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Industrie- und Sittengeschichte


Stadtteil: Lichterfelde
Bereich: Goerzallee
Stadtplanaufruf: Berlin, Thuner Platz
Datum: 1. August 2016
Bericht Nr: 554

Göttervater Zeuss schleuderte einen Blitz gegen das grässliche Ungeheuer Typhon. So wird es in der griechischen Mythologie berichtet und auf einem Gefäß dargestellt, das in der Staatlichen Antikensammlung in München zu sehen ist. Auf einem Relief am Telefunken-Gebäude in Lichterfelde hält ein weibliches Wesen in beiden Händen Blitzbündel, die friedlichen Zwecken dienen. Es ist ein Sinnbild für die Elektrizität, die in diesem Haus von Telefunken gezähmt wurde. Denn das Unternehmen Telefunken, 1903 als "Gesellschaft für drahtlose Telegraphie" gegründet, steht für Funk- und Nachrichtentechnik. Damals war die Stadt Berlin das europäische Zentrum der Elektroindustrie ("Elektropolis"). Und weil die Elektrizität die Nacht zum Tag machen kann, sind neben dem Fries zwei Frauenköpfe als Allegorien von Tag und Nacht zu sehen.

Telefunken-Fabrik
Das preußische Militär hatte - wie alle Armeen - offene Augen für den technischen Fortschritt und seine militärische Verwendung. Als die Eisenbahn sich ausbreitete, setzte man sie für Truppentransport und Versorgung ein, und natürlich lag auch der Vorteil der drahtlosen Telegrafie auf der Hand. Während sich Siemens und AEG noch um die Patente stritten, zwang Kaiser Wilhelm II. kraft seiner Autorität beide Gesellschaften, das Tochterunternehmen "Telefunken" zu gründen. Für den "ausdrücklichen Wunsch" des Kaisers hatten die Berliner ein etwas holperiges Spottgedicht:

_____Und als man von oben deutlich gewunken,
_____schuf man die Gesellschaft Telefunken

Aus dem gleichberechtigten Joint Venture von Siemens und AEG wurde ein Weltunternehmen, das das Patent für Elektronenröhren besaß, aber auch mehr als 20.000 weitere Patente anmeldete, mit denen Rundfunkgeräte, Farbfernseher, Radartechnik und vieles mehr entwickelt wurden. Telefunken war zu Anfang mehr ein Versuchslabor, die Produktion für die Kunden übernahmen Siemens und AEG. Auch in die Rüstungsproduktion war das Unternehmen eingebunden. Im Ersten Weltkrieg wurden beispielsweise U-Boot-Röhrensender von Telefunken produziert. Im Zweiten Weltkrieg hat Telefunken dann in großem Umfang Spitzentechnik für die Wehrmacht hergestellt, beispielsweise Funkpeil- und Feuerleitsysteme für die Flak, Richtfunkstrecken, fahrbare Soldatensender für die Truppen an der Front. Für Hitlers "Wunderwaffe", die in Peenemünde entwickelte Rakete, arbeite Telefunken an der automatischen Kurssteuerung mit. In dem Gebäudeareal an der Goerzallee hat Telefunken kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht nur seine Entwicklungs- und Produktionsabteilungen gebündelt, auch der Firmensitz wurde hierher verlegt. Für die Mitarbeiter entstand in der Nähe am Breitensteinweg eine Wohnsiedlung.

Es klingt unglaublich, dass eine Kartellabsprache (Aufteilung der Märkte untereinander) zwischen Telefunken und der Radio Corporation of America bis in die letzten Kriegsmonate 1945 bestanden haben soll. Angeblich wollte Telefunken im Januar 1945 beim Reichswirtschaftsministerium die Verlängerung des Kartellabkommens erreichen. Diese Vereinbarung mit den Amerikanern bestand bereits seit den 1920er Jahren, als Telefunken sich vorrangig der Entwicklung widmen wollte und deshalb den Überseeverkehr - den privaten Funkverkehr von Nordamerika nach Deutschland - vertraglich den Amerikanern überließ, andererseits die Tätigkeiten in Lateinamerika mit der Radio Corporation aufteilte.

Das eingangs beschriebene Relief der Frau mit den Blitzbündeln ist an dem weitläufigen Firmengelände von Telefunken an der Goerzallee zu finden. In drei ganz unterschiedlichen geschichtlichen Phasen war dieses Telefunken-Areal immer wieder in hervorgehobener, geradezu ikonischer Wirkung präsent. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Rüstungsschmiede, während der Besatzungszeit als amerikanisches Hauptquartier und Kasernengelände, nach der Wende in der Finanzkrise von der Pleite der Lehmann Brothers betroffen, heute als derzeit größtes Denkmal-Wohnprojekt in Deutschland.


