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Der Maler und sein Modell


Stadtteil: Neukölln
Bereich: Volkspark Hasenheide
Stadtplanaufruf: Berlin, Wissmannstraße
Datum: 6. Juni 2016
Bericht Nr: 547

Flanieren kann ganz schön anstrengend sein. "Wo ist diese verdammte Jahn-Eiche?" fluchen wir vor uns hin, als wir den östlichen Teil des Hasenheide-Parks durchkämmen. Die großformatigen Schilder mit dem Parkplan, an denen wir vorbeigekommen sind, fielen dem Vandalismus zum Opfer und sind nicht mehr lesbar. Der ausgedruckte Plan vom Stadtplandienst projiziert den Baum auf eine große Fläche, die wir ergebnislos absuchen. Spaziergänger mit Hund müssten sich hier vielleicht auskennen, haben aber von der Eiche noch nie gehört. Am Eingang Columbiadamm finden wir schließlich einen noch nicht übermalten Plan, der uns an die Karlsgartenstraße zurückverweist. Die Jahn-Eiche steht nicht wirklich im Park, sondern direkt am Rand neben dem Parkeingang an der Karlsgartenstraße.

Turnen als Wehrsportübung
Der "Naturbursche, Fanatiker, Raufbold und Narr" Friedrich Ludwig Jahn eröffnete 1811 auf der Hasenheide den ersten öffentlichen Turnplatz in Deutschland. Die Leibesübungen, zu denen er aufrief, dienten nicht nur der eigenen Gesundheit. Das eigentliche Ziel war, die deutsche Jugend für den militärischen Widerstand gegen Napoleon zu ertüchtigen, damit die französische Fremdherrschaft über Preußen zu Ende geht. Es war die Zeit der Befreiungskriege; in der Völkerschlacht bei Leipzig wurde Napoleon 1813 entscheidend geschlagen, zwei Jahre später erlitt er sein endgültiges "Waterloo". Schinkels Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg zeichnet die Stationen der Befreiungskriege nach.

"Turnen" war abgeleitet von "Turnier" und ersetzte den undeutschen Begriff "Gymnastik". Es war keine romantische Volksbewegung, sondern "patriotische Erziehung" mit Übungen an Geräten wie Reck und Barren. Jahn führte die Turngeräte ein, die der zeitgenössische Pädagoge Johann Gutsmuths in seiner Theorie der neuzeitlichen Körpererziehung vorgeschlagen hatte. Die Übungen als militärische Vorbereitung waren Jungen vorbehalten. Erst in den 1830er Jahren ließ man nach und nach das "schwache Geschlecht" als Turnerinnen zu.

Zusammen mit Theodor Körner drängte Friedrich Ludwig Jahn darauf, im Kampf gegen Napoleon Freiwillige zu sammeln. Er war Mitglied in dem so gegründeten "Lützow'schen Freikorps", von dessen Uniformfarben sich die deutschen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold ableiten. Die preußische Obrigkeit hatte schon den Begriff "Freiheitskriege" als revolutionär beargwöhnt und deshalb die Sprachregelung "Befreiungskriege" durchgesetzt. Als Jahn dann nach der Vertreibung Napoleons in einer Vortragsreihe zur Befreiung von den deutschen Fürsten aufrief, schienen sich diese Befürchtungen zu bestätigen. Jahn wurde verhaftet, für mehrere Jahre in Festungshaft genommen und bis zum Lebensende unter Polizeiaufsicht gestellt. Immerhin wurde ihm spät noch das Eiserne Kreuz verliehen für die Tapferkeit im Lützow'schen Freikorps.

Die Turngeräte hatte man abgeräumt, das Turnen war jetzt untersagt ("Turnsperre"). Doch die Bürger ließen sich davon nicht einschüchtern, sie turnten an der mehrere hundert Jahre alten Eiche in der Hasenheide weiter, die daraufhin den Namen Jahn-Eiche erhielt und heute noch zu finden ist, wenn man sich ausdauernd auf die Suche macht (siehe oben).

Den Turner-Wahlspruch "frisch, fromm, fröhlich, frei" - wobei "fromm" als tüchtig oder fleißig zu verstehen ist - hat der Turnvater Jahn aus einem Studentenspruch des 16.Jahrhunderts abgeleitet, der die vier Begriffe mit "des Studenten Reichtum" verband. Erst mehr als dreißig Jahre später wurde aus Jahns "vier F" eine graphisch gestaltete Bildmarke, das Turnerkreuz. Es hat entfernte Ähnlichkeit mit dem Jerusalems-Kreuz der Kreuzritter, weil die vier Quadranten des großen Kreuzes mit identischen Zeichen ausgefüllt sind. Bei den Kreuzrittern waren es kleine Kreuze, bei den Turnern sind es die Querbalken des Buchstaben F.

