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Köpenicker Stadtwappen in Aktion


Stadtteil: Köpenick
Bereich: Elsengrund, Mittelheide, Uhlenhorst
Stadtplanaufruf: Berlin, Stellingdamm
Datum: 22. April 2013
Bericht Nr: 417

Eine der einflussreichsten Berliner Terraingesellschaften und ein bedeutender Berliner Architekt haben am östlichen Rand der Stadt eine dörflich-kleinstädtische Siedlung mit Hausgärten und Stallgebäuden errichtet, die manchmal als Gartenstadt bezeichnet wird. Wenn man vom S-Bahnhof Köpenick aus dem Stellingdamm folgt, kommt man zur Siedlung Elsengrund und ihrer Erweiterung, der Siedlung Mittelheide.

Die Berlinische Bodengesellschaft residierte in Mitte in der Charlottenstraße am Gendarmenmarkt in einem ihrer Bedeutung angemessenen Geschäftshaus mit neobarocken und neoklassizistischen Fassadendetails. Gegründet 1890 von Salomon Haberland, wurde sie später von seinem Sohn Georg weiter geführt und dann von den Nazis "arisiert". Heute ist sie Teil des Baukonzerns Bilfinger & Berger mit dem umtriebigen ehemaligen hessischen Landeschef Roland Koch auf dem Chefsessel. Die Berlinische Baugesellschaft war am Puls der Zeit, als die Stadt Berlin sich ausdehnte und neue Baugebiete, Siedlungen und Stadtteile zu erschließen und zu entwickeln waren. Die Stadtviertel um den Bayerischen Platz und um den Rüdesheimer Platz, das Hotel Kempinski, das Ullstein-Haus in Tempelhof, Karstadt am Hermannplatz waren bekannte Projekte dieser Terraingesellschaft (1).

Der Architekt Otto Rudolf Salvisberg (2) - ein gebürtiger Schweizer - war Mitarbeiter von Peter Behrens, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Er war Mitglied im "Berliner Dreierrat", dem die abschließende Begutachtung und Entscheidung über große Bauvorhaben unterstand. Mit Grenander baute er den U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte, und bei der Planung der Großsiedlung Onkel-Toms-Hütte arbeitete er mit Bruno Taut zusammen. Salvisberg hat einen Bereich der Weißen Siedlung entworfen, die UNESCO-Weltkulturerbe geworden ist.

Die Siedlung Elsengrund entstand direkt nach dem Ersten Weltkrieg, zehn Jahre später wurde sie um die Stadtrandsiedlung Mittelheide erweitert. Elsengrund ist eine in sich geschlossene Anlage mit niedrigen Bauten, überwiegend Einfamilienhäusern, durch Torhäuser grenzt sie den Innenbereich nach außen ab. Von einem "Marktplatz" gehen bogenförmig angelegte Straßen ab. An den einfachen Typenhäusern der Siedlung sind die Hauseingänge durch Umrandungen betont, manchmal sind Terrakotten in den Putz über den Haustüren eingelassen.

Im Tympanon (Giebelfeld) des mehrgeschossigen Gebäudes an der Stirnseite des "Marktplatzes" weist ein Fries auf die Stadt Köpenick als Bauherrn hin. Die Handlung in dem Fries bezieht sich auf das Köpenicker Stadtwappen. In seiner Ursprungsform bildet das Wappen zwei Fische ab, die einen Schlüssel umrahmen. Das ist ein Hinweis auf Petrus, den Schutzpatron der Fischer. Nach biblischer Darstellung hat Petrus von Christus den Schlüssel zum Himmelreich bekommen. Das steht für die geistliche Schlüsselgewalt, die (päpstliche) Deutungshoheit in Glaubensfragen. Man kann darin aber auch ein Symbol für den Zugang zum Himmel sehen, den Petrus als himmlischer Türsteher gewähren oder verwehren kann. Der Fries unter dem Hausgiebel bringt dieses Wappen nun zum Leben, indem die Symbole in die Aktion von Menschen eingebunden werden. Zwei Fischer ziehen ihre Netze, Petrus stützt den überdimensionalen Schlüssel auf dem Boden ab.

Der Künstler und Architekt Friedensreich Hundertwassers wollte dem Hausbewohner das Recht einräumen, die Außenfassade rund um sein Fenster so weit zu bemalen, wie sein Arm reicht ("Fensterrecht"). Das hätte sich über das Eigentumsrecht am Haus hinweggesetzt und ist deshalb eine Utopie geblieben. Wie unsinnig andererseits Hauseigentümer mit ihrem Eigentumsrecht umgehen, kann man vielfach an Zweifamilienhäusern und Reihenhäusern sehen, bei denen jeder Eigentümer sich an seinem Segment des gemeinsamen Gebäudes verwirklicht, Geschmack und Modernisierungswille vertragen sich kaum einmal mit der Bauidee. Wie es aussieht, wenn der Denkmalschutz zu spät kommt, wird auf meinem Bild sichtbar, das vier Reihenhäuser in einem Gebäude am Stellingdamm zeigt. Vier unterschiedliche Fassadenfarben, Fenster mit alter Sprossenunterteilung, mit Fensterflügeln, ohne Unterteilung, ein nach außen gestülpter Jalousiekasten, drei Vordächer, drei unterschiedliche Dachgaubeneinfassungen. Für die Zukunft gibt es in der Siedlung einheitliche Festlegungen durch den Denkmalschutz, aber das Vorhandene muss nicht zurückgebaut werden.