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Wer die Fabrikbauten des Architekten Hans Hertlein in Siemensstadt kennt, wird bei dem quadratischen Uhrenturm beim Telefunken-Bau an der Goerzallee sofort eine Verbindung herstellen, und tatsächlich hat Hertlein den Entwurf zu dem Industriekomplex geliefert. Von 1937 bis 1940 wird die Entwurfs- und Bauphase datiert, also genau in den 1939 beginnenden Zweiten Weltkrieg hinein. Zu der streng sachlichen Architektur mit mehreren quadratischen Innenhöfen will das der Antike nachempfundene figürliche Relief nicht recht passen, über seinen Schöpfer ist nichts bekannt. Eine Anwohnerin, die im Gespräch mit uns das Kunstwerk "den Amerikanern" zuschreiben wollte, liegt aber angesichts der allegorischen Darstellung mit den Blitzen sicherlich falsch. Am Fuß des Turms sollten Kolonnaden entstehen, die aber nicht verwirklicht wurden.

McNair-Kaserne
Ein solch ausgedehntes, fast unbeschädigtes Gebäudeensemble in ihrem Sektor kam der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem Krieg sehr gelegen, um hier ihr vorläufiges Hauptquartier aufzuschlagen. Als das Headquarter zur Clayallee umzog, zog die McNair-Kaserne hier ein und ein kleines amerikanisches Dorf dazu: Education Center, eine Schule, mehrere Offiziers- und Soldatenmessen, Clubräume, Turnhallen, eine Snack-Bar, eine Bäckerei, ein Buchladen, eine Bibliothek, ein Militärbekleidungsladen und ein Kino.

Der 400 mal 70 Meter große Straßenabschnitt an der Ostseite des Geländes wurde zum „Platz des 4. Juli", benannt nach dem Nationalfeiertag der USA. Man sieht es dem asphaltierten Gelände nicht an, dass es ein winziger verwirklichter Teil des Germania-Planungen von Hitlers Generalbauinspektor Albert Speer ist. So wie blinde Tunnel beim U- und S-Bahnbau vorausschauend für zukünftige Verkehrsprojekte mit gebaut werden, hat Speer hier ein paar Meter einer gigantischen Ringstraße asphaltieren lassen, die die Berliner Innenstadt als "Vierter Ring" umgeben sollte. Von 1939 bis 1976 hatte das Teilstück auch diesen Namen, bevor die Amerikaner mit der Umbenennung an ihre Unabhängigkeitserklärung erinnerten.

Monroe-Wohnpark
Nach der Wende begann die Umwidmung der Telefunken-Bauten in ein Wohnbauprojekt, doch dafür hatte man den denkbar schlechtesten Partner ins Boot genommen: die amerikanische Investmentbank Lehmann Brothers, die während der Finanzkrise pleite ging. Finanzminister Steinbrück erklärte damals spontan, die Krise sei "ein amerikanisches Phänomen" und beträfe uns nicht, doch das war eine böse Fehleinschätzung, in Deutschland waren nicht nur der Telefunken-Bau, sondern vor allem viele Kleinanleger betroffen. Aber wer will heute noch "die Kavallerie ausreiten lassen" gegen einen glücklosen Minister und späteren Kanzlerkandidaten.

Marilyn Monroe gab den Namen für den Wohnpark, der im ehemaligen Telefunken-Komplex entstand und noch entsteht. Die Wohnungsgrößen liegen zwischen 25 und 200 Quadratmetern. Seit 1995 besteht Denkmalschutz, so kann sich der Umbau "größtes Denkmal-Wohnprojekt in Deutschland" nennen und den Käufern von Eigentumswohnungen steuerliche Sonderabschreibungen verschaffen. Der Investor verkleidet die Gebäude mit dicken Dämmstoffplatten und "bildet die alte Fassade identisch nach und erhält auch sonst sehr viel aus der Telefunkenzeit“. Die Heizung mit Holzpellets soll ein Drittel der sonst notwendigen Wärmeenergie einsparen. Bisher werden Pellets vor allem bei privaten Kleinfeuerungen eingesetzt. Woher kommen die riesigen Pelletmengen, die hier verfeuert werden, wie viel Lagerfläche muss angesichts ihres geringen spezifischen Brennwerts vorgehalten werden?

Der Wert einer Immobilie wird wesentlich von der "Lage" bestimmt, doch hieran fehlt es etwas. Ein Baumarkt und ein Möbelmarkt mit vielen Parkplätzen prägen das Bild an der Goerzallee, in der Umgebung gibt es Einfamilienhäuser, Kleingärten und einen Friedhof, ein sehr heterogenes Umfeld. Auf dem Platz des 4. Juli finden Flohmärkte statt, nächtliche Autorennen und übende Fahrschulen belästigen die Anwohner. Jetzt soll ein Teil des Platzes begrünt werden. Hier gibt es keine S-, U- oder Straßenbahn, nur mit dem Bus oder Auto kann man die Wohnungen erreichen. In den großen Innenhöfen der "Green Lofts" sind grüne Abstandsflächen vorgesehen, die die Bewohner ansehen, aber nicht benutzen können.

