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Rosinen auf der Straße


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Ernst-Reuter-Platz bis Einsteinufer
Stadtplanaufruf: Berlin, Kohlrauschstraße
Datum: 15. Juli 2019
Bericht Nr.: 661

Heute forschen wir bei den Forschern: Das Quartier vom Ernst-Reuter-Platz bis zum Einsteinufer ist geprägt durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt, die Technische Universität und die Universität der Künste. Früher gab es hier Gewerbebetriebe wie die Tonwarenfabrik March und Gewerbehöfe wie die Einstein-Höfe. Dass auch ein nicht dokumentierter Garagenhof aus der Zeit der beginnenden Motorisierung hier erhalten ist, entdecken wir durch Zufall.

In einem vierstöckigen Wohnhaus öffnen sich Metalltüren mit Doppelflügeln zu den parallelen Einfahrten in den Hof und in das Untergeschoss. In den beiden hintereinander liegenden Höfen: Eine Garagentür neben der anderen. Der Lastenfahrstuhl im ersten Hof - wohl einer der ältesten im Bezirk - hat eine Plattform mit großer Fläche, auf der ein Auto Platz hätte. In der Tiefgarage könnten die Serviceeinrichtungen für die Rundumbetreuung der Automobile mit Pflege, Wartung, Reparatur und Kraftstoff untergebracht gewesen sein. Bei einer vergleichbaren Anlage in der Düsseldorfer Straße - ebenfalls mit Rundbogen-Einfahrten - sind wie hier der Innenhof und das Kellergeschoss für Garagen und Service genutzt worden, dort werden heute noch Automobile versorgt und verwahrt.

Rosinenstraße
Die Loschmidtstraße - direkt an der alten Lützower (Charlottenburger) Dorfaue gelegen - führte um 1820 den Namen Rosinenstraße. Hier trieben die Bauern ihr Vieh vom Dorf Lützow zur Weide, darunter auch Schafe und Ziegen. Nach diesem Spaziergang blieben Ziegenköttel auf der Straße liegen. Vom Berliner Ulk haben es diese "Rosinen" bis in die offizielle Straßenbenennung geschafft.

Der zweifach abknickende Verlauf der Loschmidtstraße und ihrer Verlängerung als Zillestraße deuten an, dass hier einmal eine Stadtmauer geplant war. Die Zillestraße war eine "Circumvallationslinie" wie die Linienstraße in Mitte, sie führte früher den Namen Wallstraße, das deutet auf eine Befestigung an der Stadtgrenze hin. Allerdings wurde die geplante Akzisemauer (Zollmauer) in Charlottenburg nie gebaut.

An der Loschmidtstraße ließ die Charlottenburger SPD 1902 ein "Volkshaus" erbauen, das für Bildungsveranstaltungen, Konzerte, Theateraufführungen und politische Veranstaltungen genutzt wurde. Das Haus wurde durch eine Bombe zerstört, heute lernen auf dem Grundstück Kinder in einem "Verkehrskindergarten", wie man im Großstadtverkehr überlebt.

Zwei Schulen
Auch zwei Schulgebäude stehen an der Loschmidtstraße, die Ludwig-Cauer-Grundschule und das Sophie-Charlotte-Lyzeum von 1873. Heute dient das ehemalige Lyzeum als Berufsschule. An dem weiß geputzten Erweiterungsbau der Schule verharren sieben kleine Bronzemänner von Lutz Brandt seit 1983 in skurrilen Haltungen auf Sockeln, die aus der Fassade hervorragen. Brandt studierte an der Kunsthochschule Weißensee, wechselte zwischen Ost und West, arbeitete als Grafiker, Illustrator und Kunstmaler, gestaltete Fassaden und schuf Wandmalereien.

Die Ludwig-Cauer-Grundschule flankiert mit einer ausgedehnten historisierenden Schaufassade die Cauerstraße. Dort ist das Gebäude fest verschlossen, betreten wird die Schule von der Loschmidtstraße aus. Das Gebäude umrahmt den Alten Luisenfriedhof, der 1815 aus hygienischen Gründen außerhalb der Stadt angelegt wurde, dabei ist er nur 150 Meter vom aufgelassenen Kirchhof an der Kirche Alt Lietzow entfernt. Nicht alle Grabmale auf dem Alten Luisenfriedhof sind erhalten, weil ein Teil des Geländes zum Bau der Schule abgetreten werden musste - Bildung ging vor.

