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Spandauer Festungsbauwut


Stadtteil: Spandau
Bereich: Klosterfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Flankenschanze
Datum: 23. Juli 2012

Das Klosterviertel nahe der Spandauer Altstadt („Klosterfelde“) lässt vermuten, dass hier einmal ein Ordenshaus gestanden hat. Tatsächlich haben 1239 die Benediktinerinnen hier mit markgräflicher Förderung ein Frauenkloster eingerichtet, dessen Einflussbereich bis nach Jungfernheide und Lankwitz reichte (--> 1). Nach genau 400 Jahren wurde es aufgelöst und abgetragen, nicht einmal seine genaue Lage ist bekannt.

Danach begann der planmäßige Ausbau Spandaus zur Festung, eine Wallanlage hatte es vorher schon gegeben. Wie in Berlin und anderen Orten wurden spitzwinklige Bastionen angelegt, die bei vielen Städten heute noch auf Stadtplänen erkennbar sind, eine Spurensuche mit Google Maps führt zu echten Aha-Erlebnissen. Meist weisen alte Straßenbezeichnungen zusätzlich auf die Befestigung hin, in Bremen liegt der geradezu klassische spitzwinklige Wassergraben zwischen "Am Wall" und "Contrescarpe" (Grabenrand). In Berlin hieß die Münzstraße früher Contrescarpe. Das Schussfeld vor den Bastionen ("Glacis" und "Rayon") durfte nicht massiv bebaut werden, denn wenn Gefahr drohte, wurden die Häuser vor der Stadt abgebrannt und weggeräumt. Spätere Generationen der Nach-Festungs-Zeit waren froh über dieses unbebaute Band um die Festung herum. Wien beispielsweise hat auf diesem Gelände die Ringstraße - seinen Prachtboulevard -angelegt, wobei selbst dieser Begriff auf den Festungsbau zurückgeht, leitet sich "Boulevard" doch von "Bollwerk" ab. Auch andere Städte, wie München, Frankfurt, Paris, Budapest haben Ringstraßen vor den ehemaligen Festungen angelegt. In Berlin profitierte der S-Bahn-Viadukt von der freigehaltenen Fläche.

Der Große Kurfürst hatte ab 1658 einen sternförmigen Befestigungsring um die Doppelstadt Berlin-Cölln errichten lassen, um sie bei einer weiteren kriegerischen Auseinandersetzung wie dem Dreißigjährigen Krieg beschützen zu können (--> 2). In Spandau wurde die erste Bastion bereits 1636 in der Nähe des Klostertors gebaut. Während in Berlin die Festungsanlage ab 1734 wieder abgetragen wurde, baute Spandau sie nach dem Abzug Napoleons weiter aus, um den militärischen Standort und die Waffenfabriken zu schützen. In den 1830er und 1860er Jahren wurden Schanzen und Wälle gezogen, Bastionen angeschüttet und Gräben ausgehoben. Eine Eisenbahnlinie und eine Straße, die den Befestigungszug durchschnitten, mussten zusätzlich abgesichert werden. Spandau hatte 1813 bei der Belagerung durch Napoleon auf einen Schlag alle Wohngebiete vor der Festung niedergebrannt, die im Glacis und Rayon standen. Bei der Festungserweiterung wurde erneut nach diesem Prinzip die Entwicklung von Vorstädten durch Bebauungsverbote massiv behindert. 1873 wurde Spandau aufgrund des "Reichsfestungsgesetzes" zur Festung erklärt, 1903 wurde diese Erklärung durch Kabinettsorder rückgängig gemacht. Bis dahin wurde die Festung weiter verstärkt, ergänzt und erneuert.

Napoleon hatte 1806 auf dem Weg nach Berlin die Festung Spandau überrannt. Die Zitadelle wird den Franzosen kampflos übergeben, weil sie "wegen ihres schlechten Bauzustandes als nicht verteidigungsfähig" gilt. Im Krieg zur Befreiung Preußens von Napoleon 1813 beschießen die Preußen ihre eigene Zitadelle, weil dort französische Soldaten stationiert sind, das Pulvermagazin explodiert, die Zitadelle wird schwer beschädigt. Die Festungsbauwut der folgenden 90 Jahre kann wohl auf diese Demütigung zurückgeführt werden, denn letztlich war auch die Festung Spandau wegen der Entwicklung der Waffentechnik schon überholt, als sie so massiv ausgebaut wurde.

In Klosterfelde hat man den alten Verlauf der Befestigungsanlage an der Flankenschanze (im weiteren Verlauf Askanierring, Havelschanze) direkt vor Augen, auch Straßennamen wie "Glacisweg" weisen darauf hin, wurden allerdings erst in den 1950er Jahren vergeben. Wir nähern uns über den Brunsbütteler Damm dem ehemaligen Klosterquartier. Vorne an der Klosterstraße steht ein Ensemble von Gründerzeitbauten mit außergewöhnlichem ornamentalen Schmuck, phantasievollen Erkern und Balkonen, eines der Häuser spielt mit vielen Giebeln. Weiter westlich wird der Brunsbütteler Damm zu einer Straße ohne Gesicht, Dienstleistungen rund ums Auto verteilen sich auf den Grundstücken, schließlich bietet auch ein nach dem französischen Mond benannter Massagesalon seine Dienste an (in Frankreich ist "der" Mond eine Frau). Auf der Nordseite folgen zwei ehemalige Industrie-Ikonen: die Kaffee-Rösterei von Kaiser's und die Maschinenfabrik von Orenstein & Koppel. Die Maschinenfabrik entdeckt man ansatzweise, wenn man sich die riesigen Logos der Bauhaus-Kette von dem Gebäude wegdenkt, die alte Fabrik ist in dem Supermarkt untergegangen. Die Gebäude der Kaffee-Rösterei sind dagegen gut erkennbar. Das Bürogebäude aus Eisenklinkern steht direkt an der Straße, im Innenhof fällt ein Fabrikationsgebäude besonders ins Auge, dessen Fassaden mit Stein und Putz anspruchsvoll ornamentiert sind. An der Wand eines anderen Gebäudes sind hinter einem Gitterraster noch die Überreste des runden "Kaiser's"-Logos zu vermuten.

