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Gewaltherrschaft von Zickzack-Ornamenten


Stadtteil: Steglitz
Bereich: Lichterfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Margaretenstraße
Datum: 25. Oktober 2016
Bericht Nr: 566

Wenn ein "geborener Widersprecher" sich aufmacht, die Lobrede auf einen Architekten zu halten, dann kann hieraus die Beschimpfung und Verdammung des ganzen übrigen Berufsstandes werden. Werner Hegemann, Herausgeber der Baukunst-Monatshefte Wasmuth, berichtete 1927 in einem polemischen Artikel über die von der Gagfah hergestellte Wohnanlage in der Lichterfelder Margaretenstraße.

Wohnanlage Margaretenstraße
Hier war eine Synthese aus Gartenstadt und Wohnsiedlung entstanden, entworfen von dem Architekten Bruno Langkeit. Mietwohnhäuser als geschlossene Randbebauung grenzen die Wohnanlage nach außen hin ab, im Innern sind Reihenhäuser in aufgelockerter Bauweise angeordnet. An den schlichten Putzfassaden finden sich nur sparsame Schmuckelemente über den Hauseingängen, manche Fenster sind farbig umrandet.


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Der Kritiker Hegemann war angetan von diesen "praktischen und selbstverständlichen Häusern", die erkennbar den Bedürfnissen der Bewohner entsprechen. Seine ätzende Kritik richtete sich gegen andere Architekten, die "die neuesten Architektur-Scherze erproben", deren Häuser aussehen wie "der Lunapark, eine Litfaßsäule oder die Filmburg Dr. Caligaris". Ihn störte die "aufdringliche Fratzenschneiderei auf den Schauseiten unserer Neubauten". Er war erbost über die "fassadenbekleckernden Dadaisten" und deren "Gewaltherrschaft von Zickzack-Ornamenten, dreieckigen Fensterstürzen und zebra-wiehernden Streifbändern, die Häuserblöcke umspannen". Und er sah Bauschäden voraus durch das "Weglassen der Gesimse zwecks schnellerer Erzielung wasserfleckiger Wände und abgefrorenen Putzes".

Werner Hegemann, der diese Kritik in seinen angesehenen Monatsheften veröffentlichte, war ein Wanderer zwischen Alter und Neuer Welt, er pendelte zwischen Berlin und den USA hin und her. Er provozierte gern, beispielsweise wenn er als "steinernes Berlin" die Miethäuser mit hochherrschaftlichen Wohnungen mit den elenden Mietskasernen gleichsetzte. 1910 leitete er die Städtebauausstellung in Berlin, die vor allem intellektuelle Impulse für die zukünftige Stadtentwicklung setzte. Als Architekturkritiker fühlte er sich weitgehend unverstanden, da er weder in der Moderne noch unter konservativen Architekten seine Heimat fand.

Wohngelegenheiten für Marineangehörige
Am Schlachtensee in Zehlendorf gibt es eine Marinesiedlung, die für gehobene Marineangehörigen (beispielsweise Vizeadmiral, Kapitänleutnant, Fregattenkapitän, Korvettenkapitän, Marineoberbaurat) geschaffen wurde. Die freistehenden Mehrfamilienhäuser und die Reiheneinfamilienhäuser dort sind unauffällige Putzbauten im Landhausstil.

An der Hortensienstraße in Lichterfelde hat dieselbe Baugesellschaft - „Gemeinnützige GmbH für Schaffung von Wohngelegenheiten von Reichsangehörigen (Marine)“ - Wohnhäuser in Blockrandbebauung errichtet. Backsteinflächen im märkischen Mauerverband, Stufengiebel und angedeutete Spitzbogenfenster zitieren gotische Elemente, dazu kommen Putzflächen und lebhafte Fensterumrandungen. Ein Vorgarten öffnet sich zu einem Vorhof, an dem sich zwei Kopfbauten mit Stufengiebeln gegenüberstehen.


