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Woge, Wüstenschloss und Wohnheim


Stadtteil: Charlottenburg, Tiergarten
Bereich: Spreestadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Bachstraße
Datum: 7. November 2011

Beim Verlassen des S-Bahnhofs Tiergarten wird man von "Berlins größtem Baum" (Spiegel) begrüßt, dem "Weltbaum", den Ben Wagin 1975 als erstes Berliner Wandbild auf eine Giebelwand an der Bachstraße Ecke Wegelystraße malen ließ. Wandbilder als "Gemalte Illusionen", "Giebelphanthasien", private Kunst mit Wirkung in den öffentlichen Raum hinein. Der heute über 80jährige Aktionskünstler ist mit seinem Baumpaten Verein aktiv, hat überall auf der Welt unzählige Ginko-Bäume gepflanzt. Ginko, eine chinesische Baumart, ist inzwischen als "Baum des Jahrtausends" eine Mahnung für Umweltschutz und Frieden. Der Weltbaum II entstand 1986 am S-Bahnhof Savignyplatz auf der Rückfront angrenzender Häuser.

Nach der Wende hat Ben Wagin - der seine Ziele mit "Charme, Begeisterung und Penetranz" verfolgt - sich ein Stück des ehemaligen Mauerstreifens nahe dem Reichstag "angeeignet", um hier einen Gedenkort für die Toten an der Berliner Mauer zu schaffen. Dieses "Parlament der Bäume" - das nach der East-Side-Gallery das längste Mauerstück an originaler Stelle ist - kam mit dem wirklichen Parlament in Konflikt, dessen neue Bibliothek einen Teil des Geländes beanspruchte. Legal oder illegal - eine Installation von Ben Wagin konnte das Parlament nicht abreißen lassen, und so setzt sich am von Gedenkort und Parlament gemeinsam beanspruchten Ort ein Teil der Installation jetzt im Untergeschoss der Bibliothek fort, er wurde sozusagen umbaut. Versuche, das Parlament der Bäume unter Denkmalschutz stellen zu lassen, waren aber wegen der "künstlichen Installation" nicht erfolgreich (1).

Die "Spreestadt" zwischen Salzufer und Spreebogen geht inzwischen der Vollendung entgegen, um die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) herum entstand ein "Stadtquartier für Dienstleistung, Gewerbe und Wohnen" (2). Am Herbert-Lewin-Platz gruppieren sich Häuser von Ärzte- und Krankenhausverbänden. Ein 12 Meter langer Messingbrunnen könnte auch für eine lang gestreckte Sitzfläche gehalten werden, wenn kein Wasser fließt. Die "Woge mit gegenläufigen Flügeln" von Volker Haase wird jedoch unmittelbar als Kunstwerk wahrgenommen. Das Thema Woge hat Volker Haase sehr beschäftigt, es gibt eine "Flammende Woge" in Bingen, eine "Kleine Woge" in Baiertal, eine "Kleine Woge auf Kyanit" in Wiesloch und eine "Woge mit Kugel" in unserem Lietzenseepark. Es ist eine tänzerische Schwerelosigkeit in dieser Form, die dem Metall weiche Akzente abgewinnt. Weil wir das Kunstwerk aus immer neuen Blickwinkeln fotografieren, wird aus einem Verbändehaus ein Mitarbeiter zu uns herüber geschickt, der wissen will, ob wir Profifotografen sind. Nicht nur Überwachungskameras beobachten uns bei vielen Schritten, auch Anwohner betrachten uns manchmal mit Argwohn. Schon Franz Hessel hatte beklagt, manchmal wie ein Taschendieb misstrauisch betrachtet worden zu sein.

Am Salzufer 6-7 wurden 1930 "Vollautomatische Briefkasten-Entleerungsanlagen" gebaut, aber nicht nur diese, sondern alle Kleinförderanlagen, die die Fließbandarbeit automatisierten, sowie Fernsprech- und Rundfunkgeräte und Ausrüstungen für Fernsprechämter. In dem Gebäude mit dem ansprechenden Stufengiebel und den Köpfen als Fassadenschmuck - dem "Zwietuschwerk" - produzierte eine Tochtergesellschaft von Siemens. Den Bau errichtete 1925 der Siemens-Hausarchitekt Hans Hertlein weitab vom Hauptsitz des Unternehmens in Siemensstadt. Hierfür war aber nicht die räumliche Nähe zur Technischen Hochschule ausschlaggebend, und Zwietusch hat auch nichts mit zwei Tuschen zu tun (vielleicht ein Schreibfehler, könnte man zunächst meinen). Vielmehr ist der Hertlein-Bau ein Anbau an das Fabrikgebäude der Apparatefabrik E. Zwietusch, die Siemens & Halske sich einverleibt hatte. Der Ursprungsbau aus 1902 wurde 1975 abgerissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen.

Ein winziger Wald trennt die Englische Straße vom Spreeufer, die Bäume verbergen ein Gebäude, das mich in Formgebung und Farbigkeit an ein Wüstenschloss in Jordanien erinnert. Es ist das Institut für Werkstoffwissenschaften und -Technologien der TU Berlin, das sich unter anderem mit keramischen Werkstoffen beschäftigt. Da war es nur konsequent, die Fassade mit Fliesenkeramik einzufassen.

