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Wandernde Friedhöfe und Fabriken


Stadtteil: Wedding
Bereich: Gesundbrunnen
Stadtplanaufruf: Berlin, Gartenplatz
Datum: 12. März 2012

Fabriken und Friedhöfe sind früher in Berlin "gewandert". Wenn die Großstadt sie eingeholt hatte, zogen sie vor die Stadt, bis sie wieder von ihr eingeholt wurden. Die Industrie hat zwei Randwanderungen vollzogen (--> 1), bei den Friedhöfen waren es mehrere Wellen bis zum Ersten Weltkrieg. Die Ackerstraße - auf der wir heute flanieren - wird in ihrem mittleren Verlauf durch die Friedhöfe der Sophienkirche und St.Elisabeth-Kirche geprägt, die 1827 und 1844 außerhalb der Stadt Berlin gegründet wurden, aber schon 1870 belegt waren. Ab 1875 wurden beide an der Wollankstraße neu angelegt (1a).

Der St.Elisabeth-Kirchhof an der Ackerstraße wirkt bei unserem Besuch in großen Teilen wie abgeräumt, mehr schmucklose neue Gräber als historische Grabanlagen. Selbst das Familienbegräbnis der Wollanks an der hinteren Mauer enthält nur noch leere Rahmen, die Verstorbenen und ihre Daten bleiben im Verborgenen, die Köpfe zweier Statuen sind abgeschlagen. Wir stehen hier auf ehemals Wollankschem Besitz, der Anblick ist unbegreiflich.

Das südliche Ende der Ackerstraße (das früher in Ost-Berlin lag), hat sich vom proletarischen zum bürgerlichen Quartier entwickelt. Die Ackerstraße im Norden (sie lag früher in West-Berlin) gehörte zum "Roten Wedding", bis sie durch die Nachkriegs-Kahlschlagpolitik ihr Gesicht vollständig veränderte. Bis dahin war sie ein sozialer Brennpunkt und ein politisch missliebiger Ort, beide Faktoren wurden durch die radikale Beseitigung der Altbausubstanz und den Wegzug ihrer Bewohner buchstäblich aus dem Wege geräumt.

Der Wedding war in der Weimarer Zeit ein Arbeiterbezirk, eine Hochburg der KPD. Ende der 1920er Jahre gab es drei Millionen Arbeitslose in Deutschland, die Stadt- und Staatskassen waren leer, politische Zusammenstöße häuften sich. Im Mai 1929 kam es im Wedding und in Neukölln nach einer nicht genehmigten Mai-Demonstration zu einer blutigen Auseinandersetzung mit der Polizei, bei der 32 Menschen starben, kein Polizist war darunter. Die Demonstranten errichteten Barrikaden, die Polizei beschoss Wohngebäude, an denen rote Fahnen aufgehängt waren, durchkämmte die Arbeiterviertel, durchsuchte Wohnungen und nahm zahlreiche Menschen fest. Die schwer umkämpfte Kösliner Straße war das Zentrum des roten Wedding, hier erinnert ein Gedenkstein an die Ereignisse, die in der Konsequenz zu einer Spaltung der Arbeiterbewegung führten: Ein sozialdemokratischer Polizeipräsident ließ auf Arbeiter schießen, deren Demonstrationsrecht die DKP durchsetzen wollte. Ein Kampflied von Ernst Busch gedenkt dieser Ereignisse:

"Roter Wedding grüßt euch, Genossen / haltet die Fäuste bereit! / Haltet die roten Reihen geschlossen / denn unser Tag ist nicht weit!". Und weiter: "Wir gedenken des 1. Mai! / Der herrschenden Klasse blut'ges Gesicht / der Rote Wedding vergißt es nicht / und die Schande der SPD!"

