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Heute letzter Tag


Stadtbezirk: Kreuzberg
Bereich: Wiener Straße bis Urbanstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Wiener Straße
Datum: 31. Oktober 2011

Vom Spreewaldbad zum Baerwaldbad könnte unser heutiger Spaziergang heißen, aber die Bäder haben wir weniger beachtet (--> 1), wir sind durch das alte Stadtviertel von der Wiener Straße zur Urbanstraße gelaufen.

Gleich am U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof, am Beginn der Oranienstraße, öffnet sich in einer Baulücke unerwartet ein skurriles Paradies. Ein ausgedienter Berliner Doppeldecker-Bus in weißer Farbe, als Kiosk ("Kjosk") ausgestaltet, steht in einer Berg-und-Tal-Landschaft, umgeben von Stühlen, Tischen, Ledercouch, Hollywoodschaukel, Tischtennisplatte. Das hier ist keine Verkaufsstelle, sondern ein Lebensgefühl, mein Herz öffnet sich schon beim Anblick dieses Reservats für Stadtindianer, ich fange an zu schmunzeln und merke: Heute ist ein schöner Tag. Später auf diesem Rundgang stoßen wir auf ein Schaufensterschild "Heute letzter Tag", das da wohl schon viele Tage hängen wird (wann ist "heute"?). Mich erinnert das an eine Kneipe, die ganz einsam im australischen Outback stand und mit Endzeitsprüchen gepflastert war, einer davon war: "Heute ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens".

Zurück zu dem Kjosk im Bus: Der Innenraum ist super rationell ausgenutzt, und das mit dem Kiosk wird hier sehr ernst genommen, mein Mineralwasser muss ich selbst aus dem Eisschrank nehmen und wegen des Öffnens werde ich auf den Kapselheber verwiesen, der an der Tür hängt.

Die Wiener Straße war so etwas wie der Vorplatz des Görlitzer Bahnhofs, und entsprechend prächtig sind die erhaltenen Bauten, die heute als Ensemble unter Denkmalschutz stehen, bei dem quirligen Leben drum herum aber vielleicht erst auf den zweiten Blick auffallen. Auffällig ist jedenfalls die Feuerwache Wiener Straße, auf deren Fassade bildlich mehrfach gezündelt wird, damit die ebenfalls aufgemalten Feuerwehrleute so richtig zur Geltung kommen. Senatsbaudirektor Rainer G. Rümmler, der diese Feuerwache 1974 gestaltet hat, ist schon beim U-Bahnbau für seine "infatilisierte Fabulierkunst" gescholten worden (--> 2), sollte er auch diese Wandbemalung verantworten? Gottlob nicht, denn erst 30 Jahre nach der Baufertigstellung haben 2002 Stadtplanungsamt Friedrichshain-Kreuzberg und Feuerwehr gemeinsam beschlossen, 100 Meter der Fassade mit Kunst-Graffiti besprühen lassen.

Moscheen im Hinterhof, davon gibt es einige in Berlin. In der Wiener Straße kommen wir an der Merkez-Camii vorbei. Im gleichen Haus befindet sich auch der Berliner Landesverband türkischer Moschee-Vereine DITIB, der bundesweite Dachverband insgesamt hat 896 Mitgliedsvereine. Der Landesverband - so habe ich dort gelesen - unterstützt beispielsweise Frauen, denen wegen ihres Kopftuchs auf dem Passfoto von den Einwohnerämtern ein Ausweis verweigert wird. Hier stehen Religionsfreiheit und Sicherheitsinteressen im Widerstreit. Kann es eine Sünde sein, sich bei der Passkontrolle zu identifizieren? Muss ein Beamter mehr sehen, als zur Identifikation unbedingt nötig ist?

Im Innern des Straßenblocks Ohlauer Straße/Reichenberger Straße liegt der ausgedehnte Fabrikhof der Bechstein-Pianofabrik von 1886. Die Anordnung der schwarzen Steine in den Rundbögen über den Einfahrten erzeugt Assoziationen zu einer Klaviertastatur, draußen im Straßenpflaster wiederholt sich das Spiel mit dem schwarz-weißen Muster. Carl Bechstein hatte 1856 seinen ersten Flügel in Handarbeit für den Pianisten Hans von Bülow hergestellt, einen Vorfahren von Loriot (--> 3). Vierzig Jahre später eröffnete Bechstein bereits seine dritte Fabrik in Berlin, hier in der Reichenberger Straße. Er errichtete Konzertgebäude in London, Paris, St.Petersburg und unterhielt dort Firmenniederlassungen. Bechstein arbeitete mit berühmten Komponisten (List, Debussy, Wagner) und Dirigenten zusammen. 1900, im Jahr seines Todes, wurden über 4.000 Instrumente hergestellt.

In der Nazizeit verlor das Unternehmen wichtige Kunden, weil Helene Bechstein als Mitinhaberin des Unternehmens Adolf Hitler gesellschaftlich und finanziell umfassend protegierte. Ihr Mann kaufte Hitler 1924 ein Automobil und stellte ihm 1933 seine Wohnung für ein konspiratives Treffen kurz vor der Machtergreifung zur Verfügung. Auf der aktuellen Homepage des Unternehmens wird das kleingeredet durch den Hinweis, dass "fast die gesamte deutsche Industrie das Hitlerregime unterstützte". Die amerikanische Besatzungsmacht beschlagnahmte 1945 die nicht durch den Krieg zerstörten Produktionsanlagen. Heute ist Bechstein nach wechselvoller Nachkriegsgeschichte eine deutsche Aktiengesellschaft mit internationaler Ausrichtung, produziert wird in Sachsen und in Tschechien.

