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Zwei untergegangene Dörfer


Stadtteil: Lichterfelde
Bereich: Giesensdorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Osdorfer Straße
Datum: 13. Juli 2015
Bericht Nr: 514

Wenn man im Zug von Berlin nach Hamburg sitzt und jemand telefoniert heftig, dann kann das sehr störend sein. Anders war das 1926, also in der Zeit der Weimarer Republik, als in der 1.Klasse der Züge Berlin-Hamburg das "funkfernsprechen" eingeführt wurde - es war eine Sensation. Natürlich ging das damals nicht übers Handy, sondern über das Netz des „Bahnfunks“, das sonst nur für die bahninterne Kommunikation verwendet wurde. Elektromagnetische Wellen über die Atmosphäre abzustrahlen, das war durch die Erfindung des deutschen Physikers Ferdinand Braun möglich geworden, für die er 1909 den Physik-Nobelpreis bekam. Schon früh experimentierte die Bahn mit der Funkübertragung in fahrende Eisenbahnzüge, so wurde schließlich ein eigenes Funknetz aufgebaut. Beim Eisenbahnzentralamt am Halleschen Ufer richtete man die Zentrale für das Reichsbahnfunknetz ein. Vier Wellenlängen (zwischen 750 und 1945 m) wurden für den Bahnfunk genutzt.

Am Ostpreußendamm erbaute der Bahnarchitekt und Reichsbahndirektor Hugo Röttcher 1934 eine "Reichsbahnfunk-Vorempfangsstelle", die das Kommunikationsnetz der Bahn verstärkte. Diese Funkstation in einem schlichten Backstein-Kubus steht an der Anhalter Bahn im Hinterland des Ostpreußendamms, sie ist heute von einer Kleingartenanlage der Bahn-Landwirtschaft umgeben und wird als Wohnhaus genutzt. Auch ein Reichsbahnausbesserungswerk war in Giesensdorf geplant. Auf diesem Gelände richtete die amerikanische Besatzungsmacht später ihren Truppenübungsplatz "Parks Range" ein. Heute wird um eine Neubebauung des Gebiets gerungen. Vom Bahnarchitekten Röttcher stammt auch der markante Wasserturm im Eisenbahn-Südgelände, eine Stahlkonstruktion, die "rund" gegen "eckig" ausspielt. Und Röttcher hat bei der Planung für die "Welthauptstadt Germania" mitgewirkt. Zusammen mit Albert Speer gründete er den "Großdeutschen Architektenorden", in dessen Vorstand er sogleich berufen wurde. Röttcher erlebte das Kriegsende nicht, er starb 1942.

Im Süden Berlins sind in der Nachkriegszeit zwei Nachbardörfer verschwunden, das eine - Giesensdorf - auf Berliner, das andere - Osdorf - auf Brandenburger Gebiet. Die Osdorfer Straße verbindet beide, doch von Osdorf im Brandenburgischen steht nur noch eine einsame Scheune. Die DDR-Grenztruppen brauchten freies Schussfeld, Osdorf stand direkt an der Grenze, da wurde das Dorf einfach abgeräumt. Durch diesen "Grenzsicherungsmaßnahmen" verschwand das Rittergut Osdorf und ehemalige Berliner Stadtgut von der Landkarte. Nach der Wende wurde auch der historische Name getilgt, bei der Eingliederung in die Gemeinde Großbeeren hat man den Ortsteil in Heinersdorf umbenannt.

