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Opfer müssen gebracht werden


Stadtbezirk: Steglitz
Bereich: Lankwitz
Stadtplanaufruf: Berlin, Leonorenstraße
Datum: 8. März 2011

Den Ortsteil Lankwitz vom gleichnamigen S-Bahnhof bis zum Königsgraben wollen wir heute erlaufen und damit zwei von vier Lankwitzer Siedlungen. Das Zietemannschen Viertel an der Zietenstraße und das Thüringer Viertel mit dem Friedhof Lankwitz liegen an unserer Strecke. Den alten Dorfkern (Alt-Lankwitz) hatten wir früher bereits besucht (--> 1), das Komponistenviertel - das wie Lichterfelde als Villenviertel angelegt wurde - liegt westlich der Bahnlinie bis zur Siemensstraße und damit abseits unserer Strecke.

Das Rathaus an der Leonorenstraße wurde 1911 eingeweiht, zu einem Zeitpunkt, als bereits mit einem Zweckverband der Zusammenschluss aller Städte und Dörfer zu Groß-Berlin abzusehen war. Die selbstständigen Gemeinden hofften, von der Großstadt verschont zu werden oder wollten zumindest ihre Eigenständigkeit mit solchen Bauten demonstrieren. "Mög schützen uns des Kaisers Hand vor Groß-Berlin und Zweckverband" hieß es nicht nur in Spandau.

Am ehemaligen Güterbahnhof Lichterfelde Ost, dort wo Charlotten- und Elisabethstraße aufeinander treffen, steht die Ratswaage, früher eine öffentliche Waage für Pferdewagen, später LKW und ihre Ladung. Das Häuschen im Stil eines Gartenpavillons deutet an, dass Lankwitz sich als Gartenstadt sieht. In der kleinen angrenzenden Grünanlage gedenkt ein Stein der Lanke, die dem Ortsteil den Namen gab und hier entsprang (entspringt? - es ist kein Wasser zu sehen). Die Lanke als Bach gibt es nicht mehr, sie ist zum größten Teil in den Bau des Teltowkanals ab 1900 einbezogen worden. Genau wie die Bäke (Telte) in Lichterfelde wurde sie damit die Basis für die Kanal-Verbindung von Dahme und Havel.

Auf unserem Weg zum Friedhof Lankwitz ist von der alten Lankwitzer Bebauung ist nur wenig erhalten. Durch einen (fehlgeleiteten?) Bombenangriff wurde 1943 der militärisch unbedeutende Ortsteil zu 85 Prozent zerstört. Auch das angrenzende Südende litt unter diesen verheerenden Bombardierungen (--> 2). Und dann stehen wir auf dem Friedhof Lankwitz an den Gräbern zweier berühmter Lichterfelder (der Friedhof gehörte früher zu Lichterfelde).

Wie sieht das Grabmal des Mannes aus, der die DIN-Vorschrift für Papiermaße entwickelt hat? Wir alle verwenden DIN A 4 als Einheitsformat für den Briefbogen, 21 cm breit und knapp 30 cm hoch. Wenn wir Post aus Amerika bekommen oder unser Drucker uns ärgern will und "Letter" statt "DIN" einstellt, dann ist das Papier 6 mm breiter und 18 mm kürzer, in der Länge reicht das nicht aus und in der Breite stehen die wenigen Millimeter störend über. Die DIN-Größen sind logisch in Zweierpotenzen aufgebaut, das merkt man beim Falten des Papiers, zur Hälfte gefaltet wird aus A4 dann A5, noch mal halb gefaltet A6 und mit dem exakten Handling hört es dann bald auf, weil das Papier zu dick wird. Die Dicke des Papiers verdoppelt sich nicht jeweils, sondern steigt exponentiell, nach 7 Faltungen sind es bereits 128 Schichten, das bekommt man nur mit dem größten Format A0 hin, wenn man es wegen der voluminösen Faltkanten und der erforderlichen Kraft überhaupt schafft. In der Logik würde es weiter gehen bis zum kleinsten Format A10.

Walter Porstmann hat 1922 als Mathematiker beim Normenausschusses der Deutschen Industrie die Vorschrift für die Papierformate entwickelt. Sein Grabdenkmal auf dem Friedhof Lankwitz ist dem rechten Winkel und der "zwei" für die Faltung nachempfunden, hatte ich phantasiert, doch dann die Überraschung: Ein windschiefer kleinwüchsiger Nadelbaum (Lebensbaum?) breitet unsymmetrisch einen Flügel über einem Findling aus, auf dem der Name des Mathematikers angebracht ist. Mache Dir kein Bild, die Welt kann vielfältiger sein als Deine Phantasie, sage ich mir. Und dann wird diese Erfahrung gleich am Grab des Flugpioniers Otto Lilienthal bestätigt. Keine Statue, kein Schwingen eines Vogels, sondern eine schmale, stark erhöhte, metallene Grabplatte mit der Aufschrift "Opfer müssen gebracht werden". Otto Lilienthals Lebensmotto wird das nicht gewesen sein, er folgte seinen kühnen Visionen über den Menschenflug, hatte aber einige Niederlagen zu verkraften mit fehlgeschlagenen Unternehmungen, bis seine "Dampfkessel- und Maschinenfabrik Otto Lilienthal" sich als erfolgreich erwies. Vielleicht soll die in mehreren Ebenen aufsteigende Grabplatte aus Metall symbolisch hieran anknüpfen.

Den Weg zum Königsgraben nehmen wir nicht mehr, sondern gehen zum S-Bahnhof Lichterfeld-Ost weiter. Dieser Graben hat historische Bedeutung für den Ort, dessen Äcker früher bei Regenfällen und Schneeschmelze lang anhaltend überschwemmt waren. Friedrich der Große hatte nicht nur den Oderbruch trocken legen lassen, sondern auch für die Entwässerung der Lankwitzer Wiesen durch einen Graben von Marienfelde bis Giesendorf (später Teil von Lichterfelde) gesorgt, der ihm zu Ehren Königsgraben genannt wurde. Eine Kleingartenkolonie und eine Grundschule sind nach diesem Graben benannt.

Da unsere Spaziergänge im Winter jetzt meist zur tea-time enden (bevor die Dunkelheit das Entdecken und Fotografieren erschwert) sitzen wir an der Ferdinandstraße noch in einem Café und staunen darüber, mit welchen einfachen Mitteln man doch einen Gastraum ungemütlich und kitschig werden lassen kann. Erfreulich ist der Überblick des Obers, der die Bestellungen einwandfrei zuordnet und abrechnet.

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(1) Alt-Lankwitz: Dorf mit Schmiede und Windmühle
(2) Südende: Schneller als Ruhm schwinden die Börsenkurse




Frevel gegen die Götter
Villen am Stolper Loch