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Militär mit dem Portemonnaie in der Hand


Stadtteil: Spandau
Bereich: Hakenfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Hugo-Cassirer-Straße
Datum: 20. April 2015
Bericht Nr.: 503

Kann eine Siedlung "fiskalisch" sein, frage ich mich, als wir an der "Militärfiskalischen Siedlung" in Hakenfelde aus dem Bus steigen. Das ist sprachlich so ähnlich, als würde man seinen wurstlichen Zipfel mit einem wanderlichen Messer zerteilen. Gemeint ist mit diesem sperrigen Namen, dass das Militär hier 1876 eine Siedlung gebaut hat und dabei wie ein privater Bauherr aufgetreten ist. Im Jahr 1903 finanzierte das Militär auch den Brückenschlag zur Insel Eiswerder nebenan, um die Fähre zu ersetzen. Auf der Insel bestand seit 1826 ein Königliches Feuerwerkslaboratorium, in dem an Brandraketen und anderen militärischen Feuerwerkskörpern geforscht wurde, Feuerwerke zum Ergötzen des Königlichen Hofes gehörten sicherlich nicht dazu. Für die Mitarbeiter dieses Laboratoriums waren die Wohnungen vorgesehen. In Haselhorst entstand 1896 eine weitere "Arbeiter-Kolonie des Militär-Fiskus". Das hat in Spandau Tradition, auch die Gartenstadt Staaken und die Waldsiedlung Hakenfelde wurden für Angehörige des Militärs gebaut.

"Fiskalisch" bedeutet, dass das Militär nicht dem Feind mit der Waffe gegenüber steht, sondern dem Bürger mit dem Portemonnaie. Der preußische Militärfiskus war das Schatzamt des Militärs. Auf seinen Namen war der Staatsbesitz eingetragen, der für militärische Zwecke gebraucht wurde, beispielsweise Exerzierplätze, Kasernen, Brücken, Militäreisenbahnen, Wohnsiedlungen, sogar Gotteshäuser als Garnisonskirchen. Dazu gehörten das Tempelhofer Feld ebenso wie das Kasernenviertel Moabit , das Gelände der Akzisemauer, die Moritzkirche in Spandau, alle Liegenschaften und Einrichtungen der Festungsstadt Spandau. In Schöneberg führte die "Fiskalische Straße" zwischen Kolonnenstraße und Monumentenstraße am Exerzierplatz und an der Kaserne des Eisenbahnregiments vorbei. Eine Strecke der Militäreisenbahn führte vom Bahnhof Papestraße nach Jüterbog (1). Beim Bau der Ringbahn wurde sichtbar, dass im Südosten der Stadt das umliegende Gelände überwiegend dem Militärfiskus gehörte, in allen anderen Ringbahnbereichen waren verschiedene Terraingesellschaften Eigentümer.

Es erinnert an die heutige Liegenschaftspolitik, dass nicht das Gemeinwohl, sondern Gewinnmaximierung das Handeln des Militärfiskus bestimmte. Als ein Teil des Exerziergeländes Tempelhofer Feld zum Verkauf als Bauland anstand, bekam nicht die Stadt Berlin den Zuschlag, sondern Tempelhof, mit dem man heimlich verhandelt hatte und einen höheren Preis erzielte (2), es war das bis dahin teuerste Grundstücksgeschäft im Deutschen Reich. Den Immobilienentwickler J.W. von Carstenn - der ihm Bauland für eine Kaserne geschenkt hatte - trieb der Militärfiskus in den Ruin, als die Baukosten wegen schlechten Baugrunds immens anstiegen.

Auf seinen Vorteil bedacht war der Militärfiskus auch, als Groß-Berlin zu einer Stadt zusammen wachsen sollte. "Zum eigenen Entsetzen und zum Entsetzen aller Beteiligten" stellten die Stadtplaner fest, dass der Militärfiskus noch kurz vor Toresschluss Bebauungspläne für seine Gelände aufgestellt hatte, die eine einheitliche Planung unmöglich machten. Den Militärfiskus gibt es nicht mehr, aber die Verwalter staatlichen Grundvermögens wie beispielsweise der Liegenschaftsfonds BIM nehmen immer noch wenig Rücksicht auf die Belange der Allgemeinheit. Das Geld bestimmt das Handeln, BIM will "signifikant zur Konsolidierung des Landeshaushalts beitragen".

Aber nicht nur der Militärfiskus baute Wohnungen in Spandau. Die bezirkseigene Gemeinnützige Baugesellschaft Adamstraße hat an der Streitstraße eine Wohnsiedlung von dem Architekten Adolf Steil errichten lassen, der mehrfach Häuser mit Richard Ermisch zusammen entworfen hat. Hier sind es kubische Baukörper mit flächigem gelben Putz und markanten Backsteinbändern und -einfassungen, dazu gelungene Ecklösungen. Südlich davon steht eine Wohnsiedlung der Charlottenburger Baugenossenschaft mit bemühtem ornamentalem Schmuck.



Gegenüber in der Streitstraße 22 steht das 1893 erbaute Landhaus Francke. Zurückgebaut von der Straße und mit Vorgarten scheint das Holzhaus aus der Zeit gefallen zu sein. Der Holzhändler Francke betrieb etwas weiter südlich in derselben Straße eine Dampfschneidemühle, "mit der er einen großen runden Baum mit zehn Sägen gleichzeitig zu zehn Brettern schneiden konnte". Auf dem Sägewerksgelände steht heute das Siemens-Luftfahrtgerätewerk, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs gebaut von dem Siemens-Hausarchitekten Hans Hertlein. Mit den vier- bis sechsgeschossigen Gebäudeblöcken und dem kantigen Uhrenturm ähnelt es den früher errichteten Siemens-Fabriken wie dem Wernerwerk, die allerdings nicht verputzt sind, sondern Backsteinfassaden haben. An der Streitstraße wurden Rüstungsgüter für die Luftwaffe produziert.

