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Eine Steppe mitten in der Stadt


Stadtteil: Pankow
Bereich: Florakiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Pradelstraße
Datum: 16. November 2015
Bericht Nr: 527

Wenn unser heutiges Ziel "Nasses Dreieck" heißt, dann ist es wahrscheinlich, dass wir hier nasse Füße bekommen. Da auch der Himmel mit viel Regen unseren Besuch gut vorbereitet hat, laufen wir im Matsch durch eine ungewöhnliche innerstädtische Brache zwischen Eisenbahngleisen.

Nasses Dreieck
Nördlich der Ringbahn und des Bahnhofs Bornholmer Straße teilen sich die Bahngleise. Diagonal Richtung Nordwesten geht es nach Oranienburg, die nordöstliche Diagonale führt über Pankow und Bernau Richtung Stettin. Die Mauer zwischen Wedding und Pankow verlief parallel zur Oranienburger Strecke, östlich davon weitete sich der Mauerstreifen zu einem Mauerdreieck aus, erst 500 Meter weiter nördlich beginnt die Wohnbebauung vom Florakiez. Nach der Wende blieb dieses Dreieck sich selbst überlassen, die neben Bahngleisen üblichen Mager- und Trockenrasen breiteten sich aus. Als man Zauneidechsen entdeckte, errichtete man - sprachlich passend - einen Zaun entlang der östlichen Gleise, um ihre Ansiedlung zu schützen.

Es gab zwei Zugänge vom Norden und Süden her, aber die Bahn hat das Durchqueren ihres Geländes durch Absperren im Süden unmöglich gemacht, weil weder sie noch das Bezirksamt die Kosten für den Transport alter Sofas übernehmen wollte, deren illegale Entsorgung man hier befürchtet. Wie passend am ehemaligen Mauerstreifen, die Bahn hat für die Absperrung Stacheldraht verwendet. Noch immer gehört das Nasse Dreieck der Bahn, die es als Ausgleichsmaßnahme für den Bau der Lichtenrader Strecke zum BER-Flughafen abgeben soll, doch um diese Bahnstrecke wird schon seit 17 Jahren gerungen und gestritten, und deshalb kann das noch dauern.

Aber am Nassen Dreieck laufen längst Planungen, es in ein "Grünes Band" entlang der ehemaligen Mauer einzubeziehen. Doch wie hält man Planer davon ab, einen künstlichen Landschaftspark zu gestalten, wenn die Natur bereits über Jahrzehnte eine einzigartige steppenartige Landschaft geschaffen hat? Im Moment dient der zukünftige "Naturerfahrungsraum" jedenfalls jeder Art spontaner Nutzung, von Erholung, Spiel bis zum Hundeauslauf. Betreten kann man das Nasse Dreieck von der Brehmestraße aus durch eine unauffällige Lücke zwischen zwei Neubauten.



Der Bahnhof Wollankstraße ist für uns heute der Ausgangspunkt, um uns im Florakiez näher umzusehen. Wie in vielen Ortsteilen des ehemaligen Ost-Berlins gibt es auch hier neben vielen Neubauten und modernisierten Altbauten ab und an ein Haus im morbiden DDR-Charme, dessen Fassade bröckelt und das im Innern - aus welchen Gründen auch immer - noch nicht an einen normalen heutigen Wohnstandard angepasst worden ist.

Lutherhaus, Franziskaner-Kloster
Katholische und evangelische Bauten stehen nahe der Wollankstraße in Sichtweite beieinander. Das Lutherhaus an der Pradelstraße hat der Gemeindearchitekt Rudolf Klante für die Evangelische Kirche errichtet, von ihm werden wir heute noch mehr Bauten sehen. Gegenüber der Einmündung der Pradelstraße in die Wollankstraße steht bereits seit 1880 das Wohnhaus, in das 1921 das Franziskaner-Kloster einzog. Die räumliche Nähe zu einer evangelischen Pfarrkirche hatte in der Parkstraße eine Ansiedlung des Klosters verhindert, die Evangelen wollten nicht, dass ihnen die Katholen zu nahe rückten. Am neuen Standort mussten die Wohnungen erst mit viel Geduld und Überzeugungskraft für das Kloster freigemacht werden, bevor die ersten zwei Patres einziehen konnten.