Alfred Döblin ist durch seinem Roman "Berlin Alexanderplatz" berühmt geworden. Weniger bekannt ist, dass er als Neurologe im Krankenhaus Am Urban arbeitete. Die zweigeschossigen Pavillongebäude des alten Krankenhauses hatte der Berliner Stadtbaurat Hermann Blankenstein 1890 errichtet, 1970 wurden sie ergänzt durch das neungeschossige Bettenhaus mit Öffnung zum Landwehrkanal auf einem V-förmigen Grundriss. Der Entwurf stammt von Peter Poelzig, der wie sein Vater Hans Poelzig (Rundfunkhaus Masurenallee) an der Vorgänger-Institution der TU-Berlin geforscht und gelehrt hat. Josef Kleihues hat bei Peter Poelzig studiert und in seinem Büro gearbeitet, beide zusammen haben einen Krankenhausbau im damaligen Klinikum Westend entworfen und realisiert.

Die 19 denkmalgeschützten Altbauten der Urban-Klinik sind durch eine Baugemeinschaft - zu der mehr als 60 Personen gehören - zu rund 120 Wohnungen umgebaut worden. Wer einmal solche Gemeinschaftsprojekte miterlebt hat, der weiß, wie viele unterschiedliche Interessen in mühsamen Diskussionen unter einen Hut gebracht werden müssen, die Sachfragen sind nur ein Teil der gruppendynamischen Prozesse. Inzwischen sind alle Wohnungen vergeben, bei unserem Rundgang steht gerade ein Umzugswagen vor einer Tür, Fahrräder in den Fahrradständern künden von Bewohnern, die in der geschützten und verkehrsgünstigen Lage vielleicht ganz auf ein Auto verzichten.

Unser letzter Kaiser liebte Denkmale, und wenn einem Denkmal etwas im Wege stand, dann ließ er es einfach versetzen. So geschehen an der denkmalgeschwängerten Siegesallee, die einstmals vom Kemperplatz Richtung Reichstag durch den Tiergarten führte. Am Kemperplatz sollte ein Roland stehen, deshalb musste der dort plätschernde Wrangelbrunnen mit den Allegorien der preußischen Hauptflüsse Weichsel, Rhein, Oder, Elbe nach Kreuzberg auf den parkartigen Mittelstreifen der Grimmstraße weichen. Apropos plätschern, die Stadtentwicklungsverwaltung schreibt zum Thema Brunnen auf ihrer Homepage, dass sie das Stadtbild beleben, "wenn sie in Betrieb sind" - wie einsichtig.

An der Urbanstraße stoßen wir auf einen kleinen Hindu-Tempel in typisch Altberliner Souterrainlage. Von Tamilen gegründet, wird er auch Singhalesen besucht. Die Erbfeindschaft der beiden Volksstämme, die auf Sri Lanka Anlass für furchtbare Massaker und Zerstörungen war, scheint in der Fremde keine Rolle zu spielen. In Jaffna, der "tamilischen Hauptstadt" Sri Lankas, wird jährlich das Wagenfest (Thiruvila) zu Ehren des sechsköpfigen Gottes Murugan mit einer feierlichen Prozession der Gottesstatue gefeiert. Der Berliner Hindu-Tempel veranstaltet zeitgleich eine lebensfrohe Prozession, eine exotische Veranstaltung, die an das Festival der Kulturen der Welt erinnert, aber eben keine Show, sondern ein Gottesdienst ist. Die singhalesische Volksgruppe in Sri Lanka feiert in ihrer Hochburg Kandy eine prunkvolle Prozession, bei der mit bunten Glühbirnen illuminierten Elefanten den in einem Schrein aufbewahrten Zahn Buddhas aus dem Zahntempel abholen und in eine großen nächtlichen Festumzug mit Musikern, Tänzern, Peitschenknallern, Akrobaten, Fackelträgern durch die Stadt tragen.

Direkt neben dem Eingang zum bescheidenen Hindu-Tempel steht in der Urbanstraße das zweiflüglige Eingangsportal zum Pumpwerk 6 der "Canalisation der Stadt Berlin", mit Zinnen bekrönt, auf denen ein Berliner Bär stolz das Stadtwappen präsentiert. Das Tor führt zu einem von 12 Pumpwerken, die die Abwässer Berlins auf die Rieselfelder außerhalb der Stadt pumpten (--> 4). Das Abwasserpumpwerk V in der Holzmarktstraße wurde inzwischen zum Kultur-Veranstaltungszentrum "Radialsystem" umgebaut, im Pumpwerk III am Halleschen Ufer befand sich bis 2009 das Lapidarium. Christian Boros, der mit dem Bunker in der Reinhardtstraße sein Faible für außergewöhnliche Bauwerke bewiesen hat (er stellt dort seine Kunstsammlung aus und wohnt auch dort) will vom ehemaligen Lapidarium aus seine Werbeagentur steuern.

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(1) Baerwaldbad am Denkmaltag: Schwimmbäder und Pferdeskelette
(2) Rümmlers Spandauer U-Bahnlinie: Metropolis im Untergrund
(3) Zum Adelsgeschlecht derer von Bülow gehörte nicht nur Loriot, der begnadeten Beobachter alltäglicher Missgeschicke, sondern auch Bischöfe, Generäle, Minister, Dichter, Musiker und der Raubritter Heinrich von Bülow, der 1383 die Wilsnacker Kirche niederbrannte (siehe Ich bin dann mal weg)
(4) Pumpwerke und Radialsystem: Ostkreuz - Richtung Westkreuz


Erste Kreuzberger Wohngemeinschaft
Schiefe Erinnerung an einen Inselbesuch