Der Straßenname Streitstraße hat - wie nahe liegend - auch mit Militär zu tun, allerdings auf dem Umweg über den Familiennamen Streit, nomen est omen. Guido Alexander Franz Friedrich von Streit hatte die Militärkarriere von Fähnrich bis zum Kommandanten von Spandau durchlaufen, er war nacheinander Sekondeleutnant, Premierleutnant, Batteriechef, Artillerieplatzoffizier, Oberstleutnant, Generalmajor, wurde geadelt und zum Spandauer Ehrenbürger ernannt.

Direkt am Havelufer stehen drei verlassene Wehrmachtsspeicher, die von demselben Architekten wie das Wehrkreiskommando am Hohenzollerndamm (3) in der Nazizeit für den Militärfiskus gebaut wurden - wobei wir wieder beim Thema sind. Nach dem Krieg nutzte die zivile Binnenschifffahrt eine Zeit lang die drei Speichergebäude. Das ehemalige Städtische Gaswerk Spandau arbeitete von 1857 an siebzig Jahre lang nebenan in der Schützenstraße. Nur ein einsames Backsteingebäude - das Uhren- und Reglerhaus - ist von der Städtischen Gasanstalt erhalten geblieben.

Ein eindrucksvolles Fabrikgebäude an der Rauchstraße ist durch die nicht zu Ende geführte Planung der Wasserstadt Spandau zu einem armseligen Überbleibsel verkommen. Die AMA-Maschinenfabrik produzierte ab 1900 in einer Backstein-Werkhalle mit hohen Zwillings-Segmentbogenfeldern. Die hier nach dem Krieg tätigen Betriebe mussten ausziehen, wegen Auflösung des Wasserstadt-Entwicklunsprojekts wurden die Gebäude dann sich selbst überlassen.



Dagegen wird die Fabrikhalle des Kabelwerks Cassirer in der Hugo-Cassirer-Straße weiterhin genutzt, wenn auch zweckentfremdet durch das Stadtmuseum. Hans Poelzig hatte Ende der 1920er Jahren diesen in der Außenansicht kubischen Backsteinbau entworfen, der im Innern eine tragende Eisenkonstruktion enthält. Das Familienunternehmen konnte hier nur wenige Jahre produzieren, bis es von Siemens geschluckt und als Märkische Kabelwerke weitergeführt wurde. Zuletzt war das Werk als Bergmann-Kabelwerk Teil des Bergmann-Borsig-Konzerns, bevor hier die Produktion eingestellt wurde.

Die Cassirers waren eine jüdischstämmige Familie von Verlegern, Gelehrten und Kaufleuten. Der Bruder des Fabrikanten Hugo Cassirer war der Verleger und Galerist Paul Cassirer, der der Künstlervereinigung "Berliner Secession" angehörte und mit Malern wie Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth in Kontakt stand.

Zwei Jahre nach Kriegsende wird Spandau von einer der größten Brandkatastrophen der Nachkriegszeit heimgesucht. Was bringt Menschen dazu, ihr Leben zu riskieren, um ihre Mäntel aus einem brennenden Lokal zu holen? Im Februar 1947 sterben 80 Gäste eines Kostümsfests im Lokal "Karlslust" in Hakenfelde, als nach einem Brand das Dach einstürzt. Es herrscht Dauerfrost mit minus 25 Grad, wer sich nach draußen gerettet hat, versucht wieder herein zu kommen, um seinen Mantel zu holen. Der Kontrabassspieler und der Schlagzeuger blockieren mit ihren Instrumenten vorübergehend den einzigen Ausgang. Wegen der Not nach dem Krieg hängen die Menschen an dem wenigen, das sie besitzen, sei es Mantel oder Musikinstrument.

Die Feuerwehr kommt erst spät. Es gibt keinen einheitlichen Notruf, erst danach wird die "02" als zentrale Notrufnummer eingeführt, ab 1954 die "112". Die Feuerwehr darf höchstens 40 fahren, Fahrzeuge der Besatzungsmächte haben absolutes Vorfahrtsrecht, auch dieses wird nach der Brandkatastrophe geändert. Wegen des starken Frostes müssen die Feuerwehrmotoren erst warmlaufen, die Feuerwehr hat nur gepanschtes ("regeneriertes") Motoröl zur Verfügung. Zerstörte Brücken zwingen zu langen Umwegen. Penicillin - sonst kaum erhältlich - wird mit Sonderkurieren in die Krankenhäuser geliefert. Irgendwann später wird das Grundstück, auf dem das Lokal stand, mit einem Wohnhaus bebaut. Für die Spandauer Sportkegler "Edelholz" geht mit dem Brand damals die einzige Spandauer Sportkegelbahn verloren.

Nach soviel Spandauer Geschichte und Gegenwart finden wir in Hakenfelde nur im ehemaligen Brauereiquartier eine Gaststätte. Ein Fischrestaurant, das zu stolzem Preis Gerichte auf den Tisch bringt, die essbar sind, die wir aber anderswo schon mal besser gegessen haben.

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(1) Eisenbahnregiment und Militäreisenbahn: Bei der Ballonfahrt ohnmächtig geworden
(2) Auf dem ehemaligen Exerzierplatz entstand die Siedlung Neu-Tempelhof: Sein größter Sieg war nicht die Liebe
(3) Wehrkreiskommando Hohenzollerndamm: Militärkommando und Mediengarten

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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