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Schmargendorf - ein Markgrafendorf


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Schmargendorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Berkaer Straße
Datum: 31. Oktober 2006

Auch nach der Zeitumstellung flanieren wir abends im Dunklen durch Berlin. Heute ist der Wilmersdorfer Ortsteil Schmargendorf unser Ziel, wobei wir einen Bogen bis zum Roseneck schlagen.

Der Name Schmargendorf hat sich über "Smarggrapendorff" aus "Markgrafendorf" entwickelt, man sprach wohl schon früher etwas undeutlich. Beim Ausbau der Mark Brandenburg gegründet (damals wurden ehemals slawische Gebiete besiedelt) gehörte es schon im 15.Jahrhundert der Familie von Wilmersdorff (in der Dorfkirche hat man vor 70 Jahren die Särge der Gutsherrenehepaares Hans und Eva von Wilmersdorf gefunden).

Schmargendorf war wechselnd mal selbstständiger Amtsbezirk, der von Wilmersdorf mitverwaltet wurde, mal Teil von Wilmersdorf, mit dem zusammen es dann nach Berlin eingemeindet wurde. Das Rathaus wurde um 1900 auf einen freien Acker gebaut, worüber man damals den Kopf schüttelte: Es war viel zu groß für das Dorf, und die Straße dorthin war nicht befestigt. Aber das Geld sprudelte in der Gemeindekasse: die Bauern hatten Ackerflächen für den Bau des Hohenzollerndamms verkauft, bis zur Jahrhundertwende sollen 9 Millionen M dafür gezahlt worden sein, und die Gemeinde profitierte mit Umsatzsteuereinnahmen von 90.000 M an diesem Deal, der an die Millionenbauern von Schöneberg erinnert. Auch eine neue Schule, der Umbau der Kirche und natürlich ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal wurden aus diesem Schatz bezahlt.

Die freien Flächen wurden im Oktober 1908 für die Gordon-Bennett-Ballonflugwoche genutzt, zu der sich internationales Publikum in Schmargendorf versammelte. Der von dem amerikanischen Millionär James Gordon Bennett gestiftete Wanderpokal für Freiballons und Luftschiffe hatte 1906 in Paris Premiere. Die Regeln besagten, dass der Preis jeweils im Land des Vorjahressiegers verteidigt werden sollte. Nach dem Sieg eines Berliners im Oktober 1907 in St. Louis fiel Deutschland die Aufgabe zu, die nächste Wettfahrt zu organisieren.

Tausende Gäste waren unterwegs zu dem Ereignis. Treibsand bedeckte die Zugangsstraßen, stellenweise versank der Fuß bis an den Knöchel, Abkürzungen über brachliegendes Wiesen- und Baugelände, Gärtnereien und Laubenkolonien führten an Schuttabladestellen Holzfeldern und hohen Bretterstapeln vorbei, Den Hohenzollerndamm als Hauptzugangsstraße säumten mickrige Baumreihen (Situationsschilderung aus dem Berliner Tageblatt).

Der Startplatz war mit Tribünen wie in einem Amphitheater umgeben, die 20.000 Personen Sitzplätze boten, mehr als 600 Helfer waren auf dem Platz. Gestartet wurde in Minutenabstand, gewertet wurde die Entfernung des Landeplatzes vom Startplatz.

Ein amerikanischer Ballon platzte in 500 m Höhe, ein anderer wurde später vor Helgoland aus dem Meer gefischt, was aber für den Wettbewerb als Wasserlandung disqualifiziert wurde, Sieger war ein Schweizer, dessen Ballon nach 1.212 km Flug in Norwegen niederkam. Er legte die letzten 2 Stunden seiner Fahrt im Schlepptau eines norwegischen Dampfers zurück, der auf dem Wasser die Rufe um Auskunft missdeutet und für Hilferufe gehalten hatte. Mittels einer in der norwegischen Zeitung "Aftenposten" reproduzierten Fotografie konnte aber nachgewiesen werden, dass sich der Ballon während der Schleppfahrt "schwebend" gehalten hatte, und so war es hier keine Wasserlandung. Das war wohl eines der ersten Zielfotos, das für einen Sportwettkampf entscheidend war, die digitale Bildverfälschung musste man damals noch nicht fürchten.

Die dörfliche Breite Straße (frühere Namen: Dorfstraße, dann Hauptstraße) wurde erst um 1960 in ihrem alten Erscheinungsbild zerstört und zu einer gesichtslosen Durchgangsstraße mit linearer Randbebauung und flachen Ladenpavillons umgestaltet. Die alte Bebauung wurde abgerissen, der Dorfteich zugeschüttet, vorbei war es mit der dörflichen Idylle und der sichtbaren Historie.

Die alte Dorfkirche aus dem 13.Jahrhundert (2 Glocken von damals sind noch erhalten), das älteste Gebäude Schmargendorfs, ist damals aus der Mitte an den Rand gerückt. In der Dunkelheit, in der wir heute Abend unterwegs sind, wird sie nur durch den schwach angestrahlten Turm sichtbar (und durch die rote Parkbank, siehe Bild). Um 1920 wurde die Kirche zu klein, da zog man mit einem Neubau an den Hohenzollerndamm. Heute würde sie wahrscheinlich wieder groß genug sein für die verbliebenen Gottesdienstbesucher.

Das Rathaus in der Berkaer Straße wurde von demselben Architekten errichtet, der vorher das Steglitzer Rathaus gebaut hatte (Otto Kerwien). Es wurde für seinen ursprünglichen Zweck nur 20 Jahre gebraucht. Seit der Eingemeindung Schmargendorfs nach Wilmersdorf und Groß-Berlin wird es als Standesamt genutzt, das wegen seiner dekorativen Backsteingotik bei Prominenten als Eheschmiede beliebt ist, u.a. Romy Schneider, Anita Kupsch, Gunter Gabriel, Paul Kuhn, Ingrid Steeger, Roland Kaiser haben hier geheiratet. Mein Foto entstand an einem dunklen Herbstabend, nur ein angestrahlter Teil des Bauwerks ließ sich ins Bild locken.

Auf unserem weiteren Rundgang dürfen natürlich Bilder von Schaufenstern nicht fehlen. An einem Eck-Zigarrenladen mit Pfeifen und Aschenbechern in der Auslage steht ein älterer Mann und schaut versonnen hinein. Dass es solche Geschäfte überhaupt noch gibt ! Ich muss an den Film "Smoke" denken. Am Roseneck leuchtet die Botschaft von Katar aus der Nacht. Das mauretanische Aussehen der Gebäude mit der hellen Natursteinfassade und morgenländischen Accessoires versetzt einen kurzzeitig in eine andere Welt. Der Botschafter hat hier eine Residenz, die auch im Botschaftsviertel im Tiergarten auffallen würde.

In der Berkaer Straße finden wir ein Lokal mit sardinischer (oder sardischer ?) Küche, wo wir den Rundgang beschließen.

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Mehr über Schmargendorf: Schmargendorf

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