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Burgen


Stadtteil: Steglitz
Bereich: Lichterfelde-West
Stadtplanaufruf: Berlin, Marthastraße
Datum: 3. Mai 2004 (Update 2.Februar 2016)


Unser heutiger Rundgang ist einem Baumeister gewidmet, der in Lichterfelde eine ungewöhnliche und einmalige Serie von Bauten geschaffen hat, (siehe unten: Gustav Lilienthal, der Baumeister).

Gustav Lilienthal, der Erfinder

Aber Gustav Lilienthal war nicht nur Baumeister (mit einem nicht abgeschlossenen Architekturstudium an der Bauakademie Berlin), sondern auch ein Erfinder, dem auf diesem Gebiet der wirtschaftliche Erfolg versagt blieb. Am krassesten zeigt sich das am Anker-Steinbaukasten. Aus Sand, gemahlener Kreide und Leinölfirnis hatte er runde und eckige Säulen, Würfel, Pyramiden und Dachsteine geformt und zu einem Sortiment zusammengestellt, aus dem Kinder Architektur nachbauen konnten. Die Bauvorlagen lieferte er mit. Weil kein Händler die Baukästen vertreiben wollte, verkaufte er schließlich die Rechte für ein paar Pimperlinge an einen Fabrikanten, der sich die Erfindung patentieren ließ. Die Steinbaukästen wurden ein Klassiker des deutschen Kinderspielzeugs, sie waren von 1882 bis 1963 auf dem Markt, der Fabrikant wurde buchstäblich "steinreich". Sogar in der DDR gab es einen volkseigenen Betrieb „VEB Anker-Steinbaukasten“. Andere verdienten daran, der Erfinder blieb verbittert zurück.

Auch als Vordenker des Fertigbaus war Gustav Lilienthal kreativ, aber wirtschaftlich erfolglos. Seine "Terrast-Häuser" wurden vollständig vorgefertigt zur Baustelle geliefert und dort nur noch zusammengeschraubt. Die industrielle Produktion war unabhängig von der Witterung auf der Baustelle, in nur drei Tagen waren sie dort fertig aufgebaut. Die Häuser waren architektonisch anspruchslos, aber preiswert in der Herstellung. Kataloge wurden gedruckt mit Landhäusern, Sommerhäusern, Lauben, Pförtnerhäuschen, Schul- und Industriebaracken. Lilienthal fand international Anerkennung, aber leider erreichte die Produktion nicht die Gewinnschwelle - seine potenziellen Kunden hatten meist kein Geld.

Auch zusammen mit anderen in einer Genossenschaft versuchte Gustav Lilienthal, seine Ideen zu verwirklichen. Er hatte die Baugenossenschaft "Freie Scholle“ mit gegründet, die in Waidmannslust Häuser für den "kleinen Mann" errichten sollte. Die Freilandbewegung versuchte eine Utopie der sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen, eine Kleinhaussiedlung frei von Profitstreben sollte entstehen. Die Zweifamilienhäuser in der Egidystraße, die in Eigenarbeit von den Baugenossen errichtet wurden, hat Lilienthal entworfen. Als die Genossenschaft sich aus wirtschaftlichen Zwängen von seinen reformerischen Ansätzen entfernte, zog Lilienthal sich zurück.

Gustav Lilienthal, der Baumeister

Gustav Lilienthal - der jüngere Bruder des Flugpioniers Otto Lilienthal - kam von einem Architekturaufenthalt in England mit einer fixen Idee nach Deutschland zurück: Die Schlösser und Burgen im spätgotischen Tudor-Stil hatten es ihm angetan, so wollte er bauen. Vielleicht hatte er im Londoner Stadtbezirk Richmond upon Thames das 'Hampton Court Palace' gesehen. In einem Londoner Architekturbüro jedenfalls arbeitete er am Entwurf von Krankenhäusern und herkömmlichen Mehrfamilienhäusern mit. Als er nach Deutschland zurückkam und in Lichterfelde eine Wohnung nahm, wendete er sich ganz einer neuen Bauidee zu. Er baute Einfamilienhäuser, die wie Burgen aussahen, mit Türmchen und Zinnen, die Fassaden mit Klinkersteinen gotisch anmutend. Die Türmchen und Dachaufsätze waren nicht nur dekorativ, sondern hatten auch die Funktion als Schornsteine und als Abluftschächte für die Luftheizung.

Sein "Vororthaus für eine Familie" sollte ein bezahlbares Haus für die "unteren Schichten des Mittelstandes" sein, die sich wegen der hohen Baukosten kein herkömmliches Gebäude leisten konnten. Und so kommt zu der ungewöhnlichen äußeren Form eine gut durchdachte Bautechnik und eine optimale Raumverteilung. Das Mauerwerk ist zweischalig, mit einem Zwischenraum, in dem Warmluft zirkuliert. Die Dächer baute er aus Holzzement, einer schwarzen, pechartigen Masse aus Sägespänen, Teer, Asphalt und anderen Stoffen. Diese Dächer sind billig, einfach, dauerhaft, wärmeisolierend, witterungsunempfindlich und feuerresistent.

