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Bier und Zigaretten


Stadtteil: Pankow
Bereich: S-Bahnhöfe Wollankstraße bis Pankow
Stadtplanaufruf: Berlin, Wollankstraße
Datum: 15. Juni 2009

Bereits mit dem ersten Schritt unseres Spaziergangs vom S-Bahnhof Wollankstraße zum S-Bahnhof Pankow betreten wir Berliner Geschichte. Die S-Bahn fährt an der Weddinger Wollankstraße direkt an der Sektorengrenze entlang, der Bahnhof liegt "drüben" im Bezirk Pankow. Zu Mauerzeiten war er der einzige Ost-Berliner S-Bahnhof, der nur von West-Berlin aus betreten werden konnte. Auf Ost-Berliner Seite verlief der Mauerstreifen, die Zugänge waren gesperrt. Das mit den verschlossenen Zugängen ist auch heute noch so, weil auf der dem ehemaligen Mauerstreifen Kirschbäume gepflanzt sind, die von Japanern aus Freude über den Mauerfall gespendet wurden.

In der Florastraße finden wir ein Freiluft-Wohnzimmer, den von Christine Gersch geschaffenen "Pocketpark". Ihre Kunstwerke sind uns schön öfter bei unseren Rundgängen begegnet, z.B. in der Boxhagener Straße und am Umspannwerk Kopenhagener Straße. Hinter der nächsten Querstraße imponiert ein Schulkomplex mit einer Neorenaissance-Fassade, der Treppenturm führt zu den in unterschiedlichen Stilen gestalteten Etagen. Das ist für die Schüler im Vorbeigehen Anschauung über unsere kulturelle Entwicklung, sozusagen in Architektur gegossener Unterricht. Auf der Straße über unseren Köpfen hört und sieht man die in Tegel startenden und landenden Flugzeuge, aber ein Ende ist mit dem gerade entstehenden Schönefelder Flughafen für die Pankower abzusehen.

Die Alte Mälzerei der Schultheiss-Brauerei an der Mühlenstraße ist unser nächstes Ziel. Hier wurde seit 1874 Gerste angeliefert, zum Keimen gebracht, getrocknet und so als Malz für die Bierherstellung vorbereitet. Die Gebäude stehen im alten Zentrum von Pankow, unweit der Dorfaue (Breite Straße) und des Rathauses. Nach dem üblichen Hin und Her in der Nachwendezeit wurde die Produktion nicht weiter geführt, jetzt ist Wohnen im Industriedenkmal geplant. Die Baukolonnen sind eifrig am Werk und kümmern sich gottlob nicht um uns fotografierende und in den Fabrikresten herumstöbernde Flaneure.

An dem Trödelbrunnen von Gerhard Thieme vorbei (Berliner Ecke Breite Straße) kommen wir zu einem weiteren historischen Industriebau, der Zigarettenfabrik Garbaty in der Berliner Straße und Hadlichstraße. Die "Königin von Saba", die erste (ägyptische) Berliner Zigarette wurde hier hergestellt. Seit 1887 war sie als Warenzeichen geschützt und wurde mit den "Saba-LKWs" zu den Händlern gebracht. Josef Garbaty war nicht nur ein begabter und sozialer Unternehmer, sondern auch ein Mäzen, beispielsweise das neben der Fabrik errichtete Jüdische Waisenhaus erfreute sich seiner Förderung und Zuwendung. Ein Teil der Fabrikbauten wurde von dem expressionistischen Architekten Fritz Höger gebaut, der u.a. in Hamburg das Chile-Haus und in Berlin die Kirche am Hohenzollernplatz entworfen hat.

Die Firmengeschichte spiegelt die wechselvollen Zeiten von der Gründerzeit bis zur Nachwendezeit wider. Garbaty errichtete neben der Zigarettenfabrik auch eine Papierfabrik ("Pa-Pa-Ge", Pappen- und Papier-Verarbeitungs-Gesellschaft)), er unterhielt Filialen in den deutschen Kolonien, in Amerika und Asien und wurde Hoflieferanten zahlreicher europäischer Fürstenhöfe. Seine Zigaretten wurden 1910 auf der Brüsseler Weltausstellung ausgezeichnet. Sammelbilder in den Zigarettenpackungen hatten Themen wie "Gallery of Modern Beauty" oder "Schienenwunder", die Sammelalben konnte man dazu kaufen. Bereits 1929 aber musste er Anteile an seinem Unternehmen an Reemtsma verkaufen. In der NS-Zeit wurde das Unternehmen "arisiert", seine Familie emigrierte, er selbst blieb bis zu seinem Tod 1939 in seiner Villa wohnen und wurde dort gepflegt. In das Jüdische Waisenhaus zog eine Nebenstelle des Reichssicherheitshauptamtes ein.

Die Fabrikgebäude wurden nach dem Krieg von der "VEB Garbaty" weiter genutzt. Später wurde aus mehreren volkseigenen Betrieben die "Bezifa" (Berliner Zigarettenfabrik). Wie ging es weiter - siehe oben wie bei der Alten Mälzerei: "Nach dem üblichen Hin und Her in der Nachwendezeit wurde die Produktion nicht weiter geführt, jetzt ist Wohnen im Industriedenkmal geplant." Von dem Wohnen sind aber bei der Zigarettenfabrik nur die Schilder "Musterwohnungen" vorhanden, sonst liegt das Gelände brach. In der Villa Garbaty wollten ausgerechnet die rechtsradikalen "Republikaner" ihren Bundeshauptsitz einrichten, durch heftige Proteste konnte das verhindert werden.

Im "Olivenbaum" an der Dorfaue hatten wir bereits einen früheren Spaziergang abgeschlossen, auch heute essen wir hier berlintypisch griechisch.

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2012 ein neuer Blick auf das "Garbaty": Sonderzug nach Pankow

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