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Pyramide und Raumfahrtbahnhof


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Schmargendorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Schlangenbader Straße
Datum: 23. November 2009

An den Bundesautobahnen gibt es einen "Brückenschlag für Wildtiere", Gewässerunterführungen, Grünbrücken und Kleintierdurchlässe bringen Reh, Hirsch und Wildschwein, Fuchs und Hase, Marder und Dachs, Iltis und Fischotter sicher auf die andere Seite. Eine Möglichkeit, die Autobahn für Menschen überwindbar zu machen, hat Le Corbusier bereits in den 1930er Jahren für Algier geplant: die Überbauung mit Wohnungen. In Berlin wurde diese Idee an der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf in den 1970er Jahren verwirklicht. Über der Stadtautobahn, die hier in einen leichten Bogen verläuft, wurde ein 46 Meter hohes und 600 Meter langes Gebäude errichtet, dessen sieben Bauteile durch Treppenhaustürme unterteilt sind.

Wie ein Raumfahrtbahnhof erhebt sich die "Schlange", wie das Gebäude genannt wird, in drei Ebenen über der Autobahn: bis zur vierten Etage wie ein Berliner Mietshaus, darüber in pyramidenförmigem Anstieg mit Terrassen und schließlich als Hochhaus bis zur 14.Etage. Im Zeitalter der Raumfahrt schuf man "Space-Age-Architektur" mit neuen Materialien und neuen Formen. Die Fassaden sind mit Eternit-Platten verkleidet, die sich an die Rundungen der Geschossebenen anschmiegen. Für die Grundrisse der rd. 1.200 Wohnungen gibt es 120 verschiedenen Wohnungstypen mit 1- bis 5-Zimmer-Wohnungen zwischen 42 und 120 Quadratmetern, darunter rd. 260 Maisonette-Wohnungen. Eine zentrale Müllabsaugeanlage, Fahrrad- und Kinderwagenabstellräume, Hobbyräume, eine Ladenzeile und Gästewohnungen stehen den Bewohnern der rd. 100.000 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.

Parallel zu den Längsseiten der Schlange wurden niedrigere Gebäuderiegel errichtet, die verhindern. dass die Schlange wie ein Wüstenschloss aus der Erde wächst und die gleichzeitig zum Schutz der Nachbarschaft Lärm absorbieren. Die Schnellstraße steckt in zwei getrennten Tunnelröhren, die im Innern durch das Erdgeschoss geführt werden, aber konstruktiv von dem Gebäude unabhängig sind. Schall und Erschütterungen werden so durch getrennte Fundamente von den Wohnungen abgehalten, und die Autoabgase kommen erst 50 Meter weiter am Tunnelende nach außen. Zwischen der "Schlange" und den flankierenden Bauriegeln sind Grünflächen, Spiel- und Ballplätze angelegt. Zwei Parkhausetagen unten in der "Schlange" bieten rd. 870 Autos Platz.

Die Idee einer Autobahnüberbauung war aus dem begrenzten Baugrund in der Inselstadt Berlin entstanden. Hier konnte man auf bereits versiegeltem Boden flächensparend bauen und trennende Verkehrsadern vermeiden. Heute sind weltweit Überbauungen von Verkehrsflächen verwirklicht oder geplant, so z.B. über Autobahnen in Pekinger Satellitenstädten, an der Stuttgarter Messe, am Stadteingang von Utrecht, in Amsterdam (mit einem Fußballstadion), und über Bahngelände am Hauptbahnhof Zürich, am Franz-Josefs-Bahnhof in Wien, am Dortmunder Hauptbahnhof, am Flughafenbahnhof in Frankfurt. Innovatives flächensparendes Bauen ist ein Architekturthema unserer Zeit geworden.

Zehn Jahre nach Errichtung der "Schlange" begann der soziale Niedergang. "Die Welt" berichtete über Brände in den Fluren, keifende Nachbarn, Furcht von Bewohnern vor der Dunkelheit, Einkaufswagen vor Wohnungstüren, Tüten mit Müll in den Gängen, fast menschenleerem Innenhof. Doch der Trend konnte gewendet werden, die "Schlange" zieht wieder Mieter an. Die Miete im Haus liegt aktuell bei 10 Euro pro Quadratmeter, heute bestehen für die Terrassenwohnungen sogar Wartelisten.

Richard von Weizsäcker sagte in seiner Funktion als Regierender Bürgermeister: "Wenn der Teufel dieser Stadt etwas Böses antun will, lässt er noch einmal so etwas wie die 'Schlange' bauen." Ob man die "Schlange" akzeptieren kann oder ob sie einem gefällt oder nicht, das ist Ansichtssache. Mit ihrer Architektur hat sie jedenfalls Geschichte geschrieben. Auch wenn zu Anfang der Baukörper sich stärker als erwartet in die Erde bohrte und deshalb aufwendig unterfasst werden musste. Ob die Asbestplatten Probleme bereiten werden, ist noch nicht abzusehen, bisher wird darüber nicht gesprochen. Technische Verbesserungen werden vorgenommen, so wird die Müllabsaugeanlage durch ein neues Entsorgungssystem ersetzt, das die Mülltrennung ermöglicht.

Wir sind vom U-Bahnhof Rüdesheimer Platz zu unserem Rundgang aufgebrochen, sind an der "Schlange" vorbei nach Schmargendorf zur Breiten Straße gegangen. Die Ladenpavillons aus den 1960er Jahren mit ihren weit überkragenden Dächern sind Bauten der Nachkriegsmoderne, die auch heute noch so genutzt werden, unter anderem von der Deutschen Bank. Das Rathaus in der Berkaer Straße liegt als nächstes an unserem Weg. Es erregte zur Bauzeit Aufmerksamkeit, weil es aufs freie Feld gebaut war und viel zu groß war für die Gemeinde Schmargendorf. Unser letztes Ziel ist am Roseneck die Botschaft von Katar, die als Abgesandter einer fernen Welt an der Ecke Hagenstraße aus der Dunkelheit leuchtet.

Unsere Stärkung nach der langen Wanderung nehmen wir beim Italiener am Roseneck zu uns. Der Schmargendorfer Teil unseres Spaziergangs war ein "Update", unser erster Spaziergang aus dem Oktober 2006 ist hier zu finden:
Schmargendorf - ein Markgrafendorf


Alles muss raus
Stadt der Warenhäuser