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Unschuldigste Beruhigungsmittel


Stadtteil: Schöneberg
Bereich: Belziger Straße
Stadtplanaufruf: Berlin, Belziger Straße
Datum: 25. November 2013
Bericht Nr: 443

Unschuldigste Beruhigungsmittel

Auf einen kleinen dreieckigen Zipfel des Schöneberger Stadtgrundrisses richtete sich die Begehrlichkeit der Stadtplaner in drei verschiedenen Epochen und Systemen. Das Dreieck war nicht prominent, aber die Stadtplaner brauchten es als Mosaikstein, um die gewachsene Stadtlandschaft in ihrem Sinne zu durchpflügen, zu verändern. Zwischen Hauptstraße, Grunewaldstraße und Akazienstraße war ein unbebautes Gebiet, das ab 1861 an der Hauptstraße mit einer Krankenanstalt und Irrenanstalt bebaut wurde, dem "Maison de Santé". Die drängende Wohnungsnot und zunehmende Bebauung freier Grundstücke brachte die selbstständige Stadt Schöneberg 1897 auf die Idee, mehrere Straßen neu anzulegen, um die Steuereinnahmen durch mehr Bautätigkeit zu erhöhen. Dass dabei Grundstück und Gebäude der Krankenanstalt zerstückelt würden, nahm man als Kollateralschaden in Kauf. Zunächst sollten dort zwei Straßen angelegt werden, dann setzte man "nur" die Verlängerung der Belziger Straße über das Krankenhausgelände hinweg fest. Der Straßenbau erfolgte noch nicht, die Festlegung des Bebauungsplans aber war eine kalte Enteignung, da die Klinik danach weder erweitert noch veräußert werden konnte. 1919 kauft die Stadt Schöneberg das Klinikgelände, der Durchstich der Belziger Straße erfolgte dann tatsächlich erst in den 1930er Jahren.

Nördlich des Maison de Santé wurden entsprechend dieser Planung um 1900 die Vorbergstraße und die Gleditschstraße angelegt, die das Klinikgelände nicht berührten. Zwar sollte auch die Gleditschstraße verlängert werden und das Krankenhausgrundstück durchschneiden, hierzu kam es aber nie. Wie wenig durchschaubar das Ganze für die Hersteller von Stadtplänen war, zeigt sich daran, dass in mehreren Karten verschiedener Verlage aus den 1920er Jahren die Gleditschstraße und die verlängerte Belziger Straße das Krankenhausgelände durchschneiden, was höchstens den Gedanken der Stadtplaner, aber nicht der Wirklichkeit entsprach.

Der nächste Stadtplaner, der das Klinikgelände verplante, war Albert Speer mit seiner "Welthauptstadt Germania" (1). Parallel zur Nord-Süd-Achse zwischen Reichstag und Südkreuz baute er im Geiste eine Verkehrsachse über Nollendorfplatz, Kaiser-Wilhelm-Platz und weiter Richtung Süden, die im Verlauf der Gleditschstraße die Belziger Straße gekreuzt und das Klinikgelände unter sich begraben hätte. Und schließlich kamen nach dem Zweiten Weltkrieg die Planer der autogerechten Stadt. Wieder verlängerten sie die Gleditschstraße, die dann Richtung Kolonnenstraße abknicken sollte, um die Westtangente auf dem Eisenbahngelände südlich des Gleisdreiecks (2) zu erreichen. Auch hierbei wäre das Gelände der Maison de Santé unter die Räder gekommen (und das ist wörtlich zu nehmen). Beide Planungen - Germania und Autobahnzubringer - wurden nicht verwirklicht, doch die Verlängerung der Belziger Straße hat schon genug zerstört.