Alter Luisenfriedhof
Ein ziemlich überwuchertes, ehemals wohl prächtiges Grabmal erinnert an François Collignon, den Ersten Hofkoch des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV. Als Franzose, der in Berlin heimisch geworden war, wollte Collignon die Tochter eines deutschen Schlächtermeisters heiraten, doch der war nur mühsam von dem Migranten zu überzeugen. Anders als der König, der sich von dem Franzosen mehrgängige Menüs kredenzen ließ, ihn auf lange Fahrten ins geliebte Italien mitnahm und auf sein Urteil beim Kauf von Kunstwerken hörte.


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In seinen letzten Jahren "vergnügte sich der pensionierte Koch mit Häuserbauen". Sein Ur-Ur-Enkel hat vor Jahren mit einer bebilderten Lesung und einem nachgestalteten Menü des französischen Kochs gedacht, der in Berlin Karriere machte.

Nahe dem Eingang steht die mächtigste Grabanlage des Friedhofs. Sie besteht aus zwei gegenüberliegenden Erbbegräbnissen der Familie Kill-Mar, einem Mausoleum und einem Grab mit Grabstele und Gruftanlage. Der schottische Edelmann, Königliche Offizier, Ingenieur und Gutsbesitzer George Kill-Mar wohnte auf seinem eigenen Besitz Lützowerfeld an der Hofjägerallee. Sechs seiner Kinder sind auf dem Alten Luisenkirchhof beerdigt worden.

Er war offenbar sehr vermögend, richtete unter seinem Namen eine Stiftung ein, die "ganz mittellosen, alten Frauen, ausnahmsweise auch Männern" Unterstützung gewährte. In seinem Testament spendete Kill-Mar dem Joachimsthalschen Gymnasium ein Legat (Vermächtnis), mit dem Plätze für fünf Stipendiaten eingerichtet wurden zugunsten der "Söhne evangelischer Landpfarrer, verstorbener Ingenieur-Lieutenants oder sonstiger achtbarer Bürger".

Und noch ein prächtiges säulenbestandenes Mausoleum blieb auf dem Friedhof erhalten. Es ist mit Marmor ausgekleidet, bekrönt durch eine Kuppel mit Goldmosaik, darin steht ein marmorner Sarkophag. Der Architekt Paul Wittig hatte das Mausoleum für seine Tante, die Stiftsdame Ida von Blücher erbaut. Wittig war 32 Jahre lang ab 1897 Direktor der "Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin", die dann in der BVG aufging. Er holte Alfred Grenander als Hausarchitekten zur Hochbahngesellschaft. Wittigs eigene Bahnbauten, Pfeiler und Brücken sind bis auf eine Ausnahme (U-Bhf. Warschauer Straße) verloren gegangen.

Die Familie March ist in vielfältiger Weise mit Charlottenburg verbunden. Otto March und sein Sohn Werner March waren bekannte Architekten. Der Großvater Ernst March wird mit der Benennung der Marchstraße geehrt, auf der wir heute vom Ernst-Reuter-Platz zum Landwehrkanal unterwegs sind. Er betrieb auf dem heutigen TU-Gelände eine namhafte Tonwarenfabrik, deren Terrakotten beispielsweise das Rote Rathaus und das Neue Museum schmückten. Auch über Berlin hinaus wurden Produkte aus seiner Manufaktur nachgefragt. Vor kurzem gab der Friedhof der Samtgemeinde Tostedt eine Engelsskulptur aus Keramik zur Reparatur, dabei wurde ein Siegel der Tonwarenfabrik March aus Charlottenburg entdeckt. Auch das Grabdenkmal der Eheleute Ernst und Sophie March auf dem Alten Luisenfriedhof wurde mit Terrakotten aus der eigenen Fabrik geschmückt.

Und dann war der Friedhof noch ein Versteck, in dem die legendären Bankräuber Gebrüder Sass ihre Beute verbuddelten. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier erzählt habe.

