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Geschichte einer Charlottenburger Insel


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: „Helmholtz-Insel“
Stadtplanaufruf: Berlin, Morsestraße
Datum: 25. Januar 2016
Bericht Nr: 535

Wohin mit dem Schutt und Schrott aus den Ruinen? Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde systematisch aus den Trümmern geborgen, was wieder verwertbar war. Trümmerfrauen trennten Steine als Baumaterial vom Schutt. Was man nicht recyceln konnten, wurde zu Erhebungen aufgeschüttet, mehrere Trümmerberge entstanden in Berlin. Aber wohin mit dem Alteisen? Buntmetalldiebe suchten auf eigene Rechnung die Ruinen ab, aber das meiste wurde planmäßig recycelt. Hierzu hat man im stark zerbombten Gebäude des Stahlwerkes Bothe in Charlottenburg einen neuen Hochofen errichtet.

Die Wochenschau "Welt im Film" zeigt am 25.10.1946, wie Arbeiter Eisenschrott in die Luke des Hochofens werfen und wie nach dem Einschmelzen das glühende Roheisen in Formen gegossen wird. Im September 1953 berichtet das Ost-Berliner "Neue Deutschland" über Entlassungen in der Stahlgießerei Bothe, die Aufbereitung von Alteisen war wohl zu einem gewissen Abschluss gekommen.


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Die Fabrik für "Spezial-Stahlguß f. Automobil- und Maschinenbau" von Max Bothe befand sich seit 1909 in der Morsestraße auf der "Helmholtz-Insel", die an drei Seiten von der Spree umflossen wird und bis zum Landwehrkanal reicht. Die Halbinsel wird in der Mitte von der Helmholtzstraße durchschnitten, südöstlich schließt sich die Spreestadt an. In der Geborgenheit der Insel entstand ein Industriekomplex unterschiedlicher Firmen.

Mehrere Maschinenfabriken richteten ihre Produktion hier ein. Die "Berliner Aktiengesellschaft für Eisengießerei und Maschinenfabrikation" von G.C.Freund, seit 1871 an der Franklinstraße Ecke Salzufer ansässig, schaffte es mit ihren so unterschiedlichen Produkten wie Dampfmaschinen, Wasserpumpen, Artilleriewaffen, Schleusen, Docks nur bis zur Inflation 1923, dann ging sie pleite. Ungewöhnlich ist die Nachnutzung einer ehemaligen Maschinenhalle durch ein privates Museum des Attachés und Archäologen Max von Oppenheim. Er stellte hier seine Ausgrabung aus: Gerettete Götter aus dem Palast von Tell Halaf, aufgespürt an einem Nebenfluss des Euphrat. Es waren riesige Götter, Göttinnen, Löwen, Sphingen, Greife aus Basalt, die bis zur Kriegszerstörung des Museumsbaus hier zu sehen waren. 80 Kubikmetern Schutt und 27 000 Bruchstücke wurden gerettet, aus diesen Fragmenten rekonstruierte das Pergamonmuseum mehrere Exponate, die es 2011 ausstellte.

Siemens übernahm im Jahr 1883 Produktionsanlagen der Eisengießerei Freund und begann damit seine Randwanderung, die von Kreuzberg (Askanischer Platz, Markgrafenstraße) mit Zwischenstation "Helmholtz-Insel" schließlich zum eigenen Stadtteil Siemensstadt führte. Privat wohnte Werner von Siemens ganz in der Nähe in einer Villa auf dem Grundstück der heutigen Stadtzentrale der Deutschen Bank in der Otto-Suhr-Allee. Siemens' "Maschinenanstalt für Elektrotechnik" bebaute am Salzufer schließlich ein ganzes Areal mit seinen Produktionsstätten. Eine Maschinenbauwerkstatt, ein Kabelwerk, ein eigenes Kraftwerk, ein Forschungslaboratorium und Verwaltungsbauten entstanden. Ein Stück weiter östlich am Salzufer steht das Zwietuschwerk, in dem Siemens Transportanlagen wie Rohrpostanlagen produzierte. Für die Franklinstraße, die um 1890 angelegt wurde, musste Siemens einen Teil seines Geländes an die Stadt abtreten. Nach und nach wanderten die Fabriken nach Siemensstadt ab, bis 1929 der Standort Charlottenburg ganz aufgegeben wurde.