Das Maison de Santé bestand aus zwei getrennten Abteilungen: einer Heilanstalt "für innerliche, chirurgische, gynäkologische Leiden" und einer Heilanstalt für "Gemütskranke". Der Arzt Eduard Levinstein hatte hier eine Irrenanstalt eingerichtet, die nach der modernen, naturwissenschaftlichen Psychiatrie ausgerichtet war ("no restraint", keine Zwangsmaßnahmen). Bis zum 18.Jahrhundert waren Obdachlose, Huren, Diebe, Mörder und Irre eine diffuse, asoziale Gruppe, die außerhalb der Gesellschaft stand, für die es Zucht- und Verwahranstalten gab. An der Charité behandelte um 1820 der Arzt Dr. Horn psychisch Kranke mit mechanischen Zwangsmaßnahmen wie Zwangsstehen, Zwangssitzen, "Drehstuhl", "Drehbett", überraschendem Kaltwasserguss, die er als "unschuldigste, bequemste und sicherste Beruhigungsmittel" pries, die "die heftigsten Ausbrüche der Tobsucht besänftigen" und "Achtung gegen den Arzt erzeugen". Beim Zwangsstehen beispielsweise wurden die Arme mit Handriemen an den Seitenwänden des Zimmers befestigt, der Oberkörper in einem Gurt wurde von einem Seil an der Decke gehalten, in dieser Position mussten die Patienten bis zu 12 Stunden stehen. Man kann sich vorstellen, dass diese Behandlung "von den meisten Irren oft so sehr gefürchtet wird, daß sehr oft schon die bloße Androhung desselben vollkommen hinreicht, die Irren zur Ordnung und zum Gehorsam zurückzuführen", wie Dr. Horn schreibt.

Erst als man psychischen Krankheiten als Erkrankungen des Gehirns erkannte, konnten die Geisteskranken "von den Ketten befreit werden". In Reinickendorf wurde nach diesen Reformideen in der Klinik in Dalldorf behandelt (später Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik) (3). Im Verlauf der Entwicklung erhielt das Maison de Santé, das nach den gleichen Erkenntnissen geführt wurde, eine kommunale Zweigstelle der Dalldorfer Nervenklinik. Prominente Kranke, die im Maison de Santé behandelt wurden, waren der Herausgeber des Zitatenschatzes "Geflügelte Worte", Georg Büchmann und der Immobilienentwickler J.W. von Carstenn, der die Villenkolonien Friedenau und Lichterfelde gegründet hat (4). Eduard Levinstein, der Gründer des Maison de Santé, starb 1882, seine Nachkommen führten sein Werk weiter. Im Ersten Weltkrieg wurde das "Maison" zum "Reservelazarett für nervengeschädigte Soldaten", 1919 wurde es geschlossen. Einige Bauten blieben erhalten und werden heute unterschiedlich genutzt. Reste des ehemaligen Gartens sind als kleine Parkanlage von der Nordseite der Belziger Straße aus zugänglich.

Zwischen Hauptstraße und Belziger Straße liegt an der Dorfkirche der Schöneberger Friedhof. Die Schöneberger Millionenbauern, die ihre Felder für den Eisenbahnbau und als Baugrundstücke teuer verkauft hatten, ließen sich nicht nur repräsentative Villen entlang der Hauptstraße errichten, sondern auch Mausoleen für die ewige Ruhe auf dem Dorffriedhof. Die Inschrift auf einem Grabstein der Familie Lusche verweist auf einen früheren Teil der Schöneberger Geschichte: "Familie Lusche, aus Böhmen eingewandert, seit 1721 hier in Schöneberg ansässig". Die Seilwerkstatt Lusche kennt jeder Schöneberger, Hanf- und Drahtseile und das ganze Zubehör kann man in der Hauptstraße kaufen. Friedrich der Große hatte Spinner und Weber aus Böhmen nach Berlin geholt und in Friedrichshagen und Rixdorf angesiedelt (5). Auch in Neu-Schöneberg siedelte er Kolonisten an, auf dem Sandberg, dem Beginn der Teltower Hochfläche, dort wo das Berliner Urstromtal zu dem umliegenden Gelände aufsteigt (6). Entlang der Hauptstraße zwischen Grunewaldstraße und Kaiser-Wilhelm-Platz lag diese Kolonie auf dem "Böhmerberg". Wie in Rixdorf wuchsen das deutsche Dorf und die Böhmische Kolonie später (1875) zu einer einheitlichen Gemeinde zusammen.

