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Ganz im Norden jottwehdeh


Stadtteil: Pankow
Bereich: Nordend
Stadtplanaufruf: Berlin, Nordendstraße
Datum: 7. August 2017
Bericht Nr.: 595

Zwischen Rosenthal und Niederschönhausen liegt die Landhauskolonie Nordend, die im Laufe der Jahrzehnte als Ortsteil zwischen beiden Dörfern hin und her wechselte und heute zwischen beiden aufgeteilt ist. Jetzt ist das nicht mehr wichtig, hier ist inzwischen überall Pankow. "Nordend" ist nicht wirklich das nördlichste Ende von Berlin; die Dörfer Lübars, Blankenfelde und Buch liegen noch nördlicher. So kritisch darf man das nicht sehen, die Benennung nach den vier Enden von Berlin bezog sich nicht auf die Stadtgrenze (Groß-Berlin war noch gar nicht gegründet), sondern auf die Villenkolonien Westend, Ostend und Südende sowie die Kolonie Nordend.

Kolonie Nordend
Nordend war bis 1871 Kaiserliches Manövergelände, danach fing die Bebauung an. Eine Terraingesellschaft, die "Berliner Nordend-Actien-Gesellschaft", entwickelte das Mannövergebiet zu Bauland. Landwirte kauften Grundstücke für ihre Bauernhöfe, Gärtnereien siedelten sich an. An der Kastanienallee entstand um den Kronprinzenplatz ein dörfliches Zentrum mit einer Schule. Nordend hatte 1875 bereits mehr als 100 Einwohner, im Jahr 1900 waren es 800 Bewohner. Das ehemalige Schulhaus steht noch, aber der Platz ist namenlos geworden, nicht mehr komplett befahrbar und nur noch im Stadtgrundriss erkennbar.

Als die Bundesrepublik ihre "Ständige Vertretung" in der DDR einrichtete, wollte Ost-Berlin deren Sitz möglichst weit an den Berliner Stadtrand drängen. Dabei war auch Nordend im Gespräch, aber schließlich wurde es doch die Hannoversche Straße in Mitte. Die Gärtnereien gingen zu DDR-Zeiten in der Produktionsgenossenschaft "Blühende Zukunft“ auf, nach der Wende wurden die Gärtnereigrundstücke mit Wohnhäusern bebaut.

Vor der in den Gründerjahren herannahenden Stadt zogen Friedhöfe aus hygienischen Gründen immer weiter ins Umland. Das war eine Randwanderung ähnlich wie bei den Fabriken, die die Umwelt belasteten. Und auch Krankenanstalten, besonders aber Irrenanstalten wollte man möglichst nicht in der Stadt sehen. So wurden östlich der Dietzgenstraße Friedhöfe angelegt, westlich davon entstanden Kliniken. Die Straßenbahn errichtete am Ende ihrer Strecke einen Betriebshof mit Wagenhallen und eine Siedlung für die Straßenbahner.

Bauten von Heinrich Möller
An der Nordendstraße errichtete der Architekt Heinrich Möller in den 1930er Jahren eine Reihenhausgruppe mit expressionistischen Formen, die er von Haus zu Haus abwandelte. Weiter nördlich in der Straße Am Rollberg steht ein weiteres Einfamilienhaus dieses Architekten. Die Straße ist nur notdürftig befestigt. Das Haus wirkt verwunschen, es ist hinter Bäumen und Hecken verborgen. Die Haustür wird von einem Terrakotta-Spitzbogen eingefasst ähnlich einem Hauseingang in der Nordendstraße. Aus der Backsteinfassade ragen als gleichmäßiges Muster die vorgezogenen Enden von Steinen hervor. Im Obergeschoss ermöglicht ein über Eck gezogenes Fensterband als Ausguck den Blick über die Umgebung.

Wir kommen mit einer Bewohnerin ins Gespräch. Zugewandt freundlich erkundigt sie sich nach unserem Interesse für ihr Haus, eine Wohltat angesichts vieler misstrauischer Blicke, die oft unser Flanieren und Fotografieren begleiten. Wir tauschen unser Wissen über den Architekten und über Nordend aus und lassen uns von ihr den Weg zum Rollberg weisen. Der namensgebende Berg ist von einem Kleingartengelände umgeben. Da er uns nicht von Weitem zulächelt, verzichten wir aufs Bergsteigen und besuchen die Nordend-Arena mit dem Bolle-Sportplatz.