Auf einer Postkarte zur Hundertjahrfeier in der Hasenheide trägt ein weiblicher Genius ein Wappen mit einem stilisierten Turnerkreuz, zu Jahns Füßen wird der Spruch "Gut Heil" gezeigt Dieser Turnergruß wurde ebenfalls erst dreißig Jahre nach Einrichtung des Hasenheide-Turnplatzes geprägt. Geistiger Vater war der „Turnvater Sachsens“, Otto Leonhard Heubner, dessen Sohn Otto Heubner die Kinderheilkunde in Deutschland mit entwickelt hat.


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Der Maler und sein Modell
Eine junge Frau, die von ihrem Ehemann vernachlässigt wird, sitzt Modell bei einem Maler. Die beiden kommen sich sehr nahe, werden ein Liebespaar. Als der Ehemann das mitbekommt, stellt er den Maler zur Rede und bringt ihn schließlich um. Das ist keine erotische Fantasie, solche tragischen Liebesgeschichten hat es tatsächlich gegeben und gibt es wahrscheinlich immer noch, wenn auch hoffentlich mit weniger dramatischem Ausgang. Theodor Fontane hat seinen Gesellschaftsroman "Effi Briest" an eine solche reale Begebenheit angelehnt, die im Jahre 1886 mit einem Duell in der Hasenheide ihren folgenschweren Abschluss fand.

Armand Léon Baron von Ardenne war Leutnant in Zietens Husarenregiment, den schneidigen Reitern in den roten Uniformröcken. Nachdem er um die Hand der Adligen Elisabeth von Plotho angehalten hatte, kümmerte der 24-jährige sich mehr um seine Karriere als um seine 19-jährige Angetraute. Diese saß dem Sportpädagogen, Juristen und Maler Emil Hartwich Modell, übrigens mit Zustimmung ihres Gemahls. Doch dass daraus eine Liebebeziehung wurde, bekam der Baron erst spät mit und forderte Satisfaktion von dem inzwischen zum Amtsrichter aufgestiegenen Maler.


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Das Duell fand in der Hasenheide statt, der Maler konnte seine Ehre nicht wiederherstellen, er starb an den erlittenen Verletzungen. Ardenne musste als Strafe für das Duell achtzehn Tage in Festungshaft absitzen und wurde anschließend - befördert! Wem der Name Ardenne in den Ohren klingt, der denkt an den Enkel des Husaren, den Physiker Manfred von Ardenne, der die Sauerstofftherapie entwickelt hat.

Hasenbraten und Tabakqualm
Der Große Kurfürst sorgte für seine kurfürstliche Tafel. Er ließ ein 1650 vor der Stadt erworbenes Areal als Hasengehege einzäunen, das war die Geburtsstunde der Hasenheide. Doch er handelte sich dafür Ärger mit den Bauern ein, die ihr Vieh dort weideten. Um 1800 standen dann hier "Tabagien", Gasthäuser für das Volk, in denen geraucht werden durfte. Die preußischen Herrscher hatten dagegen ihre Tabakskollegien - Gesprächsrunden ganz ohne höfisches Zeremoniell und ohne Standesschranken -, in denen bei reichlichem Tabak- und Alkoholgenuss gesprochen, diskutiert und vielleicht auch deftig gescherzt wurde. Wer nicht rauchen wollte, tat so, als ob er rauchte, damit er dabei sein konnte. Beim ersten preußischen König Friedrich I. sind es gesellige Beisammensein gewesen, beim Soldatenkönig strenge Arbeitssitzungen. Friedrich der Große veränderte die Tradition, er hielt es mehr mit dem Schnupftabak und genoss das intellektuelle Parlieren bei der Tafelrunde in Sanssouci.