Das Postamt Schöneberg in der Hauptstraße wurde Ende der 1920er Jahre auf der Rückseite zur Belziger Straße um einen Bau für das Postfuhramt West erweitert - dem Gegenstück zum Postfuhramt von 1881 in der Oranienburger Straße in Mitte (7). Die Post hatte 1874 die Postillione nach Hause geschickt und übernahm in den Postfuhrämtern die Beförderung von Personen und Postsendungen, die vorher durch private Fuhrleute in ihrem Auftrag erledigt wurden. Das Gebäude in der Belziger Straße mit viel Backstein und Glas sowie einem zur Straße hin abgerundeten Flachbau wurde von dem Postarchitekten Fritz Nissle errichtet.

Eine Ecke weiter steht die Gustav-Langenscheidt-Schule, die vorher Riesengebirgsschule und noch früher Hohenzollernschule hieß. Sie wirkt wie eine gotische Kathedrale, deren Kirchtürme man weggelassen hat. Entworfen hat die Schule 1897 der Schöneberger Stadtbauinspektor Egeling, von dem auch die Goerzhöfe in der Rheinstraße und das Auguste-Viktoria-Krankenhaus in der Rubensstraße stammen. An der Schulfassade finden sich neben einer großen Rosette - die mich den Kirchenbau assoziieren ließ - drei Medaillons mit den Tugenden "litteris, virtuti, patriae". So wollte man in der Kaiserzeit die Schüler haben: der wissenschaftlichen Ausbildung, der sittlichen Ertüchtigung und der Pflege der Vaterlandsliebe verpflichtet. Auf Kriegerdenkmalen konnte man dann später manchmal nachlesen, was aus der Pflege der Vaterlandsliebe geworden war.

Wenn heute der Senat einen Dienstwagen ordert, wird der aus dem Fuhrpark Berlin in der Belziger Straße vorgefahren. Der Berliner Magistrat hatte es vor gut 100 Jahren nicht so einfach, denn im Oktober 1907 hatte ihm die Stadtverordneten-Versammlung das erste Dienst-Automobil als Gemeinschaftsfahrzeug bewilligt, immerhin schon sechs Jahre, nachdem 1901 der erste Privatwagen in Berlin zugelassen worden war. In der Belziger Straße befindet sich die "Senatsgarage" nur einen Steinwurf vom Schöneberger Rathaus entfernt, in dem zu West-Berliner Zeiten die Senatsspitze saß. Offensichtlich ist der Wagenabstellplatz nicht nach Mitte verlegt worden, als der Regierende Bürgermeister ins Rote Rathaus umzog, denn ein einigermaßen verwittertes Schild weist an der Belziger Straße noch immer auf den "Fuhrpark Berlin" hin. Nebenan auf dem Gelände parkt die Polizei sichergestellte Fahrzeuge.

Dieser Standort hat eine lange Verkehrsgeschichte, seit 1898 hatte hier die Große Berliner Pferdeeisenbahn ihr Depot, später übernahm die "Elektrische", die Straßenbahn, den Betriebshof und fuhr von hier aus nach Weißensee, Schönholz, Köpenick und Hakenfelde, bis das Depot wegen Einstellung des Straßenbahnbetriebs in West-Berlin nicht mehr gebraucht und 1964 geschlossen wurde. Die Gleise führen auf dem Grundstück noch bis zur Halleneinfahrt, in der Halle konnten auf 24 Gleisen bis zu 280 Straßenbahnwagen abgestellt werden. Das Bezirksamt wünscht sich eine kulturelle Nachnutzung und keinen Verkauf an den meistbietenden Investor.

Wir haben schon vor Jahren die Eroberung der Stadt mit dem Auto beendet und sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß bisher an jedes Ziel gekommen, um unsere Stadtwanderungen zu beginnen und auch wieder zu beenden. Heute ist es der U-Bahnhof Eisenacher Straße, der uns den Weg nach Hause öffnet.

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(1) Die "Welthauptstadt Germania": Welthauptstadt Germania
(2) Gleisdreieck: Gleisdreieck-Park
(3) Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik: Wir kommen aus Dalldorf
(4) J.W. von Carstenn: Carstenn, JW von
(5) Friedrich der Große und seine Kolonien: Friedrich der Große
(6) Urstromtal: Urstromtal
(7) Postfuhramt (Ost): Eiskunstlauf und Sommerkonzert



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Naturschutzgebiet mit Bahnanschluss
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