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Wer aussteigen will melde sich rechtzeitig


Stadtteil: Pankow
Bereich: Niederschönhausen
Stadtplanaufruf: Berlin, Dietzgenstraße
Datum: 8. September 2012

Wer sich unter einer "Flachbahn" eine Straßenbahn vorstellt, in der man sich ducken muss, weil sie so flach ist, folgt einer Logik der Sprache. Die Realität aber sah anders aus: es war eine Bahn, die auf ebener Strecke mit geringem Gefälle und geringer Steigung verkehrte - die Straße ist flach, nicht die Bahn. In ihrem Geschäftsbericht 1902 erklärt die "Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin" den Begriff "Flachbahn" als "Gegensatz zur Hochbahn". Man sieht, mit der Sprachlogik kommt man hier wirklich nicht weiter, denn "flach" und "hoch" sind kein geläufiges gegensätzliches Begriffspaar.

Am Denkmaltag 2012 wird die Berliner Straßenbahngeschichte im Straßenbahnbetriebshof Niederschönhausen wieder lebendig. Das Depot wurde 1901 errichtet und 1924 erweitert, 1999 hat die BVG es stillgelegt, seitdem wird dort eine Sammlung historischer Fahrzeuge vom Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin betreut. Ältere Herren mit Bauchansatz kümmern sich um ältere Straßenbahnen mit Rostansatz - Begeisterung und Zeit dafür ist meist erst nach dem aktiven Dienst vorhanden. Die Fahrzeuge der "Elektrischen" und ihre Vorgänger, die Pferdebahnwagen werden dort im Depot liebevoll restauriert und gepflegt. Bei manchen Veranstaltungen fahren sie ins Freie, man kann sie auch mieten.

Die ersten Straßenbahnen wurden von Pferden gezogen, 1835 bekam die "Berliner Pferdeeisenbahn-Gesellschaft" die erste Betriebserlaubnis für eine Pferdebahnlinie, stolz nannte sie ihren Betriebshof am Spandauer Damm "Hauptbahnhof". Bis zur Jahrhundertwende entstanden etwa ein Dutzend konkurrierende Pferdebahnbetriebe, doch schon 1896 begann die Umrüstung auf elektrischen Antrieb. Werner von Siemens hatte 1881 in Lichterfelde die erste "Elektrische" eingerichtet (--> 1). Da sie sich von Straßenverläufen weitgehend unabhängig machte und so wie eine Hochbahn, nur ebenerdig fuhr, nannte er sie "Elektrische Eisenbahn". Seit der Berliner Gewerbeausstellung 1896 in Treptow trat sie ihren Siegeszug an. Allerdings bereitete die Stromzufuhr Kopfzerbrechen - Droschkenpferde bekamen einen Schlag, wenn sie auf die stromführenden Gleise traten, Menschen mussten durch eine Polizeiverordnung geschützt werden: "Beim Ertönen der Signalglocke der electrischen Eisenbahn hat das Publikum sich überall von den Wegübergängen zu entfernen". Oberleitungen wollten die Behörden nicht zulassen wegen befürchteter Gesundheitsgefahren und weil das Straßenbild dadurch verschandelt wird. Für die Trasse um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche herum wurde schließlich 1899 nach mehreren Eingaben die Oberleitung vom Polizeipräsidenten als Baupolizei genehmigt, wenn "die die Leitung tragenden Pfähle im romanischen Style ausgebildet werden".

Anstelle der Oberleitungen wollte die Baupolizei in der Innenstadt Akkumulatoren vorschreiben, die auf den Strecken im Außenbereich über die Oberleitungen aufzuladen wären. Noch heute sind die Batterien der modernen Elektroautos so schnell leer, dass sich der Elektroantrieb kaum durchsetzt. 1902 waren die Störungen und Ausfälle der Straßenbahnakkus der Anlass dafür, bei den Straßenbahnen ganz auf Oberleitungen umzusteigen. Als Stromabnehmer wurden anfangs Stangen auf dem Fahrzeugdach verwendet, die schräg gegen den Fahrdraht gedrückt wurden. Beim Kehren und bei Problemen mussten die Stangen von Hand herunter gezogen und neu am Fahrdraht angelegt werden. Später verwendete man den Scheren-Stromabnehmer, der federnd gegen die Fahrleitung drückt und nicht mehr herausspringen kann. Auch mit Dampfantrieb hatte man experimentiert, die Dampfstraßenbahnen aber schon bald wieder wegen Rauch- und Geruchsbelästigung aus dem Verkehr gezogen. Die Elektrische fuhr und fuhr und fuhr - auf der Leipziger Straße sollen 1914 die Wagen im Halbminutentakt verkehrt haben, 28 Linien verschiedener Verkehrsgesellschaften fuhren hier entlang.