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Terrain am Botanischen Garten
Zwischen der Wannseebahn und der Berlin-Potsdamer Chaussee "Unter den Eichen" erstreckt sich ein Lichterfelder Stadtquartier, das außerhalb der von Carstenn geschaffenen Kolonie Lichterfelde-West liegt und im Norden direkt an den Botanischen Garten angrenzt. Am Kleistpark war das Gelände für den Botanischern Garten zu eng geworden, deshalb hatte man ihn umgesiedelt nach Steglitz und Dahlem zwischen Unter den Eichen und Königin-Luise-Platz, 1903 wurde er am neuen Standort eröffnet. Zeitgleich übernahm die "Terraingesellschaft am Neuen Botanischen Garten" die Vermarktung des südlich bis zur Bahn reichenden Geländes, das die beiden Eigentümer in ihr jetzt gemeinsames Unternehmen eingebracht hatten. Eine Bank sorgte als weiterer Gesellschafter für die Kapitalbeschaffung. Der Bahnhof Lichterfelde-West war bereits vorhanden, den Bahnhof Botanischer Garten ließ die Terraingesellschaft durch ihre Architekten errichten. Wie üblich legten die Terrainentwickler auch Straßen und Plätze an, übernahm die Kosten für Straßenpflasterung und Baumpflanzungen und verlegten die Leitungssysteme für Wasser, Gas und Elektrizität.

Als in den 1920er Jahren die Terraingesellschaft in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, übernahm Adolf Sommerfeld die Regie. Er kaufte ihre Anteile, übernahm den Vorsitz und brachte sie mit anderen Gesellschaften zu einem Konzern zusammen. Sommerfeld, der als Zimmermann begann und an einer Baugewerkschule in Rixdorf ausgebildet worden war, betätigte sich als Bauunternehmer, Investor, Terrainentwickler. Er förderte das rationelle Bauen und die Entwicklung von Typenhäusern. Sommerfeld arbeitete mit bekannten Architekten wie Erich Mendelsohn, Otto Rudolf Salvisberg, Walter Gropius und Bruno Taut zusammen und mit gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften wie der Gehag und der Gagfah. So entstanden die Waldsiedlung Onkel Toms Hütte und die Sommerfeld-Siedlung in Kleinmachnow.

In dem Siedlungsgebiet am Botanischen Garten entstanden mehrere Wohnanlagen, Reihenhäuser und Villen, außerdem ein Stadtplatz - der Asternplatz - mit einem Ensemble repräsentativer Mietwohngebäude. Je nach Bauherrn, Raumvorstellungen und den im Zeitablauf wechselnden wirtschaftlichen Möglichkeiten (Immobilienkrise 1912, Erster Weltkrieg, Wohnungsnot in der Weimarer Republik) entstanden sehr unterschiedliche Bauten. An zwei Reihenhausgruppen kann man dies beobachten:

Reihenhäuser sind typischerweise gleichartig gestaltete Häuser in einer geschlossenen Bauweise. Eine Häusergruppe in der Adolf-Martens-Straße 2-6a als Reihenhäuser zu bezeichnen, dagegen wehrt sich Verstand und Gefühl, weil diese Häuser so unterschiedlich sind im Fassadenaufbau und in der Dachform, den Giebeln und dem verwendeten Material, dass ich sie eher als eine Reihe von Solitärbauten mit gewissen Ähnlichkeiten bezeichnen würde. "Gleichartig" im Sinne von uniform sind sie jedenfalls nicht, der Architekt hat hier mit der Vielgestaltigkeit von Elementen gespielt.


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Direkt angrenzend an die Marinehäuser in der Hortensienstraße baute Adolf Sommerfeld als Bauunternehmer sechs Reihenhäuser, die die Architekten Mebes & Emmerich entworfen hatten. Anders als die in Gestaltung und Material variierenden Reihenhäuser an der Adolf-Martens-Straße sind diese Häuser schlicht gehalten und unterscheiden sich nur in ihrer Fassadenfarbe.

Für sich selbst ließ Sommerfeld von Walter Gropius ein Holzblockhaus in "neuzeitlicher Bauweise" an der Lichterfelder Limonenstraße errichten, das heute nicht mehr vorhanden ist. Das Holzkunsthandwerk war Sommerfeld besonders wichtig, hatte er doch einmal als Zimmermann begonnen. Ein Doppelwandsystem verbesserte den Wäremeschutz. Sitzmöbel, Tische, Heizkörperverkleidungen, farbige Verglasung, Teppiche, die gesamte Inneneinrichtung kam aus Bauhaus-Werkstätten, es war ein Gesamtkunstwerk.

Die Straße Unter den Eichen ist Teil der ersten preußischen Chaussee, die vom Potsdamer Platz bis nach Potsdam führt und als „Steinbahn“ befestigt ist. Das Fundament besteht aus Steinen, die Oberfläche war nicht gepflastert, sondern bestand aus Kies und Schottern. Die Baukommission wurde von Carl Gotthard Langhaus geleitet, dem Erbauer des Brandenburger Tores. Der letzte Abschnitt in Zehlendorf war am schwierigsten zu bauen, mehr dazu in meinem Bericht Die erste preußische Chaussee.