Die Siedlung Elsengrund war im Juni 1933 Schauplatz der Köpenicker Blutwoche, eines Angriffs der Nazis auf politische Gegner. Hunderte Regimegegner - Kommunisten, Sozialdemokraten, Parteilose, Gewerkschafter, Mitglieder von Jugendorganisationen, Juden - wurden verhaftet, misshandelt, gefoltert, mehr als 23 wurden ermordet. Drei SA-Leute, die bei dem Vorgehen getötet wurden, erhielten ein Staatsbegräbnis, nach ihnen wurden Straßen im Elsengrund benannt. Ab 1948 fanden vor DDR-Gerichten Prozesse gegen 61 identifizierte SA-Täter statt, neben Freiheitsstrafen wurden 15 Todesurteile verhängt. Die Straßenumbenennungen der Nazis wurden rückgängig gemacht, stattdessen erhielten Straßen die Namen von Opfern der Köpenicker Blutwoche.

Die Stadtrandsiedlung Mittelheide, die sich an den Elsengrund anschließt, zeigt keine Merkmale einer Gartenstadt. Statt Einfamilienhäusern wurden hier Hauszeilen mit unterschiedlichen Geschosshöhen errichtet. Die Putzfassaden werden durch sparsame Backsteineinfassungen unterbrochen, teilweise werden Fenster zu horizontalen oder vertikalen Bändern zusammen gefasst. Hier läuft zur Zeit ein großes Modernisierungsprojekt, 293 Wohnungen im "Märchenviertel" sollen verkauft werden, bei Preisen um 2.700 Euro pro qm ein "wundervolles Investment", meint der Initiator, und verspricht zusätzlich Denkmal-Sonderabschreibungen.

Unser letztes Ziel ist heute die Siedlung Uhlenhorst weiter nördlich, die schon an Mahlsdorf angrenzt. Ohne öffentliche Verkehrsverbindungen war um 1910 eine Siedlung nicht zu vermarkten, private Automobile standen den Familien nicht zur Verfügung. Elsengrund und Mittelheide waren zu Fuß vom Bahnhof Köpenick zu erreichen, der bereits 1842 an der Bahnstrecke nach Frankfurt/Oder eingerichtet worden war, aber Uhlenhorst? Seit 1907 fuhr eine Straßenbahn vom Bahnhof Köpenick nach Mahlsdorf, sie wurde als "Wüstenbahn" verspottet, aber sie machte die Erschließung Uhlenhorsts möglich.

Bauherr war die Berliner Baugenossenschaft (bbg), die schon in Randgebieten wie Hermsdorf, Lichterfelde, Mariendorf Genossenschaftsbauten errichtet hatte. Um ihren Mitgliedern mit relativ geringem Einkommen preiswerte und zugleich solide Wohnungen anbieten zu können, war die Genossenschaft auf serielle Bauverfahren angewiesen, die eine großen Zahl gleichartiger Bauten kostengünstig realisieren konnten. Was in Uhlenhorst ab 1911 in mehreren Bauphasen geschah, war das genaue Gegenteil. Es entstand eine englische Landhaussiedlung mit individuellen Ein- und Mehrfamilienhäusern in unzähligen Variationen. Allein schon die Dachformen mit ihren Knicken und Brechungen sparten an nichts, weder von den Dachstühlen noch von der Menge der Dachziegel her. Mansarddach, Krüppelwalmdach, Zwerchdach, alles was aufwendig war, wurde in jeder nur vorstellbaren Abwandlung gebaut. Mit Fachwerk, Klinker und Putz, mit Erkern, Loggien und Veranden, Fensterformen, Haustüren und Eingängen wurde genauso aufwendig verfahren.

Die landschaftliche Ergänzung am Pflanzgartenplatz und anderen Freiflächen wurde dann aber erst in seiner jetzigen Form von der Stadt in Auftrag gegeben. Heute sind sie als Gartendenkmal "Freiflächen der Landhauskolonie Uhlenhorst" geschützt, die Siedlung selbst und ihre Einzelbauten sind dagegen nicht als Denkmale eingetragen.

Wenn man an der Straßenbahnhaltestelle gegenüber dem Mittelheide-Wald steht, nur Straße und Bäume sieht, ab und zu ein Fahrzeug, dann kann man plötzlich verstehen, was die Köpenicker damals mit "Wüstenbahn" meinten.

Zu berichten ist noch über das Köpenicker Gaswerk, dessen Gebäude am Stellingdamm als "Köpenicker Hof" rudimentär erhalten sind, die technischen Anlagen sind längst demontiert. Anders als die Stadt Berlin, die 1825 den Aufbau ihrer Gasversorgung zunächst der "Imperial Continental Gas Association" (ICGA) übertrug, bevor sie selbst eigene Gaswerke baute (3), ließen die Köpenicker ihr Gaswerk 1889 gleich durch das ortsansässige Unternehmen Budde & Goehde errichten und betreiben. Budde & Goehde ist mit Kanaldeckeln in der Stadt vielfach vertreten (4), auf Rohrdichtungen erhielt sie 1881 das Reichspatent Nr.17104, sie verstand also etwas von Rohrleitungen und Abdichtungen. Als die Köpenicker sahen, wie gut das Gaswerk lief, wollten sie die Lizenz zurück haben, aber die hatten sie unbefristet vergeben, deshalb gelang das erst nach langem Ringen. Durch ihren Stadtbaurat und Baustadtrat Hugo Kinzer ließen sie dann an alter Stelle ein neues Gaswerk bauen, das von 1905 bis 1925 in Betrieb war. Nach einem Intermezzo als BSR-Betriebshof stehen jetzt Wohnmobile zwischen den Gebäuderesten.

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(1) Mehr über Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(2) Mehr über Otto Rudolf Salvisberg: Salvisberg, Otto Rudolf Architekt
(3) Gasversorgung in Berlin durch die "Imperial Continental Gas Association" (ICGA): Alles nur geklaut
(4) Budde & Goehde, Eisengießerei: Kanaldeckel und Schlangengraben


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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