Auch die Glühlampenproduktion verlegte Siemens von der Markgrafenstraße (Kreuzberg) in die Helmholtzstraße und errichtete hierfür einen fünfgeschossigen Fabrikneubau mit lebhaft gegliederter Fassade. Später gründeten Siemens, AEG und Auergesellschaft das Gemeinschaftsunternehmen Osram.


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Der als Firmenname verwendete Kunstbegriff "Osram" zitiert die Metalle Osmium und Wolfram, die in der Glühbirne für die Glühwendel (Osmium) und die elektrischen Kontakte (Wolfram) verwendet werden. Siemens brachte sein Glühlampenwerk als Werk S (=Siemens) in das Joint Venture ein. Der Fabrikkomplex wurde mehrfach erweitert. Kriegsbeschädigungen konnten mit amerikanischer Finanzhilfe (Garioa-Hilfeprogramm, Vorläufer des Marshallplans) beseitigt werden. Die Osram-Geschäftsleitung und -Verwaltung zog 1957 in das neue Osram-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz um, über dem heute der "Teles"-Schriftzug zu sehen ist.

Die AEG produzierte ihre Glühlampen in der Berlichingenstraße in Moabit. Auch diesen Standort übernahm Osram als Werk A (=AEG) und führte ihn 20 Jahre lang fort. Eine weitere Produktionsstätte Werk B (=Bergmann) gab es an der Oudenarder Straße, nachdem Osram dort den Konkurrenten Bergmann aufgekauft hatte. Das Lampenwerk in Friedrichshain, das die Auergesellschaft als Werk D (=Drahtwerk) in das Osram-Unternehmen einbrachte, wurde zu DDR-Zeiten zum VEB Narva.

An der nördlichen Franklinstraße dehnte sich in den 1860er Jahren die "Bleicherei, Färberei und Appreturanstalt Fr.Gebauer" immer weiter aus. In den ersten Jahren der Industriellen Revolution hatte England das Monopol in der Baumwollverarbeitung. Dort wurde 1764 die erste Spinnmaschine "Spinning Jenny" erfunden, der Einsatz von Dampfkraft rationalisierte später den Produktionsprozess, es folgte der mechanische Webstuhl. Natürlich konnte England sein Know-how nicht lange geheim halten, durch Industriespionage wurde die Technologie in andere Länder transferiert. 1783 beherrschten auch die Deutschen das mechanisierte Spinnen, daraus entwickelte sich auch hier eine Baumwollindustrie.

Friedrich Gebauer betrieb in der Franklinstraße mechanische Baumwollspinnereien. Der ökonomischen Logik folgend richtete er bald eine Maschinenfabrik ein und stellte die Maschinen für seine Baumwollproduktion selber her. Das Gelände reicht bis zum Lagerhaus an der Spree. Auf der gegenüber liegenden Seite der Franklinstraße steht ein fünfgeschossiges Verwaltungsgebäude, das auf der "Schauseite" zur Straße im unteren Drittel mit grob behauenem Naturstein (Bossenwerk) die Bedeutung des Gebauerschen Unternehmens herausstreicht. Heute kann man in den Gebauer-Höfen in dem Lokal "Cocktail-Factory" abhängen oder ein Café besuchen, Möbel, Kamine oder Künstlermaterial ansehen und kaufen. Die berlintypische Nachnutzungsmischung eines Industriegebäudes ist hier vertreten.

Der südlich des Landwehrkanals gelegene Universitäts-Campus (Technische Hochschule Charlottenburg, nach Kriegsende TU Berlin) rückt mit seinen Forschungseinrichtungen immer näher zur "Helmholtz-Insel" vor. Aber auch Institute ohne direkte Anbindung an die Universität siedeln sich hier an.