Eine "Mietvilla" von Bruno Taut
Ein Wohnhaus, das außen wie eine Villa aussieht, aber im Innern Mietwohnungen enthält, ist schon vor 1900 als Bautyp für Villenvororte entwickelt worden. Der Architekt Bruno Taut hat in der Adolf-Martens-Straße 1911 eine solche Mietvilla für einen Wäschereibesitzer erbaut, dessen Dampfwäscherei mit expressionistischen Stilelementen er zeitgleich in der Teilestraße verwirklichte.

Bei vielen Bauten verzichtete Taut auf Ornamente und setzte dafür Farbe als Gestaltungselement ein. Ein Beispiel dafür ist die Tuschkastensiedlung. Andere Bauaufgaben löste er, indem er statt des traditionellen Aufbaus die Fassade mit Rhythmik und Dynamik in Bewegung brachte, wie beim Eckhaus am Kottbusser Damm. Die Mietvilla in Lichterfelde ist rückwärtig bauchig nach außen gewölbt, zur Straße hin enthält die Fassade Weinlaub-Ornamente und einen haushohen Erker, der sich mit Rundungen von der Gebäudefläche abhebt.

Friedhof Lichterfelde, Moltkestraße
Das Ingenieurlied des Lichterfelder Dichters Heinrich Seidel beginnt mir dem Satz „Dem Ingenieur ist nichts zu schwer“ - in Berliner Mundart "Inschinör" ausgesprochen. Doch Seidel hielt sich nicht an sein Wort, er gab den Ingenieurberuf auf und konzentrierte sich ganz auf das Schreiben. Dabei hatte er eine erfolgreiche Karriere im Bahnbau eingeschlagen. Die Yorckbrücken hatte er zusammen mit Franz Schwechten gebaut und die Dachkonstruktion des Anhalter Bahnhofs mit einer damals in Europa einmaligen Spannweite realisiert. Doch dann gab er das "sonderbare Doppelleben" auf und schrieb Geschichten wie "Leberecht Hühnchen", das von der "Kunst, glücklich zu sein“, handelt. Im mecklenburgischen Dorf Perlin geboren, konnte er sich den kalauernden Titel seiner Memoiren "Von Perlin nach Berlin" nicht verkneifen.

Seidel war Mitglied im "Allgemeinen Deutschen Reimverein", bei dessen Treffen in einer Weinstube die zeitgenössische "Goldschnitt-Lyrik" und das Dichtervereinswesen parodiert wurden. In einer Abhandlung "Im Jahre 1984" beschäftigte Seidel sich 100 Jahre vor diesem Datum mit Zukunftsvisionen. Wie Briefe mit der Rohrpost können Personen von einem Pustbahnhof aus mit einem System der pneumatischen Beförderung geräuschlos durch die Stadt ans Ziel gelangen. Für längere Strecken - beispielsweise über den Ärmelkanal - sieht Seidel eine Bombenpost voraus. Man startet in einer ausgepolsterten Granate, wird über den Kanal geschossen und drüben mit einem sinnreichen Mechanismus sehr sanft aufgefangen. Anders als George Orwell besah Heinrich Seidel mehr die technischen als die gesellschaftlichen Veränderungen in der Zukunft.

Für Seidel war Lichterfelde „ein Ort, so schön wie ein Gedicht“. Auf dem Lichterfelder Friedhof in der Moltkestraße wurde er beerdigt, sein Grab wird als Ehrengrab gepflegt. Mit einer Büste wird dort ein anderer Literat geehrt, der zum Friedrichshagener Dichterkreis gehörte, der Schriftsteller Wolfgang Kirchbach. Auch seine Frau Marie-Luise Becker war Schriftstellerin (Gedichte "Sonnenkinder", Roman "Kanalkinder", Kinderlieder "Im Wolken-Kuckucksheim"). Gemeinsam haben sie nur zwei Ehejahre erlebt, dann starb Wolfgang Kirchbach. Zehn Jahre später heiratete sie einen Schulrat, von dem sie sich später wieder trennte. Für die Ewigkeit ist sie jetzt wieder mit Wolfgang Kirchbach verbunden, sie wurde im Grab ihres ersten Mannes beigesetzt.

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