In die Suppenküche des Klosters, die es seit 24 Jahren gibt, kommen täglich zwischen 200 und 400 Hilfsbedürftige, Obdachlose, Flüchtlinge. Mittags ruft - wie sollte es anders sein - die Kirchenglocke zum Essen. Zur Suppenküche gehören eine Hygienestation und eine Kleiderkammer. Doch es geht nicht nur um materielle Hilfe sondern auch um soziale Kontakte. Eine Spielesammlung gehört deshalb zu den Highlights der Suppenküche.

Hauptzollamt
Auf der Görschstraße baute der Gärtnereibesitzer Heinrich Görsch Spargel an, bevor er mit der Parzellierung seines Landbesitzes an dem Bauboom der sich ausbreitenden Stadt verdiente. In dieser Straße steht das Hauptzollamt, entworfen vom Gemeindearchitekten Rudolf Klante mit einer Architektengemeinschaft und ausgeführt vom Bauunternehmen Carl Schmidt. Dieser Bauunternehmer, der auch mehrere andere Pankower Bauten ausgeführt hat, wurde von den Bauarbeitern "Schinder Schmidt" genannt. Wie genau er zu diesem Spitznamen kam, darüber schweigen die Quellen. Das Hauptzollamt hat zwei sehr unterschiedliche Nachnutzungen erfahren. Erst hatte zu DDR-Zeiten der "VEB Atomkraftwerk Rheinsberg, Betriebsteil Berlin" (später "VEB Kernkraftwerksbau Berlin") seinen Sitz hier. Nach der Wende zog die Algerische Botschaft ein.

Das Hauptzollamt ist ein historisierender Bau mit einem mächtigen Bogenfeld über der vorspringenden Gebäudemitte. Das Bossenwerk (behauene Steinquader) bis zur ersten Etage verstärkt die Bedeutsamkeit dieses Bauwerks. Direkt daneben hat Rudolf Klante für das Oberlyzeum einen Schulbau hingestellt, der sehr viel mehr Leichtigkeit ausstrahlt. Das Innere dieser Schule hatten wir uns bereits bei einem früheren Rundgang angesehen.



Heyn-Villa
In der Heynstraße wird das Andenken an den Stuhlrohrfabrikanten Johann Friedrich Heyn bewahrt. Das Bezirksmuseum zeigt in der Heyn-Villa seine Wohnung als typisches Zeugnis des Großbürgertums. In den heute kleinteilig genutzten Gewerbehöfen nebenan befand sich seine Fabrik. Heute herrscht eine gewisse Sprachverwirrung über seine Produktion, waren es Stuhlrohre oder Rohrstühle oder beides? Heyn hatte mehr als 20 Grundstücke an der Heynstraße gekauft. Eine Wohnanlage mit zwei zur Straße offenen Innenhöfen mit Brunnen steht gegenüber der Villa. Die Hausfassaden sind mit janusköpfigen Stuckfiguren und anderen Stuckarbeiten geschmückt.

Vaterländischer Bauverein
In Pankow in der Wollankstraße 96 sehen wir heute ein Wohngebäude mit Gartenhof, Loggien und großzügig bemessenen Wohnungen, das die Architekten des Vaterländischen Bauvereins für einen privaten Eigentümer errichtet haben. Es hebt sich von der umliegenden Bebauung ab. Auf der Backsteinfassade sind weiße Blumen-Stuckelemente angebracht. Balkonbänder gehen in jeder Etage über die gesamte Breite des Hauses, nur unterbrochen von zwei symmetrischen Erkern. Im Innenhof wurden ebenfalls Backstein, weiße Stuckelemente aber auch Fassadenputz verwendet.



Im Wedding steht an der Bernauer Straße (Versöhnungs-Privatstraße) als außergewöhnliches Baudenkmal eine Wohnanlage des "Vaterländischen Bauvereins". Die in verschiedenen Stilen (Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Moderne) gestalteten Innenhöfe vollziehen die Architekturentwicklung in historisierender Form nach. Das Bauensemble für Arbeiter und Angestellte war ein Kontrapunkt zu den Mietskasernen jener Zeit.


Nachdem unsere Schuhe vom Nassen Dreieck getrocknet sind, treffen wir uns in der Kollwitzstraße zum abschließenden Flaniermahl. Der Italiener nahe der Danziger Straße verkauft nicht nur Delizie D'Italia (Italienische Feinkost), sondern bringt auch bei Kerzenschein schnell gutes Essen auf den Tisch.

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Das Nasse Dreieck in Charlottenburg ist sicherlich bekannter als das von uns jetzt besuchte in Pankow. Demnächst wird uns ein Stadtspaziergang dorthin in die Nähe des Schlosses Charlottenburg führen.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Der Maler und die Industrie
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