Parkfriedhof Lichterfelde
Wenige Jahre nach dem Zusammenschluss von Groß-Berlin 1920 wollte man die kleinen Friedhöfe in der Stadt nach und nach aufgeben und drei Zentralfriedhöfe in Spandau, Reinickendorf und Lichterfelde anlegen. Schon vorher hatte es "Randwanderungen" der Friedhöfe gegeben, als die Stadt sich ausdehnte. Die Begräbnisstellen sollten aus hygienischen Gründen außerhalb der Stadt angelegt werden, außerdem wurden innerstädtische Flächen als Bauland gebraucht. Selbst die katholische Kirche hatte einen Friedhof von der Chausseestraße weg verlagert, um hier zu bauen.

Am Thuner Platz gab es bereits einen Friedhof aus der Zeit, als Lichterfelde noch eine selbstständige Gemeinde war. Er sollte zu einem Parkfriedhof mit "poetischer Ausgestaltung" erweitert werden, denn man wollte durch ansprechende gärtnerische Gestaltung vergessen machen, dass die Bürger längere Anfahrtswege in Kauf nehmen mussten. Ein Rieselfeld, das südlich des Friedhofsgeländes lag, sollte in die Planung einbezogen werden.

Der Berliner Stadtgartendirektor Erwin Barth hatte einen Teil der Entwürfe geliefert, die aber nicht ausgeführt wurden oder durch spätere Änderungen überlagert sind. Schade, denn seine "Urnenpyramide" ist eine ungewöhnliche Anlage. Ein Weg mit einer baumbestandenen Sichtachse sollte auf einen Platz zuführen, auf dem ein pyramidenförmiges Kolumbarium über 10.000 Urnen aufnehmen konnte.


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Wie meist bei historischen Friedhöfen ist das Who is Who der dort Bestatteten ein Wegweiser zur Kultur- und Sittengeschichte früherer Zeiten. Kunstvoll gestaltete Grabmale sind heutzutage unmodern und bei Gräbern wird zugunsten leichterer oder eingesparter Grabpflege die Wirkung auf die Nachwelt vernachlässigt. Der Lichterfelder Parkfriedhof lohnt einen ausgiebigen Rundgang, aber leider ist er für gezielte Besuche kaum zu entschlüsseln, weil nur für ganz wenige Gräber die genaue Lage aufzufinden ist. Den Verleger Walter de Gruyter und den Publizisten Sebastian Haffner hätten wir gern besucht, und auch bei Drafi Deutscher wären wir vorbeigegangen, schließlich kann er sich jetzt nicht mehr nackig machen und Menschen erschrecken.

Reichskanzler Kurt von Schleicher und Robert Kempner, der Chefankläger im Nürnberger Prozess, sind hier begraben Bei Gustav Lilienthal haben wir Halt gemacht, das Grab seines Bruders Otto auf dem Lichterfelder Friedhof in Lankwitz hatten wir früher schon besucht. Hans-Heinrich Müller, der Schöpfer der Bewag-Umspannwerke, war auf dem Parkfriedhof beerdigt, sein Grab ist nicht mehr vorhanden. Für Ralf Schüler, der mit seiner Frau zusammen ICC und Bierpinsel gebaut hat, gibt es einen architektonisch schlichten Grabstein. Die Gräber von Paul Scheerbart, der mit einem Aufsatz Bruno Taut zum Bau eines Glashauses angeregt hatte, und Baron von Ardenne, der den Liebhaber seiner Frau im Duell tötete und damit die Vorlage für Theodor Fontanes Roman "Effi Briest" gab, lagen nicht an unserem Weg.

Ilse Middendorf hat den "erfahrbaren Atem" an nachfolgende Generationen vermittelt, jetzt kann sich die Grande Dame der Atemtherapie vom Luftholen ausruhen. Das expressionistische Grabmal der Schriftstellerin Helene Halperin hätten wir gern gesehen, doch es blieb uns verborgen. Dagegen konnten wir uns für einen Moment zu dem "Müden Wanderer" setzen, der in einer Nische am Vorplatz des eigentlichen Friedhofsbereichs ausruht.


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Nach so viel Jenseits knurrt der Magen im Diesseits. An der Bäkestraße am Ufer des Teltowkanals werden wir im gut besuchten Tomasa mit Aufmerksamkeit und Zugewandtheit bedient. Bevor wir einen Wunsch zu Ende gedacht haben, steht die Kellnerin schon neben uns. Da bleibt man gern auf der Erde und behält zu Friedhöfen hoffentlich noch lange ein entspanntes Verhältnis als Besucher und Flaneur.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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Telefunken-Gelände

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... und hier sind weitere Bilder ...
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Parkfriedhof Lichterfelde

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Unsere Route:
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Ein prominenter Hügel
Gewaltherrschaft von Zickzack-Ornamenten