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Schneller als Ruhm schwinden die Börsenkurse


Stadtbezirk: Steglitz
Bereich: Südende
Stadtplanaufruf: Berlin, Oehlertring
Datum: 2. Februar 2009

Wo sind in Berlin die Rauhen Berge? Wo befand sich das Paresü? Wo hat Ernst Lubitsch seinen letzten deutschen Film mit Pola Negri und Emil Jannings gedreht? Welche Berliner Villenkolonie wurde im 2.Weltkrieg zu 85% ausgebombt? In welchem Kiez wohnten zeitweise Jochen Klepper, Arnold Schönberg, Rosa Luxemburg und George Grosz?

Alle diese Fragen hatte ich mir nie gestellt, aber jetzt kann ich sie beantworten: in Südende, einem Ortsteil von Steglitz an der Grenze zu Tempelhof. Eingerahmt von zwei S-Bahnen und dem Teltowkanal, durchschnitten vom Munsterdamm und Steglitzer Damm, begrenzt vom Bismarckstraße und Prellerweg. Mit eigenem Sommerbad (Insulaner) und eigener Sternwarte. Und einer typisch Berliner Geschichte mit Ausflugslokalen und Investorenpleite.

Der nördlichste Punkt von Südende war eine sanft abgerundete, mehr oder weniger flach ansteigende Hügelkette, die sich "Rauhe Berge" nannte (eine Kleingartenkolonie heißt dort noch heute so). Bis zum Jahre 1872 befand sich hier als einziges Gebäude das "Jagdschloss Douglas" auf dem sandigen und sumpfigen Gelände, es gab Fasane und Rebhühner. Später wurde daraus das Bergschlösschen, das man aber am heutigen Oehlertring vergeblich sucht - es wurde 1943 von Bomben zerstört. Dafür hat man den Hügel mit dem Schutt der zerbombten Villen aufgeschüttet, es entstand der "Insulaner".

Wie bei anderen Berliner Villenkolonien auch, hatte eine Terrain-Aktiengesellschaft das Gebiet entwickelt und in (427) Parzellen aufgeteilt. "Die ganze Colonie besitzt Wasserleitung" wurde stolz berichtet. Das war 1873, und im danach einsetzenden "Gründerkrach" zog sie sich nach Erfüllung ihrer Aufgaben zurück. Der Gründerkrach war die erste große Wirtschaftskrise nach der Reichsgründung 1871, als die Luftblase der boomenden Industrialisierung, Bauwirtschaft und Bodenspekulation zerplatzte. Auch ein Bankier (Eduard Mamroth), der am Karutschenpfuhl eine spätklassizistische Villa erbaut hatte, ging pleite. "Wie schnell auch der Ruhm der Welt schwindet, noch schneller schwinden an der Börse die Course!" --> (1).

Die Berliner Handwerker, die in Südende und in den umliegenden Dörfern und Siedlungen viel zu tun hatten, ließen es sich mit dem reichlich verdienten Geld gut gehen. Den weiten Weg von Steglitz oder Schöneberg bis Südende legten sie nicht wie früher üblich zu Fuß zurück, sondern mieteten sich Kremser, mit denen sie morgens zur Arbeit und abends wieder zurück nach Berlin fuhren. Kutscher und Pferde warteten tagsüber vor Ort und sollen dort von Musikkapellen unterhalten worden sein.

Während der Eiszeit ist in Berlin nicht nur die Seenkette vom Halensee über den Grunewaldsee bis zum Nikolassee entstanden, sondern auch eine Kette von einzelnen Teichen, genannt "Tot-Eislöcher", weil sie keine Verbindung zu anderen Seen hatten. In Südende gab es den Hambutten- und den Karutschenpfuhl. Beide waren miteinander verbunden worden, damit man unter einer Brücke hindurch vom einen zum anderen rudern konnte. Der Ruderboot-Verleih gehörte zum Ausflugslokal Pa-Re-Sü (Park-Restaurant Südende, nicht zu verwechseln mit Parvenü), das 2.000 Gästen Platz bot. Es war 1900 von einer Brauerei eingerichtet worden und verfügte in den 20er Jahren über die größte Kegelhalle Europas mit 18 Bahnen. Das Paresü war über Berlins Grenzen hinaus bekannt. An dem Pfuhl, der einen höheren Wasserstand hatte als heute, gab es eine Badeanstalt mit getrennten Badezeiten für Damen und Herren.

Im Laufe der Geschichte war das Paresü "Schlupfwinkel der Prostitution", Lazarett, Gottesdienstsaal, Ort von Parteiversammlungen und unter dem Hakenkreuz Ort von Großveranstaltungen, bis 1943 britische Bomben das Gebäude zerstörten. Es geht nicht noch schlimmer? Heute steht ein Lidl-Markt auf dem Gelände, eine "Faltschachtel des Billigkonsums".