Das gemeine Volk hatte statt der Tabakskollegien die Etablissements der Tabagien. Eine „Encyklopädie“ von 1842 beschreibt die Tabagien als "Vergnügungsörter, wo man Bier, Branntwein etc. trinkt, Billard, Kegel und Karten spielt, raucht, tanzt, des Abends ißt". Wenn Frauen nicht gänzlich ausgeschlossen waren, schließlich wollte man mit ihnen tanzen, richtete man ihnen ein extra Zimmer ein, in dem sie Bier und Kaffee trinken konnten. Eine andere Quelle berichtet, dass Mädchen in einem solchen Hause "zur Verfügung standen". Einschlägige Spelunken in der Stadt seien beispielsweise der "Schwarze Kater" in der Linienstraße oder das "Scharfe Eck" und die "Rote Plumpe" vor dem Spandauer Tor gewesen.

Auch militärisch wurde die Hasenheide genutzt. Das südlich angrenzende Tempelhofer Feld war ein preußischer Exerzierplatz, auch in der Hasenheide wurden militärische Paraden abgehalten. Ab 1810 hat das Militär in der Hasenheide Schießstände eingerichtet, die die Berliner Polizei noch bis 1930 benutzte. Heute befindet sich der Rhododendrongarten auf dem Schießplatzgelände, die Wälle sind noch deutlich sichtbar.

Vom Landschaftsgarten zum Volkspark
Als sich das preußische Militär aus der Hasenheide zurückzog, beauftragte das Kriegsministerium 1838 Peter Josef Lenné, das Gelände als Landschaftspark anzulegen. Knapp 90 Jahre später wurde der Volkspark Hasenheide eingeweiht, doch die heutige gärtnerische Anlage wurde erst in den 1930er Jahren von einem Neuköllner Stadtgartendirektor gestaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Schutt aus den Berliner Ruinen beseitigt werden musste, schuf auch Neukölln einen Trümmerberg in der Hasenheide, die "Rixdorfer Höhe" im westlichen Teil des Parks. Dort thronte anfangs die „Trümmerfrau“, das Sandstein-Denkmal der Bildhauerin Katharina Singer, das man später an den nordwestlichen Eingang versetzt hat.

Vergnügungssüchtige Berliner fielen in Scharen in den Gemeinden um Berlin herum ein, als der Nahverkehr ausgebaut wurde. So auch in der Hasenheide, wo die Pferdebahn eine Pferdewechselstation am östlichen Rand des Parks eingerichtet hatte. Dort entstand 1850 die Bergschloss-Brauerei. Die Hasenheide wurde zum Vergnügungspark. Es gab Tanzplätze unter Bäumen, Schießbuden und Pferdekarussells, fliegende Händler, Gaukler und Musiker.


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Die Brauerei richtete die "Neue Welt" ein, das war mehr als ein Gebäude mit großem Saal - es war ein Vergnügungsgelände. Voller Erstaunen schauen wir heute auf die Vielzahl von Volksbelustigungen, die dort ähnlich wie im Lunapark am Halensee geboten wurden: Pferderennbahn, Freiluftmanege, elektrische Eisenbahn, Wasser-Rutschbahn, Marionetten-Theater, Photographen-Atelier, Wellenbahn. In dem Saal gab es Veranstaltungen jeder Art: Bockbierfest, Theater-Aufführungen, Musikveranstaltungen von Militär-Kapellen über Swing-Kapellen bis Jimmi Hendrix, politische Versammlungen jeder Couleur, Joseph Goebbels und Rudi Dutschke haben hier geredet.

Buschkowskys Tempel
Vilwanathan Krishnamurthy, ein Mitglied des Neuköllner Ausländerbeirats, versäumte eine Sitzung des Gremiums, als er zum einzigen Hindutempel Deutschlands in Hamm unterwegs war. Der damalige Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky fragte ihn nach dem Grund der Abwesenheit und erkannte sofort die Chance, dass Neukölln einen Tempel für die 6.000 Hindus in Berlin bekommen könnte. Buschkowsky verschaffte dem Trägerverein Sri Ganesha einen Bauplatz am Nordrand des Parks Hasenheide. Dort kann man heute - hinter dem Gerüst und einer Plane verborgen - erste Blicke auf die Darstellungen des Elefantengottes werfen. Den 17 Meter hohen Turm, der die Nähe zum Himmel ausdrücken soll, könnte man von der Straße aus fast übersehen, so grazil wirkt er inmitten vom Grün und hinter einer Bauplane.

Bei der Trümmerfrau verabschieden wir uns vom Volkspark Hasenheide und setzen uns zum Flaniermahl in den Vorgarten eines Italieners in der Fichtestraße. Angenehm versorgt lachen wir über die "verdammte Eiche" und treten dann wohlgemut den Heimweg an.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Hosenknöpfe im Münzeinwurf
Völkerwanderung in Neukölln