Die Hochbahngesellschaft betrieb ab 1901 und 1910 zwei Flachbahnlinien von der Warschauer Brücke aus als Ergänzung ihrer Hochbahnlinie, es war eine Beförderung der Hochbahnpassagiere mit anderen, hochbahnfremden Mitteln. Noch als bei der Gründung Groß-Berlins 1920 alle Straßenbahnen unter dem Dach der "Berliner Straßenbahn" vereinigt wurden, blieb die Hochbahn und mit ihr die Flachbahn als eigenes Unternehmen bestehen. Erst 1928 wurde die Flachbahn an die BVG-Vorgängerin "Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH" verkauft, 1929 entstand aus U-Bahn/Hochbahn, Omnibus und Straßenbahn die BVG.

Die ersten Autos sahen aus wie eine Kutsche ohne Pferd, erst nach und nach entwickelte sich ein eigenes Design für Automobile. Bei der Straßenbahn verlief die Entwicklung ähnlich, sie hatte zunächst im offenen Wagenkopf anstelle des Kutschers einen Fahrer, der den Fahrschalter für die Geschwindigkeit auf einem Fahrpult drehte. Die geschlossene Fahrerkabine entwickelte sich erst im Lauf der Zeit. Die Fahrgäste saßen teilweise im seitlich offenen Wagen, manche Wagen wurden für Sommerbetrieb umgerüstet, indem man Scheiben herausnahm. Von der Palette der Fahrzeuge im Depot blieb ich natürlich bei den Straßenbahnen hängen, auf denen ich in den 1950er/1960er Jahren mitgefahren bin. Straßenbahn mit Schaffner, versteht sich. Ein über den Fenstern durchlaufendes Gurtband wurde für die Signale gebraucht, die der Schaffner dem Fahrer gab, vorn beim Fahrer hing eine Glocke. Einmal Klingelleine ziehen bedeutete Abfahren, zweimal Anhalten und dreimal Nothalt. Ob der Schaffner im Anhänger auch eine Klingelleine hatte, habe ich mich vergeblich gefragt, daran kann ich mich nicht erinnern. Auf meiner "Heimatlinie" an der Heerstraße zum Savignyplatz verkehrte auch ein stromlinienförmiger Zug der 7000er-Baureihe, die die hölzernen Züge nach und nach ablösen sollte. Stattdessen kam 1967 das Aus, die letzte Linie wurde wie vorher die anderen Strecken durch einen Bus oder eine U-Bahn ersetzt.

Nostalgisch klingen die Schilder mit Betriebshinweisen in den Straßenbahnen:
> "Zur Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege wird dringend ersucht, nicht in den Wagen zu spucken"
> "Springe nicht ab während der Fahrt. Du bringst Dich selbst in Gefahr und gefährdest den Verkehr"
> " Wer aussteigen will, melde sich rechtzeitig"

... und genauso die Werbeschilder für Paech-Brot, die es in der Straßenbahn und in der U-Bahn gab:
> "Und der Orje sprach zum Kulle, haste nich ne Paech-Brot Stulle"
> "Schinken nützt nichts, Wurst und Ei, fehlt das Paech-Brot dir dabei"
> "Liebe Mutti bitte bitte, gib mir noch ne Paech-Brot Schnitte"
> "Kuno sagt zu Kunigunde: Paech-Brot ist in aller Munde"
> "Haste im Verkehr mal Frust, mit Paech-Brot kriegste wieder Lust."
> "Gar furchtbar schimpft der Opapa, die Oma hat kein Paech-Brot da"

Für den Oma-Spruch gibt es noch eine (gedachte) feministische Fortsetzung:
> "Drauf fängt die Oma an zu schrein, Du Chauvi kauf' doch selber ein!"

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(1) erste Straßenbahn in Lichterfelde: Starwars-Einkaufscenter

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Zu diesem Bericht gibt es einen Forumsbeitrag: Pankow, Straßenbahnbetriebshof (8.9.2012)


Sonderzug nach Pankow
DDR-Botschaftsviertel in Pankow