Der Straßenausbau ist auch 25 Jahre nach der Wende noch typisch für eine Verbindungsstraße, die durch die Mauer blockiert war. Auf Berliner Seite hat die Osdorfer Straße einen Mittelstreifen, der dann vor dem Lichterfelder Ring endet - hier fuhren sowieso nur noch die Kleingärtner weiter Richtung Stadtgrenze und der amerikanische Truppenübungsplatz "Parks Range" auf der gegenüber liegenden Straßenseite war anders erschlossen. Auf Brandenburger Gebiet geht es weiter auf einer schmalen Landstraße, gerade einmal Pkws kommen hier aneinander vorbei. Seit dem Ausbau der B 101 geht der Zubringerverkehr Richtung Kreisstadt Luckenwalde über diese Straße, doch außer Geschwindigkeitsbegrenzung und LKW-Verbot hat sich hier nichts geändert. Und bei Glatteis kann es schon mal passieren, dass das Auto eine Biegung nicht mitmacht und an einem Telekom-Mast landet. Wenn der Mast dann nachgibt, weil er im Boden nicht verankert war, können sich beide freuen: der unverletzt gebliebene Fahrer und die Telekom, die jetzt kostenlos einen fest verankerten Telefonmast als "Schadensersatz" bekommt.

Auf Berliner Seite beginnt die Osdorfer Straße am Ostpreußendamm im ehemaligen Dorf Giesensdorf. Hinter einer dicken Feldsteinmauer und hohen Bäumen steht hier die Dorfkirche, gegenüber sieht man das Gemeindehaus, rechts davon die Schule - das ist alles, was von Giesensdorf blieb.

Im Hintergrund türmen sich die quadratischen Schlote des Heizkraftwerks Lichterfelde in die Höhe und stechen mit ihren Abluftrohren in den Himmel. Giesensdorf hatte hier einen See, der zum größten Teil trockengelegt und um 1900 in den Neubau des Teltowkanals einbezogen wurde.

Von dem Dorfanger des Straßendorfs entlang der ehemaligen Berliner Straße (Ostpreußendamm) ist nichts mehr erkennbar, Einkaufsmärkte stehen massiert dort, wo früher Bauernhöfe waren.



Verteilt auf Ostpreußendamm und Osdorfer Straße sind hier Kaufland, Netto, Aldi, Penny, Plus, Reichelt, Rossmann, KiK, Burger King, MacDonald, Thürmann, Getränke-Hoffmann, Fressnapf, Fliesenland und noch andere vertreten. Was sonst nach amerikanischem Vorbild als komplexe Mall am Rand eines Ortes neu gebaut wird, mischt sich hier in die vorhandene Ansiedlung und drückt die lokalen Geschäfte weg. Bäckerei, Apotheke, Raumausstatter, Postamt sind verschwunden, der Leerstand breitet sich aus.

Gibt es keine Stadtplanung, die die Einzelhandelsentwicklung lenkt? Eine "zentrenverträgliche Steuerung" wird im Berliner Stadtentwicklungsplan festgeschrieben, aber die Umsetzung ist weitgehend Bezirkssache. In Steglitz-Zehlendorf wurden von 2000 bis 2006 so viele große Einzelhandelsflächen in Zentren neu geschaffen, dass es nur noch von Marzahn überboten wurde, selbst Mitte fällt dahinter zurück. Mit anderen Worten: die großen Ketten breiten sich hier üppiger aus als in fast allen anderen Bezirken. In Giesensdorf ist das, was wir sehen, erschreckend. Nicht nur der Autoverkehr, sondern auch überhand nehmende Großbauten der Discounter haben das Dorf zerstört.

Dabei ist das Dorf als eigenständige Gemeinde schon viel früher untergegangen, als es nämlich 1877 Teil des Siedlungsprojekts Groß-Lichterfelde wurde. Johann Anton Wilhelm von Carstenn war durch Immobilienentwicklung - manche sagen Immobilienspekulation - in Hamburg reich geworden. In Berlin kaufte er das Rittergut Wilmersdorf, das angrenzende Friedenau und die Dörfer Lichterfelde und Giesensdorf, um hier Landhauskolonien in dem von ihm geschätzten englischen Stil anzulegen. Die Rittergüter Lichterfelde und Giesensdorf gingen vorher durch die Hände vieler adliger und bürgerlicher Besitzer, bis sie nahezu devastiert (verwüstet) waren, Giesensdorf soll innerhalb von 60 Jahren 17 Besitzerwechsel erlebt haben.