Die typischen Lichterfelder Bauten wirken wegen der Beschränkungen im Bebauungsplan zweistöckig, haben aber mit ausgebautem Souterrain und Dachgeschoss tatsächlich vier bewohnte Etagen. Lilienthals nahm diese Idee auf, seine Burgen haben oft einen Burggraben, der aber kein Wasser führt, sondern zur Belichtung der Schlafzimmer im Souterrain dient. Von der Straße zur Haustür führt dann eine Zugbrücke, die Burgenillusion ist perfekt und zugleich funktional. Familienfreundlich, praktisch und gemütlich sollen die Innenräume sein, ausgerichtet auf den zentralen Wohnraum im Gebäude. Dafür entwarf Lilienthal versetzte Zwischengeschosse mit Treppen, die alle im Zentralraum beginnen bzw. enden. Die Kommunikation der Hausbewohner ist so durch die Bauweise vorgegeben. Dieser zentrale Raum hat Einbauschränke, fünf Wände und viele Nischen. In seinem Haus in der Marthastraße 5, das jetzt von seiner betagten Enkelin bewohnt wird, steht in diesem Raum ein runder Tisch, der die Hausbewohner mit den Gästen zusammenbringt. Vom Keller bis zum zweiten Stock durchzieht ein hölzerner Balken das Haus, der auch die geschwungene Treppe nach oben begleitet.

Seine erste Burg, die er selbst mit seiner Frau bewohnte, errichtete Lilienthal 1892 auf einem knapp 200 Quadratmeter großen Grundstück (Tietzenweg 51). Es ist eine flache Scheibe im Burgenstil, in der nur Stube, Kammer und Küche Platz fanden. Die Lästerungen der Nachbarn mussten er und seine Frau ertragen, auch wenn er versuchte, sich mit einem am Haus angebrachten Schild zur Wehr zu setzen. Dort schrieb er in großen Lettern:

_____Wer nicht kann halten Maß, das Bauen lieber lass.
_____Schon dieser kleine Zwickel, kost' 100.000 Nickel.

Heute ist das Haus bis zur Unkenntlichkeit entstellt, Denkmalschutz hätte hier nichts mehr retten können. Das ist nicht nur hier, sondern auch bei einigen anderen der 17 Burgen so, die wir heute auf unserem Rundgang auf den Spuren Lilienthals sehen. Bei manchen ist nur noch der Kubus erkennbar, Attribute wie Klinkersteine, Zinnen und Türmchen wurden beseitigt oder unkenntlich gemacht. Leider ist auch das denkmalgeschützte zweite Wohnhaus Lilienthals in der Marthastraße 5 äußerlich in einem erbärmlichen Zustand, weil sich seine Enkelin die dringend notwendige Instandsetzung offensichtlich nicht leisten kann.

Einige Burgen hat Lilienthal als Doppelhäuser aneinander gesetzt, manche tauchen als Einzelhäuser überraschend innerhalb einer völlig anderen Bebauung auf (Walter-Linse-Straße). Aber es gibt auch eine "Burgenstraße", auf einer Seite der Paulinenstraße steht Burg neben Burg und um die Ecke am Weddigenweg angrenzend noch eine. In der Potsdamer Straße an der Marthastraße und am Weddigenweg sind ebenfalls mehrere Burgen zu finden. Begonnen haben wir in der Ringstraße bei drei nicht mehr authentischen Burgen. Wenn man die Route ansieht, die am Ende dieser Seite angeklickt werden kann, findet man unsere wesentlichen Haltepunkte als rote Dreiecke markiert.

Die Burgen Lilienthals sind Wohnhäuser, dort gibt es keine Restaurants. Das Flaniermahl müssen wir deshalb in ein Lokal am Bahnhof Lichterfelde-West verlegen. Ein Italiener stellte uns Sitzplatz, Essen und Getränke zur Verfügung.

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Die Burgen auf unserer Route (zum Teil Doppelnennung bei Eckhäusern):
Ringstraße 58, 60, 61 - Paulinenstraße 24,25,26,27,28 - Marthastraße 4, 4a, 5 - Potsdamer Straße 57, 57a, 63 - Weddigenweg 8, 9, 16, 17 - Walter-Linse-Str.9 - Tietzenweg 51, 53. -- Keine Burg, aber ein Lilienthal-Bau: Baseler Straße 63

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Architektur ist die Kunst der Proportion
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