Dass die fortschreitende Industrialisierung Massenquartiere für die ständig wachsende Arbeiterschaft brauchte, wurde gerade hier in der Ackerstraße an der Liesenbrücke sichtbar, die von den Berlinern "Schwindsuchtbrücke" genannt wurde. Unter der Brücke schlief zu dieser Zeit wohnungsloses, zugezogenes Industrieproletariat, Obdachlose, die sich dort mit Bretterverschlägen oder Zeltplanen eine provisorische Unterkunft geschaffen hatten. Und in der Ackerstraße stand knapp hundert Jahre lang der Meyers Hof, "ein besonders abscheuliches Beispiel von Ausbeutung der Menschen ohne jede Rücksicht auf deren Bedürfnisse, Gesundheit oder Leben", "das beste Beispiel des Elends des Proletariats." Tatsächlich sind das fünfgeschossiges Vorderhaus über die Breite zweier Wohnhäuser und die sechs dahinter stehenden Quergebäude völlig unberechtigt (aber unumkehrbar) zu einem Inbegriff für unwürdige Lebensbedingungen in den Berliner Mietskasernen geworden, denn die Bedingungen waren hier wesentlich besser als anderswo. Schon das standardmäßig als Illustration verwendete Foto von Willi Römer zeigt von der Straße aus einen Blick in mehrere hintereinander gestaffelte Innenhöfe, die voll belichtet sind, lediglich die Durchgänge haben Schatten. Zu einer Zeit, als Innenhöfe 5,34 Meter im Quadrat groß sein mussten (und auch nicht größer gebaut wurden), damit hier eine Feuerspritze wenden konnte, hat Meyer lichte Innenhöfe geschaffen, indem er die einrahmenden Seitenflügel wegließ. Es gab eine hauseigene Wasserversorgung und die übliche soziale Differenzierung der Wohnungen: Vorderhaus mit Neorenaissance-Fassade und großen Wohnungen für besser gestellte Mieter, Hinterhäuser mit eigenen Treppenhäusern mit kleine Wohnungen für Arbeiter und Handwerker.

Die rückwärtige Front des an der Bernauer Straße liegenden Lazarus-Krankenhauses grenzte an Meyers Hof an. Der Bau des Krankenhauses wurde in den 1870er Jahren im Wesentlichen durch Spenden des Maschinenfabrikanten Schwartzkopff möglich. 1871 eröffnete im Innenhof einer der ersten Kindergärten Berlins, der dafür errichtete Bau ist das älteste noch erhaltene Kindergartengebäude Berlins.

Die Ackerstraße und das Stettiner Karree um den Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) waren in den zwanziger Jahren Brutstätten der Prostitution. Vorher war bis 1842 am Galgenplatz - der heute Gartenplatz heißt - das Hochgericht und die Hinrichtungsstätte vor den Toren Berlins angesiedelt. 1890 wurde der Platz mit der katholische Pfarrkirche St.Sebastian und ihrem stolzen 82 m hohen Turm bebaut. Direkt gegenüber dem Kirchenportal zeigt sich das Fabriktor des AEG-Gebäudes, das zur gleichen Zeit nach dem Entwurf von Franz Schwechten auf dem Straßenkarree an der Ackerstraße entstand (--> 2). Die Apparatefabrik öffnet ihre Fassade mit je nach Stockwerk unterschiedlich hohen und unterschiedlich gestalteten Bogenfenstern. Schwechten hat hier eine historisierende, repräsentative, funktionale Fassade geschaffen, die den Industriebau mit ganz eigener Ausprägung von Wohnbauten abhebt. Auch das "Beamtentor" an der Brunnenstraße, zugleich AEG-Eingangsportal und Wahrzeichen des Standorts, wurde von Schwechten entworfen.

