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Villen am Stolper Loch


Stadtbezirk: Zehlendorf
Bereich: Wannsee
Stadtplanaufruf: Berlin, Kleinen Wannsee
Datum: 9. Mai 2011

Als Auslandsreisen noch nicht erschwinglich waren, war die Ostsee die "Badewanne der Berliner". Für das Badevergnügen in der Stadt gibt es den Wannsee, und die Assoziation mit der Badewanne ist nicht so falsch - er hieß tatsächlich zu Anfang "Wannen-See" (ohne Bindestrich). Unter diesem Namen wurde auch 1874 der Bahnhof an der Berlin-Potsdamer Eisenbahnstrecke eröffnet. Vier Jahre hieß er so, bis ein Pavillon, der vorher auf der Wiener Weltausstellung gestanden hatte, als neues Stationsgebäude des Bahnhofs mit jetzt verändertem Namen "Wannsee" aufgebaut wurde. Das Bahnhofsgebäude, durch das wir heute gehen, um dem Kleinen Wannsee einen Besuch abzustatten, hat 1928 der S-Bahn-Architekt Richard Brademann gebaut, die expressionistische Architektursprache begeistert noch heute (--> 1).

Der Bus der Linie 218, der vor dem Bahnhof auf uns wartet, hat erkennbar schon viele Jahre Fahrdienst hinter sich, wieso wird er noch im Linienverkehr eingesetzt? Der Fahrer hat Freude daran, das Geheimnis zu lüften: Er ist bei der Arbeitsgemeinschaft "Traditionsbus Berlin" angestellt, die diese Buslinie im Auftrag der BVG betreibt. Von der Arbeitsgemeinschaft werden in ehrenamtlicher Eigenarbeit ausgemusterte Fahrzeuge zu fahrfähigen Museumsbussen hergerichtet und es werden Traditionsfahrten veranstaltet, beispielsweise 2008 zum 700jährigen Dorffest von Heiligensee. Schade, bis zur Wannseebrücke fahren wir nur eine Station mit diesem historischen Bus, der auch etwas BVG-untypisches auslöst: Eine fröhliche Verabschiedung der Fahrgäste durch den Fahrer, wo gibt es das sonst noch?

Wer möchte schon am "Stolper Loch" wohnen? Stolpe war ein slawisches Fischerdorf, das mit dem Bau hochherrschaftlicher Villen an den Ufern der umliegenden Seen in eine neue Zeit gezogen wurde und dabei seinen Namen einbüßte. Der See "Stolper Loch" bekam den Namen "Kleiner Wannsee", der Wannsee wurde zum "Großen Wannsee", aus Stolpe wurde 1898 der Ort Wannsee. Die beiden Uferstraßen wurden erst 1933 nach dem Wannsee benannt.

Der Bankier Wilhelm Conrad entwickelte ab 1863 hier eine Villenkolonie am Wasser, umgeben von einer Parklandschaft, kein Grundstück war kleiner als 2.500 qm. Der Berliner Gartenbaudirektor Gustav Meyer - er schuf u.a. die Parks Humboldthain, Friedrichshain, Treptower Park - entwarf den Bebauungsplan für die Villenkolonie Alsen, der vor allem den Großen Wannsee, aber auch den Kleinen Wannsee bis zur Hohenzollernstraße umfasste. Hinter der Wannseebrücke verbindet die Conradstraße - eine ovale Straßenanlage wie eine Pferderennbahn ("Hippodrom") - beide Bereiche miteinander. Wir wenden uns der kleinen Schwester zu und flanieren bis ins alte Dorf Stolpe.

Arnold von Siemens bewohnte mit seiner Frau, einer geborenen von Helmholtz, das größte Anwesen der Kolonie Alsen, Am Kleinen Wannsee 5, ein privates Schloss mit einem Landschaftspark, der sich in mehreren Ebenen zum Wasser hin erstreckt, das 14 Meter unterhalb des Hausniveaus liegt. Heute gehört das Anwesen dem Immanuel-Krankenhaus, beim Aufstocken des Haupthauses wurde wenig Feingefühl bewiesen.