Carstenn sorgte für die Erschließung von Groß-Lichterfelde mit der Eisenbahn durch die Bahnhöfe Lichterfelde-West an der Wannseebahn und Lichterfelde-Ost an der Anhalter Bahn. Auch die erste Straßenbahn fuhr in Lichterfelde. Seine vorausblickenden Bauvorschriften für die Käufer der Grundstücke sahen höchstens zwei Stockwerke in den Villen oder Landhäusern vor. Der Abstand zu den Nachbarhäusern war ebenso geregelt wie die Anlage eines Vorgartens. Straßenbäume wurden gepflanzt und Industrieansiedlungen untersagt.

Um seine Villensiedlung noch attraktiver zu machen, schenkte Carstenn dem preußischen Militärfiskus das Baugrundstück für die Hauptkadettenanstalt in der Finckensteinallee und sicherte weitere umfangreiche kostenlose Leistungen zu. Dazu gehörten beispielsweise der Bau von Wasserwerk und Gasanstalt, die Straßenpflasterung, der Transport des Baumaterials zur Kadettenanstalt, die Finanzierung von Offiziers-Dienstwohnungen. Zwar wurde Carstenn geadelt, mit den Verpflichtungen gegenüber dem preußischen Militär hatte er sich aber übernommen und wurde ohne jede Milde von denen in den Ruin getrieben. Er endete in der Schöneberger Nervenheilanstalt "Maison de Santé".

Das historisierende Rathaus Lichterfelde mit Turm und Türmchen an der Schillerstraße wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, nur ein Anbau blieb erhalten. In der Nachkriegszeit hat der Senatsbaubeamte Bruno Grimmek dort einen Neubau für die Feuerwache ergänzt.

Mit mehreren Bauten ist der Architekt Bruno Möhring am Ostpreußendamm vertreten. Der Backsteinbau des Hauses Burchard, dessen Portal mit ausdrucksvoller Baukeramik umrahmt ist, steht weit zurückgesetzt von der Straße. Über dem Seiteneingang hat Möhring seine Initialen und das Baujahr hinterlassen: "BM 1913".

Beim Eckgrundstück zur Schillerstraße schuf Möhring einen expressiven gerundeten Baukörper, der beide Straßen miteinander verbindet. Von dem Backsteingebäude mit Stufengiebeln heben sich die dreieckigen verputzen Balkons mit geometrischen Verzierungen ab.



Möhring hat auch das Pfarrhaus umgebaut und ergänzt. Das Eingangsportal mit dunklen Fayencen als Umrahmung trägt seine Handschrift. Die schwarze Kanonenkugel, die in die Putz-Fassade eingearbeitet wurde, soll der damalige Pfarrer nach der Schlacht von Großbeeren 1813 gefunden haben. Damals sammelten sich hier während der Befreiungskriege die preußischen Truppen, um Napoleons Besetzung zu beenden und ihn zu vertreiben.

Gegenüber duckt sich die alte Dorfkirche hinter hohen Bäumen und einer dicken Feldsteinmauer. Es ist Berlins zweitkleinste Dorfkirche, die allerdings durch Kriegseinwirkung ihren Turm verloren hat. Auf einem Stich von 1834 sieht man einen hohen quadratischen Turm aus Holzbrettern mit einem Satteldach. Später wurde der Turm doppelt abgestuft, das Dach bekam eine Pyramidenform. Nach dem Krieg ist statt des Turms eine Seitenwand als Glockengiebel hochgezogen worden.