Das schlossartige Gebäude in einem eingezäunten Park an der Marchstraße (verlängerte Franklinstraße) ist Teil der Physikalisch-technischen Bundesanstalt, die Herman von Helmholtz 1887 als Präsident eröffnete (damals noch als Reichsanstalt). Helmholtz bewohnte auch das Direktorenhaus auf dem Gelände.


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Werner von Siemens hatte das Grundstück geschenkt und damit sein Interesse am Austausch mit diesem wissenschaftlichen Forschungsinstitut gezeigt. Bis heute ist auch die "reine Forschung" mit der Industrie eng verwoben. Die Fraunhofer-Gesellschaft, die ebenfalls Institute in diesem Einzugsbereich betreibt, fördert ganz offen die "angewandte Forschung", die Unternehmen zugute kommt in der Hoffnung, damit der Allgemeinheit zu dienen.

Fraunhofer und TU Berlin haben gemeinsam ein "Doppelinstitut" an der Pascalstraße geschaffen, das industrielle Produktionsprozesse erforscht. Es ist ein ganzes Forschungs-Universum, aus dem ich hier Beispiele nenne: Im Anwendungszentrum Mikroproduktion wird eine Prothese fürs Gesicht entwickelt ("künstliche Augen mit echtem Wimpernschlag"). Zum rückstandslosen Reinigen von Flächen wird Trockeneis zum "Kärchern" erprobt. Menschen mit Gehproblemen werden durch den "hapticWalker" sanft in die richtige Bahn gelenkt. Eine Szenarioexpertin plant Kleinfabriken für industriell benachteiligt Gegenden, die mit den dort vorhandenen Ressourcen (Wasser, Energie usw.) betrieben werden können.

Ist das ein Schiff oder ein Gebäude? Wo sich die Spree mit dem Landwehrkanal und dem Charlottenburger Verbindungskanal trifft, liegt eine Müllverladestation im Wasser, die wie ein Schiff wirkt. Das in den 1930er Jahren errichtete Gebäude wurde nicht von den Nazi-Architekturideologen übersehen, vielmehr war die Industriearchitektur in der Nazizeit ziemlich frei von Gestaltungsauflagen und deshalb eine Nische für fortschrittliche Architekten. Nicht nur ästhetisch, sondern auch funktional überzeugt das von Paul Baumgarten entworfene das Gebäude. Hier wurde Berliner Hausmüll auf Schiffe umgeladen, um "eine sumpfige Niederung bei Potsdam trockenzulegen" (ob das mit Müll sinnvoll war?). In der oberen Ebene fuhren die Müllfahrzeuge in einer Endlosschleife in die Station ein und entleerten über einen Trichter den Müll in die Lastkähne in der unteren Wasserhalle. Heute nutzen die Kleihues-Architekten das Gebäude, die Anlage wurde 1954 stillgelegt.

Was ist nicht mehr da und fehlt schmerzhaft? Die Coca-Cola-Abfüllanlage in der Franklinstraße 24, die seit 1950 von Eduard Winter betrieben wurde. Er war gleichzeitig Generalvertreter für Volkswagen, und so bleibt es sozusagen in der Familie, dass Audi hier einen Verkaufspavillon errichtete, nachdem das Abfüllgebäude 1997 abgebrannt war. Ein "warmer Abriss"? Das blieb ungeklärt. Aber wenigstens gibt es noch das Haus des Schwesterunternehmens in der Hildburghauser Straße, das in Billy Wilders Komödie "Eins, Zwei, Drei" und in dem Film „Goodbye Lenin“ eine Rolle spielte.

Und was fehlte uns noch? Ein passendes Lokal für unser abschließendes Flaniermahl finden wir hier nicht, so weichen wir zu einem Griechen in der Leibnizstraße aus. Das Essen ist unauffällig, nur der Ober ist etwas auffällig: Jedes Mal setzt er ein überflüssiges "Danke" hinterher, nachdem bereits alles gesagt ist. Danke.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Im Charlottenburger Sumpf versunken
Kein Urwald mitten im Berliner Westen