Museum der Gefahren
Während der Industriellen Revolution war vor allem der Fortschritt der Technik bestimmendes Thema. Um 1880 kam allmählich der Unfallschutz in den Fokus aufgrund der Einsicht, dass für Unfälle am Arbeitsplatz nicht nur menschliches Versagen, sondern auch die Arbeitsbedingungen verantwortlich waren. Die "Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung" wurde 1889 von der Bevölkerung stark besucht.

1903 folgte ein Museumsbau der "Reichsanstalt für Arbeiterwohlfahrt" mit einer ständigen Ausstellung, wobei mit "Arbeiterwohlfahrt" der Arbeitsschutz gemeint war, nicht zu verwechseln mit dem 1919 gegründeten Wohlfahrtsverband gleichen Namens. Interessant: Körperliche Unversehrtheit am Arbeitsplatz wurde damals nicht als Menschenrecht angesehen, sondern fiel unter die Wohltätigkeitsbestrebungen.


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In der Ausstellung wurden betriebsfähige Maschinen in natürlicher Größe gezeigt und die notwendigen Schutzvorrichtungen gegen Betriebsunfälle. Dazu gehörten ein Salzbergwerk und ein Förderschacht. Auch Schutzbekleidung und Hygiene wurden präsentiert. Während des Ersten Weltkriegs kam eine "Prüfstelle für Ersatzglieder" in den Räumlichkeiten der Ausstellung hinzu. Ihre Aufgabe war es, für kriegsversehrte Soldaten "zweckmäßiger Prothesen und Arbeitshilfen bereitzustellen, die ihre Rückkehr in die Erwerbsarbeit ermöglichen konnten". Soweit die Gebäude der Reichsanstalt für Arbeiterwohlfahrt erhalten blieben, wurden sie von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt vereinnahmt, die sich wie ein Krake zwischen Marchstraße und Kohlrauschstraße ausdehnt, indem sie vorhandene Gebäude übernimmt oder selbst Neubauten errichtet. Es sieht so aus, als wollte sie sogar eine öffentliche Straße zu internem Betriebsgelände umwidmen.

Physikalisch-Technische Bundesanstalt
Werner von Siemens und Hermann von Helmholtz waren die treibenden Kräfte bei der Einrichtung einer Reichsanstalt, die das staatliche Messwesen kontrollieren und vereinheitlichen sollte. 1887 gegründet, hatte die "Physikalisch-Technische Reichsanstalt" es bereits 1898 geschafft, dass durch ein "Gesetz betreffend die elektrischen Maßeinheiten" als verbindliche Größen für den elektrischen Widerstand "Ohm" und für die Stromstärke "Ampere" festgelegt wurden. Die Reichsanstalt war für die wissenschaftliche Forschung gegründet worden, arbeitete aber gleichermaßen eng mit der Industrie zusammen.

Der erste Bau der Reichsanstalt an der Marchstraße wirkt wie eine Villa auf dem parkartigen Grundstück, das Werner von Siemens gestiftet hatte. Nach und nach dehnten sich die Bauten der Reichs- und späteren Bundesanstalt bis zur Abbe- und Kohlrauschstraße aus. Neben Präsidenten- und Beamten-Wohnhaus entstanden als technische Bauten Observatorium, Kessel- und Maschinenhaus, Starkstromlabor, Kälte-Laboratorium, Quarzuhrenkeller

Dovebrücke, Marchbrücke
Zwei Brücken überqueren im Bereich des Einsteinufers die Spree. Die Tonwarenfabrik March hatte einst eine hölzerne Brücke finanziert, die 1911 durch die steinerne Marchbrücke ersetzt wurde. Der Betonbau ist mit Muschelsandstein verkleidet, hinter einem Torhäuschen mit leicht geschwungenen Kupferdach führt eine Treppe zum Ufer hinunter.


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Auch die gleichzeitig erbauten Dovebrücke hatte eine Vorgängerin aus Holz. Beide Holzbrücken waren seitlich vom eigentlichen Straßenverlauf angelegt worden, um den späteren unterbrechungsfreien Bau einer Steinbrücke zu ermöglichen. Beton wurde auch als Baustoff für die Dovebrücke verwendet, sie ist mit holländischen Klinkern und Kalkstein verkleidet. Auf der Nordseite führen zwei Treppen zu einem Tempelchen hinunter, das als Bedürfnisanstalt diente. Der Ladestraße an der Südseite des Kanals dienten ein Lademeisterhaus, elektrisch betriebene Ladekräne und ein Uhrenturm.