Zwischen den Bahngleisen an der Nauener Straße steht ein markanter Überrest des Spandauer Schlachthofs, ein Wasserturm. Der Schlachthof von 1899 war noch 1974 in Betrieb, eine merkwürdige Steuervergünstigung für die Frontstadt West-Berlin hielt ihn bis 1988 künstlich am Leben. Für alle Waren, die in der Stadt bearbeitet wurden, vergütete das Finanzamt gut 8 Prozent des Nettopreises an den Lieferanten und den Kunden. Dadurch war es trotz der Transportkosten billiger, ein Schwein nach Berlin zu transportieren und hier zu schlachten, als in Westdeutschland. Ein Schlachttourismus war die Folge, der das Sterben des kommunalen Spandauer Schlachthofes nur hinausschob, aber letztlich nicht verhindern konnte. Bevor die schlimmsten Auswirkungen der "Berlin-Präferenzen" beseitigt wurden, konnte man die Subvention auch für einen nach Berlin gebrachten Mantel bekommen, an dem hier nur noch die Knöpfe angenäht wurden. Zusätzlich zu der Subvention wurde der Bundeshaushalt bei diesen Geschäften auch durch die Straßenbenutzungsgebühren belastet, die von der DDR erhoben wurde. Im Jahr 1968 wurden beispielsweise sechs Millionen Mark Subventionen und fast ebensoviel an Straßenbenutzungsgebühren gezahlt.

Das große "T", das heute über dem Wasserturm thront, gehört nicht der Telekom, sondern der Thoben-Bäckerei. Sie hat 1998 das Gelände des inzwischen abgetragenen Schlachthofs übernommen und pflegt den Turm als Wahrzeichen. Vorher stand der Turm von 1989 bis 1998 wegen bröckelnder Substanz eingerüstet da, die aufgelaufenen Kosten des Gerüsts waren für die Stadt schließlich fast genauso hoch, wie es die Kosten einer Sanierung gewesen wären.

Ein zweistöckiges Fachwerkhaus an der Staakener Straße von 1888 wird laut Denkmaleintragung als "typisches Beispiel einer Bebauung unter Rayonbeschränkung" eingestuft. Das ist nichts anderes als die beschriebene Freimachung des Schussfeldes vor der Festung. Das Haus wäre im Konfliktfall abgerissen worden, da es direkt gegenüber dem Wall liegt, der die Eisenbahnstrecke schützen sollte.

An der Seegefelder Straße Höhe Borkzeile kommen wir mit einer Bewohnerin ins Gespräch, als wir die Wohnanlage und Ladenzeile aus den 1950er Jahren fotografieren, die als Nachkriegsmoderne denkmalgeschützt sind. Sie erzählt, dass die Wohnungen großzügig aufgeteilt sind - eine Seltenheit in den Nachkriegsjahren, als es vor allem um die Schaffung von Wohnraum für möglichst viele Menschen und nicht um Komfort ging.

Zwischen Flankenschanze und Hohenzollernring baute das Militär während des Ersten Weltkriegs ein "Reserve-"Lazarett und eine Kasernenanlage. "Reserve", das hört sich nicht so kriegerisch an, ist aber im Kriegsfall sofort einsatzfähig. Auch die Bundeswehr hatte bis 2007 eine Reservelazarettorganisation, danach wurde sie wegen der Neuausrichtung auf Auslandseinsätze aufgegeben und durch flexible Einsatzlazarette vor Ort ersetzt. Die ehemaligen Militärbauten in Klosterfelde werden zu Eigentumswohnungen umgebaut, "Betongold" verspricht der Projektentwickler den Interessenten.

In der Altstadt lassen wir uns auf das Versprechen "satt und selig" ein, das ein Gasthaus - von uns zuerst kritisch beäugt - in seinem Namen führt. Wir sitzen schön an einem Sommerabend im Freien, genießen Essen und Trinken. Mit der Regionalbahn geht es in die Innenstadt zurück. Der Zug kommt zwar verspätet, holt dies aber durch geringere Fahrzeit als die S-Bahn wieder auf.

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(1) Benediktinerinnenkloster St. Marien: Polizeipräsident beim Duell getötet
(2) Festungsstadt Berlin unter dem Großen Kurfürsten: Unwillige Bürger in der Residenzstadt

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Hier folgen Beispiele anderer Festungsstädte:
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Festungsstädte (Beispiele), Google-Maps


Pepita in Hakenfelde
Fantasievolle Gebilde wie frei geformte Skulpturen