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Im Charlottenburger Sumpf versunken


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Schloßstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Zillestraße
Datum: 23. November 2015
Bericht Nr.: 528

Baron Münchhausen hatte die seltene Gabe, sich selbst aus dem Sumpf ziehen zu können. Als er seinem Pferd Ajax vor einem breiten, sumpfigen Graben die Sporen gab, hatte er sich in der Breite des Morastes verschätzt, und so fielen Ross und Reiter in den Schlamm und drohten zu versinken. "Schon ging mir die nachgiebige Masse, in der wir rettungslos zu versinken drohten, bis über die Hüfte, und nur mein Oberkörper und des Pferdes Hals und Kopf waren noch frei, da umklammerte ich mit beiden Schenkeln fest das edle Tier, erfasste mit der freien Rechten meinen eigenen Zopf und zog mich samt dem Pferde glücklich in die Höhe".

Für die Häuser, die vor dem Schloss Charlottenburg im "Nassen Dreieck" zu versinken drohten, gab es eine solche Rettung nicht. Kurz nach 1900 hatte der Charlottenburger "Baulöwe" Alfred Schrobsdorff im Dreieck von Zillestraße, Fritschestraße und Hebbelstraße Miethäuser errichten lassen, die schnell die ersten Senkungsrisse zeigten. 1911 war ein Haus unbewohnbar, 1928 wurde in der Hebbelstraße ein weiteres Gebäude geräumt und in den 1950er Jahren mussten die Seitenflügel mehrerer Häuser abgerissen werden. Die letzte Stunde der “die schiefen Häuser im Sumpf von Charlottenburg” kam 1972, als die U-Bahn nach Spandau unter der Wilmersdorfer Straße gebaut wurde. Durch die Grundwasserabsenkung fielen die Holzpfähle unter den Häusern trocken und verfaulten, die Bauten waren nicht mehr zu retten.

Die Häuser im Dreieck an der Westseite der Fritschestraße, Ostseite der Hebbelstraße und Nordseite der Zillestraße wurden abgerissen. Lediglich eine Autoreparaturwerkstatt blieb stehen, von der aber seit kurzem auch nur noch ein Schutthaufen übrig ist. In angrenzenden Bereichen wurden Häuser mit Betonpfeilern abgestützt, die bis zu 30 Meter tief in die Erde reichen.

Trotzdem musste die Bauaufsicht zuletzt 1995 den Seitenflügel eines Hauses in der Fritschestraße wegen drohenden Einsturzes räumen lassen. Das leer gewordene Dreieck wird seit dem Abbruch der Häuser als Sportplatz genutzt. Die Durchfahrt für Autos ist gesperrt. Selbst der Gehsteig hat an mancher Stelle nachgegeben und formt dort eine Kuhle. Aus der Hebbelstraße ist ein vertiefter grüner Feldweg geworden.



Was war geschehen? Immer wieder sind Bauherren und Architekten sehr erstaunt, wenn Bauten wegen morastigen Baugrunds ins Rutschen geraten. Zuletzt erlebte unsere glücklose Senatsbaudirektorin Lüscher diese Überraschung bei der Staatsoper. Auch bei der Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße war offensichtlich unbekannt, dass man auf nassem Berliner Untergrund baute. Niemand erkannte ehemalige Festungsgräben, zugeschüttete Teiche oder einem einstigen Sumpf. Diese Planer müssen sich nun von Prof. Cramer von der Technischen Universität Berlin - Bau- und Stadtbaugeschichte - sagen lassen, dass ein Blick in historische Stadtpläne gereicht hätte, um das herauszubekommen, das lernt man bei ihm im ersten Semester. Manchmal hätte man sogar einfach nur Straßennamen studieren müssen, Namen wie beispielsweise "Am Festungsgraben" geben deutliche Hinweise.

Die Zillestraße führte früher den Namen "Wallstraße". Der Mittelstreifen der Schloßstraße endet auf der Höhe Zillestraße, in der Fortsetzung bis zum Kaiserdamm wird die Schloßstraße wesentlich schmaler. Die hochherrschaftliche Schloßstraße war hier früher in Höhe Zillestraße vor dem Lietzenseegraben zu Ende, die Straße konnte den Wassergraben nicht überwinden. Der erste preußische König Friedrich I. ließ den Lietzenseegraben aufstauen, ein Karpfenteich entstand. Sein Enkel Friedrich der Große teilte diese Begeisterung nicht, der königliche Teich verlandete, 1856 wurde er schließlich zugeschüttet. Als man nach 1900 hier baute, hatte man den morastigen Untergrund unterschätzt.

Der Lietzenseegraben war nicht der einzige Wasserlauf vor dem Schloss Charlottenburg. In der Nähe des "Nassen Dreiecks" floss früher der Schwarze Graben, ein kleiner Seitenarm der Spree, der teilweise mehr als 30 Meter tief und schlammig war. Von Wilmersdorf aus (Volkspark) nahm er seinen Weg durch Schöneberg (Winterfeldplatz) und Charlottenburg (Kaiser-Friedrich-Straße), um dann an der Lohmeyerstraße die Spree zu erreichen. Im Zusammenhang mit dem Bahnhof Charlottenburg hatten wir darüber berichtet, dass der Schwarze Graben dort erst kanalisiert werden musste, um das Bahnhofumfeld zu bebauen.

