sich die Siedlung durch vier großflächige Giebel ab, im Innern bewirken die Vorgärten, Grünflächen und Wohnhöfe an der gekrümmten Erschließungsstraße ein eher privates Raumgefühl. Giebel und Eingangsbereiche sind durch Backsteinmuster phantasievoll gegliedert. Die Abkehr von Mietskasernen mit Blockrandbebauung und Hinterhäusern ist hier beispielhaft gelungen.

Im Juli 2007 hatte ich nach einem Besuch in der Botanischen Anlage Pankow geschrieben: "In der Nähe des Rathauses Pankow nehmen wir bei einem Griechen, der den Olivenbaum im Namen führt, ein berlintypisches griechisches Gericht zu uns und kehren dann in die Mitte der Stadt zurück." Auch von der Zigarettenfabrik aus (--> 1) waren wir hierhin essen gegangen. Unseren heutigen Rundgang schließen wir wieder im „Olivenbaum“ ab und werden - trotz des Andrangs im Garten - freundlich und schnell mit einem reichhaltigen Essen versorgt.

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(1) Garbaty-Zigarettenfabrik: Bier und Zigaretten
(2) Architektenfamilie March: Im Innenraum der Rennbahn
(3) Botanische Anlage Pankow: Königin der Nacht


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind die Bilder der Paul-Francke-Siedlung, Grabbeallee ...
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Paul-Francke-Siedlung, Grabbeallee


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