Um das "Haus der Stille" (Haus-Nr.9) ist es still geworden, seit die spirituelle Arbeit des Trägervereins 2010 endete, weil die evangelische Kirche nicht länger die Villa mietfrei überlassen und Zuschüsse zum Betrieb geben wollte. "Mehr Gäste, mehr Christliches - oder es ist aus" (Tagesspiegel) - und nun ist es eben aus.

Zu Stolpe gehört ein Berliner Original - der Eiserne Gustav, ein Pferdekutscher, der mit seiner Kutschfahrt nach Paris internationales Aufsehen erregte (--> 2). Er wohnte in der Alsenstraße 11, mit seinem Pferd Grasmus vor der Kutsche wartete er regelmäßig am Bahnhof Wannsee auf Fahrgäste, eisern und zäh jedem Wetter trotzend, was ihm seinen Spitznamen einbrachte.

Die mittelalterliche Dorfkirche in Stolpe musste 1854 wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Als Nachfolgebau errichtete Friedrich August Stüler - basierend auf einer königlichen Eingebung Friedrich Wilhelms IV - einen hellgelben Backsteinbau im Stil italienischer romanischer Gotteshäuser. Der Turm ist ähnlich mächtig wie bei einer Kathedrale, etwas gemildert durch die Fialen (Ziertürmchen) an den Ecken. "Üb' immer Treu und Redlichkeit" spielt das Glockenspiel der Kirche schon morgens um acht. Bis 21 Uhr folgt stündlich ein Choral, und wer keine christliche Ermahnung mag, kann um elf oder eins zuhören - da schweigen die sakralen Klangkörper.

Neben der Kirche steht das Schulhaus von 1850, das niedrige Doppelhaus am Grünen Weg 29-31 ist noch einhundert Jahre älter und damit das älteste Bauernhaus Stolpes. Eine weitere ungewöhnliche Kirche steht an der Königstraße neben dem alten Rathaus. Ungewöhnlich ist schon ihre Ausrichtung nach Süden, obwohl christliche Kirchen ihren Altar bevorzugt dorthin orientieren, wo die Sonne aufgeht - nach Osten. Im Begriff "Orientierung" ist bereits der "Orient" als Metapher für den "Osten" enthalten. Die Katholische Pfarrkirche St.Michael schafft mit der Südausrichtung einen Gegenpol zum Rathaus, ihr breiter Turm mit den drei steilen Helmen "wächst aus der märkischen Landschaft empor“. Zum ersten Mal wurde mit dieser Kirche in Groß-Berlin 1927 ein expressionistischer Kirchenbau geschaffen. Architekt war der Diözesanbaurat Wilhelm Fahlbusch. Das von einem Backstein-Spitzbogen umrandete Holzportal zeigt den Kampf des Erzengels Michael mit dem Drachen als Verkörperung des Teufels. Michael stößt den Teufel aus dem Himmel herab auf die Erde, seitdem müssen wir uns mit ihm herumschlagen und der Himmel ist rein und heilig.

An der Königstraße Höhe Chausseestraße steht etwas ins Grün gedrückt - also nicht mehr an der historischen Stelle - die 3-Meilen-Säule. 1730 wurden - ausgehend vom Obelisken am Spittelmarkt - jeweils im Abstand einer preußischen Meile (rund 7,5 km) diese Markierungen aufgestellt, von der Form her angelehnt an ein römisches Vorbild. Am Innsbrucker Platz steht die 1-Meilen-Säule (-->3), an der Potsdamer Straße Nähe Zehlendorf-Mitte die 2-Meilen-Säule, und hier die 3-Meilen-Säule.

Bei einem Inder an der Königstraße nehmen wir unser Flaniermahl ein und müssen aufpassen, dass die Mücken sich nur auf uns und nicht auch noch auf unser Essen stürzen.

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(1) Der Bahnhof Eichkamp ist ein weiteres Werk von Richard Brademann, hier finden Sie eine Abbildung: Ein lichtes Berliner Dörfchen
(2) mehr zum Eisernen Gustav lesen Sie hier: Auf nach Paris
(3) 1-Meile-Säule am Innsbrucker Platz: Nachdenkliches an der Stundensäule


Opfer müssen gebracht werden
Naturapostel in griechischen Hüllen