Warum ist eine Nachkriegs-Holzhaussiedlung ein Baudenkmal? In Berlin gibt es zwei Finnenhaussiedlungen in Giesensdorf und in Kladow, die Giesensdorfer wurde im Rahmen der Bauausstellung "Interbau" 1957 errichtet und ist deshalb als Denkmal geschützt. Für beide Siedlungen lieferten die USA die Holzfertigteile für die Häuser, die GEHAG plante und eine finnische Gesellschaft baute. Es war ein Kompensationsgeschäft zugunsten Berlins, Finnland trug so seine Schulden gegenüber den USA ab, die es anders nicht zurückzahlen konnte. In Giesensdorf entstanden 67 und in Kladow 377 Häuser.

Vielleicht ist es Zufall, dass gleich nebenan noch ein Bau aus 1957/58 mit USA-Bezug steht: die Coca-Cola-Abfüllanlage. Coca-Cola, eine Ikone des "American Way of Life", begleitete die amerikanischen Soldaten - die GIs - dort, wo sie nach siegreichem Kampf ihr Lager aufschlugen. Der Berliner Nachkriegsmarkt wurde aufteilt zwischen den Niederlassungen in der Franklinstraße und in Giesensdorf in der Hildburghauser. In Giesensdorf konnte man in einer modernen Schaufensterfabrik mit vertikal betonter Betonrasterfassade die Abfüllung beobachten. In zwei Filmen war das Gebäude mit der Reklameschrift "Coca-Cola eiskalt" als Kulisse zu sehen: In Billy Wilders Komödie "Eins, Zwei, Drei", die 1961 vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts spielte und zunächst keine Zuschauer fand, weil es durch den Mauerbau bitter ernst geworden war mit der Konfrontation. In der Nachwende-Komödie "Good Bye, Lenin“ besuchte der Wirtschaftssekretär des DDR-Zentralkommittees die Coca-Cola-Fabrik, um ein Wirtschaftsabkommen auszuhandeln. Jetzt wartet das Gebäude auf seine Zukunft, 1994 lief die letzte Kiste Coca Cola vom Band.

In der Umgebung der Morgensternstraße - die bis 1961 Bismarckstraße hieß - gibt es eine Frauenstraße. Ist das ein Feminismus-Projekt, wohnen hier nur Frauen? Tatsächlich verweist die Straßenbenennung vor 1893 auf ein Frauenheim, das nicht in der Frauenstraße liegt, sondern in der Morgensternstraße 4. Fräulein Michaelis leitete als Oberin(!) den "Verein Frauenheim", der "alleinstehenden Damen billige Wohnungen bot". Das gemeinsame Mittagessen im Speisesaal "liefert der Kapellan, 65 und 70 Pf". Das Haus wurde 1875 gebaut, es ist ein typisches Projekt privater Fürsorge zu einer Zeit, als der Staat sich noch nicht für die Wohlfahrt aller Bürger verantwortlich fühlte. Eine Bewohnerin des Frauenheims war die pensionierte Lehrerin Arete Gogarten, die ethnographische und kulturhistorische Studien betrieb. Sie hat beispielsweise über „Die Tellenspiele in der Schweiz vor Schiller“ geschrieben. Ihr Buch von 1899 "Der Geusenbote. Geschichtliche Erzählung aus dem 16. Jahrhundert" ist heute noch in Antiquariaten im Handel (Geusen waren niederländische Freiheitskämpfer).

Auf unserem Spaziergang durch Giesendorf haben wir - beginnend am Bahnhof Osdorfer Straße - schließlich die Königsberger Straße erreicht. Bei einem Italiener bleibt uns das Schicksal eines anderen Gastes erspart, dem der Teller mit Spaghetti wieder weggezogen wird, die er gerade mit Parmigiano bestreut hat. Das Essen ist für einen anderen Gast bestimmt, für den ist der Käse eben dann schon drauf. Es geht hektisch zu und dauert lange, aber dann hat die Bedienung auch Zeit für einen ausgiebigen Plausch mit uns.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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Unsere Route
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Orgelmusik im Herrenhaus
Im Vorgarten reitet der Kaiser