Später kaufte die AEG das von Bethel Henry Strousberg entwickelte Schlachthausgelände zwischen Hussitenstraße und Brunnenstraße (--> 3) und verband es durch einen unterirdischen 350 m langen Bahntunnel mit der Apparatefabrik an der Ackerstraße. Dieser Tunnel diente nicht nur dem internen Transport, sondern auch als U-Bahn-Versuchsstrecke (er ist nicht mehr in Betrieb). Den zusätzlichen Standort baute die AEG zu einem Fabrikpark aus mit Großmaschinenfabrik, Hochspannungsfabrik, Kleinmotorenfabrik, Großmaschinen-Montagehalle, Bahnmaterialfabrik. Zunächst wurden Gebäude mit historisierendem Dekor errichtet, dann entwickelte Peter Behrens eine neue sachliche Architektursprache für funktionsgerechte und ausdrucksstarke Industriearchitektur. Er nannte sie "Stolz der Werkstätten, Vormarsch all ihrer sausenden Maschinen". Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte die Industrie aus dem abgeriegelten West-Berlin ab, 1983 wurde die letzte AEG-Fabrik geschlossen.

Am obersten Ende der Ackerstraße erinnert das Haus mit der Nummer 94 an die niedrige vorstädtische Bebauung. Die Ende des 19.Jahrhunderts errichteten vierstöckigen Mietshäuser mit ihren engen Hinterhöfen sind komplett verschwunden, was der Krieg stehen ließ wurde mit der Abrissbirne beseitigt. Auf dem Grundstück einer ehemaligen Eisengießerei entstand die Ernst-Reuter-Siedlung, die bereits neun Jahre nach Kriegsende eingeweiht wurde. Es war das erste "Demonstrativbauvorhaben", West-Berlin wollte den Aufbauwillen demonstrieren. Felix Hinssen, der als Diözesanbaurat vorwiegend kirchliche Bauwerke plante, errichtete hier ein 14-geschossiges Punkthochhaus, umgeben von unterschiedlich gestaffelten Häuserzeilen mit Hofbereichen, Grünräumen und Mietergärten, insgesamt mehr als 400 Wohnungen (--> 4). Das Leitbild war eine Gartenstadt, aufgelockert und durchgrünt. Es dauerte nur 10 Jahre, bis man wieder verdichtete Bauten herstellte, beispielsweise im Märkischen Viertel nach dem neuen Leitbild "Urbanität durch Dichte" (--> 5). Heute hat die Ackerstraße hier eine vorstädtische Anmutung, kaum Autoverkehr, die Siedlung still, lauschig, die Bauten frisch mit Farbe versehen, (noch) ohne Graffiti.

Südlich der Invalidenstraße stehen die Altbauten, die die DDR soweit ins Herz geschlossen hatte, dass sie sogar Dachreparaturen im Rahmen der begrenzten Baukapazitäten vornahm. Die "komplexe Rekonstruktion" - damit waren Fassaden und das Gebäudeinnere gemeint - stellte man zurück, bis nach der Wende Alteigentümer oder Investoren sich hiermit beschäftigten. Mein Bericht Bier und Schokolade beschreibt, was wir vor einem Jahr in diesem Teil der Ackerstraße gesehen haben. Heute setzen wir uns ins Café "Schneiders Schokoladen" und lernen uns zu beherrschen, die ganzen im Regal neben unserem Tisch lockenden außergewöhnlichen Süßigkeiten nur anzusehen und dabei unseren Milchkaffee zu schlürfen.

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(1) Randwanderung der Industrie: Vier Enden hat Berlin
(1a) Randwanderung der Luisenfriedhöfe in Charlottenburg: Säuglingspalast mit Kuhstall
(2) Gleichzeitig mit der Ackerstraße entwickelte die AEG einen weiteren Standort in Oberschöneweide Die schöne Weyde an der Spree
(3) Schlachthausgelände des Bethel Henry Strousberg: Glücksritter der Industrialisierung
(4) Felix Hinssen: Ein weiteres Hochhaus mit Appartements baute er an der Hubertusallee am Ende des Kudamms. Seine Kirchenbauten in den 1950er Jahren waren vorwiegend zeitgenössischer Ersatz für kriegszerstörte Gotteshäuser.
(5) Märkisches Viertel, Urbanität durch Dichte: Hoffnungsschimmer für die Städtebauer


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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AEG Brunnenstraße/Hussitenstraße


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... und hier sind weitere Bilder ...
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Ackerstraße

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Unsere Route:
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Begeisterung für das Orientalische
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