Nordend-Arena, Bolle-Sportplatz
Im nördlichen Nordend, dort wo die Industriebahn Tegel–Friedrichsfelde die Dietzgenstraße kreuzt, ließ die David-August-Bolle-Stiftung während der Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre einen Sportplatz als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme anlegen. Heute können hier vier Spielfelder, davon eines mit Tribüne und eines mit Beleuchtung, eine Rundlaufbahn und zwei Tennisfelder von den Sportlern genutzt werden. Der Sportplatz wurde an die bereits bestehende Nordendarena angedockt. Dort spielte der Fußballclub FC Concordia Wilhelmsruh. Nicht bekannt? Er war einer der Gründungsvereine des DFB.

David-August-Bolle-Stiftung
"Bolle reiste jüngst zu Pfingsten" - der Gassenhauer über die Messerstecherei in der Schönholzer Heide ist auch heute noch bekannt. Der Bolles gab es viele und sie waren nicht unbedingt miteinander verwandt. Am bekanntesten ist wohl "Bimmel-Bolle" (Carl Andreas Julius Bolle) mit seiner Meierei C. Bolle. Seine Söhne übernahmen das Bestattungsunternehmen Grieneisen. Andere Bolles betrieben eine Berliner Gummifabrik oder die Weißbier-Actien-Brauerei, vormals H.A. Bolle. Als wohlhabender Brauereibesitzer war David August Bolle bekannt, nach ihm ist die Stiftung benannt, die den Sportplatzbau in Auftrag gegeben und finanziert hat.

Die David-August-Bolle-Stiftung hatte die Aufgabe, einen Teil ihrer Zinseinnahmen zur Unterstützung von Kranken und "verschämten Alten" zu verwenden. Man sieht, bei unverschuldeten Notlagen "zum Amt" zu gehen, muss schon vor hundert Jahren mit Scham behaftet gewesen sein. Neben weiteren Wohlfahrtszwecken sollte die Anlage von Turn- und Sportplätzen gefördert werden, dadurch entstand die vielseitige Sportstätte in Nordend.

Vier Friedhöfe im Friedhof Nordend
Mit Tod, Beerdigung und Friedhof verbindet sich ja manch schauerliche Geschichte. Wahr ist, dass der Gethsemane-Friedhof 1897 bei der Einweihung ein echtes Problem hatte: Es gab keine Leiche, mit deren Beerdigung man den Friedhof feierlich eröffnen konnte. So musste man sich von einer anderen Gemeinde einen Toten "borgen", und entschied sich für einen fünfjährigen Jungen, Frauen und Mädchen als Trägerinnen der Fruchtbarkeit schieden für so einen symbolischen Akt aus. Das Grabdenkmal des Jungen - ein Naturstein-Kreuz auf einem Sockel - findet man heute noch in der Nähe des Gethsemane-Eingangs


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Drei Friedhöfe von vier Innenstadt-Gemeinden wurden hier kurz vor 1900 quer zur Dietzgenstraße angelegt, für die Zions- und die Gethsemanegemeinde aus Prenzlauer Berg und die Friedens- und die Himmelfahrtgemeinde aus Wedding. Später sind die Grabfelder zu einem großen Friedhof zusammengefasst worden. Nur noch der Zionsfriedhof hat ein historisches Friedhofsportal, und der gepflasterte Weg zum Eingang ist eine alte Dorfstraße, die hier eingebunden wurde.

"Die Menschen leben länger, die Friedhöfe sterben". Nur noch ein knappes Drittel der Fläche wird noch als Friedhof genutzt, immer mehr Gräber sind von Vegetation überwuchert, der hintere Friedhofsteil entwickelt sich zu einem Urwald. Vor der Zionskirche in Prenzlauer Berg wird Dietrich Bonhoeffer mit einer goldfarbenen Skulptur eines Knienden geehrt. Ein gleichhohes Modell dieser Figur findet man auf dem Zionsfriedhof in Nordend.