An der Adventisten-Kapelle in der Schloßstraße 6 wird mit einer Gedenktafel an den "Kammertürken" Hassan erinnert. Sein "Freihaus" (eine abgabenfreie Dienstwohnung) stand hier seit 1704, bis es im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Hassan war ein Kammerdiener von Königin Sophie Charlotte. Der erste preußische König Friedrich I. hatte seiner Gemahlin Sophie Charlotte das Dorf Lietzow geschenkt. 1699 wurde hier das Charlottenburger Schloss eingeweiht, das Sophie Charlotte als Residenz nutzte. Die Herrscher des Barock umgaben sich gern mit exotischen Lakaien, und so kamen die beiden Türken Hassan und sein Leidensgenosse Aly nicht als Gastarbeiter ins Land, sondern als Kriegsbeute. Sie kämpften einstmals als osmanische Soldaten und wurden in Budapest von preußischen Truppen verschleppt. Die Unterbringung im Freihaus zeigt, dass Hassan sich als Bediensteter des Hofes verdient gemacht hatte. Auch persönlich war Hassan im fremden Land angekommen, hatte die deutsche Sprache erlernt, war Protestant geworden, hatte geheiratet und seine Kinder taufen lassen. Der Soldatenkönig - Sohn von Friedrich I. und Sophie Charlotte - strich den Hofstaat zusammen und entließ den Kammertürken auf eine hinterhältige Weise: Er ließ ihn weiter arbeiten, strich ihm aber Gehalt und Privilegien und ließ sich auch von Eingaben nicht beeindrucken, in denen Hassan seine prekäre wirtschaftliche Lage schilderte.

Nach dem Tod Sophie Charlottes hatte Friedrich I. die Ansiedlung in "Charlottenburg" umbenennen lassen. Aus dem Sommersitz der Königin wurde eine dem Berliner Stadtschloss ebenbürtige Residenz. Die Schloßstraße und die nach Berlin führende Straße (heute Spandauer Damm/Otto-Suhr-Allee) wurden bebaut, Charlottenburg entwickelte sich zur Stadt, in die das Dorf Lietzow eingemeindet wurde. Mit Friedrich dem Großen wurde Charlottenburg wieder eine fröhliche Residenz. Er ließ das Schloss ausbauen und mit Kunstwerken ausstatten, an dem Stadtschloss in Berlin fand er keinen Gefallen. Stattdessen zog er sich bald nach Potsdam zurück, wo sein Schloss Sanssouci entstand.

Auf Höhe der Kopfbauten der Schloßstraße ("Stülerbauten"), die als ehemalige Offiziers-Kasernen heute die Kunstsammlungen von Berggruen und Scharf-Gerstenberg zeigen, steht auf der Mittelinsel das Denkmal des preußischen Prinzen Albrecht. Der "fürstliche Reiterführer und ritterliche Prinz" hatte erfolgreich im Krieg gegen Frankreich 1870 gekämpft, war aber am preußischen Hof wegen einer nicht standesgemäßen Hochzeit mit einer Bürgerlichen unerwünscht. Doch auch seine erste Ehefrau, eine Prinzessin von Oranien-Nassau, hatte sich nach der Trennung einem Bürgerlichen zugewandt, einem Kutscher, den sie dann zu ihrem Kabinettssekretär machte. Prinz Albrecht von Preußen war immerhin der Bruder der beiden Könige Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I., trotzdem musste er Berlin verlassen und sich in Dresden ein neues Umfeld schaffen.

Zu den Wohnhäusern, die am Nassen Dreieck stehen geblieben sind, gehört eine Wohnanlage des Beamten-Wohnungsvereins mit insgesamt 18 Häusern an der Zillestraße Ecke Kaiser-Friedrich-Straße, die mit einem großen Innenhof erschlossen ist. Um die Ecke in der Fritschestraße steht ein denkmalgeschützter Baukomplex mit Miethaus, Gewerbehof und unterirdischer Großgarage. Von hier aus kann man sehen, wie im Nachbarhof ein Haus mit Rissen in der Wand durch Betonpfeiler abgestützt wird.



An der Kaiser-Friedrich-Straße 17 hat ein Maurermeister 1910 sein Wohnhaus mit einer Vielzahl von Fresken verziert, die als vertikale Bänder die Fenster umrahmen. Der innere Zusammenhang dieser Darstellungen erschließt sich nicht auf Anhieb. Gegenüber in der Kaiser-Friedrich-Straße 87 steht die Hinterhaus-Kirche der Auferstehungsgemeinde. Das Gebäude ist 1894 für die Kaiser-Friedrich-Loge errichtet worden. 1937 lösten die Nazis diese Loge auf, konfiszierten deren Vermögen und verhafteten die führenden Logenbrüder. Das Berliner Logenhaus war aber bereits 1922 an die Auferstehungsgemeinde verkauft worden.

An der Zillestraße Ecke Gierkezeile haben Bauten aus rotem und gelbem Backstein und mit kapellenartigem Vorbau eine sakrale Anmutung, tatsächlich war hier aber seit 1867 das Städtische Krankenhaus Charlottenburg untergebracht. Für 80 Patienten war das Haus ausgelegt. Wegen der wachsenden Bevölkerung Charlottenburgs reichte es nicht lange aus, deshalb wurde 1901 mit dem Bau des Klinikums Westend begonnen.



An der Wilmersdorfer Straße endet meine Wegstrecke entlang der Zillestraße vor der Fischräucherei Rogacki, doch Wild oder Fisch locken mich heute nicht, und so schließe ich den heutigen Alleinspaziergang ohne ein Flaniermahl ab.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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