Cecilienhaus des “Vaterländischen Frauenvereins"
War der "Vaterländische Frauenverein" eine frühe Form von Emanzipation, wo auch Frauen ein Vaterland haben durften? Oder bedeutet der Vereinsname, dass das Vaterland die Frauen brauchte? Tatsächlich war dies der Patriotismus, um den es hier ging: Die Männer machten Kriege, die Frauen pflegten die Verwundeten. Kaiserin Augusta - die als "Kirchenjuste" auch den Neubau evangelischer Kirchen massiv gefördert hat - ergriff 1866 die Initiative zur Gründung des Frauenvereins. Es war Kriegszeit, Preußen kämpfte gegen Österreich ("Deutscher Krieg"), da brauchte es Pflege und Hilfe für Verwundete.

Das Statut des Berliner Vaterländischen Frauen-Vereins beschreibt freimütig diese "Vaterlandsliebe, durch welche die Männer siegen, die Frauen trösten“: "Unser Verein dient im Kriege dem Volke unter den Waffen, im Frieden der Linderung der Noth, wo und wie eine solche unerwartet herantritt.“

Hinter der Jugendstilfassade des 1909 für den Vaterländischen Frauenverein und andere wohltätige Vereine errichteten Cecilienhaus befanden sich unter anderem Volksküche, Speisesäle, Fürsorgestellen, Sanatorium, Krippe, später auch Frauenklinik und Entbindungsanstalt.

Kleinwohnungshaus
Das 1922 am Einsteinufer errichtete "Kleinwohnungshaus" ist ein stattlicher Bau mit zurückspringendem Mittelteil und portalartigen Vorbauten vor den Eingängen. Die ausgedehnten Fensterreihen im Dach zeigen, dass der Wohnraum bis zum letzten Quadratmeter ausgenutzt wird. Mit staatlichen Zuschüssen wurde der "Kleinwohnungsbau für Reichs- und Militärbedienstete" bereits in der Kaiserzeit subventioniert, um der Wohnungsknappheit von Minderbemittelten entgegenzutreten. Noch während des Ersten Weltkriegs hatte der Reichstag darüber debattiert, die Förderung auf "Kriegsbeschädigte und Witwen Gefallener" auszudehnen. Das denkmalgeschützte Kleinwohnungshaus am Einsteinufer ist ein Beispiel dafür, wie während der Weimarer Republik Wohnraum mit diesem Förderinstrument geschaffen wurde.

Wohnanlage Kohlrauschstraße von "Glas-Hoffmann"
Nur zögerlich werden Nachkriegsbauten als Baudenkmale eingestuft. Zu nahe ist uns diese Bauphase, um einen Blick mit gebührendem Abstand darauf zu werfen. Und die gesellschaftliche Akzeptanz fehlt weitgehend, weil "Denkmal" oft als ästhetische Komponente (miss-)verstanden wird. So ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass eine Wohnanlage in der Kohlrauschstraße aus den 1960er Jahren denkmalgeschützt ist.

Schaut man näher hin, entdeckt man die geschosshoch verglasten Blumenfenster, die nicht nur "transparente, heiter beschwingte Architektur" sind, sondern auch Teil eines energetischen Konzepts. Über die gesamte Wohnungsbreite reichen die Balkone mit transparenten Brüstungen. Die auch nach innen durch Glasscheiben begrenzten begehbaren Blumenfenster bilden einen Klimapuffer und gewinnen passiv Sonnenenergie. Dadurch müssen die Heizkörper nicht im Innenraum vor dem Fenster stehen.

Hans Hoffmann ("Glas-Hoffmann"), Architekt und Vorstandsmitglied der Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892, hat auch in den Siedlungen Schillerpark und Attilahöhe solche lichten Wohnungen mit dem Spiel zwischen Innen- und Außenraum geschaffen.


In der Wilmersdorfer Straße nehmen wir uns noch einen Augenblick Zeit für einen Milchkaffee und einen Streuselkuchen, mehr ein Flanierhappen als ein Flaniermahl.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Bergmann mit Spitzhacke