In der Lichterfelder Straße (heute Borstellstraße Ecke Hanstedter Weg) gab es ein weiteres beliebtes Lokal, das "Schulthes Restaurant" (vorher "Restaurant zum grünen Hain", später auch "Mundsches Restaurant" genannt), das aber mit dem ständigen Gejohle, Gepöbel und Gesaufe die ehrbare Kaufhausbesitzergattin Leineweber von gegenüber störte. Deshalb kaufte sie kurzerhand Gebäude samt Lokal auf und vermachte das Grundstück der katholischen Kirche. Seit 1930 stand dort ein Kirchengebäude, der Altarraum war früher einmal die Bühne des Lokals, aus der Kegelbahn wurde ein Verbindungsgang zu Nachbarstraße. So kann es gehen mit den bösen Buben, als hätte Wilhelm Busch es gedichtet.

Natürlich hatte Südende auch Filmtheater. Das größte Kino der Landhauskolonie, der Globus- Palast, untergebracht in einem Eckgebäude mit expressivem Rundturm, wurde 1943 ein Opfer der Bomben. Südende war ein reines Wohngebiet, der einzige Industriebau war die von Fritz Höger erbaute Parfümerie-Fabrik Scherk am Ende der Kelchstraße, in der heute ein FU-Institut untergebracht ist. Höger ist bekannt für expressionistische Bauten in Stile norddeutschen Backsteingotik, die Kirche am Hohenzollernplatz -->(2) und in Hamburg das Chilehaus wurden von ihm geschaffen.

Der Name der Villenkolonie "Südende" weist darauf hin, dass hier einmal die südliche Berliner Stadtgrenze verlief. Und wie steht es mit den anderen Berliner Himmelsrichtungen? "Nordend" gibt es in Niederschönhausen, also in Pankow. "Westend" dürfte als Charlottenburger Ortsteil geläufig sein. "Ostend" ist im Ortsteil Oberschöneweide (Köpenick) untergegangen, die Villenkolonie blieb nach dem Gründerkrach wegen schlechter Verkehrsverbindungen in den Anfängen stecken.

Die Straßennamen in Südende sind ein Kuriosum, weil die meisten Straßen umbenannt wurden. Das liegt am Zerschneiden von Straßen durch Bahnlinien ebenso wie an der Eingemeindung nach Steglitz, das rigoros alle Doppelnamen in seinem Bezirk tilgte, im Zweifel immer in Südende.

Der Wiederaufbau nach dem 2.Weltkrieg ging mit der geradezu systematische Verbauung von Gartengrundstücken einher. Nach den verheerenden Bombardierungen 1943 und 1944 ist nur weniges Ursprüngliches erhalten geblieben, den Rest versetzte der Kolonie die ungezügelte Bauwut. Weder von den Gebäudekubaturen noch von der Bebauungsdichte her wurde Rücksicht oder Bezug genommen auf die alte Siedlung.

Zum Schluss noch ein Wort zu dem hier entstandenen Lubitsch-Film "Das Weib des Pharao". Alfred Kerr nannte den Film "Spannungsfilm. Ägypterfilm. Massenfilm, Kanonenfilm". In der Dünenlandschaft auf den Rauhen Bergen errichteten Filmarchitekten eine 29 Meter hohe Sphinx und einen Pharaonen-Palast (78 m hoch, 64 m breit). "Man filmte eine große Massenszene: Volk stürzt gegen den Palast des Pharao vor. Jannings als falscher Pharao, tritt aus der hohen sich öffnenden Doppeltür seines Palastes schlotternd heraus. Gespenstisch gegen den Nachthimmel teils als Silhouette, teils als scharf in Hell und Dunkel getrenntes Rembrandtbild heben sich die bewegten Massen von dem Kern der Szene ab" --> (3). Der monumentale Historienfilm war eine der aufwändigsten und teuersten Produktionen seiner Zeit.

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(1) Ob Eduard Mamroths Geld aus dem Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin von 1873 stammt, wie Otto Glagau in der "Gartenlaube" 1875 schreibt, konnte ich nicht herausfinden. Glagau, der 1883 den "Zweiten Internationalen Antijüdischen Kongress" in Chemnitz leitete, warf den Juden vor, durch unlautere Geschäftspraxis und Börsenspekulationen die Wirtschaftskrise verschuldet zu haben.
(2) zur Kirche am Hohenzollernplatz: Wilmersdorfer Witwen
(3) Schilderung der Filmszene aus "Der Film", Nr. 40, 2.10.1921. Der Stummfilm ist rekonstruiert worden, er wurde im Sept.2011 von Arte mit der Originalmusik von Eduard Künneke ausgestrahlt.



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