Straßenbahn-Betriebshof, Straßenbahner-Siedlung
Im historischen Straßenbahn-Betriebshof Nordend an der Schillerstraße kümmern sich "ältere Herren mit Bauchansatz um ältere Straßenbahnen mit Rostansatz", das hatte ich am Denkmaltag 2012 berichtet. Die nach und nach ausgemusterten Tatra-Straßenbahnen aus der DDR-Zeit sammeln sich jetzt auf den Gleisen vor der Wagenhalle an. Offensichtlich haben hier Vandalen gewütet, ein großer Teil der Straßenbahn-Scheiben sind brutal eingeschlagen.


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Die Wagenhalle ist ein schlichter Klinkerbau mit Rundbogentoren und Sheddächern, die für einen blendungsfreien Lichteinfall sorgen. Die Hallenrückseite ist als Tempel des Industriezeitalters mit Tympanon und Säulen gestaltet, von der Schillerstraße aus hat man einen guten Blick darauf. Direkt angrenzend sind Heimstätten für die Straßenbahner errichtet worden mit geräumigen Grünflächen zwischen den Häuserzeilen. Architekt war Jean Krämer, der für die Straßenbahn in der Charlottenburger Königin-Elisabeth-Straße einen weiteren Straßenbahn-Betriebshof mit Wohnbauten entworfen hat.

Kliniken in Nordend
Auf dem Dreieck südlich der Mittelstraße eröffnete ein Arzt 1905 in eigener Initiative das Kranken- und Genesungshaus Nordend. Es war eine Reformklinik, Balkone und Loggien vor den Krankenzimmern erlaubten die Therapie mit Sonne, Luft und Licht. Der Journalist Carl von Ossietzky wurde hier von 1936 bis zu seinem Tod 1938 wegen Tuberkulose behandelt. Nachdem er den Friedensnobelpreis erhalten hatte, ließen die Nazis ihn schwerkrank aus dem KZ frei, erlaubten ihm aber nicht, den Preis persönlich anzunehmen.

Die Klinik wurde 1943 durch einen Luftangriff zerstört und zu DDR-Zeiten als britische Botschaft wieder aufgebaut. Später wurde das leer stehende, verwahrloste Gebäudes abgerissen. Bei den Ausschachtungsarbeiten für einen Wohnungsneubau hat man unbearbeitete und bearbeitete Grabsteine im Boden gefunden, die wohl von einem früher hier in Friedhofsnähe ansässigen Steinmetz zurückgelassen worden sind.

An der Schönhauser Straße gegenüber entstand ebenfalls um 1900 eine Privatklinik für Geisteskranke, eine Villa im italienischen Landhausstil mit einem quadratischen Turm. Mehrere Nervenärzte siedelten sich im Umfeld an. Es wird berichtet, dass betuchte Berliner Männer ihre Ehefrauen, die sie für nicht mehr gesellschaftsfähig hielten, hier unter ärztlicher Aufsicht in Nordend entsorgen konnten, doch dabei wird es sich um eine bösartige Anekdote handeln. Ein Fürsorgeverein Katholischer Frauen übernahm später die Klinik und schaffte es, geistig verwirrte Patienten vor dem Euthanasie-Programm der Nazis zu bewahren.

Kirche Nordend
Die Kirchenglocken von Nordend kann man bei YouTube bimmeln hören, "very nice bells", wie ein User schreibt. Die drei Glocken hängen in einem abseits stehenden Glockenturm, der in den 1950er Jahren aus Granitsteinen erbaut wurde. Aus alter, fast dörflich wirkender Tradition, werden die Glocken immer noch von Hand geläutet. Die Kirche selbst ist ein Jugendstil-Bau mit einem denkmalgeschützten Kirchsaal.



Ein Italiener in der Dietzgenstraße stellt uns Getränke und Speisen für das abschließende Flaniermahl auf den Tisch.

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"jottwehdeh" steht in der Berliner Mundart für "janz weit draußen", abgekürzt "jwd"

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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