Am Schleswiger Ufer 6 wurde 1977 ein Versuchswohnhaus erbaut, in dessen tragende Stahlelemente Beton-Fertigteildecken eingehängt wurden. Innerhalb der Wohnungen sind die Stahlelemente leicht versetzbar, die Architekten verstehen dies als "Verlockung zu eigenen Einfällen und bewusster Selbstbestimmung". Die Initiative "Ersatzstadt" hat diesen Bau als eines der Vorzeigeobjekte ausgewählt im Rahmen ihrer Veranstaltung "Architektur ist zu wichtig, um sie Architekten zu überlassen".

Direkt nebenan wird gerade ein Bau abgerissen, der nicht viel älter ist als das Terrassenhaus: Die markante Aluminiumfassade des Konsistorium-Hauses der Evangelischen Kirche in der Bachstraße ist bereits abgetragen, der Bagger knabbert an den Betondecken des Gebäudeskeletts. Das ebenfalls zur evangelischen Kirche gehörende Wohnungsunternehmen Hilfswerk-Siedlung will hier in massiver Blockrandbebauung Wohnungen errichten, der "Hansahof" ist ein "architektonischer Affront" (Rat für Stadtentwicklung), wenn man überhaupt von Architektur im gestalterischen Sinne sprechen kann. Der auf einem nicht symmetrischen, vieleckigen Grundriss errichtete Konsistoriumsbau von Senatsbaudirektor Hans Christian Müller bezog die Spree als Sichtbezug mit ein, die jetzt hinter dem neuen Gebäudekomplex verschwinden wird.

In Siegmunds Hof steht ein weiterer markanter Nachkriegs-Baukomplex, das Studentendorf gleichen Namens, das in zwei Abschnitten errichtet wurde. Architekt des ersten Bauabschnitts war Klaus H.Ernst, den zweiten Abschnitt errichtete Peter Poelzig, dessen Krankenhaus Am Urban in der letzten Woche an unserem Weg lag (3). Die viergeschossigen Bauten und das zwölfgeschossige Hochhaus des ersten Abschnitts stehen in einer durchgrünten Gartenlandschaft, die Poelzig-Bauten umschließen Binnenzonen, die den Bewohnern vorbehalten sind. Wie die Studentenheime in Schlachtensee und Eichkamp (4) wurde auch Siegmunds Hof mit amerikanischen Mitteln errichtet. Nach der Nazizeit und dem Zweiten Weltkrieg wollte man die Jugend zur Demokratie erziehen und neue Formen studentischen Gemeinschaftslebens nach Deutschland bringen. Das geht bis in die architektonischen Details hinein, beispielsweise wurden in den Ernst-Bauten die Gänge zu den Zimmertüren so eng gebaut, dass die Bewohner nicht einfach aneinander vorbei gehen konnten, sondern in Kontakt miteinander treten mussten. Die über zwei Etagen gehenden Gemeinschaftsräume in einem Ernst-Bau hatte ich einmal fotografiert, eine Batterie leerer Bierflaschen zeugte von einer gerade vergangenen Party, das Bild ins Internet zu stellen scheue ich mich, weil es als Abbild des typischen Studentenlebens missverstanden werden könnte.

Vor der Brücke über die Spree - dem Wullenwebersteg - benannt nach einem progressiven Bürgermeister Lübecks im 16.Jahrhundert - steht ein Mahnmal zum Gedenken an die Israelitische Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel. In der Wittlicher Straße hatte diese streng konservative Gemeinde einen eigenen Friedhof angelegt, im Zusammenhang mit dem Jüdischen Friedhof Weißensee hatte ich hierüber geschrieben (5). Georg Seibert, der das Mahnmal entworfen hat, hat viele massive Stahlskulpturen geschaffen, aber auch ein filigranes kubisches Drahtgeflecht, in dem ein VW-Käfer als Gegenstand der Ehrung schwebt.

Unser letztes Ziel heute ist die am Rande des Hansaviertels liegende Hansa-Schule, die im Zusammenhang mit der Interbau 1957 (6) vom Senatsbaudirektor Bruno Grimmek entworfen wurde (7). Luftig, sonnig, weiträumig sollte die moderne Schule sein, die vorderen Bauteile wirken wie Pavillons, obwohl sie mehrgeschossig sind und auf schlanken Stützen stehen und damit das Spreeufer einbeziehen.

Das abschließende Essen wollten wir im Scusi im ehemaligen Bolle-Meiereigebäude einnehmen, aber siehe da: es gibt kein Scusi mehr, beim späteren Nachforschen finde ich nur noch eine Homepage, die ins Nichts führt. Wir hatten das Scusi eher aus alter Anhänglichkeit angesteuert, um zu testen, ob unser letztes Missfallen ein Ausrutscher war, jetzt können wir das Thema abschließen. Der Paulaner nebenan ist ein Lokal ohne Eigenschaften, aber Essen und Trinken konnten wir hier.

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(1) Ben Wagin: Wagin, Ben
(2) Mehr zur Spreestadt: Spreestadt
(3) Peter Poelzig: Heute letzter Tag
(4) Studentenheim Eichkamp: Ein lichtes Berliner Dörfchen
(5) Jüdischer Friedhof Weißensee: Sucht uns in Eurem Herzen
(6) Interbau 1957: Interbau 1957
(7) Bruno Grimmek: Grimmek, Bruno

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Unsere Route:
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Kreativität und kein Ende
Das fünfte Element